03.01.1972

COMPUTERLästiger Rechner

Zwei komplette Computer wurden nachts in die Stuttgarter Kunstakademie geschafft -- Geschenk eines ehemaligen Dozenten. Doch die Hochschule wehrt sich per Gericht gegen das unerbetene Präsent.
Ernst Knepper, 46, studierte vier Semester Physik und acht Semester Philosophie, betreibt ein Ingenieurbüro in Plattenhardt bei Stuttgart und führt Prozesse am laufenden Band ("Nach dem 100. hab' ich aufgehört zu zählen").
Nun macht Ernst Knepper auch ungewöhnliche Geschenke: Der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart ließ er nächtens 40 Schaltschränke und diverse Bedienungselemente nebst etlichen Kabelrollen gratis in die Ausstellungshalle stellen. Fachmännisch zusammengebaut und angeschlossen, ergeben die insgesamt 25 Tonnen schweren Einzelteile zwei funktionsfähige elektronische Großrechner vom Typ ER 56, die vor kurzem noch beim Hersteller Standard Elektrik Lorenz (SEL) im Einsatz waren.
Jetzt sollen sie, ginge es nach dem Spender, statt zur industriellen Gewinnmaximierung zur Revolutionierung der Unterrichtsmethoden an der Kunstakademie beitragen: als Hilfsmittel für Architekten, Designer und bildende Künstler bei der Entwicklung von Modellen zur Umweltplanung.
Die Akademie-Leitung und das baden-württembergische Kultusministerium freilich waren weder auf Knepper noch auf dessen Hilfsmittel erpicht und gingen vor Gericht. Rektor Herbert Hirche: "Der versucht auf diese Weise, sich in der Akademie niederzulassen."
Dort hatte Knepper vor Jahresfrist schon einmal Fuß gefaßt, als der Fachbereich Umweltplanung ihn mit der Leitung eines "experimentellen Grundsemesters" beauftragte. Zwar machte der Senat der Akademie die Berufung sogleich wieder rückgängig. Doch das hinderte Knepper nicht daran, den Kursus gleichwohl durchzuziehen. Über seine Klage auf Zahlung des Honorars von 6000 Mark muß demnächst das Bundesarbeitsgericht befinden.
Über Kneppers Lehrtätigkeit befanden seinerzeit die Studenten: Der ungebetene Gastdozent hatte starken Zulauf. Er bildete Projektgruppen und versuchte laut "Stuttgarter Nachrichten", "seine angehenden Designer und Architekten über soziologische Studien die Bedürfnisse der Menschen, für die sie später entwerfen sollten, erkennen" zu lassen. Für die Professorenschaft freilich wog schwerer, daß Knepper sich unbeliebt machte, als er beispielsweise für relegierte Studenten stritt.
So kam es, daß die Akademie-Verantwortlichen auf Kneppers Angebot, zwei Computer zu beschaffen und zugleich einen Vortrag über deren Verwendbarkeit im Lehr- und Forschungsbetrieb zu halten, gar nicht erst reagierten. Die beiden Rechner (Neuwert: rund vier Millionen Mark) aus einer ausgelaufenen Serie hatte Knepper bei SEL losgeeist, wo sie abgeschrieben waren.
Ernst Knepper aber ließ sich nicht abschütteln. Mit geborgtem Lastwagen, Hubstapler und Flaschenzug sowie tatkräftiger Unterstützung einiger Gesinnungsfreunde schaffte er die Computer in die Akademie.
Rektor Hirche reagierte mit einer Klage wegen Hausfriedensbruchs und der ultimativen Aufforderung, die lästige Spende "nach Voranmeldung beim Rektoramt" wieder abzutransportieren. Und als Knepper sich weigerte, erhob das Kultusministerium Klage "wegen Beseitigung und Unterlassung".
Vor dem Stuttgarter Landgericht stand das Ministerium letzten Monat freilich schlecht da: Unfähig, das Begehren auf sofortigen Abtransport der Computer anders denn mit Vorbehalten gegen Knepper zu begründen, redeten sich die Ministerialvertreter auf Haftungsfragen heraus und lehnten einen gerichtlichen Vergleichsvorschlag ab.
Sollte Knepper vor Gericht unterliegen, braucht er um Abnehmer nicht verlegen zu sein. Neben gewerblichen Interessenten (Knepper: "Kommt nicht in Frage") reflektiert schon das Psychologische Institut der PH Nürnberg auf die Rechenanlagen.
Sein Prinzip, "nie mehr als drei Prozesse auf einmal zu führen", mußte Ernst Knepper inzwischen aufgeben: Zusammen mit den gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Computer sind es derzeit sechs.

DER SPIEGEL 1/1972
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