05.12.2005

BOLIVIENIm Labyrinth der Unordnung

Palmasola gilt als härtester Knast Südamerikas. 3000 Verbrecher leben dort wie in einer Stadt der Anarchie, ohne Gesetz und Moral. Einer der Häftlinge heißt Swen Heuer, er kommt aus einem Dorf in Thüringen und war als Drogenkurier unterwegs. Von Jochen-Martin Gutsch
Vor ein paar Wochen hatte Swen Heuer plötzlich die Idee, dass der BND dahinterstecken könnte. Es war eigentlich ganz logisch, beinahe zwangsläufig.
Da war, gleich am Anfang, die Sache mit dem Angebot, das viel zu hoch war, da waren die drei Männer von der FELC, der bolivianischen Drogenpolizei, die am Flughafen von Santa Cruz schon auf ihn warteten, sagten, dass er sein T-Shirt an den Armen hochziehen solle, und dann auf seine Tätowierungen starrten.
Da waren die ersten beiden Anwälte, die ihn betrogen; die Sache mit der Anklageschrift, in der plötzlich vier Kapseln Kokain zu viel auftauchten; die zehn Euro, um die ihn der Konsul betrogen hatte; der Amtsarzt, der erst kam und ihn untersuchte und sich später nicht mehr daran erinnern wollte; der Richter, der plötzlich die 1000 Dollar Bestechungsgeld ablehnte; überhaupt, all die Termine vor Gericht, die immer wieder platzten; die beiden Faxe, die er an das Auswärtige Amt in Berlin schickte und die ohne Antwort blieben; der Ermittler vom BKA, der extra aus Lima kam, um mit ihm zu sprechen. Und jene Leute in Palmasola, die zwei oder drei Jahre bekommen hatten, während sein Staatsanwalt neun Jahre forderte. Neun Jahre für 400 Gramm Kokain. Oder 458 Gramm, laut Anklageschrift.
Heuer sitzt auf einem Bett aus Brettern in Raum 01, Pavillon 2, ein dunkler, enger Verschlag, neben dem Bett ein paar Zentimeter Fußboden, über dem Kopf ein Loch in die Wand geschnitten, das Luft bringen soll. Daneben ein paar Fotos, sein 6-jähriger Sohn, seine 21-jährige Verlobte.
Heuer sagt, dass er verunglückt sei. Man habe ihn erst verpfiffen und dann sitzen lassen. Es sei ziemlich klar, sagt er, dass der BND dahinterstecke. "Dem bin ich nämlich mal ganz böse auf die Füße getreten." Am Ende brachte man ihn hierher nach Palmasola, ein Gefängnisdorf, 20 Kilometer südlich von Santa Cruz.
Das Gute an Palmasola ist, dass er jederzeit Raum 01 verlassen kann. Er kann über die staubigen Wege in eines der Restaurants gehen, in den Kraftraum, auf den Fußballplatz, an den zerschrammten Billardtisch im Hof, er kann bei Dominik, einem anderen Deutschen, Musik hören, falls der nicht zu zugekokst ist. Niemand wird ihn daran hindern. In Palmasola gibt es keine Gefängniswärter. Es gibt zwei Mauern und Stacheldraht, und dahinter sind rund 3000 Gefangene sich selbst überlassen.
Es gibt eine Mafia, die Schutzgeld eintreibt, den Gefangenenpräsidenten und die "Disciplina", eine Ordnungstruppe der Häftlinge. Palmasola ist eine Stadt der Mörder, Vergewaltiger, Totschläger, Diebe und Rauschgiftdealer. Eine kleine, enge Verbrecherwelt, die nach Kloake stinkt, wenn es schwül wird und der Wind schlecht steht.
Heuer hat jetzt Hunger, es ist fast zwei Uhr, er hatte noch kein Frühstück heute. Er bindet sich ein schwarzes Tuch über den rasierten Schädel wie ein Pirat. Er setzt sich eine geschwungene, enganliegende Sonnenbrille auf, er trägt ein schwarzes Muskelshirt, auf den Oberarmen prangen große Tattoos mit germanischen Zeichen, um den Hals hängt ein kleiner Thor-Hammer. Er läuft langsam und breit durch Palmasola wie jemand, der nichts fürchten muss. Nur die weißen Birkenstocksandalen passen nicht so recht ins Bild.
Die Sonne drückt, der Himmel ist milchig blau, Heuer geht vorbei an den Pitufos, Horden von armen Teufeln, die auf der Straße leben und mit Botendiensten aller Art ein paar Bolivianos verdienen für Koks und Essen. Er geht in das kleine Restaurant hinter dem Fußballplatz, in dem ein paar hölzerne Stühle und Tische stehen, guckt kurz in die dunkle Küche, wo drei Gestalten arbeiten, und bestellt Hühnchen mit Pommes frites für fünf Bolivianos, ungefähr 50 Cent, setzt sich an einen der Tische und sagt: "Das mit den Pommes haben wir Deutschen denen erst beigebracht, vorher gab's hier nur Reis und so 'n Zeug."
Wer ein Zimmer in Palmasola haben will, muss es mieten oder kaufen. Wer eine Frau sucht, kauft sich eine Hure. Wer einen Arzt braucht, geht zum Medicus, einem verurteilten Mörder, der ein paar Semester Medizin studiert hat, und fragt, ob er für 100 Bolivianos, rund zehn Euro, etwas tun kann. Wer Hunger hat, geht zur Essensausgabe, großen metallenen Kübeln mit gekochten Schlachtabfällen, oder für fünf bis zehn Bolivianos in eines der Restaurants. Auf zwei fünf Meter hohen Mauern patrouillieren die Wächter, schwerbewaffnet und mit lustlosen Gesichtern. Niemand darf über die Mauern kommen, was innerhalb der Mauern passiert, ist egal. Palmasola ist Anarchie. Es gibt vielleicht ein paar Regeln hier, aber kein Gesetz und auch niemanden, der versuchen würde, es durchzusetzen. Vor ein paar Wochen lagen Gefangene auf dem Sportplatz, tot, niedergestochen. Die Wärter nahmen sie mit und machten das Tor wieder zu. Es ist schwer, in Palmasola zu überleben, und es ist noch schwerer, hier nicht verrückt zu werden.
Swen Heuer spricht kein Spanisch. Manchmal schnappt er ein paar Worte auf. Er spricht auch schlecht Englisch. Er mag deutsches Essen, glaubt an germanische Götter, an Walhall und hält nichts von Drogen.
Er kommt aus einem Dorf in Ostdeutschland und sitzt seit einem halben Jahr in einer Welt fest, die er nicht versteht und die nichts mit der Welt zu tun hat, aus der er kommt. Seitdem stößt er immer wieder irgendwo an in diesem Labyrinth der Unordnung, fühlt sich verraten und vergessen. Von der bolivianischen Justiz und vom deutschen Staat. Es ist ein weiter Weg von Thüringen nach Palmasola.
Am 24. Mai dieses Jahres, morgens um fünf, saß Heuer vor einer Schüssel weißer, mit Latex überzogener Päckchen, halbfingergroß und dick wie Weintrauben, in einer Wohnung, die er nicht kannte, irgendwo in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien. Er ekelte sich, er war sich nicht sicher, ob er das schafft. 50 Päckchen. Er kokste ja noch nicht mal. Neben der Schüssel stand eine Flasche Wasser. Zwei Stunden, hatte der Mann gesagt. Er fing an, draußen war es noch dunkel, er spürte Brechreiz, die Päckchen lagen auf seiner Zunge, groß und klumpig, bald schmerzte sein Rachen, er war langsam, kein guter Schlucker. Um zwölf sagte er, dass er nicht mehr schaffe, dass er jetzt aufhören würde. Ihm war übel, sein Bauch tat weh. Es lagen noch zehn Päckchen in der Schüssel. Man gab ihm Kokatee, gegen die Bauchschmerzen.
Er verließ mit dem Mann die Wohnung, sie fuhren erst mit dem Bus, dann mit einem Taxi, wechselten wieder in den Bus, stiegen noch mal in ein Taxi, er kannte die Straßen nicht, die vorbeirauschenden Gebäude, es gab keine Richtung, es sollte auch keine geben, keine Orientierung. Am Ende stieg Heuer am Parque Arenal aus, dort, wo sie sich am Abend zuvor getroffen hatten. Er hatte jetzt 400 Gramm Kokain im Bauch und nicht mehr viel Zeit. Um 16 Uhr startete Varig-Flug 8881 in Santa Cruz. Die Maschine flog nach São Paulo, von dort sollte es nach Frankfurt am Main weitergehen.
Swen Heuer, damals 31 Jahre alt, Elektrikermeister aus Leina bei Gotha und Mitglied im Schützenverein, flog nicht mit.
Vor dem Haus in Leina, an einer weißen Mauer, etwas versteckt hinter einer Hecke, hängt noch immer das Schild: Elektro-Heuer. "Ich bin noch nicht dazu gekommen, es abzunehmen", sagt Friedhelm Heuer, der Vater. "Und eigentlich stört es ja auch nicht."
Er ist Elektriker, wie sein Sohn, er machte sich selbständig gleich nach der Wende im September 1990, zusammen mit einem Partner. Es lief nie gut, aber auch nicht richtig schlecht, man konnte davon leben.
Vor zwei Jahren dann der Schlaganfall, da hat er den Betrieb dichtgemacht. Das Schild blieb. Er ist jetzt bei einer Leiharbeitsfirma, meist schicken sie ihn in den Westen. Er wird 56. Eigentlich habe er noch Glück gehabt, sagt Heuer.
Im Hof steht der alte schwere Jaguar Sovereign seines Sohnes. Ledersitze, Automatikschaltung. Wochenlang stand er noch in der Tiefgarage am Flughafen Frankfurt. "Hat mich 300 Euro gekostet, den wieder mitzunehmen", sagt Friedhelm Heuer. Kann sein, dass sie ihn irgendwann verkaufen. "Je nach Entwicklung", sagt Friedhelm Heuer.
Im Dorf hat er nicht erzählt, wo Swen ist. Was soll man auch sagen? Im Wohnzimmer steht eine dunkle Schrankwand, auf dem Tisch Marzipanstollen, der Schäferhund heißt Samson. Als Ende Mai die beiden Männer vom BKA hier waren, hat Gudrun Heuer zugehört und oft genickt. Sie hat nicht viel gefragt, irgendwie fielen ihr keine Fragen ein. Als die BKA-Leute wieder weg waren, ging sie an die Schrankwand und zog einen Atlas heraus. Bolivien, Südamerika. "Dann kam's so langsam. Die Verona Feldbusch ist ja auch von da." Die Abkürzungen verwirrten sie, "ich wusste ja gar nicht, was das alles heißt, BKA und KK und KHK, diese ganze Polizeisprache." Sie haben sich dann einen Anwalt genommen. Manchmal kommt jetzt der Gerichtsvollzieher vorbei, schaut oben unterm Dach in Swens Wohnung und macht ein fruchtloses Protokoll.
Swen Heuer war zuletzt beim Messebau. Er fuhr durchs Land, baute auf, baute ab. Mal hatte er viel zu tun, war wochenlang unterwegs, kam nur an den Wochenenden nach Hause, packte die Sachen aus und schlief viel. Dann gab es Zeiten ohne Aufträge.
Sein Vater zahlte oft die Steuer, die Beiträge für die private Krankenversicherung, für die Rentenversicherung. Er heiratete mit 20 eine Frau aus dem Dorf. Er ging zum Bund, sie bekamen einen Sohn, wohnten im Haus der Eltern. Eigentlich war alles fertig. Es sah nach einem geraden, engen Leben aus, ohne große Abstürze. Geschichten von Drogenkurieren beginnen sonst anders.
Heuer arbeitete nach der Armeezeit kurz in der Firma seines Vaters, dann in anderen Unternehmen, nie sehr lange, er bestand die Meisterprüfung und landete schließlich beim Messebau. "Wir haben uns gewundert, als er vor zwei Jahren plötzlich für fünf Wochen nach Uganda in den Urlaub fuhr. Swen war ja immer sehr bodenständig", sagt die Mutter
Heuer wusste nichts von Afrika, wahrscheinlich wäre er auch nie auf die Idee gekommen, dorthin zu fahren. Ein paar Kumpels vom Messebau nahmen ihn mit. Ein langer Männerurlaub. Später schrieb Heuer dann vier Hefte voll mit seinen Erlebnissen. "Die Reise in die weite Welt" hat er sie genannt. Die Hefte sind voll mit ungelenken, protzigen Berichten, geschrieben von jemandem, der das Gefühl hat, plötzlich zu wachsen. In Deutschland hatte er Schulden, in Uganda hatte er Euro.
Alles war dort billig, erreichbar und aufregend. Bei manchen Dingen weiß man nicht, ob sie erfunden sind, sie klingen wie Versatzstücke aus einem Film, es kommen lässige Typen vor, schöne Frauen, Schlangen, große Messer, gefährliche Autofahrten, und der lässigste Typ ist er selbst. Er heißt Alex in den Heften. Man kann es englisch aussprechen. Besser als Swen. Es war wohl so eine Art Startschuss.
Heuer will danach mehr von der Welt sehen. Ihm fehlt nur das Geld. Er sucht im Internet nach Kontakten im Ausland und lernt eine Familie aus Bolivien kennen. Im April 2004 fliegt er zum ersten Mal dorthin, nach Santa Cruz. Für die Familie ist er der reiche Mann aus Deutschland.
In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft von Santa Cruz steht, dass Swen Heuer der Drogenpolizei bei den Sicherheitskontrollen am Flughafen auffiel. Er schwitzte stark, seine Augen waren gerötet, die Lippen trocken, der Bauch war aufgebläht, sein Atem roch nach Gummi. Die typischen Symptome eines Schluckers, eines sogenannten Maulesels, eines Transporteurs, der die Ware im Darm trägt. Sie fuhren mit Heuer in ein Röntgenlabor, auf den Aufnahmen waren mehrere helle Stellen zu sehen. Sie brachten ihn in eine Zelle der Drogenpolizei, gaben ihm Trinkjoghurt, und nach ein paar Tagen kamen die weißen Latexpäckchen wieder raus. 44, sagt die Staatsanwaltschaft.
In Palmasola sitzen fast 200 Ausländer. Die meisten wegen Drogenhandels. Sie hatten das Kokain im Bauch oder im Koffer. Einige wurden in Spanien angeworben, einige haben seit Jahren Erfahrung. Heuers Geschichte klingt dagegen fast wie die eines Touristen. Er sagt, er wurde einfach angesprochen, in der Innenstadt von Santa Cruz. Genauso wie auch schon im Jahr zuvor. Ein Zufall, mehr oder weniger.
Damals war ihm die Sache noch zu heiß gewesen. Diesmal hoffte er, dass man ihn anspricht. Er hatte Schulden bei der Deutschen Ausgleichsbank, beim Jugendamt, bei seinem Vater. Insgesamt rund 30 000 Euro. Anfang des Jahres erfuhr er, dass er noch zwei Kinder hat. Die Bluttests waren eindeutig. Die Dinge wuchsen ihm jetzt über den Kopf. Im Mai sagte er seiner Verlobten, dass er nach Spanien muss, arbeiten beim Messebau. Er flog dann wieder nach Santa Cruz, wieder zu der bolivianischen Familie, die er über das Internet kennen gelernt hatte.
Vielleicht stimmt die Geschichte, so wie er sie erzählt. Oder erzählt hat. Sie ist eigentlich schon ein bisschen alt. Sie hat sich weiterentwickelt in Palmasola, in dem Chaos und der Angst. Es sind Teile hinzugekommen, Motive, Personen, ganze Organisationen.
Im Moment glaubt Heuer fest daran, das Opfer einer Verschwörung des BND zu sein. Dinge, die seinen Fall betreffen, bespricht er nicht mehr am Telefon, aus Angst, abgehört zu werden.
Heuer hat sich aus dünnem Holz ein Dame-Spiel gebaut, er schreibt bunte Schulhefte voll mit tagebuchähnlichen Notizen, er geht ins Fitnessstudio, das ein paar Häftlige betreiben, stemmt Gewichte und verbrennt Zeit, er wartet auf Maria Carmen, seine Bekannte aus Santa Cruz, und darauf, dass sie Nachrichten vom Anwalt bringt und etwas von dem Geld, das die Familie aus Deutschland schickt. Abends sitzt er im Hof des Pavillons, wo der Fernseher läuft.
Er sitzt hier, und um ihn herum bewegen sich die Figuren und bestimmen sein Leben. Er kann nicht viel tun. Seinen bolivianischen Anwalt versteht er nicht, er ist darauf angewiesen, dass Maria Carmen ihm etwas übersetzt. Sie spricht Englisch, auch nicht sehr gut.
Irgendwo auf diesem Weg geht eine Menge verloren.
Im Moment traut Heuer niemandem, und am wenigsten traut er Michael Biste, dem deutschen Konsul in Santa Cruz, denn der sei auch beim BND. Dabei sind sich beide womöglich näher, als Heuer ahnt - in ihrem Glauben an das Deutsche und Rechtschaffene und die Verlässlichkeit der Dinge, etwas, das so wenig passt in ein Land wie Bolivien.
Mit seinen kupfernen Haaren, dem kupfernen Bart und den kupfernen Augenbrauen sieht Biste aus wie eine Märchenfigur. Ein irischer König
Drosselbart. Seit einem Jahr ist er deutscher Honorarkonsul. In seinem Büro hängt eine große deutsche Fahne, für das Bild von Horst Köhler sucht er noch nach einem guten Platz, sagt Biste.
Sechs Landsleute sitzen in Palmasola, so viel wie noch nie, der Letzte versuchte es mit sieben Kilo Kokain in einem präparierten Koffer. "Das war ein Profi", sagt Biste. "Von den anderen Deutschen haben einige sicherlich auch Pech gehabt und wurden verpfiffen." Man lässt sie die Kokainkapseln schlucken, dann gibt man der Drogenpolizei einen Tipp. Einer wird geopfert, damit andere, mit mehr im Bauch oder im Koffer, durchkommen.
Eigentlich ist Biste Geologe. "Meine Philosophie ist der Ausgleich, beide Seiten müssen happy sein", sagt er. Es klingt nach einer guten, fairen Welt. Er war Vorstandsvorsitzender der deutschen Schule in Santa Cruz und Kassenwart beim Goethe-Institut.
Er fährt jeden zweiten Freitag raus nach Palmasola, in die andere Welt. Er geht nicht mehr weit hinein, er betritt sie nur ein Stück und lässt sich die Gefangenen lieber in die neutrale Zone bringen, ein Gebiet zwischen der ersten und zweiten Mauer, links das Frauengefängnis, rechts der Hochsicherheitstrakt. Man wisse nie, was passiert. Die Haftbedingungen machen die Leute wirr und paranoid.
Letztendlich hängt die Stimmung auch vom Wetter ab. Bei Südwind fährt Biste erst gar nicht raus. "Hat keinen Sinn, da drehen alle ein bisschen durch. Da kann man nicht reden. Ist wie in Deutschland, wenn der Föhn kommt. Das Hauptproblem ist ja sowieso die Kommunikation. Die Gefangenen verstehen nicht, dass es möglich ist, dass es in Bolivien eine deutsche Botschaft gibt und zugleich ein Rechtssystem, das korrupt ist."
Im Moment gibt es eigentlich gar keine Kommunikation. Man redet nicht viel mit ihm. Swen Heuer geht nicht mal mehr hin, wenn Biste kommt. Die anderen in der Regel nur, um etwas Geld abzuholen. Es gab auch schon das Gerücht von einer Morddrohung. Gerüchte entstehen vor allem dort, wo viele Menschen sind, die viel Zeit haben. Palmasola ist voller Gerüchte. Heuer sagt, dass der Konsul nicht vergessen dürfe, dass er auch Macht habe hier drin. Biste soll ihm helfen, möglichst schnell rauszukommen aus Palmasola, egal wie.
Das Problem ist nur Bistes deutsche Rechtschaffenheit und Gründlichkeit. Das macht die Sache schwierig. "Meine Rechtsberatung ist immer gleich: Pflichtverteidiger nehmen und dann das verkürzte Verfahren wählen. Das heißt, man gesteht seine Schuld ein und bekommt dafür die Mindeststrafe von acht Jahren. Bei guter Führung ist man nach vier Jahren draußen, im offenen Vollzug. Es ist doch auch eine Charakterfrage: Stehe ich zu meiner Tat, oder sage ich mir, ich nutze lieber die Korruption des Rechtssystems für mich aus. Vielleicht lachen die in der Justiz sogar über mich, aber man macht es sich zu einfach, wenn man glaubt, man kommt in Bolivien nur weiter, wenn man Leute besticht. Ich bin nicht bereit, wegen sechs Gefangenen meinen Ruf in der deutschen Community aufs Spiel zu setzen. Da lege ich lieber das Amt nieder. Außerdem weiß man doch, was Kokain auf der Welt anrichtet. Aber darüber kann ich mit den Leuten nicht reden, damit bringe ich sie ja nur noch mehr gegen mich auf."
Wahrscheinlich wird man nicht mehr zusammenfinden. Die einen wollen raus, um jeden Preis. Biste will anständig bleiben, um jeden Preis.
Was rauskommen wird, ist schwer zu sagen. Hans Oswaldo Ortiz Sandoval ist seit fünf Monaten Heuers Anwalt in Santa Cruz. Eigentlich ist alles möglich. "Im besten Fall Freispruch, im schlechtesten Fall acht Jahre." Es seien einige Prozessfehler gemacht worden. Vielleicht könnte man daraus was machen. Der andere Weg ist die Freilassung gegen Kaution. Es sah schon sehr gut aus. Ortiz hatte gefälschte Papiere besorgt, die bewiesen, dass Heuer zusammen mit Maria Carmen ein Kind hat, dass sie eine Wohnung in Santa Cruz haben, dass er hier arbeiten wird, in einer Recyclingfirma, als Lagerarbeiter für 100 Dollar im Monat. Ortiz sagte dem Richter 1000 Dollar zu, das übliche Schmiergeld in einem Fall wie diesem, und der Richter sagte erst ja und dann nein. Die Qualität des Wohnnachweises habe ihn nicht überzeugt.
Die Mittagshitze schwappt in das enge Büro, ein schwarzer Ventilator dreht sich träge. Ortiz hält nichts von Bistes deutschem Weg. Man muss versuchen, nach den Regeln zu spielen. Sonst erreicht man nichts. Andererseits weiß man auch nie, wohin der bolivianische Weg führt. Es gibt so viele Interessen. Die Richter wollen Geld sehen, die Staatsanwälte auch, die DEA, die amerikanische Drogenpolizei, zieht im Hintergrund die Fäden und zahlt Dollar an die Staatsanwälte, weil hinter jedem Ausländer auch immer ein internationaler Drogenring stecken könnte. Dazwischen sitzt Ortiz und spricht von Prozessfehlern. Sein Honorar, sagt er, liege zwischen 1000 und 2000 Dollar. Heuer sagt, dass es 3000 sind. Wenn alles schief läuft, will Ortiz auf Justizverzögerung klagen. Das sei möglich nach zwei Jahren Haft ohne Urteil. Aber er hofft jetzt erst mal auf die nächste Instanz. Dort sitzen dann zwei Richter, das ist der Nachteil. Zwei mal tausend Dollar. Der Preis steigt.
Es ist Sonntag, und Dominik, Heuers deutscher Nachbar von Raum 05, hat Geburtstag. Er wird 23 und ist nervös, wegen des Kuchens, den er bekommen soll, und wegen des Kokains, das er sich ständig durch den Kopf schießt. Dominik steht vor dem Pavillon und stinkt ein bisschen nach Schweiß und Drogen und Urin und Angst. Am Abend wollen sie feiern und Huacho trinken, über neunzigprozentigen Industriealkohol, verdünnt mit Wasser und Brausepulver.
Swen Heuer raucht und sucht den Himmel nach Regenwolken ab. Manchmal dachte er über Ausbruch nach, ein paar Typen von der Mafia in Palmasola hatten auch schon so eine Art Plan und zwei, drei Waffen. Es schien eine Möglichkeit zu sein. Aber Heuer glaubt nicht mehr an Ausbruch, seit vor ein paar Wochen zwei Gefangene mit einer Propangasflasche ein Loch in die Mauer sprengten. Sie krochen durch. Dann standen sie vor der zweiten Mauer. Einer der Gefangenen kroch zurück. Der andere wurde erschossen.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 49/2005
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