26.10.1970

SPRACHE / NAMENGift auf der Zunge

Bedenk es wohl, eh du sie taufst! Bedeutsam sind die Namen", so riet einst Theodor Storm. Der deutsche Dichter war überzeugt, es gebe "ambraduftige" Mädchennamen, deren Klang allein die Männer betören könne. Er empfahl: "So schickt für Mädchen Lisbeth sich, Elisabeth für Damen."
Ein Name wie "Jeremiah Pegrum" hingegen, so will es der britische Kriminal-Romancier Nicholas Blake, soll die Vorstellung insinuieren, daß "Mord der beliebteste Wintersport der englischen Landbevölkerung" sei. Und die US-Autorin Ann Head glaubt sogar, Namen zu kennen, die "wie Gift auf der Zunge brennen" -- kein Zweifel, Namen können Vorstellungen über ihre Träger suggerieren.
Ob sie Sympathie oder Abneigung, Respekt oder Spott auslösen, bestimmen indes nicht allein individueller Geschmack und unwägbare Assoziationen, sondern auch "kontrollierbare, exakt nachweisbare" Gesetze -- zu diesem Schluß ist jedenfalls ein deutscher Sprachwissenschaftler gelangt, der Heidelberger Germanist Gerhard Eis, 62, in seiner jetzt erschienenen Schrift "Vom Zauber der Namen"*.
Der Professor mit dem Kulte suggerierenden Namen zieht in dieser Broschüre, in der er außer Storm und Blake noch über 200 andere Autoritäten namhaft macht, das Fazit aus 30 Jahren etwas abseitiger, doch "fröhlicher" Namensforschung.
Warum Kaiser Maximilian eine Kanone auf den Namen seiner Buhle Tays taufte, weshalb Wolfram von Eschenhach Rösser wie Ritter seiner "Parzival"-Epopöe mit bizarren Silbenverrenkungen wie " Guverjorz" und "Lischoys Gwelljus" titulierte, und selbst, wie es Morgenstern einfallen konnte, daß Seemöwen "wie Emma" aussehen -- Professor Eis glaubt es exakt erforscht zu haben. Seine Erkenntnis: Oft war Liebe im Spiel, manchmal Bosheit und fast immer das Repräsentationsbedürfnis.
Sicher wurde der Namensforscher seiner Sache aber erst, als er sie mit quasi psychologischen Tests erprobte: Um die Suggestion bewußt gewählter Namen in einem Erzählwerk zu prüfen, legte er beispielsweise einer Gruppe vorwiegend jüngerer Studenten, denen die Romane Hans Falladas unbekannt waren, je eine Rollenliste und ein Namensverzeichnis von "Wolf unter Wölfen" vor und ließ "passende" Namen zu "passenden" Rollen ordnen.
Ergebnis: Fallada verstand sich auf den Zauber der Namen; denn 99 von 100 Probanden tippten treffend: Nur ein "von Prackwitz" könne des Schriftstellers Rittergutsbesitzer" nur
Gerhard Eis: "vom Zauber der Namen". Erich Schmidt Verlag, Berlin; 128 Seiten; 19,80 Mark.
ein "Kniebusch" sein ängstlicher Förster und nur ein "Matzke" sein entsprungener Sträfling sein; die Adelspartikel nämlich verheiße Besitz, die Silbe "-busch" erinnere an Pirsch in Wald und Flur, und wer mit slawisch klingendem Endlaut "-ke" geschlagen sei, der neige zu asozialem Verhalten und müsse mit Zuchthaus rechnen. Nur ein einziger Test-Student nahm an, ein deutscher Förster könne "Matzke" heißen -- ein des Deutschen noch nicht ganz mächtiger Ausländer.
"Eindrucks- und Anmutungsqualität" eines Namens, so ermittelte Eis in anderen Tests, stehen in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Häufigkeit, zu seiner Übereinstimmung mit dem Duden und mehr noch zur Durchsichtigkeit seines Wortsinnes.
Schon orthographische Kinkerlitzchen wie die Anreicherung des banalen "Schmalz" um ein überflüssiges "t" zu "Schmaltz" können laut Eis einem Namen etwas "Charme" verleihen. Noch effektvoller ist es, einem Allerweltsnamen wie Theo Schmitz überhaupt zu entsagen und, mit dem "seriös" auf "-en" auslautenden Pseudonym "Theo Lingen", ein ganz neues Schauspielerleben zu beginnen. Vollends Namen mit Anreim geben Profil, und flotte Kürze verbessert es noch. Eugen Berthold Friedrich Brecht etwa, meint Eis, hat das geahnt und wurde bündig der Bert Brecht.
Je "dezenter" die Namengebung, desto kunstvoller die Literatur diese "naheliegende" Erwartung sah der fröhliche Namenkundler freilich enttäuscht. Thomas Mann etwa, so konstatiert er verblüfft, schätzte Namen von "schulmeisterlicher Direktheit": "Grobleben" heiße bei ihm, wer einer Philosophie des "groben Lebens" huldigt, und "Himmelsbürger" eine welke Jungfer, die sich "reich an Gottgefälligkeit" dünkt. "Raffiniert unauffällige" Namen, die ihre Suggestion "nur nebenbei" ausüben, fand Eis statt dessen bei der Lektüre von 300 Goldmann-Krimis.
Beliebt, doch nicht ganz unbedenklich scheint das Verfahren, Namen aus Geschichte und Gesellschaft, aus Literatur und Politik einfach zu borgen. Ungestraft konnte wohl ein deutscher Krimi-Autor namens Robert Ruck in seinem Roman "Zu wenig Zärtlichkeit" einer Putzfrau den Namen "Elisabeth Nölle" geben -- "wohl in Gedanken an die Allensbacher Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann" (Eis). Und in der DDR war es einst durchaus genehm, Zuchtbullen und Hengste beim Vornamen führender Sowjetmenschen zu rufen (was Eis nicht weiß. Otto Nuschke besaß ein Schwein namens "Walter Ulbricht"). Erst seit Chruschtschow wurde solcher Personenkult suspekt: Das DDR-Ministerium für Landwirtschaft und Forsten empfiehlt nun Tiernamen "aus dem (unpersönlichen) Agrargebiet".
Als jedoch 1955 der Basler Zoo einen Gorilla namens Christopher (deutsch: "Christusträger") ankaufte, gab es Entrüstung. "Es geht doch etwas zu weit", schrieb ein Schweizer Bürger damals an seine Zeitung, "einem Affen den Namen Christusträger zu geben ... eine Schande." Erst nach dem Basler Gorillastreit wurde bekannt, daß Papst Plus XII. ähnlichen Frevel begangen hatte: Der Verwalter des Stuhles Petri besaß eine Siam-Katze namens Peter.
Namensforschung, Gerhard Eis sagt es, ist eine heitere Wissenschaft. Eines indes entrüstet auch ihn: der unter Literaten verbreitete Brauch, auch Frauen von "untadeligem Ruf" wie die Dichterinnen Annette (von Droste-Hülshoff) und Bettina (von Arnim) beim bloßen Vornamen zu nennen. Diese "geradezu atavistische Primitivreaktion" habe nämlich, so ermittelte der Professor, ihren "eigentlichen Ort" in Polizeirevieren, Gerichtssälen und in der Redaktion von "Bild": "Vera (Brühne) spielte das "Mörderspiel."

DER SPIEGEL 44/1970
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