01.02.1971

ROSA VON PRAUNHEIMSeelisch verkümmert

"In Deutschland", schrieb der Berliner Filmemacher Holger Mischwitzky, 28, "wird jedes vielversprechende Talent vom Kulturbetrieb absorbiert." Sein bestes Beispiel: Rosa von Praunheim.
Unter diesem Pseudonym dreht der in Riga geborene ehemalige Kunststudent, Ballett-Eleve und Galerie-Besitzer Mischwitzky seit drei Jahren Schmalfilme, mit denen er "persönliches Denken in gesellschaftliches Denken" überleiten will. Und die Gesellschaft greift zu:
Für den Praunheim-Film "Rosa Arbeiter auf Goldener Straße" hatte der Bund im Jahre 1969 eine "Kulturfilmprämie" parat, im gleichen Jahr waren die Praunheim-"Schwestern der Revolution" dem Mannheimer Filmfestival einen goldenen "Film-Dukaten" wert, und 1970 kamen die ersten Fernseh-Aufträge -- von ARD und ZDF zugleich.
Fürs Erste Programm konnte der durch privaten Kontakt mit dem Milieu vertraute Regisseur einen "Schwulenfilm" (von Praunheim) herstellen, der jedoch erst im September auf den Bildschirm kommt. Programmatischer Titel: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Schon am Dienstag dieser Woche dagegen hat "eine humoristische Dialektik" von Praunheims ihre ZDF-Premiere (22.45 Uhr, Farbe), in der 70 Minuten lang eine banal-erotische Zweierbeziehung von Laiendarstellern aus dem Stegreif abgehandelt wird -- "Die Bettwurst".
Bettwurst, das ist -- so die Programmankündigung -- "der zärtliche Ausdruck für eine kleine Nackenrolle, die Luzi ihrem Dietmar zur ersten gemeinsamen Weihnacht schenkte". Getroffen hat Luzi (Luzi Kryn), eine dralle, ledige Enddreißigerin, ihren arbeitslosen Dietmar (Dietmar Kracht), der nach tristen Jugendjahren auch schon in Frankfurt "bei leichten Mädchen Trost gesucht und manchmal bei schweren Jungs geschlafen" hat, in Kiel, wo sich die Liebesgeschichte zunächst ganz alltäglich entwickelt.
Die beiden gehen gemeinsam spazieren und zum Tanztee, dann in Luzis gepflegte Kleinbürgerwohnung und schließlich ins Bett. Dietmar hilft beim Staubsaugen, sucht sich einen Job, und nach dem "schönsten Weihnachten, wo ich je erlebt habe" (Dietmar) -- Luzi schenkt die Bettwurst" Dietmar ein glutäugiges Frauenporträt aus dem Kaufhaus -, wird auf der Stelle Verlobung gefeiert.
Daß die Glückskinder schließlich auch noch in die weite Welt und in eine "Gemeinschaft von Vielen" (von Praunheim) flüchten müssen -- diese Utopie verdanken sie einem Regie-Einfall, mit dem Praunheim zugleich dem alten Hollywood-Kino seine Reverenz erweist: Unverhofft melden sich die "schweren Jungs" aus Dietmars Vergangenheit und entführen Luzi an den Strand. Doch der wütende Dietmar, der plötzlich "Macbeth"-Verse keucht ("Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke?"), holt die Kidnapper ein, legt einen Gangster um und rettet sich klagend -- " Oh, was habe ich nur getan!" -- mit Luzi in ein startbereites Flugzeug.
So grotesk und unterhaltsam von Praunheims Trivial-Handlung auf dem Bildschirm erscheint -- die "Bettwurst" hat dennoch die Qualitäten eines seriösen, wohldurchdachten Soziogramms. Denn dieser ohne Drehbuch in zehn Tagen aufgenommene Film will vor allem als dokumentarisches Zustandsbild der beiden Hauptdarsteller verstanden sein. In ihren oft ungelenken Dialog-Improvisationen, Balz-Arien ("Ich liebe dich unwahrscheinlich") und Alltagsgewohnheiten ("Bei mir herrscht Ordnung"> enthüllen sie jederzeit, was auch der Filmemacher in ihnen sieht: Sie sind leidende, durch ihre Lebensumstände seelisch verkümmerte Existenzen.
Brauchbare "Zusatzinformationen" (von Praunheim) über die Protagonisten liefert sogar der gekünstelte, gar nicht mehr dokumentarische Schluß: Dietmar stilisiert seine Rächer-Rolle pathetisch zum tragischen Helden, die vitale Luzi behält auch in gespielter Todesnot ihren gleichmütigen, unerschütterlichen Tonfall bei.
Rosa von Praunheim, der seinen Film auch als "Ergebnis meiner Beziehungen zu den Hauptpersonen" rechtfertigen kann -- Luzi ist seine Tante. Dietmar hat ein Jahr bei ihm gelebt -, hofft überdies, daß sich viele Zuschauer in der "Bettwurst" wiedererkennen und "erfahren, wie lustig unsere eigene Dummheit ist".
Von Dummheit soll auch Praunheims schon abgedrehter ARD-Film handeln, mit dem er "gegen Spießer und Schwule gleichermaßen aggressiv" In Dokumentar- und Spielszenen für die "Emanzipation der Homosexuellen" zu Felde ziehen will. Dann folgt (Drehbeginn dieses Frühjahr In Cornwall) eine filmische "Macbeth"-Version fürs ZDF, dann (Arbeitstitel "Tagebuch in Rosa") ein ebenfalls von Mainz finanzierter "Weltreisefilm". Danach: Vollendung des schon begonnenen Film-Bekenntnisses "Zweierbeziehungen sind schädlich" und eventuell ein Buch zum ARD-Film.
Und dann? Rosa von Praunheim-Mischwitzky, einer der ehrlichsten Nachwuchsfilmer in Deutschland, hat Angst davor, vom Kulturbetrieb auch noch völlig absorbiert und ein Profi zu werden: "Wenn einer erfolgreich ist", sagt er, "dann passiert nichts mehr." Also wird er nach den nächsten Projekten "eine lange Pause oder mal was ganz anderes machen".

DER SPIEGEL 6/1971
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