05.10.1970

NAHER OSTEN / NASSEREs kann nicht sein

Millionen Menschen mit schmerzverzerrtem Gesicht, Hunderttausende öffentlich weinend, Hunderte ohnmächtig, Trauer im Grenzbereich zur Massenphrenesie -- das hat die Welt bislang nur einmal erlebt: nach dem Tod von Gamal Abd el-Nasser.
Zwischen Nil und Euphrat schien das Leben stillzustehen, als bekannt wurde, daß Ägyptens Staatschef am letzten Montag um 18.15 Uhr nach einem Herzanfall gestorben war.
In Beirut schossen Araber aus Trauer in die Luft; elf Menschen starben durch verirrte Kugeln. In Kairo geleiteten rund fünf Millionen den Hals zu Grabe. Frauen zerkratzten ihre Gesichter. Staatsdiener zerrissen ihre Gewänder. Verzweifelte Menschen verlangten schreiend: "Nein, es kann nicht wahr sein", und bestätigten sich selbst die Illusion: "Nasser lebt." 143 Ägypter starben an Herz- und Hitzschlägen oder wurden zu Tode getrampelt.
18 Jahre lang hat die hochgewachsene Gestalt des Ägypters die arabische Welt überragt, Symbolfigur für so irrlichternde, wirklichkeitsferne Werte wie arabische Einheit und arabische Revolution, Prätendent für den Thron der Dritten Welt nach dem Ausscheiden von Nehru und Sukarno, Akteur auf einer Bühne, die er als Gewinner und Verlierer, in Sieg und Katastrophe, stets beherrschte.
Die politische Bilanz des Gamal Abd el-Nasser ist so vieldeutig und widersprüchlich wie die menschliche. Er war ein Techniker der Macht, intrigant, mißtrauisch, skrupellos. Von General Nagib bis zu Marschall Amir säumen Scharen kaltgestellter oder gefeuerter Gehilfen den Weg des Hals. Aber Nasser war auch klug, gebildet, charmant -- und empfindsam bis zur Rührseligkeit. Zumindest zweimal ging seine politische Rechnung glänzend auf: 1952/54, als er erst den König Faruk, dann den General Nagib stürzte, und 1956, als er erstmals den Westen provozierte: Er zerriß das internationale Suezkanal-Abkommen, reizte damit Briten und Franzosen zur Intervention und stand schließlich dennoch als Sieger da: Unter dem Druck der Supermächte mußten die Interventen abziehen.
Zumindest einmal führte ihn die eigene Fehlrechnung bis an den Rand der Katastrophe: 1967, als er den Krieg in Kauf nahm, um die Israel-Frage mit Gewalt zu lösen. Soweit bekannt ist, war Nasser nach der Niederlage durch das eigene Versagen so sehr getroffen, daß er es ernst meinte, als er am 9. Juni weinend zurücktrat. Die Massen klatschten ihn wieder ins Amt -- ein gut geplanter Theatercoup, so schien es. Wahrscheinlich aber war es ein Psychodrama zwischen Volk und Rais, das rational nicht zu erfassen ist, aber doch wohl nicht nur nach Drehbuch gespielt wurde.
Nassers Sozialismus war zunächst ein ideologisch gestimmter Antifeudalismus, der es dem ersten erfolgreichen arabischen Revolutionär später ermöglichte, Pragmatiker zu werden (siehe Seite 132).
Zwar heizte er selbst den arabischen Nationalismus durch seine wortgewaltigen Kriegsreden gegen Israel an und sah sich dann in Sachen Revanche von den palästinensischen Extremisten überholt. Aber er hatte auch den Mut, das Band zu den Palästinensern zu zerschneiden, als er erkannte, daß auch ein Ägypten, das dank Moskauer Hilfe wieder zu Kraft und Selbstbewußtsein gekommen war, auf die Dauer keinen aussichtslosen Befreiungskrieg führen kann.
Bei seinem Besuch in Moskau überredete möglicherweise Nasser die Sowjet-Führung und nicht diese den Ägypter, den amerikanischen Friedensplan für den Nahen Osten anzunehmen -- eine historische Schwenkung, die den Nahen Osten erstmals dem Frieden näher zu bringen schien. Am 24. Juli gab Kairo die Annahme des amerikanischen Friedensplanes bekannt.
Die arabische Welt war geschockt, aber Nasser hatte die Stimmung im Volk wieder einmal instinktsicher eingeschätzt: Die ägyptischen Massen -- offenbar längst kriegsmüde -- folgten dem Rais. Seine Fehlrechnung lag allenfalls darin, daß er die Reaktion der übergangenen Palästinenser nicht abschätzen konnte. Im jordanischen Bürgerkrieg versanken vorerst die Friedenschancen.
Nasser versuchte zu retten: Obschon in Jordanien Tausende gefallen waren, brachte er den Guerilla-Chef Arafat und König Hussein dazu, am 27. September in Kairo Waffenstillstand zu schließen. Drei Tage später war der Rais, seit langem herz- und zuckerkrank, tot. Nasser, der immer den Krieg gepriesen und zweimal einen verloren hatte, starb in der Gloriole des Friedensstifters.
In Israel hatte er als gewissenloser Abenteurer, wenn auch als einziger ernst zu nehmender Partner gegolten. Im Westen war er angeklagt worden, weil er der Sowjet-Union den Weg ins Mittelmeer bereitet habe. Nach seinem Tod aber wurde die Welt sich plötzlich bewußt: Gamal Abd el-Nasser war trotz sphinxhafter Unberechenbarkeit, trotz seiner Brandreden und Irrtümer ein stabilisierender Faktor -- vielleicht der einzige -- inmitten der von totaler Dekomposition gezeichneten arabischen Welt.
Frankreichs "Monde" sah "eine große Leere" nach seinem Tod. Amerikas "Washington Post" ernannte ihn zum "größten Araber seit Stalin", Englands "Times" zum "einzigen großen Mann des Nahen Ostens", dessen Tod, falls er auch das Ende der Friedenspläne bedeute, selbst die Israelis bedauern dürften.
Der 90tägige Waffenstillstand zwischen Israelis und Arabern endet am 5. November. Einen Tag später endet auch die 40tägige Staatstrauer für Gamal Abd el-Nasser.

DER SPIEGEL 41/1970
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