05.04.1971

BIER / REINHEITSGEBOTLeer und pappig

Bonns Gesundheitsministerium machte sich mit der Lobby gemein. Mit voller Molle prostete Käte Strobel, 63, im Bonn-Center Vertretern des "Aktionskomitees Reines Bier" zu, die mit 26 000 Plakaten, 528 000 Handzetteln sowie 783 000 Stimmkarten in Kneipen und Supermärkten gegen "Chemie-Bier" agitiert hatten. Käte Strobel war einverstanden: "Davor muß ich sehr eindringlich warnen."
Hopfen und Malz seien verloren, hatte die Aktion in ihrer Kampagne gedroht, werde durch einen geplanten EWG-Beschluß das deutsche "Reinheitsgebot aufgehoben". Der Deutschen liebster Trunk (Bierverbrauch pro Kopf und Jahr: 139,2 Liter) würde dann -- so warnen sie -- aus "rohen Früchten", Hühnerfutter wie Mais und Reis oder aus Maniokwurzeln fabriziert. Möglicherweise werde der Gerstensaft, das will die Lobby glauben machen, durch das Brüsseler Verdikt künftig von Giften wie Ascorbinsäure, Schwefeldioxid, Tannin und proteolytischen Enzymen verseucht -- wenn nicht gar Quecksilber-, Kobalt- und Arsenikzusätze Bierleichen künftig am Wiedererwachen hindern. Am reinen, gesunden deutschen Bier, so sekundierte Bierfreundin Strobel, "will man in Brüssel rütteln".
Die Gesundheitsministerin übersah bei ihrem Beistand, daß es dem Braugewerbe vor allem um die eigenen Profite geht. Denn den Konsumenten wird von den Brüsseler Bürokraten nichts genommen, vielmehr soll den heimischen Brauern, deren Branche floriert und deren Aktien haussieren, etwas ganz Neues zuteil werden EWG-Wettbewerb.
Die Brüsseler Kommission will das Bier-Recht der sechs Mitgliedslände harmonisieren. Denn die unterschiedlichen Gesetze hemmen den zwischenstaatlichen Handel zum Wohle der deutschen Biersieder. Ihnen hält bislang das sogenannte Reinheitsgebot -- eine Vorschrift im Biersteuergesetz -- lästige Konkurrenz fern. Danach darf Bier im Inland nur gehandelt werden, wenn es ohne fremde Zusätze allein aus künstlich gekeimtem (vermälztem) Getreide hergestellt ist. Als nicht verkehrsfähig hingegen gilt das Gebräu der EWG-Kollegen, die Gerstenmalz mit Zugaben von "Rohfrucht" (nach EWG-Norm: höchstens 30 Prozent) anreichern: mit ungekeimter Gerste oder nicht gemälztem Weizen, Mais oder Reis.
Ausländer können in der Bundesrepublik nur ins Geschäft kommen, wenn sie ihr Bier nach dem deutschen Reinheits-Ritus bereiten, der ihnen zusätzliche Kosten aufbürdet und Bier-Importe wie eine Art Schutzzoll verteuert. "Die ausländischen Konkurrenten werden behindert", gab der Deutsche Brauer-Bund zu.
Der EWG-Plan, das artfremde Gebräu mit dem deutschen Traditionssud (Etikett: "Aus reinem Gerstenmalz") um die Gunst der Verbraucher konkurrieren zu lassen, schreckte die deutschen Zunftgenossen aus ihrer Bierruhe.
Nach dem EWG-Vorschlag könnten die Brauherren zwar ruhig ihr "reines" Bier weiterhin herstellen. Zugleich aber wären sie berechtigt, "Rohfruchtbier" zu brauen. Der Deutsche Brauer-Bund (Slogan: "Bier hat Wumm") übersetzte frei: "Die EWG will das Reinheitsgebot abschaffen, die Qualität des deutschen Bieres ist gefährdet."
Dieses Gebot ist ein altbayrisches Relikt. Um seine Untertanen vor den "brauenden Individuen" zu schützen, hatte 1516 Bayern-Herzog Wilhelm IV. dekretiert, daß Bier nur aus Gerste, Hopfen und Wasser zu sieden sei. Dennoch vermelden alte Urkunden als Bierzutaten noch jahrhundertelang: Kienruß, Katzenhirn, Baldrian, Wermut, Ochsengalle, Buchenasche, Eiweiß, Honig, Muskat, Zimt, Kardamom, Lorbeer und Fischblasen.
"Bayerisch Bier" war ein "elendes Zeug", wie noch Zeitgenossen aus dem 17. Jahrhundert bezeugen. Es war ein "liederlicher Trank, der in dem menschlichen Leibe nicht besser hauset als ein Regiment Husaren", wie der berühmte Kanzelredner Abraham a Sancta Clara schalt. Erst seit in Mitteleuropa die Hygiene ernster genommen wird, sollen in der "Bierpanscher-Walhalla" auf der Ruine Stockenfels (bei Regensburg) jährlich nicht mehr so viele sündige Brauerseelen eingezogen sein.
Brüssels Eurokraten, die nach Ansicht der Bierlobbyisten den Trink-Fortschritt wieder zunichte machen wollen, argumentieren freilich ganz nüchtern. Damit Bier "ein natürliches. gesundes Erzeugnis guter Qualität bleibt" -- so die geplante EWG-Brau-Norm -, "darf Bier keine anderen Zusatzstoffe als Ascorbinsäure bis zu 50 Milligramm je Liter enthalten". Diese Säure (populär: Vitamin C) kann Kohlensäure ersetzen; beide verhindern, daß Bier durch Sauerstoff oxydiert und Alterungsgeschmack annimmt.
Zur Klärung der Bierwürze dürfen als technische Hilfsstoffe "in dem Maße, in dem es völlig unerläßlich ist", proteolytische (eiweißspaltende) Enzyme, ohne die auch deutsche Reinheitsbrauer nicht auskommen, und Tannin (Galläpfel-Gerbstoff) nur "insoweit verwendet werden, als mögliche Spuren", die im Bier verbleiben, gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenklich sind.
Als zulässiges Höchstquantum an "möglichen Spuren" von Schwefeldioxid, das sich ebenfalls im deutschen Reinheitsbier findet, genehmigten die Brüsseler bis zu 20 Milligramm je Liter. Zum Vergleich: Deutscher Wein, edelste "naturreine" Beerenauslese, darf schwefliger Säure bis zu 400 Milligramm enthalten.
Mit "chemischen Zusätzen", entsetzte sich der Deutsche Brauer-Bund, solle das Reinheitsgebot "zu Fall gebracht werden". In tiefer Sorge um die "gefährlichen Auswirkungen für die Volksgesundheit" forderte er "scharfen Verbraucherschutz".
Die deutschen Brauer verstoßen jedoch Tag für Tag selbst gegen ihre eigenen Sauberkeitsnormen. Denn das Gebräu, das den Ruf des deutschen Bieres rund um die Erde verbreitete (Brauerbund: "Nicht umsonst ist die Bundesrepublik der größte Bier-Exporteur der Welt") -- wird nicht nach dem Reinheitsgebot hergestellt. Bei Export-Bier verzichten führende deutsche Brauer schon seit je auf den Reinheitskodex und produzieren nach der geplanten EWG-Norm.
Noch vor wenigen Jahren wußte der Deutsche Brauer-Bund,
* "daß Biere, die nicht nach dem Reinheitsgebot hergestellt sind, durchaus nicht von schlechterer Qualität zu sein brauchen" und
* "daß es auch namhafte deutsche Brauereien gibt, die auf das Reinheitsgebot gern verzichten".
Jetzt freilich fordert der Brauerbund das Verbot des Rohfruchtbieres in ganz Europa und die Übernahme der altdeutschen Reinheitssitten durch alle EWG-Partner.
Der Landwirtschaftsminister Josef Ertl schätzt die Erfolgsaussichten eines derartigen EWG-Antrages gering ein. "Für die deutsche Position nimmt es sich nicht gerade besonders vorteilhaft aus', so meint Ertl, "daß auch in der Bundesrepublik Bier, das für die Ausfuhr bestimmt Ist, unter Verwendung von Rohfrucht hergestellt werden darf und hergestellt wird."
Der "Kampf für Reines Bier", den der Brauerbund angeblich "zum Schutz der Verbraucher" durchfechten will, dient denn -- das räumen sogar einige Branchenvertreter ein -- ganz zwanglos noch dem Eigeninteresse der Bierhersteller. Da bei deutschen Trinkern die Sättigungsgrenze erreicht ist, ängstigt sich das Gewerbe vor der Konkurrenz ausländischer Bierproduzenten, die bisher durch die Reinheitsklausel am deutschen Markt behindert wurden.
Guido G. Sandler, studierter Braumeister und Generalbevollmächtigter der Oetker-Gruppe (Anteil auf dem Biermarkt: zehn Prozent; Marken: Berliner Kindl, Binding, Dortmunder Actien-Bier), prophezeit, was der Branche in der EWG-Zukunft droht: "Große Gruppen, vor allem aus den Nachbarländern, werden den Kampf um die spärlichen Zuwachsraten mit modernen Marketingmethoden führen." Die ausländischen Biere, die auf den deutschen Markt drängen, sind zudem billig. Sie kosten im Durchschnitt zehn Pfennig je Flasche weniger als das deutsche Gebräu.
Die EWG-Perspektive ist für die rund 2000 heimischen Biersieder deshalb düster. Denn nur wenige von ihnen können der Billigkonkurrenz Paroli bieten. Wegen der "teilweise noch mangelhaften Perfektion in der bayrischen und deutschen Brauindustrie" (Fachblatt "Brauweit") sind die meisten Betriebe der Verarbeitung von Rohfrucht, die das Bier haltbar und billig macht, technisch nicht gewachsen.
Die Lobby ließ zuweilen sogar durchblicken, wie der von ihr beschworene Verbraucherschutz gemeint sei. "Ist es denn sinnvoll", so schrieb ein Bier-Stratege im Fachblatt "Brauwelt", "das Bier zu billig auf den Markt zu werfen?"
Die parlamentarischen Hilfskräfte des Gewerbes haben die Preisfrage bisher geflissentlich übergangen. SPD-MdB Manfred Geßner, der sich selbst als "leidenschaftlicher Biertrinker" einstuft und in dieser Eigenschaft den Bundestag schon zweimal mit Anfragen zum Bier-Problem beschäftigte, attestierte der Braueraktion auf Kosten der Verbraucher einen "ganz beträchtlichen Bürgersinn".
Und Gesundheitsministerin Käte Strobel erkannte bei ihrer Bonner Bierprobe den Kämpfern gegen den wohlfeilen Rohfruchtsud auch noch guten Geschmack zu. Sie urteilte über das EWG-Gebräu: "Die Vollmundigkeit ist geringer, das Bier bekommt einen leeren und pappigen Geschmack."

DER SPIEGEL 15/1971
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