05.10.1970

MEDIZIN / PSYCHIATRIE

Heil im Kollektiv

Im Wartezimmer können die Patienten Musik von Langspielplatten hören -- Balladen des Protestbarden Franz Josef Degenhardt. Über der Psychiater-Couch im Ordinationsraum hängt ein Bildnis Che Guevaras. Im psychedelisch-bunt tapezierten Therapiezimmer hat jemand einen Sowjetstern und die Vokabel "Wut" auf den Konferenztisch gekritzelt.

Eher einem Kommune-Haushalt als einer Arztpraxis gleicht die geräumige Altbauwohnung in Heidelberg, Rohrbacher Straße 12: Dort, gegenüber dem Polizeipräsidium, logiert das "Sozialistische Patientenkollektiv an der Universität Heidelberg" (SPK) -- eine Gruppe von Studenten, Lehrlingen, Arbeitern und Hausfrauen, die Marx, Marcuse und Medizin zu revolutionärer Synthese vereinen wollen.

Gemeinsam mit dem Assistenzarzt Dr. Wolfgang Huber, 35, ist das Patientenkollektiv Anfang März aus der Psychiatrischen Uni-Poliklinik in die Altbau-Praxis umgezogen. Die rote Neugründung, entstanden nach spektakulären Auseinandersetzungen innerhalb der Heidelberger Universität, signalisiert (so die "Frankfurter Allgemeine") das "Überschwappen der Universitätsrevolte in die Krankenzimmer

Daß vor allem die Krankenstuben in den psychiatrischen Kliniken revolutionären Zündstoff bergen, haben Westdeutschlands Neue Linke schon seit einiger Zeit entdeckt: In den meisten Hochschulstädten sammeln sich gegenwärtig progressive Jungärzte und medizinische Basisgruppen zum Kampf gegen die herrschende Psychiatrie -- die Medizin-Rebellen haben begonnen, neue Formen psychiatrischer Behandlung zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen.

Entschiedener als jede andere Gruppe hat sich dabei das Heidelberger SPK von der herkömmlichen Seelenheilkunde abgewandt: Für die Mitglieder des Kollektivs sind psychiatrische Therapie und marxistische Revolution nicht voneinander zu trennen.

Denn nach Überzeugung der SPK-Theoretiker liegen die Ursachen seelischer Krankheiten vor allem in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen -- im Leistungszwang der Konsumgesellschaft, in der Entfremdung am Arbeitsplatz und im kapitalistischen Konkurrenzprinzip, das viele Menschen in die Isolierung treibt.

Die etablierte Psychiatrie, so lautet der Vorwurf des Kollektivs, suche gleichwohl den Ursprung psychischer Leiden immer noch fast ausschließlich im privaten Seelenleben der "vereinzelten Individuen" (SPK). Die Verstrickung der Patienten in soziale und ökonomische Zusammenhänge werde hingegen kaum berücksichtigt.

Mit Hilfe der konventionellen Heilverführen wird laut SPK-Theorie die wahre Ursache seelischer Krankheiten eher zugedeckt als beseitigt -- die übliche psychiatrische Therapie diene vorwegend dem Ziel, seelisch gestörten Patienten zur Anpassung an die bestehende Gesellschaft zu verhelfen: "In den Kliniken", so erläutert ein SPK-Mitglied, "werden psychisch Kranke höchstens arbeitsfähig, aber nicht gesund gemacht." Wirkliche Genesung, wie das SPK sie versteht, würde die Änderung des krank machenden Gesellschaftssystems voraussetzen: Sie ist identisch mit der Abschaffung des Kapitalismus.

Theorie und Praxis des Heidelberger Kollektivs, dem derzeit etwa 200 Patienten angehören, haben während der letzten Monate erbitterte Kontroversen ausgelöst. Den ersten Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen, als SPK-Initiator Huber Ende Februar aus der psychiatrischen Poliklinik fristlos entlassen wurde. Der bärtige Mediziner, der Fachgespräche in der Klinik gelegentlich mit Marx-Zitaten anreicherte, hatte sich mit seinen Vorgesetzten überworfen.

Hubers Patienten, damals noch überwiegend Studenten, protestierten gegen die Kündigung. Sie besetzten das Büro der Klinik-Verwaltung und traten in den Hungerstreik Zugleich gab Huber die Befürchtung kund, daß für einige Patienten Selbstmordgefahr bestehe, falls er die einmal begonnene Behandlung dieser Kranken nicht fortsetzen könnte.

Heidelbergs Uni-Rektor Rolf Rendtorff, Theologie-Professor und SPD-Mitglied, ließ daraufhin mit Huber und dessen Patienten einen Kompromiß aushandeln. Danach sollte Huber vorerst weiterpraktizieren dürfen -- freilich nicht in der Poliklinik, sondern in der (von der Universität gemieteten) Wohnung in der Rohrbacher Straße.

Ein geplanter Vertrag zwischen Huber und der Universität, der die befristete Regelung festhalten sollte, kam in der folgenden Zeit nicht zustande. Ende Juni verlangte deshalb die Hochschulverwaltung, Huber möge die ihm überlassene Wohnung unverzüglich räumen. Mit zwei Dutzend seiner Patienten besetzte Huber eine Woche lang das Heidelberger Rektorat -- Rektor Rendtorff ließ den Räumungsbefehl schließlich widerrufen und erneuerte die Abmachungen mit dem Kollektiv, die bis Ende September gelten sollten.

Die Aktionen des streitbaren SPE provozierten Kritik von rechts wie von links. Sympathisanten im SDS und im Asta der Heidelberger Hochschule sagten sich bald von Huber los -- das "anarchistische" Kollektiv, so bemängelten die Uni-Linken, bediene sich "unsinniger" und "wissenschaftsfeindlicher" Methoden: Die Behandlung psychisch Kranker könne nicht zum Klassenkampf umfunktioniert werden.

In der "Frankfurter Allgemeinen" wurde Huber beschuldigt, er habe psychisch labile Patienten in ein Hörigkeitsverhältnis gezwungen und bei seinem Kampf gegen die Hochschul-Obrigkeit als "Geiseln" mißbraucht. Und der Heidelberger Psychiater Heinz Häfner warf Huber vor, er verschaffe den Seelenkranken in seinem Kollektiv trügerische Entlastung, indem er die Aggressionen der Patienten auf einen gemeinsamen Außenfeind lenke -- auf den vermeintlichen Urheber ihrer Krankheit: das Establishment.

Wie Häfner kamen auch andere Fachleute zu dem Urteil, daß Hubers Kollektiv-Praxis Gefahren für die Kranken heraufbeschwöre -- vor allem für jene SPK-Patienten, die an schweren Geisteskrankheiten leiden (etwa an Schizophrenie). Freilich, bislang konnten die Kritiker diesen Vorwurf nicht erhärten,

Dennoch haben die SPK-Mitglieder manchen Angriffen zumindest Vorschub geleistet: Flugblätter, in denen sie ihre Ziele zu verdeutlichen suchen, gleichen eher wütenden Pamphleten. In einer von Rektor Rendtorff bestellten "wissenschaftlichen Darstellung" beschreibt das Kollektiv sein therapeutisches Programm so: Es gehe darum, den unter gesellschaftlichem Zwang "internalisierten Selbsthaß" der Patienten gleichsam nach außen zu wenden und "gegen die pathogenen Institutionen" zu richten.

Auf diese Weise, räumt Huber ein, werde die Krankheit zwar nicht sogleich beseitigt, wenn auch durch die Umleitung der Aggressionen "Krankheitssymptome häufig zurückgedrängt werden" könnten; vielmehr habe die Kollektiv-Arbeit zunächst das Ziel, den Patienten die gesellschaftlichen Ursachen ihrer Krankheit bewußt zu machen. Der "Leidensdruck" (Huber), der gleichwohl bestehen bleibe, könne dann zum Motor der Revolution und der Heilung werden -- er ermögliche es den nunmehr aufgeklärten Patienten, an der Umwälzung der krank machenden Verhältnisse und damit an der eigenen Genesung mitzuarbeiten.

Selbst manchen progressiven Psychiatern wie dem Gießener Psychosomatik-Professor Horst-Eberhard Richter erscheint Hubers politisch-psychiatrische Radikalkur "absurd". Wohlwollender jedoch beurteilt Richter die Arbeitsweise des Kollektivs: Im SPK ist das sonst übliche autoritäre Verhältnis zwischen Arzt und Patienten gründlich beseitigt worden; auch Patienten mit längerer Therapie-Erfahrung können innerhalb des Kollektivs die Aufgabe eines "ärztlichen Funktionsträgers" (SPK-Jargon) übernehmen -- alle Kollektiv-Mitglieder sind Arzt und Patient zugleich.

Bei den antiautoritären Kranken, die gern den Anarchisten Bakunin zitieren, gelten sogar Abstimmungen als verpönt -- sie könnten zur Benachteiligung von Minderheiten führen. Im SPK, das bei wichtigen Fragen Patienten-Vollversammlungen einberuft, werden Entscheidungen grundsätzlich nur einstimmig getroffen. Huber: "Hier wird alles restlos ausdiskutiert.

Um im Widerstreit der Meinungen Halt zu finden, gaben Uni-Rektor Rendtorff und die medizinische Fakultät bei insgesamt vier Fachleuten Gutachten in Auftrag. Die Experten sollen die Arbeit des SPK beurteilen und entscheiden helfen, ob das Kollektiv im Rahmen der Heidelberger Hochschule weiterhin praktizieren darf und auch künftig finanziell unterstützt werden soll.

In einer vorläufigen "Gutachtlichen Stellungnahme" plädierte der Gießener Gutachter Richter, Spezialist für moderne Gruppentherapie, bereits im Juli für die "Fortführung des Projektes" -- allerdings unter bestimmten Voraussetzungen: Es sei tunlich, so empfahl Richter, die Mitgliederzahl des SPK zu begrenzen und zugleich die Anzahl der Ärzte im Kollektiv zu erhöhen; nur so, meinte Richter, könne der "therapeutische Wert des revolutionären Modells" gesichert werden.

Störend, so vermerkte Richter, wirke sich einstweilen auf die Kollektiv-Arbeit der Überhang an politischer Aktivität aus. Nach Ansicht Richters, der das politische Engagement der Kollektiv-Patienten "fanatisch" nennt, ist freilich das "kämpferische sozialistische Selbstverständnis der Gruppe" durch "die Widerstände sich bedroht fühlender Kräfte" ausgelöst und vor, stärkt worden. Beide Seiten aber das SPK und die Vertreter der Heidelberger Schulpsychiatrie -- sollten. wie Richter anregte, möglichst bald zu friedlicher Kooperation bewegt werden.

Dazu ist es bislang nicht gekommen. Obwohl das Kollektiv unaufhaltsam weiterwächst, bleiben die Kollektiv-Patienten (50 Prozent Lehrlinge, Schüler und Studenten, die übrigen Arbeiter, Rentner und Hausfrauen) weitgehend sich selbst überlassen. Die Kranken, die aus Platzmangel in der SPK-Praxis sämtlich ambulant behandelt werden, entrichten fünf Mark für eine gruppentherapeutische Behandlung. Medikamente werden aus einem Gemeinschafts-Pool bezahlt -- da Huber als Kassenarzt nicht zugelassen ist, erstatten die Krankenkassen den Patienten keine Kosten.

Aussicht auf Besserung der Lage besteht für das SPK kaum. Vielmehr scheint seit Mitte letzter Woche die Existenz des Kollektivs ernsthaft gefährdet: In einem Brief hat das Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg den Heidelberger Hektor Rendtorff aufgefordert, er möge die Wohnräume in der Rohrbacher Straße räumen lassen und der Patienten-Kommune fortan keine Unterstützung mehr gewähren. Rendtorff allerdings will dennoch versuchen, den Fortbestand des SPK zu sichern.

Dabei werden ihm die SPK-Gutachter, so scheint es, schwerlich Hilfe leisten. Zwar hat der Hannoveraner Sozialpsychologe Professor Peter Brückner eine günstige Beurteilung angekündigt, Brückners Kollege aber, der Bonner Psychologie-Professor Hans Thomae, schätzt die Arbeit des SPK eher skeptisch ein. Obwohl bislang nur Thomae seine Expertise vorgelegt hat. spinnt sich zwischen den Gelehrten bereits ein wissenschaftlicher und politischer Meinungsstreit an.

Unterdessen bleibt das Kollektiv entschlossen, das gemeinsame SPK-Unternehmen notfalls auch außerhalb der Universität und ohne fremde Hilfe fortzuführen. In ihrer Absicht fühlen sich die Patienten bestärkt durch die Erfahrungen von Nervenkranken. die in den Kliniken Heidelbergs oft monatelang auf die Behandlung warten müssen -- Schwerkranke werden für die Wartezeit zuweilen in eine geschlossene Anstalt überwiesen.

Die Furcht vor dem Leben dort, hinter klinkenlosen Türen und vergitterten Fenstern, hält das Kollektiv zusammen "Wir machen weiter", so versichern die Kollektiv-Patienten "damit wir nicht nach Wiesloch müssen" -- in Wiesloch. nahe Heidelberg. liegt hinter meterhohen Betonmauern das Gebäude-Labyrinth der badenwürttembergischen Landesheilanstalt.

Angesichts der Forderung des Kultusministeriums, dem Kollektiv die Mittel zu entziehen, bekunden die meisten Patienten der Huber-Kommune ihre

Kampfbereitschaft: "Wir werden wohl wieder mal das Rektorat besetzen."

Bei einigen allerdings hat die Hiobspost aus dem Stuttgarter Ministerium Depressionen ausgelöst -- am Dienstag letzter Woche wurde erstmals ein SPK-Patient nach einem

Selbstmordversuch in die Klinik eingeliefert.


DER SPIEGEL 41/1970
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