Beim Generalstab des 1991 aufgelösten Warschauer Paktes lagen gruselige Kriegspläne in den Schubladen. Immer wieder spielten die Militärs am Kartentisch nukleare Szenarien in Europa durch: Zum Beispiel hätten polnische und DDR-Truppen in Norddeutschland und Dänemark landen sollen. Darauf würde die Nato - so das Kalkül der östlichen Militärplaner - mit einer Salve Atomraketen auf Posen, Breslau, Warschau und 40 weitere polnische Städte reagieren. Der Gegenschlag des Kreml wäre noch fürchterlicher ausgefallen - von Brüssel, Antwerpen, Bonn, Köln, Stuttgart bis nach München hätten sowjetische Atomraketen ein nukleares Inferno entfacht.
Eine Europakarte mit einem solchen Schreckensszenario präsentierte der neue polnische Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski jetzt der Öffentlichkeit. Sie datiert aus dem Jahr 1979 und stammt aus den Archiven des östlichen Militärbündnisses. Tonnenweise lagern Akten der früheren Allianz im Zentralen Militärarchiv in Rembertów nahe der polnischen Hauptstadt. Insgesamt 1700 Bände sollen nach dem Willen der neuen konservativen Regierung schon bald dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), einer Art polnischer Gauck-Behörde, übergeben werden. "Das bedeutet ein symbolisches Ende der Ära des Postkommunismus in unserem Land, in der die Menschen noch nicht die volle Wahrheit über die Vergangenheit erfahren durften", sagte Sikorski. Wissenschaftler wie der Breslauer Historiker Pawel Pietrowski erhoffen sich neue Erkenntnisse über die inneren Strukturen der kommunistischen Militärmacht: "Polen und die anderen Länder im Warschauer Pakt waren keine unabhängigen Staaten. Aber wie stark und umfassend war der Druck aus Moskau wirklich?" Musste die Sowjetunion ihren Verbündeten dazu zwingen, bei der Niederschlagung des Prager Frühlings zu helfen, oder drängten etwa polnische Militärs darauf? In den kommenden Wochen werden IPN-Wissenschaftler und Generalstäbler das Archiv durchsehen und entscheiden, was publiziert werden darf und was aus Gründen der "nationalen Sicherheit" geheim gehalten werden soll. Moskau ist bereits entrüstet: "Das ist eine politische Provokation", schimpfte der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses der Duma in Moskau, Konstantin Kossatschew. Der Schritt der Polen diene nur dazu, "die falsche Überzeugung zu verbreiten, dass die Sowjetunion und Russland die Hauptquelle allen Unglücks in Europa und Polen gewesen sind".
DER SPIEGEL 49/2005
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