05.04.1971

NEU IN DEUTSCHLAND

Geringe Mittel

Johann Sebastian Bach: "Matthäus-Passion". Sopransolisten der Wiener Sängerknaben, Paul Esswood, Tom Sutcliffe, James Bowman (Alt), Kurt Equliuz, Nigel Ragers (Tenor), Karl Ridderbusch, Max van Egmond, Michael Schopper (Boß): Concenius musicus, Wien. Leitung: Nikolaus Harnoncourt. Teldec SAWT 9572/75; 100 Mark.

Authentische Besetzung mit Original-Instrumenten -- mit dieser Gütemarke vertreibt die Teldec die neunte Schallplattenaufnahme der Bachschen "Matthäus-Passion". Diesen Anspruch versucht Nikolaus Harnoncourt, Chef des "Concentus musicus" und Leiter der neuen Einspielung, im Kassetten-Beiheft mit einem zehn Seiten langen Essay über die Entstehungsgeschichte der Matthäus-Passion, ihre doppelchörige Anlage und die Verhältnisse in der Leipziger Thomaskirche zu stützen.

Er erläutert beispielsweise, welche Kräfte Bach für seine Leipziger Aufführungen tatsächlich zur Verfügung standen und was der Thomaskantor vom Rat der Stadt als unbedingt notwendiges Minimum gefordert hat. Danach hat Harnoncourt die Besetzung seiner Aufnahme ausgerichtet und bewiesen, daß mit diesen geringen Mitteln eine klanglich höchst befriedigende Wirkung zu erzielen ist. Damit ist die Frage, ob Bach nicht gern größeren Aufwand getrieben hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, jedoch keineswegs entschieden. Und daß in modernen, großen Konzertsälen größere Besetzungen notwendig sind, bleibt weiterhin wahr.

Aber die heutigen Instrumente klingen anders als die Oboen und Geigen des 18. Jahrhunderts, und erst durch Harnoncourts Wiederherstellung der authentischen Klangverhältnisse weiß man, in welchen Proportionen moderne Instrumente zu verwenden sind, um das Gleichgewicht zwischen Bläsern und Streichern herzustellen.

Was den Durchschnitts-Käufer indessen am meisten verbluffen wird: Alle Altstimmen, solistische wie chorische, werden nicht von Knaben, sondern von falsettierenden Männern gesungen. Und das ist kein moderner Notbehelf, sondern eine zu Bachs Zeiten gängige Praxis.

Die Chöre singen mit viel Klang- und wenig Kraftaufwand; die Turbae wirken nicht durch Lautstärke, sondern durch rhythmische Präzision und deutliche Artikulation; das zeichnet auch den Gesang des Evangelisten und des Christus aus.

Während die Bläsersolisten durchweg mit hoher Eleganz spielen, klingen die Streicher oft recht betrüblich. Daß die Christus-Rezitative fast ohne Vibrato begleitet werden, ist gut und schön. Aber je "gerader" der Ton, desto sauberer sollte er gegriffen werden. Die Manier, von zwei Achtelpaaren das erste stark zu akzentuieren und dafür das zweite um so mehr zu vernachlässigen, zerstört oft die musikalische Linie.

Dies ist am deutlichsten beim Eingangschor zu hören: Er klingt, als ob viermal bei jedem Takt dessen Lautstärke reguliert würde. All diesen Mängeln zum Trotz ist diese Aufnahme der Matthäus-Passion die wichtigste Neuerscheinung des Frühjahrs.


DER SPIEGEL 15/1971
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