05.10.1970

UNTERNEHMEN / FLAMMER WERKEOhne Chance

Am 31. Dezember dieses Jahres wollte Fabrikbesitzer Dr. Helmuth Ernst Flammer, 58, mit seinen 380 Arbeitnehmern das hundertjährige Betriebsjubiläum feiern. Vier Monate vor dem Firmengeburtstag rang sich der Prinzipal der Heilbronner Seifen- und Waschmittelfirma Flammer Werke KG zu einer "wirtschaftlich vernünftigen Entscheidung" durch: Die Produktion wird eingestellt.
Das traditionsreiche Familienunternehmen (Marken: Toki, Nylweiss, Dirndl-Seife) wurde ein Opfer des harten Wettbewerbs in der Bundesrepublik, in. dem nur noch Spezialunternehmen und kapitalkräftige Konzerne eine Überlebenschance haben.
Alle Anstrengungen der Heilbronner Firma (Umsatz 1969: 40 Millionen Mark), sich gegen die Großen der Branche -- Henkel & Cie., Procter & Gamble, Unilever -- zu behaupten, waren vergebens. Zwar hatten die Flammer-Werke in den letzten drei Jahren ihren Mengenumsatz um 70 Prozent steigern können, aber die Preise sanken im gleichen Zeitraum um 17 Prozent. Allein 1970 stiegen die Personalausgaben durch Arbeitszeitverkürzung, Lohnfortzahlung und Tariferhöhung um über 20 Prozent.
Die Gewinn-Marge des Unternehmens begann zu schrumpfen, als die großen Drei der Waschmittel-Branche (Marktanteil 82 Prozent) den kleinen Mitbewerber aus Heilbronn zunehmend aus den Regalen des Einzelhandels verdrängten. Um den Erlösverlust wettzumachen und die Produktionskapazität auszulasten, mußten die Flammer-Manager wie viele andere kleine Markenartikel-Hersteller für Kaufhäuser und Ladenketten Handelsmarken mit Phantasienamen produzieren.
Bei diesem Geschäft wurde aber von Jahr zu Jahr weniger verdient, Billig-Importe aus westeuropäischen Ländern ermöglichten es den Handelsbossen, die Preise ihres baden-württembergischen Lieferanten immer mehr zu drücken, so daß zum Schluß "nur noch für die nackten Selbstkosten produziert wurde" (Flammer).
Im vergangenen Jahr versuchten die Flammer Werke, sich einen neuen lukrativen Geschäftszweig anzugliedern: gesundheitsfördernde Nahrungsmittel. Um die eigens dafür gegründete "Vita I-Handelsgesellschaft" in die Gewinnzone zu bringen, fehlte Flammer jedoch das notwendige Kapital. Der Firmenchef sah keinen anderen Ausweg,
als die von Großvater Ernst Wilhelm 1871 gegründete einstige Wagenschmiere-Fabrik abzustoßen, Aber weder im Ausland noch in der Bundesrepublik fanden sich für die Produktionsanlagen Käufer.
Deutsche Konzerne zeigten lediglich Interesse an den Markenrechten und den Außendienst-Mitarbeitern der Flammer Werke. So wird die zur Oetker-Gruppe gehörende Firma Reese in Hameln etwa 50 Vertreter der Vita-Handelsgesellschaft übernehmen.
Für die 20 Waschmittelverkäufer von Flammer interessiert sich Unilevers "Sunlicht Industriebedarf" (SIB). Die bei süddeutschen Wäschereien und Krankenhäusern gut eingeführten Flammer-Mitarbeiter werden von den SIB-Managern mehr hofiert als der Firmenchef. Ihnen winken nicht nur höhere Gehälter, sondern auch respektable Altersbezüge. Da ihnen die Dienstzeit bei Flammer voll angerechnet wird, können sie es bei Unilever bis zur Höchstpension von 85 Prozent des letzten Netto-Monatsgehaltes bringen.
Um nach dem Exitus der Firma nicht ganz auf dem trockenen zu sitzen, will Altunternehmer Flammer in seinem ehemaligen Waschmittel-Sprühturm Produkte anderer Firmen im Lohnverfahren trocknen.

DER SPIEGEL 41/1970
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