26.10.1970

FERNSEHEN / MILLIONENSPIELVor der Flinte

Am 3O. Oktober 1938 brach in New York eine Panik aus. Hunderttausende flohen aus der Stadt, als der Rundfunk die Landung von Marsmenschen meldete. Die Schreckensnachricht, die so viele Amerikaner verstörte, hatte sich Orson Welles für ein Science-fiction-Hörspiel ausgedacht.
Ähnlich fatale Auswirkungen einer Unterhaltungssendung hat es hierzulande noch nicht gegeben, Was sich jedoch während und nach der ARD-Show "Das Millionenspiel" am 18. Oktober 1970 ereignete, kam der amerikanischen Massenpsychose immerhin nahe: Fast 1000 Zuschauer riefen bei den deutschen TV-Redaktionen an, Hunderte schrieben empörte Briefe an Tageszeitungen oder beschwerten sich bei der Polizei.
Diese "größte Publikumsresonanz in der Geschichte des deutschen Fernsehspiels" (WDR-Dramaturg Peter Märthesheimer) hatte der Autor Wolfgang Menge mit einem utopischen, völlig frei erfundenen Quiz ausgelöst. Spielregel: Ein Kandidat wird von drei bezahlten Killern eine Woche lang durch die Bundesrepublik gehetzt. Erreicht er das ausgemachte Ziel, zahlt ihm das Fernsehen eine Million Mark. Kommt er vorher jedoch seinen Häschern vor die Flinte, wird er vereinbarungsgemäß abgeknallt.
Den makabren Spaß hatte der Autor auf die dramatischen Höhepunkte der Menschenjagd konzentriert und nur die Schlußphase breit ausgespielt -- als fiktive Live-Übertragung aus der Gartlage-Balle in Osnabrück. Dort stand die gläserne "Todesschlange", In der Kandidat Bernhard Lotz noch im Finale vor einem tobenden Publikum von dem Mörder-Trio angeschossen wurde. Dort moderierte der Showmaster Dieter Thomas Hech den bunten Abend. Dort tanzte ein Fernseh-Ballett. Zwischendurch warb der "Stabil-Elite-Konzern" mit raffinierten Film-Spots für Leichenschminke, die schlankmachende "Null-Pille" und das Potenz-Tonikum "Quell Monte Cario".
So eindeutig "dieses Arrangement als Satire auf die Routine-Programme des deutschen Fernsehens, etwa die abendliche Reklame, den "Goldenen Schuß" und Zimmermanns "XY", auszumachen war -- deutsche Fernsehzuschauer nahmen die in den achtziger Jahren spielende Utopie ganz ernst.
Anrufer protestierten gegen die "allergrößte Schweinerei, die uns jemals vorgesetzt wurde", und gegen den "bestellten Mord für Geld", Sie fragten, ob .es dem angeschossenen Kandidaten "schon besser geht", erkundigten sich nach der nächsten Folge des "Millionenspiels" und wollten wissen, warum die Mutter des Opfers "das wohl zugelassen hat". Emmy Bergmann, 61, aus München: "Ich habe die Sendung erst einmal gesehen, aber ich fand sie prima."
Spontan meldeten sich sogar Todeskandidaten für das Mörder-Quiz. "Für eine Million", erklärte ein Gastwirt aus dem Raum Erlangen, "mache ich mit." Und als er aufgeklärt wurde, daß die Jagd nur erfunden war, ließ er sich vormerken, "falls sie einmal Wirklichkeit wird".
Daß es eines Tages so weit kommen könnte, hält Günter Rohrbach, TV-Spiel-Chef des WDR" nicht für ausgeschlossen. "Wir haben", sagte er, "die jetzigen Verhältnisse übertrieben und In die Zukunft projiziert, um die Gegenwart erkennbar zu machen."
Schon jetzt bestehen im amerikanischen Kommerz-Fernsehen, wo es den Geldgebern aus der Wirtschaft ausschließlich auf hohe Einschaltquoten und den größten Werbeeffekt ankommt, drei Viertel aller Unterhaltungsdarbietungen aus Mord und Totschlag. Innerhalb von sieben Jahren, so haben Wissenschaftler ermittelt, Ist die Häufigkeit brutaler Darstellungen auf den US-Bildschirmen um 300 Prozent gestiegen.
Auch in Deutschland, wo das Fernsehen bislang noch öffentlich-rechtlich organisiert ist, scheint zumindest ein Teil des Publikums für das "Millionenspiel" reif zu sein: Ein Rudolf Kreutzer aus München etwa ließ wissen, daß er "lieber den Jäger als den Gejagten spielen" würde, "weil Ich sadistisch veranlagt bin". Carlos Renz aus Stuttgart möchte den Urhebern des Spiels, "diesen aktuellsten Arschlöchern der Bundesrepublik, sehr gründlich die Fresse polieren und die Zähne einschlagen. Vielleicht aber", so schloß er sein Fernschreiben an den WDR, "geht es schneller und vornehmer mit einem MG",
Was von solchen Äußerungen zu halten ist, das wollen die deutschen Sender nun Im Gespräch mit dem Zuschauer ergründen: Im ZDF-Kulturmagazin "Aspekte", im WDR-Magazin "Bitte umblättern" "und Im Stuttgarter Regionalprogramm werden Kritiker und Kandidaten-Anwärter vor der Kamera interviewt.

DER SPIEGEL 44/1970
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