01.02.1971

ITALIENErhobene Faust

Der Schauplatz: ein Hinterhof in der düsteren Via Colletta zu Mailand. Dort finden, nach diskreter Leibesvisitation auf Zeitbomben, allabendlich an die 800 Gäste, vornehmlich Arbeiter und Studenten unter 35, Einlaß in eine ausrangierte Werkhalle. Sie kommen nicht nur aus dem umliegenden Proletarierviertel, sondern aus ganz Mailand und seiner Provinz, zuweilen sogar aus Turin, Bologna und Rom, um Mailands jüngstes Theater, das "La Comune", zu besuchen.
Allabendlich, seit Wochen nun schon, brechen sie in Gelächter aus über eine effektgeladene Mischung von Dokumentartheater und Commedia dell'arte, die ihnen schlimmste italienische Verhältnisse vor Augen führt: "La Comune" präsentiert die Farce "Morte accidente di un anarchico" (deutsch: Zufälliger Tod eines Anarchisten). Autor und Hauptperson des Stücks, zugleich Gründer und erster Mann der "Comune", ist Dario Fo, 45.
Schon im Prolog reizt Fo zu bissigem Lachen. Sein "Zufälliger Tod", so gibt er scheinheilig vor, behandle einen Fall, der sich ursprünglich 1921 in New York zugetragen hat und den er, Fo, nur deshalb ins Mailand der Gegenwart verlegt habe, um ihn aktueller erscheinen zu lassen.
Doch jeder "Comune"-Besucher weiß: Gemeint ist in Wirklichkeit die skandalöse Geschichte vom Eisenbahner und Anarchisten Giuseppe Pinelli, der im Dezember 1969 nach dem - noch immer unaufgeklärten - Bombenattentat auf eine Mailänder Bank festgenommen wurde und bei nächtlichem Verhör aus einem Fenster des Polizeipräsidiums zu Tode stürzte. Offizielle Verlautbarung: Pinelli - dessen Unschuld inzwischen so gut wie erwiesen ist - habe Selbstmord verübt. Der Sündenbock war gefunden, eine behördliche Untersuchung blieb ohne Erfolg, der Fall kam, trotz aller Proteste aus der Öffentlichkeit, zu den Akten.
In Fos Theater wird er nun wieder aufgerollt - hervorgeholt von einem Irren (Dario Fo), der soeben einer Anstalt entsprungen ist und sich im Polizeipräsidium als Untersuchungsrichter aus Rom vorstellt. Seine Aufgabe, so sagt er, sei es, die wegen der Fenstersturz-Affäre so vielfach verdächtigten Polizei-Offiziere endlich reinzuwaschen.
Aber das Resultat, von den naiven Fragen des verrückten Revisors provoziert, sieht ganz anders aus. Der Polizeipräsident und die Kommissare verwickeln sich in immer neue lachhafte Widersprüche und Ungereimtheiten.
So kommt, was bisher vertuscht und verschwiegen wurde, was faul ist im Staate, jetzt schillernd zutage. Die Farce wird, bei allem Publikums-Gelächter, zu einem Lehrstück ganz nach Fos Geschmack: Nur eine Revolution, belehrt er, kann da noch Abhilfe schaffen.
Derartige Lehren verbreitet der ehemalige Kunst- und Architektur-Student, der 1953 seine erste Schauspieltruppe sammelte und nebenbei als Drehbuchautor für Dino De Laurentiis arbeitete, schon seit Jahren. Dabei hat er eine große Karriere im Konsumtheater hinter sich. Noch 1962 galten Fo und Ehefrau Franca Rame - heute Prinzipalin der "Comune" - als bestbezahlte Bühnen- und Fernseh-Stars. Das Paar spielte im Piccolo Teatro, es gastierte in ganz Italien. Dann jedoch kam es wegen eines politischen Fo-Sketchs beim alljährlichen "Canzonisslima"-Fernsehfestival zu einem Krach, der selbst im Parlament diskutiert wurde.
Fo und Frau verzichteten fortan auf ihre schönen TV-Gagen, das konventionelle Theater wurde ihnen suspekt. Sie spielten lieber in Tanzsälen, Gewerkschaftsräumen und Kinos fürs Volk - und dies mit so klassenkämpferischem Elan, daß selbst die Kommunistische Partei Italiens von ihren beiden Mitgliedern abrückte. 1968 war Fos neue Truppe organisiert.
Mit mittelalterlichem Volkstheater und Stücken wie "Der Arbeiter kennt 300 Wörter, der Padrone aber 1000, deshalb ist er der Padrone", zog sie durch Italien und brachte es vor 250 000 Zuschauern in 100 Städten auf 411 Aufführungen. Im Herbst 1970 schließlich wurde der feste "Comune"-Standort in Mailand (Jahresmiete: 27 000 Mark) eröffnet - als privater Klub, damit unter anderen auch Jugendliche unter 18 die Aufführungen besuchen können. Denn die öffentliche politische Verführung Minderjähriger wird in Italien vom Gesetz bedroht.
So erhält jeder Besucher für 1000 Lire (5,90 Mark) eine Mitgliedskarte, die ihn berechtigt, allen künftigen "Comune"-Darbietungen zum Einheitspreis von 700 Lire beizuwohnen. Die Abendeinnahmen in Mailand, wo es mittlerweile mehr als 10 000 Mitglieder gibt, betragen etwa 3000 Mark. Jeder Schauspieler, von der letzten Charge bis zum Chef, der diese Bezeichnung ablehnt, so sehr sie auch stimmt, bekommt eine Monatsgage von 1060 Mark plus Spesen - und dafür steht er nicht nur auf der Bühne, sondern dient zudem als Licht- und Tontechniker, Kassierer, Bühnenarbeiter, Auskehrer.
Von seinem Stützpunkt in der Via Colletta aus will Fo mit seiner Genossenschaft auch weiterhin auf Gastspielreise in die theaterlose italienische Provinz ziehen. Er will seinen Landsleuten die Verrücktheiten, Widersprüche und Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft zeigen, er will die Zuschauer aktivieren und zur Revolution aufrufen, wie er es gegenwärtig in Mailand tut:
Am Schluß des "Zufälligen Todes" grüßen seine Schauspieler mit erhobener linker Faust von der Bühne, dann beginnt die meist stundenlange Diskussion mit dem Publikum.
Nebenbei freilich dienen Dario Fo und Franca Rame noch immer der alten Konsumbühne: Sie gehören zur Geschäftsführung des bourgeoisen Mailänder Plüschtheaters "Manzoni", wo zur Zeit die mediokre italienische Version von "Hair" zu sehen ist.

DER SPIEGEL 6/1971
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