01.03.1971

Theater

ICH BIN EIN STAATLICH ANERKANNTER STAATSFEIND

Interview mit dem DDR-Schriftsteller Wolf Biermann

In der letzten Woche begannen in den Münchner Kammerspielen die Proben zum Stück "Der Dra-Dra" des DDR. Autors Wolf Biermann, 34. Die "große Drachentöterschau in acht Akten mit Musik" (Untertitel), eine politisch verschärfte Paraphrase der Märchenkomödie "Der Drache" von Jewgenij Schwarz, darf in der DDR nicht aufgeführt werden. Denn von Biermann, dem renitenten Bänkelsänger, Lyriker und Dramatiker, nimmt die offizielle DDR seit 1965 keine Notiz mehr. Grund: Biermanns sarkastische Chansons gegen Heuchelei und Verlogenheit in Staat und Partei. DDR-Zeitungen richteten gegen Biermann, der nie das System, sondern lediglich dessen bedrückende Auswüchse attackierte, den Vorwurf, er zerstöre die "Verbindungen mit dem Volk, die Verbindungen mit der Partei", er verunglimpfe "die Wehrbereitschaft der Jugend", er "untergrabe das patriotische Bewußtsein", er sei "politisch pervers und pervers auch im Sexuellen". Dennoch: Biermann ist überzeugter Kommunist geblieben, und er ist "glücklich, daß es diesen Staat in Deutschland gibt. und wenn er auch noch so jämmerlich wäre". In diesen Staat ist Biermann, Sohn eines von den Nazis ermordeten Arbeiters und Kommunisten, 1953 als 17jähriger aus Hamburg übergesiedelt.

FRAGE: Im Herbst 1970 haben Sie im Wagenbach-Verlag ein Stück veröffentlicht, dem Sie den Titel "Der Dra-Dra, die große Drachentöterschau in acht Akten mit Musik" gegeben haben. Hat dieses Stück eine Chance, in der DDR aufgeführt zu werden, oder wird es sein Publikum hauptsächlich wieder in Westdeutschland finden?

BIERMANN: Sie wissen, daß ich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit meinen Genossen in der Parteiführung in der DDR weder publizieren noch öffentlich auftreten darf. Meine reaktionären Genossen schlagen mich nicht tot, sondern schweigen mich nur tot, sie sperren mich aus dem öffentlichen Leben aus, aber sie sperren mich nicht ein, ich habe sozusagen den Status eines staatlich anerkannten Staatsfeindes. Solange sich das nicht ändert, werde ich in der DDR nicht mal "Hänschen klein ging allein singen dürfen, geschweige denn ein Theaterstück gegen den Drachen aufführen.

FRAGE: Die westdeutsche Uraufführung wird im Frühjahr von Hansgünther Heyme in München inszeniert werden. Welche Interpretation wird Ihrer Meinung nach auf einer westdeutschen Bühne dem mythologischen Kampf gegen den Drachen gegeben werden?

BIERMANN: Ja, in Bayern wird das Stück jetzt in Szene gesetzt -- aber nicht von Franz Josef Strauß, sondern von einem Regisseur, der mit seinen bisherigen Arbeiten gezeigt hat, daß er auf seiten der Drachentöter steht. Und der Drache, mit dem Hansgünther Heyme und seine Schauspieler es in München zu tun haben, ist der kapitalistische, ein Drache, der sich selbst natürlich nicht als Drache versteht, genau wie der Drache Dra-Dra in meinem Stück. Da ich selbst in einem Land lebe, in dem die Kommunisten nicht mehr gegen die Kapitalisten kämpfen müssen, sondern schon für den Sozialismus kämpfen dürfen, hat das Dra-Dra-Stück auch antistalinistische Dimensionen. Wer aber dieses Stück im Westen antistalinistisch spielt, kriecht dem eigenen bürgerlichen Drachen in den Arsch.

FRAGE: Fürchten Sie nicht, daß ein bundesdeutsches Publikum den Drachen als Stalinismus oder Faschismus identifiziert, sich damit ein gutes Gewissen verschafft und blind bleibt für die Drachenplage im eigenen Land?

BIERMANN: Diese Frage sollten Sie selbst noch mal hinterfragen, denn wie könnte ausgerechnet ein westdeutsches Publikum sich mit gutem Gewissen ein Stück gegen den Faschismus ansehen?! Trotzdem wäre eine Inszenierung gegen Hitler irreführend, denn diese historische Form des Faschismus ist politisch abgenützt und dient höchstens noch dazu, die modernen Formen der bürgerlichen Unterdrückung zu kaschieren. Und deshalb finde ich es auch bedenklich, daß die Uraufführung auf den 20. April festgesetzt wurde, das ist der Geburtstag des Grödraz, wie mein Verleger den Hitler witzig nannte. Dieser Termin wird einigen unterbelichteten Zeitungsschreibern ja gerade diese unergiebige Lesart nahelegen. Aber wenn ich sehe, daß die Amerikaner, statt endlich nach Hause zu fahren, ganz Südostasien in eine Art Super-Auschwitz verwandeln, wird mir klar, daß Adolf Hitler leider nicht der "Größte Dra-Dra aller Zeiten" war.

FRAGE: Was ist nun dieser Drache?

BIERMANN: Der Drache ist ein bewährtes Gleichnis für reaktionäre Gewalt, parasitäre Macht und konterrevolutionären Terror. Auch auf dem Theater sollte man immer die Reaktionäre bekämpfen, mit denen man es wirklich zu tun hat. Sonst passiert es, daß gekaufte Künstler in der Pose des Drachentöters nur tote Hunde erschlagen.

Das Publikum im Westen weiß natürlich, daß dieses Stück vom verbotenen Herrn Biermann in der DDR geschrieben wurde, und das bürgerliche Publikum ist ja so dressiert, daß es eine innersozialistische Diskussion nicht versteht und die antistalinistische Position mit der antikommunistischen verwechselt. Das passiert ja sogar den neukonvertierten linken Bürgerkindern, die gerade aus der anti-autoritären Phase in die dogmatische Phase taumeln.

Diese kaputten Helden mit dem antiautoritären Katzenjammer sitzen auf der schiefen Ebene der Wohlstandsgesellschaft und klammern sich krampfhaft an die stalinistische Reaktion, damit sie nicht wieder in den bürgerlichen Sumpf rutschen, aus dem sie vor drei Jahren aufgebrochen waren. Leider fallen sie dabei in Schlimmeres. Denn wer die bösartigen Geschwüre am Körper der sozialistischen Gesellschaften den Massen im Westen als ganz neue revolutionäre Körperteile anpreist, betreibt die effektivste Art antikommunistischer Hetze, die ich mir vorstellen kann.

Wenn ich also dieses Stück im Westen inszenieren müßte, würde ich die antistalinistische Dimension des Stückes nicht vertuschen, ich würde es zunächst so spielen lassen, wie das bürgerliche Publikum es erwartet, dann würde ich abbrechen und das Publikum von den Schauspielern und Bühnenarbeitern beschimpfen lassen.

FRAGE: Wie würden Sie das machen?

BIERMANN: Ungefähr so: Wollt ihr euch hier ernsthaft ein Spektakel gegen Josef Stalin und seine blutigen Nachgeburten ansehn?! Ach, ihr meint natürlich, hier bei uns gibt es gar keinen Drachen? Oder er sieht ganz anders aus? Oder ist nicht zu fassen, weil er so viele und unsichtbare Köpfe hat? ... Wollt ihr mal einen sehn? Da ist einer. Noch einen? Noch einen? -- dabei wird sich nämlich herausstellen, ob die Schauspieler und in welchem Maße das Publikum überhaupt eine konkrete Vorstellung vom Kapitalismus haben. Und die kapitalistische Unterdrückung und Ausbeutung ist nicht nur versteckt hinterm Markt und fetischisiert in der Ware, wie einige neuschlaue Krüppelideologen denken, sondern das Wesen des Kapitalismus erscheint auch und muß also auch auf dem Theater zur Erscheinung gebracht werden.

Theaterleute, die eben dabei Schwierigkeiten haben, bringen etwas anderes zur Erscheinung: daß sie selbst das Wesen des Drachen, unter dem sie leben, nicht erkannt haben und daß sie außerdem unter diesem Drachen nicht eigentlich, sondern nur uneigentlich leiden, daß ihre Leiden nur Leiden sind, die sie auf vergleichsweise genüßliche Art, anstelle der ausgebeuteten und bewußtlosen Massen, auf sich nehmen, weil diese Massen offenbar so furchtbar leiden, daß sie ihre Leiden nicht mehr oder noch nicht empfinden. Aber wer nur Leiden aus zweiter Hand leidet, wird auch nur Second-hand-Leidenschaften entwickeln und wird auch nur Second-hand-Drachen erschlagen.

Ich bin gespannt, wie die Aufführungen dieses Stücks gerade in dieser Hinsicht sein werden. Ich habe dem Regisseur der Uraufführung geraten, eine Aktion zu initiieren, in der das Publikum aufgefordert wird, den so gut versteckten und zugleich allgegenwärtigen kapitalistischen Drachen zu suchen und das Bühnenbild des Theaters von Mal zu Mal zu bereichern durch alle Köpfe oder andere aufschlußreiche Körperteile, die auffindbar waren.

FRAGE: Im Gegensatz zum Dokumentartheater vermittelt Ihr Stück eine politische Problematik in sehr kulinarischer Weise, das heißt mit viel Aufwand, Musik, geschulten Schauspielern. Entspricht diese Konzeption Ihrer künstlerischen Vorstellung, oder rührt sie auch daher, daß Sie in der DDR keine Möglichkeit haben, andere Formen des Theaters, zum Beispiel Straßentheater, Theater in Fabrikhöfen etc, auszuprobieren?

BIERMANN: Der Dra-Dra kann sowohl karg als auch kulinarisch gespielt werden. Das kommt auf die kulturpolitische Landschaft an. In unseren Gegenden jedenfalls ist die großartige Brechtsche Kargheit selbst schon wieder etwas Kulinarisches geworden. In Deutschland würde ich dieses Stück mit einem hysterisch überdrehten Kulinarismus spielen. Das würde allerdings eine artistische Spielweise der Schauspieler voraussetzen, die sie beim ewigen Telephonbüchervorlesen im Dokumentartheater verlernt haben.

Ja, revolutionäres Theater vor den Massen auf der Straße würde ich gern machen, dazu fehlt nur eine Kleinigkeit, daß nämlich die Massen selbst auf der Straße ihr neuestes Theaterstück spielen: die Revolution. Ohne das wäre Straßentheater nichts als romantischer Ersatz und Fabrikhoftheater kaum mehr als ein Aufguß des Proletkults.

FRAGE: Ihr Dra-Dra ist die Geschichte von Hans Folk, dem Drachentöter, dem es gelingt, mit Unterstützung der Tiere, den Drachen zu erlegen. Sein Sieg resultiert aus theoretischen Überlegungen, deren Modell, scheint mir, von den Chinesen am deutlichsten entworfen wurde. Wie der "Papiertiger" ist der Drache ein Feind, den man taktisch ernst nehmen muß, um ihn besiegen zu können, der aber strategisch schwach ist. Diese während des Stückes langsam sich herauskristallisierende politische Strategie zur Besiegung des Drachens, entspricht diese Ihrer politischen Überzeugung? Inwieweit darf sie als Kritik an revolutionären Bewegungen in Westdeutschland und anderen westlichen Ländern gelten?

BIERMANN: Ihre Frage hört sich fast schon wie die Antwort an, die ich Ihnen geben möchte.

FRAGE: Ihr Stück endet wider Erwarten nicht mit dem Sieg über den Drachen,

sondern hat ein Nachspiel, welches revolutionärem Hochmut und Euphorie ein böses Ende bereitet. Der Drachentöter wird ja nach, seinem Sieg von der Drachenbrut selbst getötet, durch ein "Wunder" wieder zum Leben erweckt und kommt erst dann zur Einsicht, daß die Reaktion erst dann ganz besiegt ist, wenn auch der gesamte korrupte Anhang des Drachen unschädlich gemacht ist. Soll dies als Warnung gelten für Länder vor der sozialistischen Machtübernahme, oder gleichfalls eine Kritik sein an schon bestehenden sozialistischen Staaten?

BIERMANN: Drachentöter dürfen sich offensichtlich nicht damit begnügen, dem Drachen einen oder mehrere Köpfe abzuschlagen, denn die wachsen ja bekanntlich wieder nach. In den Ländern, die sich schon sozialistisch nennen, interessiert ein anderes Problem uns noch mehr: Wie verhindern wir, daß einige besonders erfolgreiche Drachentöter sich nach dem Sieg selbst in Drachen verwandeln? Diese Gefahr ist bei sozialistischen Revolutionen besonders groß, wenn sie in armen Ländern siegen. Solche Länder, die die industrielle Revolution noch vor sich haben, müssen dann unter sozialistischem Vorzeichen etwas leisten, was eigentlich die historische Funktion des Kapitalismus war: die ursprüngliche Akkumulation. Die blutige und leidvolle Geschichte dieser gewaltigen und gewalttätigen Anhäufung geronnener Arbeit zum Zwecke der industriellen Produktion hat Marx im "Kapital" einigermaßen erschütternd beschrieben. Auch unter den Bedingungen der revolutionären Staatsmacht sind die Volksmassen offenbar nicht bereit, ohne den Zwang eines Unterdrückungsapparates diese gewaltige Anstrengung und diese Entbehrungen ein kurzes Leben lang auf sich zu nehmen.

Ich könnte Ihnen jetzt einen zu langen Vortrag über die materiellen Ursachen halten, die die Deformation der russischen Revolution herbeiführen mußten.., aber uns interessiert dabei auch noch jener konterrevolutionäre Prozeß, in dem der revolutionäre Unterdrückungsapparat sich verselbständigt, aufbläht und pervertiert -- und das tat er wirklich im gleichen Maße, wie er die materielle Misere beseitigen half, durch die er eigentlich erst nötig und hervorgebracht worden war. So verkam die revolutionäre Diktatur zur Despotie von Parasiten, und der Sozialismus verlor sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit. Der Verlust an politisch-moralischer Substanz kann so groß werden, daß die Massen sich in all ihrer Verbitterung, Verwirrung und Enttäuschung gegen den Sozialismus überhaupt stellen. Der monopolbürokratische Staat ist eine riesige Fabrik zur Produktion von Konterrevolutionären. Der stalinistische Unterdrückungsapparat lähmt die Entwicklung so: Er erzeugt permanent die Feinde, zu deren Niederhaltung er nötig ist. Das ist ein nicht zu durchbrechender Kreis, den wir zerbrechen müssen.

FRAGE: Sie haben eine sehr künstlerische und gleichzeitig sehr kraftvolle Sprache. Denken Sie, daß Theater, das eine politische Funktion haben soll. Alltagssprache verwenden soll, gewissermaßen dem Volk auf den Mund schauen soll?

BIERMANN: Ich bin selber Volk. Deshalb bemühe ich mich um eine Sprache, wie sie das Volk sprechen wird.

FRAGE: Welche politische Funktion kann Theater Ihrer Meinung nach haben?

BIERMANN: Es erzeugt nicht, es bestärkt höchstens vorhandene fortschrittliche oder reaktionäre Bewegungen.

FRAGE: Leitet sich die fortschrittliche Funktion hauptsächlich aus den revolutionären Inhalten eines Stückes her, oder erscheint Ihnen ein Angriff auf die Form ebenso notwendig?

BIERMANN: Ich hab" schon zu viel über Form und Inhalt gelesen und nachgedacht, als daß ich dazu was sagen könnte. Der Dra-Dra ist eine dramatische Ballade. Die Sprache ist teils hohe Sprache, die auf den Hund gebracht ist, und teils niedere Sprache, die erhaben gesprochen wird. Es gibt viele Reime, die manchmal satirisch inflationiert sind und die oft den realistischen Sprachgestus der Schauspieler unterstützen. Ansonsten steht dieses Stück im schroffen Gegensatz zum elitären und zugleich moralisierenden Dokumentartheater.

FRAGE: Sie wissen, daß in westlichen Ländern die aktuelle Theaterarbeit den Akzent auf mimetischen und gestuell-körperlichen Ausdruck legt, zum Beispiel Living Theatre. Was halten Sie davon?

BIERMANN: Soweit ich, der das bisher nicht sehen konnte, das sehe, sind Dokumentartheater und Living Theatre zwei Seiten einer Medaille: Das eine führt ein Wesen vor, welches leider nicht erscheint, und ob das andere wesenlose Erscheinungen vorführt, das würde ich gern mal selbst überprüfen.

FRAGE: Sie leben seit Ihrer Exkommunikation auf dem 11. ZK-Plenum 1965 unter einer Glasglocke: Man gestattet Ihnen zwar zu leben, verbietet Ihnen aber jedes öffentliche Wort und Lied. Kann ein Künstler unter solchen Bedingungen auf die Dauer arbeiten?

BIERMANN: Es gibt bessere Künstler, die unter wesentlich schlechteren Bedingungen arbeiten. Die sogenannten Bedingungen sind immer und überall schlecht -- und sei es, weil sie zu gut sind. In diesem Sinne gibt es eigentlich für Künstler keine schlechten oder guten Bedingungen. Bedingungen sind so oder anders, sie sind und verändern sich ständig. Mit den beschissenen Verhältnissen reden sich immer die beschissenen Leute heraus.

FRAGE: Aber sehen Sie nicht einen Widerspruch darin, daß Sie weiterhin vorziehen, In der DDR zu leben, Ihre künstlerische Existenz jedoch hauptsächlich in der BRD ist?

BIERMANN: Ich glaube, da irren Sie sich. Hier, in der DDR, wo ich nicht verbreitet werden darf, bin ich mehr verbreitet als dort, wo meine Bücher in den Schaufenstern stehen. Tonbandkopien und Schreibmaschinendurchschläge scheinen modernere und intensivere Verbreitungstechniken zu sein als Schallplatten und Taschenbücher. In der BRD habe ich vielleicht Publicity, aber in meinem Land bin ich populär.

FRAGE: Glauben Sie, daß man im Westen Ihre Gedichte und Lieder, die sich doch in erster Linie mit sozialistischen Problemen der sozialistischen Länder befassen, in der richtigen Weise versteht?

BIERMANN: Jeder mißversteht so gut er eben kann und soll. Solange ich In der DDR noch offiziell geduldet war, nannte mich die bürgerliche Presse im Westen säuerlich einen Parteibarden und bestes Pferd in Ulbrichts Bitterfelder Stall. Aber nach der öffentlichen Kampagne gegen mich, als meine Genossen in der Führung mich als Kettenhund der Reaktion, Feind und Verräter feierten, geriet ich automatisch auf die andere Seite der Ost-West-Schaukel und in den bedenklichen Wolkenbruch allseitiger Sympathie. Inzwischen ist auch das geklärt. Ich hatte in den letzten Jahren etliche wirksame und öffentliche Gelegenheiten, mir die bürgerlichen Krokodile vom Halse zu halten. Innerhalb des Westens wende ich mich hauptsächlich an die Linken, die ja ihrer kapitalistischen Umwelt die verschiedensten sozialistischen Modelle als Alternative nahelegen. Alle Erfahrungen, die aus einem Land kommen, das den ersten wichtigen Schritt der Revolution schon hinter sich hat, wie auch Immer, sind für Leute wichtig, die diesen Schritt, wie immer auch, noch vor sich haben.

FRAGE: Sind Sie ein engagierter Künstler?

BIERMANN: Als mich vor kurzem jemand genau das fragte, hätte ich fast ja gesagt, wie sich das gehört. Aber ich stockte und dachte nach, und als ich das Bild meines Vaters sah, das Verbrecherphoto aus der Gestapo-Akte, mußte ich lachen: mein Vater war doch nicht engagiert! Er hatte in Hamburg auf der Werft geschuftet, er hatte nach 33 illegal die Hamburger Volkszeitung gedruckt, er hatte die Waffenschiffe, die getarnt als Friedensfracht nach Franco-Spanien gingen, sabotiert, und er wurde nach acht Jahren Haft nach Auschwitz transportiert und umgebracht Nein, mein Vater und meine ganzen Genossen sind nicht engagiert, und ich bin es auch nicht. Wir sind nicht an eine Sache engagiert, wir betreiben unsere eigene Sache. Wer sich engagiert, nähert sich einer Sache, die noch nicht seine eigene ist. Erst wenn der neukonvertierte linke Bürgersohn keine Rückfahrkarte mehr in die bürgerliche Gesellschaft hat, wenn sein persönliches Schicksal nicht mehr vom Schicksal der Unterdrückten und Ausgebeuteten zu trennen ist, erst wenn er für sich keine Privatlösung mehr herausschlagen kann und will, hört der linke Bürger auf, ein Engagierter zu sein.

FRAGE: Wovon leben Sie?

BIERMANN: Vom Verkauf meiner Arbeitskraft. Die Tantiemen, die in vielen Ländern für mich eingehen, werden mir hier von der AWA in DDR-Währung ausgezahlt.

FRAGE: Haben Sie schon mal in der Fabrik gearbeitet?

BIERMANN: Ja, in den EAW (Elektro-Apparate-Werke Treptow), die früher den Namen Stalins trugen.

FRAGE: Die Kommunistische Partei hat es sich immer leisten können, eine Anzahl von Intellektuellen zu dulden, die mit der Parteilinie nicht konform gingen. Voraussetzung, daß diese nicht versuchen, einen Einfluß auf die gesellschaftliche Realität zu nehmen. Besteht Ihre Einflußnahme darin, Gedichte zu schreiben, die in einigen Kreisen der DDR heimlich zirkulieren, oder hat ein Intellektueller in der DDR auch andere Aktionsmöglichkeiten?

BIERMANN: Sie sollten eigentlich wissen, daß die Partei es sich nicht immer geleistet hat, Intellektuelle zu dulden, die mit der jeweiligen Führung Meinungsverschiedenheiten hatten. Und was meinen Sie überhaupt mit dem Wort "dulden"? Heißt das: am Leben lassen? oder: nicht einsperren? oder: öffentlich reden dürfen? Oder heißt "dulden" sogar die Duldung andersdenkender Kommunisten innerhalb der Partei? Ich habe hier die Etappen eines Prozesses genannt, in dem wir mittendrin stecken.

FRAGE: Ihre Kritik an der DDR ist westdeutschen Lesern bekannt. Was erscheint Ihnen nun positiv an dem Land, in dem Sie leben?

BIERMANN: Positiv an der DDR ist, daß es einen Sinn hat, sie zu kritisieren. Im übrigen ist ja entscheidend, von welcher Seite und mit welchen Alternativvorstellungen Kritik geübt wird. Nachzulesen in meinen Büchern und nachzuhören in meinen Liedern. In der DDR ist der erste wichtige Schritt zum Sozialismus getan. Das ist unser grundlegender Vorzug vor Westdeutschland und vor jedem anderen kapitalistischen Land, egal wie sozialdemokratisch es ist. Um den zweiten Schritt der Revolution geht der Streit auch in unserem Land.

Das ist eine Diskussion unter Kommunisten, und sie wird, wie Sie wissen, nicht nur mit Argumenten geführt, sondern auch mit Verleumdungen und mit Panzern. Dieser zweite Schritt bedeutet die Umwandlung des sozialistischen Staatseigentums an Produktionsmitteln in reales Volkseigentum und bedeutet politisch: die Umwandlung der Diktatur einer Elite im Interesse des Proletariats in die vielberufene Diktatur des Proletariats, die in ihrer Vollendung identisch mit einer sozialistischen Demokratie sein wird. Positiv an dem Land, in dem ich lebe, ist ansonsten, daß ich in ihm lebe.

FRAGE: Was denken Sie als Bürger der DDR über die Entwicklung des Sozialismus in anderen Ländern?

BIERMANN: Man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß in dem Maße, wie in den sozialistischen Ländern die Revolution in Richtung auf den demokratischen Sozialismus Fortschritte macht, die werktätigen Massen in den westlichen Ländern politisiert werden. Die sozialistische Demokratie in unseren Ländern wird zur Folge haben, daß der Kommunismus endlich wieder für die Bourgeoisie ein Schreckgespenst wird und nicht für die Arbeitermassen.


DER SPIEGEL 10/1971
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