01.03.1971

SCHRIFTSTELLER / MOLIÈRE-ÜBERSETZUNGFrisch geweigelt

Bei Hans Weigel hat sich das deutsche Theater höflichst zu bedanken", so forderte der Schweizer Kritiker Werner Wollenberger im Januar 1967, als das ziemlich vergessene Molière-Stück "Der Wirrkopf" ("L'Etourdi") zu einem spektakulären Erfolg des Zürcher Schauspielhauses wurde -- in erster Linie dank Weigels Neuübersetzung.
Seither hat sich das deutschsprachige Theater vielfach bedankt -- auch mit barer Münze. Der Züricher Diogenes-Verlag, der Hans Weigels jetzt beendete Übertragungen der Bühnenwerke Molières vertreibt (und gern In einer Buch-Gesamtausgabe verlegen will), bejubelt ein "einzig dastehendes Jubiläum": den 100. Aufführungsvertrag Innerhalb von sechs Jahren.
Die meisten der prominenten Bühnen deutscher Zunge -- darunter die Münchner Kammerspiele, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, die Stadttheater von Frankfurt und Köln, das Düsseldorfer Schauspielhaus -- spielen heute auch "geweigelten Molière" (so Franz Stoss, Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt). Das Wiener Burgtheater ließ sich die Weigel-Version des "Betrogenen Ehemanns" ("George Dandin") reservieren, das Berliner Schloßpark-Theater "Die gelehrten Frauen".
Weigel hat das Molière-Geschäft kräftig belebt: Die 1117 Molière-Aufführungen der Saison 1969/70 liegen weit über den Zahlen der beiden vorhergehenden Jahre. Dabei steht der wahre Boom wohl erst noch bevor: Er wird für 1973 erwartet, das 300. Todes-Jahr des französischen Klassikers.
Was der Molière-Übersetzer Hans Weigel, 62, rückblickend als sein "großes Abenteuer" bezeichnet, begann als großer Ärger des sprachempfindlichen Theaterkritikers.
Hans Weigel, bis zum Jahre 1962 Wiens bissigster Rezensent und Urfeind aller Burgtheater-Direktoren" hatte Jahrelang "mehr oder weniger, aber meistens mehr" unter den Mängeln und Unzulänglichkeiten vieler Literatur-Verdeutschungen gelitten. Am meisten gifteten ihn die zahlreichen "wohlwollenden Morde an Molière".
Für Weigels Geschmack erreichte keine der vielen deutschen Molière-Übersetzungen die Kunstfertigkeit und Eleganz des Originals mit seinen Alexandrinern, den sechshebigen jambischen, paarweise gereimten Versen. Die meisten historischen Übertragungen schienen ihm längst veraltet. An jener von Wolf Graf Baudissin aus dem 19. Jahrhundert kritisierte er die reimlosen Blankverse, die sich "wie ein x-beliebiger deutscher Shakespeare" anhörten, an der noch früher verfaßten von F. S. Bierling bemängelte er die "hölzerne, strohtrockene Prosa".
Weigel: "Und dann trat Fulda auf den Plan und trat so nachhaltig auf ihn, daß dort seit mehr als fünfzig Jahren kein Gras mehr wächst." Der Bühnendichter und Molière-Übersetzer Ludwig Fulda (1862 bis 1939) nämlich hatte sich mit Knittelversen beholfen und, so Weigel, "aus dem größten Franzosen einen vier- bis fünf- bis sechsfüßigen deutschen Gartenzwerg gemacht".
Trotz solchen Ärgers jedoch war es "vorwiegend Verspieltheit", daß der Wiener Kritiker schließlich selbst als Übersetzer zu experimentieren begann. Als ihm eine versgetreue Nachdichtung der Komödie "Les Glorieuses" von André Roussin wider eigenes Erwarten gut gelang, seine deutschen Alexandriner sich als durchaus sprechbar und vergnüglich bewährten, führte ihn diese Erkenntnis "auf den Weg zu Molière". Ende 1962 schrieb Weigel seine letzte Theaterkritik; von da an rang er mit Molières Alexandrinern.
Er hatte auf Anhieb Erfolg. Schon seine erste Neuübersetzung, "Die Schule der Frauen", kam an. Mit der nachfolgenden Übertragung von Molières Jugendwerk "L'Étourdi" gelang ihm ein erster Hit: Sowohl in Zürich wie in Düsseldorf kam "Der Wirrkopf" auf mehr als 50 Vorstellungen. Die Schweizer Zeitung "Die Tat" pries Weigels "erstaunliche Sprachfertigkeit".
Der "klare Spaß, der sich ganz unangestrengt reimt" ("Echo der Zeit"), war freilich das Produkt arger Plage. Denn es dichtet sich im Deutschen wesentlich mühsamer als m Französischen, wo alles zu Reimen wird, was auf "er" und "on" auf "ette" und "ent" endet, und wo sogar "soit" mit "soi" oder "amis" mit "mis" ein akzeptables Paar bildet.
Weigel mußte neue Sprichwörter von alter Vertrautheit erfinden (Beispiel: "Wenn man die Herrschaft meint, verprügelt man den Hund") und anstelle der französischen Wortspiele deutsche aushecken. So etwa In den "Gelehrten Frauen" -- wenn im Original die Intellektuelle von "grammaire" spricht und die Dienerin "grandmère" versteht, heißt es in der frisch geweigelten Übersetzung: "Mit deinem bösen Stil verschone uns fortan!" "Mit meinem Besenstiel, was hat denn der getan?"
Im November 1970 beendete Weigel die Schwerarbeit. Sein Übersetzungswerk umfaßt nun alle noch spielbaren Molière-Stücke -- acht in gereimten "neuen Alexandrinern", zwölf in Prosa
mit Ausnahme des "Amphitryon", den Molière in sogenannten freien Versen schrieb. "Dieses eine Stück", gesteht Weigel. "bringe ich einfach nicht zusammen."
Auch ohne das wird sich für den Wiener lohnen, was er nach seinem Abschied von der Theaterkritik zusammengebracht hat. Denn anders als moderne Romane und Dramen können klassische Stücke sehr wohl Ihren Neuübersetzer nähren.
Der Verdeutscher eines lebenden französischen Stückeschreibers, etwa Jean Anouilhs, erhält im allgemeinen nur 1,6 Prozent vom jeweiligen Einspielergebnis -- dem Autor selbst gebühren 6,4 Prozent. Der deutsche Übersetzer des honorarfreien Klassikers Molière dagegen kassiert für seine Neufassungen im Durchschnitt 6 Prozent.
Und noch anderen Gewinn weiß der Molière-Erneuerer Hans Weigel neuerdings zu verbuchen: "Komisch", sagt der Ex-Kritiker, "ich bin plötzlich so gut mit allen Theaterdirektoren."

DER SPIEGEL 10/1971
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