01.02.1971

AFFÄREN / MENGLERPrall gefüllt

Nach weintrunkener Nacht beteuerte Darmstadts Oberbürgermeister Dr. Ludwig Engel: "Jakob, wenn ich könnte, würde ich dich noch heute zum Baron schlagen."
Der so Geadelte, der 1966 das Angebot unterbreitet hatte, kommunale Bauten Im Alleingang zu erstellen und auch zu finanzieren, blieb fortan dankbar: "Der Ludwig ist der beste Freund, den ich in Deutschland habe."
Jetzt, im Winter, kühlte das Verhältnis ab. Denn Jakob, der Darmstädter Haus-Architekt und Bauherr Jakob Wilhelm Mengler, 56, war, so der Jungsozialisten-Sekretär Günther-Philipp Müller, "zwischen die Scharniere der Parteien geraten".
Als Streusand Im kommunalen Getriebe erwiesen sich Kontakte des SPD-Genossen Mengler zur CDU: Vor Monaten hatte der Architekt Büromöbel der Christdemokraten für 8125,09 Mark bezahlt, jetzt jedoch das Geld zurückgefordert, als er "Bande der Freundschaft" zerrissen sah. Grund: Die Christdemokraten drohten entgegen der "Zusage eines Freundes" (Mengler), ihre Zustimmung zu einem geplanten Mengler-Projekt zu versagen.
Daß Mengler auch mit der Konkurrenz verkehrt, war für die Genossen neu. "Damit dürfte", entschied OB Engel einen Monat vor seiner Pensionierung, "die Zusammenarbeit mit Herrn Mengler beendet sein"; und Spender Mengler empfand: "Die haben mich beschisse von hinne bis vorne."
Für Darmstadts Jungsozialisten offenbarte sich freilich hinter dem Spenden-Transfer -- das CDU-Geld hat jetzt das Rote Kreuz -- noch mehr. Sie trauten weder Christdemokraten noch den eigenen Freunden. Prompt entwickelten sie eine mathematischpolitische Gleichung: "8125 Mark entfallen auf 20 CDU-Mitglieder im Stadtparlament, wieviel entfallen auf die 29 SPD-Mitglieder?" Und weil die Antwort auf die Frage den Genossen peinlich Ist, rufen sie nach der Parteiordnung, die Jusos gar nach Herrn Menglers Mitgliedsbuch.
In zu enge Tuchfühlung mit dem Selfmademan vom Bau, der 1949 seine Karriere mit 5000 Mark auf Pump begonnen hatte und mittlerwelle nach eigenen Angaben etwa 1,3 Milliarden Mark verbaut hat, waren Darmstadts Stadtverwalter geraten, als sie kommunale Bauprojekte dem Unternehmer Mengler mit Bau und Finanzierung übertrugen
So stampfte Mengler in den letzten sechs Jahren "In einer nahezu wettbewerbsfreien Zone" (FDP-Fraktionschef Hermann Kleinstück) aus oder in den städtischen Boden: vier Tiefgaragen mit 1300 Plätzen, zwei Atombunker, ein Parkhaus-Hotel und auf historischem Gelände das Schloß-Café, das bei seiner Einweihung Gesellschaftskritiker auf den Plan brachte: "Enteignet den Axel von Darmstadt."
Während andere Kommunen in Zeiten der Rezession ihre Baulust zügelten, tönten in Darmstadt die Rammfräsen -- dank des ideologiefreien Finanziers Mengler ("Ob ich ein Klo baue oder ein Polizeipräsidium, das ist mir egal"), der dabei freilich auch die Bedingungen diktieren konnte.
So sicherten die Kommunalgremien zu, daß in einem Umkreis bis zu 500 Meter um Menglers Tiefgaragen Parkverbotszonen eingerichtet werden sollten. Ohnehin hatten sich die Kommmunalspitzen bereits beim ersten Tiefgaragenbau verpflichtet, daß, so Mengler, "weitere Parkhausbauten auf städtischem Grund und Boden mir zum Bau und Betrieb angeboten werden sollen". Ein Vertragsvermerk wurde zwar laut Mengler "aus rechtlichen Gründen nicht aufgenommen, die Stadt wollte jedoch entsprechend verfahren".
An Wortbruch schien ohnehin niemand zu denken. Der kleinwüchsige Mengler, der oft mit zwei prall gefüllten Aktentaschen zu Interventionen ins Rathaus eilte und zuweilen in cholerischen Ausbrüchen die Stadtväter als "Gangster wie in Chicago" titulierte, ließ sich die Liebe zur Heimat etwas kosten. Mal waren es 22 000 Mark für eine Rechnung im SPD-Wahlkampf, mal 50 000 Mark für einen Aufzug Im Altersheim. Insgesamt spendete der Bau-Mäzen der Stadt und seinen SPD-Genossen 415 000 Mark -- eine Spende von 5000 Mark beim Übertritt von der CDU zur SPD im Jahre 1961 mit eingeschlossen, dagegen nicht eingeschlossen, so Mengler, "der Darmstädter Sportverein 98 mit weit über 150 000 Mark".
Der künftige Rathausbau in ferner Zeit und das, was darunter entstehen soll -- eine dreistöckige Tiefgarage am Luisenplatz, deren Bau Mengler brauchgemäß wieder übernehmen sollte -, störte indes das Verhältnis zwischen Kapitalgeber und Mandatsträgern. Zwar hatten OB Engel und Magistratsmitglleder bereits einen Vertrag mit Mengler ausgehandelt und gar paraphiert (Mengler: "Wie in Moskau"), doch OB Engels Nachfolger Heinz-Winfried Sabais mochte die "Hypothek" (Mengler) seines Vorgängers nur ungern übernehmen. Eine Mehrheit der Stadtverordneten beschloß schließlich, daß neben Mengler noch andere Investoren zu Angebotsabgaben aufgefordert werden.
Vergeblich appellierte Alt-OB Engel, der sich an seine Abmachungen mit dem Bauherrn Mengler gebunden fühlt, an die Moral und Fairneß. Mengler indes, der kürzlich wieder einmal eine Spendenquittung der Stadt Darmstadt zu den Akten nahm -- diesmal als Ausgleich für zuviel bezahlte Grundstückskosten in Höhe von 55 781 Mark -, bereitet derzeit seine mögliche Gegenrechnung vor: Schadensersatz in Höhe von 2,6 Millionen für "Nichteinhaltung von vereinbarten Parkverbotszonen" sowie von 22 Millionen wegen "Nichteinhaltung einer Zusage einschließlich Paraphierung der Vereinbarung".
Die Aussicht auf Dauerklagen mit dem Duzfreund schreckte die Darmstädter Brüderschaft vollends. Darmstadts neuer dichtender OB Sabais ("Über allem sei Liebe!") ermunterte letzte Woche den gekränkten Baulöwen zu neuen Taten: "Ich hoffe, daß Sie ein interessantes Angebot ... das der Konkurrenz stichhält, abgeben."

DER SPIEGEL 6/1971
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