15.02.1971

GRIECHENLAND / FREIMAUREREIEigentlich illegal

Griechenlands Obristen verbannten nach ihrem Putsch die demokratischen Parteien in den Untergrund -- die geheimnisumwitterten Freimaurer aber erhielten als erster Verein eine Versammlungserlaubnis: Vizepremier Stylianos Pattakos ist Logenbruder und fördert seine Mit-Maurer.
Seit Anfang dieses Jahres jedoch droht den 15 000 "Brüdern" des Ministers in den 60 griechischen Logen der Bann. Justiz und Kirche sind sich einig: die Freimaurerei sei eine geheime und verfassungswidrige Religion, die den guten Sitten und der öffentlichen Ordnung zuwiderlaufe.
Die Polemik zwischen den Freimaurern und ihren Gegnern hatte vor über einem Jahr begonnen, als die neue Loge "Apollo" beim Landgericht Athen die Eintragung ins Vereinsregister beantragte. Die Richter verweigerten die Registrierung. Der Artikel drei der Ordenssatzung, so meinten sie, verpflichtete jedes Mitglied, die Interessen der Bruderschaft mit allen Mitteln zu unterstützen, was zu einer illegalen Tätigkeit der Maurer führen könne. Außerdem befanden die Richter, das Freimaurertum sei eine unbekannte Religion, die von der Verfassung nicht geschützt werde.
Die Heilige Synode der Griechisch-Orthodoxen äußerte ihre "volle Genugtuung" über dieses Urteil. Der Synoden-Ausschuß für dogmatische und moralische Fragen forderte in einer Erklärung gar die Exkommunikation der Maurer, weil sie "falschen Göttern" huldigten: "Werden wir diese faulen Glieder in unserer Herde weiter dulden?"
Die Vorwürfe von Justiz und Kirche lockten die Logen aus der Anonymität: Im November übergaben Freimaurer-Führer der Heiligen Synode ein Memorandum, in dem sie sich zum christlichen Glauben bekannten und die Logen als "karitative, progressive und philosophische Organisation" priesen. Als Referenz für ihre Seriosität nannten sie die Namen von 13 griechischen Ministerpräsidenten, zwei Königen und vier Patriarchen, die Freimaurer gewesen seien. Allerdings -- diese Prominenz ist tot, und Namen von lebenden Brüdern geben die Freimaurer nicht preis.
Mächtige Gönner der Freimaurerei bereiteten der Kirche eine Niederlage: 55 000 Exemplare des Religionsbuches "Katechese" wurden eingestampft, weil es als Hauptfeinde des Christentums nebst Atheismus und Kommunismus die Freimaurerei nannte.
Nach diesem Fall verdächtigten Logengegner die Freimaurer, sie unterwanderten Jugendorganisationen. Professor Karmiris von der Athener Universität behauptete, das Pfadfinderkorps sei das "Vorzimmer der Freimaurerei". Prompt verteidigte die Heeresleitung die Jung-Truppe.
Bischöfe und Kirchenblätter forderten indessen, die Regierung solle die Logen für illegal erklären, ihr Vermögen beschlagnahmen und "unser Vaterland von der religiösen Unterwelt des Freimaurertums säubern" ("Christianiki Dimokratia").
Ende vergangenen Jahres erbaten die Kirchenführer Unterstützung von der theologischen Fakultät an der Athener Universität. Vor zwei Wochen legten die Theologen Mouratidis und Theodorou das Ergebnis ihrer Forschungen vor. In der 76 Seiten langen Studie kommen sie zu dem Schluß, daß die Freimaurerei eine Religion sei.
Sanktionen halten die Freimaurer trotzdem für unwahrscheinlich. Denn, so ein Freimaurer zum SPIEGEL, "mindestens 20 Prozent des regierenden Establishments sind unsere Leute".

DER SPIEGEL 8/1971
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