31.08.1970

NAHER OSTEN / IRAK

In den Abgrund

Libyens Präsident Gaddafi schüttelte den Kopf: "Er ist verrückt geworden -- hoffnungslos." Gemeint war ein arabischer Staatschef: der irakische Präsident Hassan el-Bakr.

Nasser-Freund Gaddafi war Anfang August nach Bagdad geflogen, um Bakr für die elastische Nahost-Politik des ägyptischen Präsidenten zu gewinnen. Doch der Libyer reiste vergebens. Bakr: "Nasser ist ein Bluffer. Einmal wird er das arabische Volk in den Abgrund stoßen."

"Der Irak muß jetzt die Hauptverantwortung im Kampf gegen die defätistischen arabischen Nationen übernehmen, die die Friedensverhandlungen billigen", tönte Radio Bagdad letzte Woche, als Uno-Unterhändler Jarring in New York seine Dialoge mit den Abgesandten Ägyptens, Jordaniens und Israels begann.

Nie zuvor schienen die Friedenschancen im Nahen Osten so groß. Nie zuvor aber auch waren die militärisch stärksten Araber-Staaten in Nahost -- Ägypten und der Irak -- so zerstritten.

Seit Nasser sich zu Waffenstillstand und indirekten Verhandlungen mit Israel bereit erklärt hat, fühlen sich die Iraker als Bannerträger des Heiligen Kriegs gegen die Juden, hoffen sie, dem Ägypter den Führungsanspruch in der arabischen Welt streitig zu machen.

Schon Bakrs Vorgänger Kassim und Arif hatten jede Bevormundung durch den "Afrikaner" Nasser abgelehnt: Von jeher fühlen sich die Herrscher an Euphrat und Tigris den Arabern vom Nil überlegen, von jeher glaubten sie allein sich zur "Baath el-Arabi", zur "arabischen Wiedererweckung" berufen. Baath nannten sie ihre panarabisch-revolutionäre Partei, deren linker Flügel seit 1963 in Bagdad regiert.

Nun soll der Traum von der irakischen Führung endlich Wirklichkeit werden. "Keine Kapitulation ... Krieg, Krieg, Krieg ... Kampf, Kampf, Kampf", hämmerten Kommentatoren von Radio Bagdad in die arabische Welt, während Nasser die auf ägyptischem Boden stationierten Sender der Palästina-Guerillas abschalten ließ. Staatschef Bakr polterte: "Wer den Rogers-Plan annimmt, ist ein Verräter." Bakr-Emissäre reisten durch den Nahen Osten und Nordafrika, um die Stimmung gegen Nasser anzuheizen.

Doch die erhoffte Wirkung blieb aus. Statt den Ägypter bei den arabischen Brüdern zu isolieren, manövrierten sich die Bagdader Baathisten selbst in die totale Isolierung -- innerhalb wie außerhalb der arabischen Welt:

Jordaniens König Hussein fürchtet, daß ihm die Iraker nach dem Leben trachten." Subversive Elemente", so hieß es nach Meldungen Beiruter Zeitungen in einem Truppenbefehl des Herrschers, "sind in unsere Armee eingeschleust worden, um mich ... umzubringen." Über die Hintermänner des Komplotts besteht in Amman kein Zweifel: das Bagdader Regime.

Zwischen den Baathisten in Bagdad und den Baath-Brüdern im syrischen Damaskus herrscht schon seit Jahren erbitterte Feindschaft: Beide Baath-Flügel beanspruchen die Führung in der panarabischen Bewegung.

Erst Mitte August, so meldete das libanesische Blatt "Al-Rayah", konnten die Syrer wieder einmal einen von Bagdad angezettelten Putsch-Plan aufdecken. Radio Damaskus schimpfte den irakischen Präsidenten einen "skrupellosen Pokerspieler mit dem Schicksal der irakischen Nation".

Selbst die treuesten Freunde des Bakr-Regimes außerhalb der arabischen Welt, die Russen, zürnen inzwischen den Irakern. "Unbegreiflich" fand die "Prawda" den irakischen Propaganda-Krieg gegen Kairo und tadelte die "arabischen Extremisten" in Bagdad.

Eine irakische Delegation unter Leitung des Vizepräsidenten Hardan el-Takriti empfingen die Sowjets auf unterster Protokollstufe. Staatschef Bakr braucht jedoch die Gunst der Sowjets. Denn Moskau

* rüstet die irakischen Streitkräfte zu 80 Prozent aus,

* liefert Bagdad eine moderne Fischfangflotte,

* baut den Hafen von Basra aus, > errichtet für rund 350 Millionen Mark einen Euphrat-Staudamm. Gleichwohl setzte Bakr seinen Propaganda-Feldzug gegen Nasser fort. Denn der Kalte Krieg gegen den Ägypter dient nicht nur den panarabischen Ambitionen der Baathisten -- er soll Bakr vor allem auch Entlastung an der irakischen Heimatfront schaffen:

Seit seiner Machtergreifung kämpft das "von fast allen Seiten bedrohte Regime mit einer selbst für irakische Verhältnisse seltenen Brutalität um seine Existenz" (so der Nahost-Publizist Heinrich Kaster).

Über 100 Todesurteile ließ Bakr inzwischen -- zum Teil öffentlich -- vollstrecken, die Gefängnisse sind überfüllt. Um politisch zu überleben, erzeugte der Diktator "eine epidemieartige Furcht, gegen die kein Iraker wirklich immun ist" ("The New York Times"). Im Juli bestätigte Bakr selbst, wie gefährdet er ist: Er warnte "nachdrücklichst die Putschisten".

Die potentiellen Umstürzler sitzen vor allem im 18 000 Mann starken Expeditionskorps" das in Jordanien und Syrien an der Israel-Front steht.

Ein jordanischer Stabsoffizier über die irakischen Truppen in seinem Land: "Ein Sammelsurium erbitterter Feinde der Bagdader Baathisten -- von Bakr an die Front abgeschoben."

Jordaniens Hussein konnte daher auch letzte Woche die Bakr-Truppen zu weiterem Verweilen auf seinem Territorium auffordern: Er glaubt, daß die irakischen Kommandeure weder auf Bakrs Befehl gegen ihn kämpfen, noch sieh, wie von Bagdad gemeldet, dem Guerilla-Führer und Zivilisten -- Arafat unterstellen lassen.

Arafat, der sich nach Nassers Jawort zum Rogers-Plan zunächst blindlings in die Arme Bakrs gestürzt hatte, scheint ohnedies keine Freude mehr an dem Bündnis mit dem cholerischen Iraker zu finden. Letzte Woche konferierte der Guerilla-Chef in Kairo. Nasser einigte sich dabei mit Arafat offenbar auf einen Modus vivendi -- um die Fedajin im New Yorker Friedens-Poker "als Erpressungsmittel zu verwenden" (Radio Damaskus).

Doch Nasser machte Bakr nicht nur seine letzten arabischen Freunde abspenstig, er arrangierte sich auch mit den ärgsten Feinden des Irakers: den Persern, die wegen Grenzstreitigkeiten am Schatt-el-Arab-Fluß mit Bagdad fast in Kriegszustand leben.

Letzte Woche vereinbarte der Rais nach zehnjähriger Unterbrechung wieder einen Botschafteraustausch -- getreu der arabischen Devise ~ Feinde meines Freundes sind meine Freunde."


DER SPIEGEL 36/1970
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