05.10.1970

PRESSE / GEWERKSCHAFTENAn Ärger gewöhnt

So entläßt ein Kapitalist seine Putzfrauen", schrieb die Industriegewerkschaft Druck und Papier an die DGB-Zentrale in Düsseldorf.
Heinz Oskar Vetter, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Herausgeber der "Gewerkschaftlichen Monatshefte", hatte seinem Chefredakteur Professor Dr. Walter Fabian, 68, der seit 13 Jahren die Zeitschrift leitet, am Dienstag vergangener Woche ein Entlassungsschreiben zustellen lassen.
Einen Grund für den Hinauswurf gaben die DGB-Oberen nicht an. Fabian glaubt freilich zu wissen, warum er seinen Redaktionsstuhl verlieren soll. Der Vorsitzende der Humanistischen Union veröffentlichte in den "Monatsheften" kritische Analysen und Beiträge, die zuweilen von der offiziellen DGB-Marschrichtung nach links abwichen.
Heinz Oskar Vetter konnte den Sozialisten, der schon als 17jähriger im sozialdemokratischen "Vorwärts schrieb, nur selten dazu bewegen, nicht in die Linie passende Artikel wegzulassen oder allzu aufmüpfige Passagen zu entschärfen. Der altlinke Journalist, der vor den Nazis ins Ausland geflohen war, ist an Ärger mit der eigenen Fraktion seit Jahrzehnten gewöhnt. Schon 1931 wurde er aus der SPD ausgeschlossen. Grund: Wie der heutige Metallarbeiterführer Brenner hatte er damals gegen die Zustimmung der SPD-Minister zum Bau eines Panzerkreuzers während der großen Rezession opponiert.
Als er 1957 aus dem Exil in die Bundesrepublik zurückkehrte, verzichtete er von vornherein darauf, wieder der SPD beizutreten. Fabian: "Glücklicherweise, heute wäre ich bestimmt wieder ausgeschlossen."
Auch mit den Gewerkschaften hatte der Honorar-Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Frankfurt bereits vor sechs Jahren einen Frontalzusammenstoß. Zur Soldaten-Schinderei in der Garnisonstadt Nagold hatte Fabian 1964 in den "Gewerkschaftlichen Monatsheften" den Satz einrücken lassen: "Die Fallschirmjäger von Nagold sind als Typen nicht wesentlich verschieden von den Massenmördern des nationalsozialistischen Verbrecherstaates."
Als die CDU/CSU Fabian im Bundestag beschimpfte, wollten die DGB-Funktionäre dem Chef ihrer einzigen Zeitschrift von Niveau einen Maulkorb verpassen. Fabian jedoch schrieb an einen Freund: "Ich gedenke nicht, mich den verlangten Einschränkungen meiner Freiheit zu beugen." Damals wurde die schon geplante Entlassung auf Grund von Protesten aus allen Gewerkschaften zurückgenommen.
Auch das Entlassungsschreiben vom vergangenen Dienstag scheint DGB-Chef Vetter noch einigen Ärger zu bereiten. Die IG Druck und Papier, der Fabian und auch Bundeskanzler Willy Brandt angehören, will "die politischen Hintergründe "des Falles genau durchleuchten".

DER SPIEGEL 41/1970
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