05.12.2005

TABAKIm Würgegriff der Industrie

Mediziner wurden finanziert, kritische Untersuchungen unterdrückt: In ungeahntem Ausmaß habe die Zigarettenbranche, so eine Studie, führende Institutionen des Gesundheitswesens manipuliert.
Er ist einer der ganz Großen in der deutschen Medizin. Fritz Kemper, langjähriger Professor der Universität Münster, gilt international als begnadeter Toxikologe, versierter Berater und renommierter Publizist.
Seine wissenschaftlichen Leistungen und die Mitarbeit in höchsten Medizinergremien belohnte die Bundesärztekammer mit ihrer wertvollsten Auszeichnung, der Paracelsus-Medaille. Der Geehrte habe sich um das deutsche "Gesundheitswesen in hervorragender Weise verdient gemacht", lobten die Laudatoren. Bundespräsident Johannes Rau verlieh Kemper 2002 das Große Verdienstkreuz mit Stern.
Der emeritierte Professor, mit 78 Jahren immer noch Herausgeber und Präsident verschiedener Fachzeitschriften und Gesellschaften, hätte hochdekoriert seinen Ruhestand genießen können, wenn da nicht Thilo Grüning wäre. Der Berliner Forscher ist Hauptautor einer vergangene Woche im "American Journal of Public Health" erschienenen Studie über den Einfluss der Tabakindustrie auf die deutsche Medizinerelite.
Und die Autoren lassen Professor Kemper nun in ganz anderem Licht erscheinen: Er sei ein wichtiger Verbündeter der Zigarettenmultis in der Wissenschaftsszene, heißt es. Er habe Hand in Hand mit Firmenmanagern gearbeitet. In einem Jahr habe er laut interner Dokumente 20 000 Dollar vom Reynolds-Konzern kassiert, die er über Aktivitäten deutscher Wissenschaftler und Politiker informiert habe. Man mochte sich: Ein Reynolds-Gesandter habe sich laut der Studie nach einem Besuch beim "lieben Fritz" ganz "ungeheuer" für das Essen bedankt.
Kemper kann sich heute nur noch an eine "befristete Beratungsvereinbarung" mit R. J. Reynolds (Camel) erinnern, in der es "um toxikologische Fragestellungen" gegangen sei. Er habe nie ein "persönliches Verhältnis zu Firmen der Tabakindustrie" gehabt und unterstütze zudem alle Bestrebungen, um die Öffentlichkeit über "Schäden des Tabakrauchens" zu informieren.
Die Kooperation von Medizinern mit "Big Tobacco" war lange effektiv. Mit "ungeheurem Erfolg" habe es die Tabakindustrie über Jahrzehnte geschafft, renommierte deutsche Wissenschaftler in großer Zahl zu finden, die in ihren Veröffentlichungen die Beweise für die tödlichen Auswirkungen des Qualmens "manipulieren und verdrehen", lautet das Resümee der Grüning-Studie.
Mindestens 80 zumeist hochrangige Klinikprofessoren hätten sich "im Würgegriff der Tabakindustrie" befunden, weil sie Forschungsgelder annahmen. Denn fast immer waren die Zuschüsse an Vorgaben geknüpft, die die Auftraggeber bestimmten - ein Lehrstück für gekaufte Wissenschaft. Internisten, Toxikologen oder Pneumologen, die sich im Hauptberuf um die Heilung von Raucherkrankheiten bemühten, wurden quasi im Nebenjob Teil der Geschäftsstrategie der Zigarettenkonzerne.
Deutschland war nach den USA die wichtigste Operationsbasis der Tabaklobby. Schon 1975 gründete der Verband der Cigarettenindustrie (VDC) den "Forschungsrat Rauchen und Gesundheit". Als Vorsitzenden gewann der VDC ausgerechnet Dietrich Schmähl, damals ein Direktoriumsmitglied des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Eine absurde Konstruktion: Der Professor stand der wichtigsten deutschen Institution gegen den Rauchertod vor - und war gleichzeitig Verteiler der Tabakgelder. Die Investition lohnte sich für die Lobbyisten: Für den anfangs 14 Mann starken Forschungsrat rekrutierte Schmähl das Who's who deutscher Klinikprofessoren.
Nach außen hängte sich das Gremium stets den Mantel der wissenschaftlichen Unabhängigkeit um. In Wirklichkeit war der Forschungsrat, wie Grüning nachweist, eine Art Selbstbedienungsladen. In der ersten Schaffensperiode gingen 73 Prozent der 15 Millionen Mark an die eigenen Mitglieder oder an kooperierende Organisationen. Die Industrie hatte alles unter Kontrolle. Der Vorteil des Forschungsrats sei, sagte ein Firmenvertreter in einer vertraulichen Sitzung, dass die Industrie auf alle Forschungsvorhaben und deren Veröffentlichung "eine bedeutsame Einflussnahme ausüben" könne.
Jene Wissenschaftler, die von der Politik gehört wurden, waren für die Industrie von besonderem Wert. Die Zuwendung zeigte Wirkung: In kaum einem anderen Land werden die Gefahren des Rauchens ähnlich runtergeredet wie in Deutschland. Mit 32,5 Prozent Rauchern in der Gruppe der über 15-Jährigen ist Deutschland weit oben in der EU, bei den Raucherinnen liegt das Land auf einem Spitzenplatz. Die Verharmlosung des Rauchens, sagt Martina Pötschke-Langer, Leiterin des Zentrums für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Heidelberg, habe dazu beigetragen, dass Deutschlands Anti-Raucher-Strategien
im internationalen Vergleich "weit hinterherhinken".
Die Lobby hat offenbar ganze Arbeit geleistet - das kann Thilo Grüning aufgrund seiner Quellen schlüssig nachweisen. Als Gastforscher am Londoner Institut für Hygiene und Tropenmedizin untersuchte er systematisch firmeninterne Dokumente der Tabakindustrie. Ende der neunziger Jahre hatten sich Multis wie Reynolds verpflichtet, sämtliche Firmenunterlagen zu veröffentlichen, weil sie die Öffentlichkeit über die wahren Risiken des Rauchens getäuscht hatten. Über 40 Millionen Seiten stellten die Unternehmen daraufhin ins Internet (http://legacy.library.ucsf.edu).
Eindrucksvoll ist daraus die Strategie der Konzerne zu erkennen. Weltweit agierten die Firmen nach einer Art vierstufigem Masterplan. Erstens: Sie wollten Wissenschaftler für sich gewinnen; zweitens: Sie wollten sich Gefälligkeitsdienste sichern; drittens: Sie wollten andersdenkende Wissenschaftler in die Isolation drängen; viertens: Sie wollten möglichst viele Arbeiten veröffentlichen, um tabakfeindlichen Studien etwas entgegensetzen zu können.
Dafür machten sie sich die hohe "Glaubwürdigkeit" der Medizinprofessoren zunutze. Neben der zentralen Vergabe von Forschungsgeldern durch den VDC kooperierten einzelne Tabakfirmen noch separat mit Wissenschaftlern. Nach Firmendokumenten erhielt etwa Hans Marquardt, der damalige Leiter des Instituts für Toxikologie am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, im Jahr 2001 eine Überweisung von 13 816 Dollar von Philip Morris (Marlboro). Wofür Marquardt das Geld bekam, bleibt offen, er war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Klar ist, dass der Wissenschaftler ähnlich wie Kemper als Mitglied eines Wissenschaftskomitees der EU sehr einflussreich war.
Der Tabakkonzern Reynolds wiederum kontaktierte 1975 Helmut Schievelbein, den damaligen Vorstand des Instituts für Klinische Chemie am Deutschen Herzzentrum München, da dieser häufig vom "deutschen Parlament, anderen Wissenschaftlern und Journalisten" befragt würde.
Die Anbahnungen verliefen nach festem Muster. Anfangs verlangte "Big Tobacco" Untersuchungen, um die angebliche "Diskriminierung" des Rauchers in der Gesellschaft bekämpfen zu können. Dann wollte man Ergebnisse, um leichtere Zigaretten besser vermarkten zu können. Schließlich drängelte man die Forscher, die Gefahren des Passivrauchens abzustreiten.
So begab sich auch Helgo Magnussen, ärztlicher Direktor des Krankenhauses Großhansdorf bei Hamburg und eine Koryphäe der Lungenheilkunde, in die Fänge der Zigarettenindustrie. Zwischen 1989 und 1993 erstellte der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie mehrere Studien und stellte dafür, so errechnete Grüning, über 420 000 Mark in Rechnung. Sein Ergebnis, dass zumindest kurzzeitiges Passivrauchen bei Kindern mit Asthma keinerlei gesundheitliche Auswirkung zeige, nutzte die Zigarettenindustrie, um die Gefahr des Mitrauchens zu verharmlosen. Magnussen sagt heute, die Ergebnisse habe er in "hochrangigen Wissenschaftsjournalen publiziert. Dennoch muss mit Fehldeutungen gerechnet werden, sofern eine Forschungsförderung durch die Tabakindustrie erfolgt".
Wenn Untersuchungen nicht nach Gutdünken interpretiert werden konnten, versuchte die Tabaklobby, sie schlicht verschwinden zu lassen. So fand Grüning in den Unterlagen folgenden Vorgang: Franz Adlkofer, der Organisator der deutschen Tabakforschung, habe seinen Kollegen in den USA versichert, dass eine Studie über Nikotin als Krebsverursacher "verheimlicht", eine andere Studie "garantiert nicht veröffentlicht" würde. Im Vorfeld eines Anti-Raucher-Tags der WHO schwächten die Vertreter der Industrie auch schon mal die Rede eines Wissenschaftlers ab. Der Professor, ehemaliger Ordinarius an der Universität Heidelberg, hatte seinen Vortrag zuvor der Tabaklobby zum Korrekturlesen gegeben.
Die Rolle führender deutscher Kliniker sei "schockierend", sagt die WHO-Vertreterin Pötschke-Langer, "vermutlich würden heute viel weniger Menschen am Tabak sterben, wenn Mediziner die Erkenntnisse über die Folgen des Rauchens ernst genommen hätten". Doch die Medizinerschaft beginnt erst langsam umzudenken. Erstmals hat Anfang November mit dem Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine deutsche Forschungsstätte einen ethischen Code verabschiedet, nach dem es kein Geld mehr von der Tabakindustrie annehmen darf.
Herbert Remmer, ehemaliger Leiter des Instituts für Toxikologie an der Universität Tübingen, war einer der wenigen, die frühzeitig auf die fatale Wirkung des Industriegeldes hingewiesen hatte. Im Rückblick sei er "dankbar", dass er niemals Zuschüsse von der Zigarettenindustrie bekommen habe, schrieb der Professor an den Forschungsrat, dadurch habe er sein "Gewissen nicht mit Forschungsgeldern belastet, deren Annahme ich heute bereuen würde". UDO LUDWIG
Von Ludwig, Udo

DER SPIEGEL 49/2005
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