26.10.1970

PROZESSE / BEAMTEUnter Zwang

Als Schüler war er ein Überflieger, als Verbindungsstudent auf Säbel brillant. Im Krieg brachte er es vom Gemeinen zum Major. Und als Regierungsvermessungsdirektor im münsterländischen Kreisstädtchen Coesfeld bezeichnete sich Friedrich Johann, 63, gern als "letzten Preußen".
Im Coesfelder Amt für Agrarordnung schätzten Vorgesetzte wie Untergebene den gelernten Vermessungsingenieur als korrekten, tüchtigen und überdurchschnittlich befähigten Staatsdiener. Im Beamtenbund war er der Vorsitzende der Fachgruppe technischer Beamter.
Auch in der kleinen Coesfelder Gesellschaft galt Johann etwas. Er präsidierte dem örtlichen Tennis- und dem Rotary-Club. Die Weine in seinem Keller waren erlesen. Im Coesfelder Restaurant "Alter Kiff" gab der Mercedes-Fahrer, der Meraner Maßanzüge bevorzugte, stets stattliche Trinkgelder -- auf Staatskosten.
Am Freitag vorletzter Woche verurteilte die 8. Kammer des Landgerichts in Münster den Beamten wegen Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung zu viereinhalb Jahren Freiheitsentzug und 10 000 Mark Geldstrafe. Denn Johann hatte nach eigenem Geständnis von 1955 bis 1970 insgesamt 1 567 891,85 Mark öffentliche Gelder in die private Tasche gesteckt.
Als leitender technischer Beamter für die Flurbereinigung konnte Johann Hilfskräfte -- Schüler, Studenten und auch selbständige Landwirte -- aus den umliegenden Dörfern mit sogenannten "Hand- und Spanndiensten" beschäftigen. Die Namen dieser Helfer trug der Regierungsdirektor in eine Liste ein. Nach dieser Aufstellung wurde entlohnt, in der Regel durch die örtliche Spar- und Darlehnskasse.
Ein Hilfsarbeiter ging mit den bereits von seinen Kollegen quittierten Belegen zum Schalter und holte für alle das Geld. Nachdem es aber bei diesem Vorgang zu Differenzen gekommen war, ging Johann fortan persönlich zur Kasse.
1955 setzte der Beamte irrtümlich auf die Lohnliste für den Flurbereinigungsbezirk Lette einen Helfer, der gar nicht mehr zur Truppe gehörte. Als Johann feststellte, daß ihm auch für diesen Mann anstandslos der Lohn ausgezahlt wurde, ging ihm auf, wie "lächerlich einfach das war". Dann gab es für den Staatsdiener, der sich in jenen Jahren in seiner Behörde nicht recht wohl fühlte, "kein Halten mehr". Ab Juli 1955 erfand Johann Gelegenheitsarbeiter und kassierte den Lohn der fiktiven Hilfskräfte.
Noch im selben Jahr nahm er rund 8000 Mark ein. Jahr für Jahr dynamisierte er seine Einkünfte bis zu knapp 190 000 Mark pro anno. Auch in der Rezession 1966/67 verhielt er sich konjunkturgerecht. Er reduzierte um einige tausend Mark.
Eine regelrechte "Geistertruppe", so Staatsanwalt Raimond Waltermann in der Verhandlung, stellte Johann mit den Namen ehemals von ihm Beschäftigter zusammen. Ihre Unterschriften kannte er "noch von früher" (Johann) und fälschte sie beim Quittieren auf der Lohnliste.
Für diese Gruppe bestand der Regierungsdirektor auch dann noch auf Barauszahlung, als im behördlichen Geldverkehr längst bargeldlose Kontenzahlung üblich war. Verdacht aber erregte Johann weder bei den Vorsitzenden der jeweiligen Teilnehmergemeinschaften zur Flurbereinigung, von denen die Listen gegenzuzeichnen waren, noch bei seinem Dienststellenleiter oder der Dienstaufsichtsbehörde in Münster.
Und im Privatleben wußte der Beamte seinen Wohlstand zu erklären. Seiner Frau erzählte er etwas von gut dotierten Privataufträgen einiger Architekturbüros, die er am Wochenende erledige. Die Coesfelder Bekannten glaubten, seine dritte Ehefrau sei vermögend.
Erst als im Februar dieses Jahres Johann Urlaub machte und Oberinspektor Alfons. Bantoldus die richtige Lohnliste zur Anweisung der Spar- und Darlehnskasse in Heiden übergab, kam "die Ungereimtheit" im Kollegenkreis zur Sprache und schließlich zur Anzeige bei der Staatsanwaltschaft
Der Fall war klar, Johann geständig. Doch wo die anderthalb Millionen geblieben sind, konnte auch das Gericht in der vorletzten Woche nicht klären. Johann, dem "das Geld auf den Nägeln brannte", will "wie unter Zwang" auf Reisen und bei Barbesuchen alles ausgegeben haben.
Festgestellt wunde hingegen, daß Johann trotz seiner Millionen-Manipulation mindestens genauso billig gearbeitet hat wie andere Flurbereiniger. Er "lag mit seinen Kosten sogar meistens unter dem Durchschnitt", bekundete vor Gericht der Coesfelder Amtsleiter für Agrarordnung Joachim Lindig.
Und alles gelang einem offenbar schwerkranken Mann. Der Münsteraner Medizinaldirektor Dr. Joachim Hanecke diagnostizierte als Gutachter bei Johann: rund zehn Verwundungen und ebenso viele Krankheiten, zu niedrigen Blutdruck und Arteriosklerose sowie eine schwere Sepsis unter Hirnhautbeteiligung mit leichten neurologischen Symptomen. Johann war laut Gerichtsentscheid mir vermindert zurechnungsfähig.

DER SPIEGEL 44/1970
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