05.10.1970

Rolf Becker über Uwe Johnson. „Jahrestage“, Band 1JERICHOW IN NEW YORK

Uwe Johnson, 36, wurde 1959 mit dem Roman „Mutmaßungen über Jakob“ bekannt Es folgten „Das dritte Buch über Achim, „Karsch, und andere Prosa“ und, 1965, „Zwei Ansichten“. Der in Pommern geborene Schriftsteller übersiedelte 1959 aus der DDR nach West-Berlin. Von 1966 bis 1968 lebte er in New York, wo er ein Jahr lang in einem amerikanischen Verlag als Schulbuchlektor arbeitete.
Das fängt gut an. Man weiß, noch zwei Bände etwa gleichen Umfangs werden diesen 480 Seiten folgen. Jetzt schon sehr viel, sehr Entschiedenes über Johnsons Tagebuch-Roman "Aus dem Leben von Gesine Cresspahl" (so sein Untertitel) zu sagen, wäre ein wenig leichtfertig. Nicht nur, weil wir nicht wissen, wie die Stimme des Erzählers sich nach über tausend Seiten anhören wird -- da sind auch inhaltliche Fragen offen:
Heinrich Cresspahl zum Beispiel, Gesines Vater, der einstige Sozialdemokrat, der auf gut Johnsonsch wortkarge, einzelgängerische Kunsttischler, der eigentlich in England leben wollte, um seiner Familie willen aber doch nach "Jerichow" in Mecklenburg zurückkehrt, erwägt 1934 den Eintritt in die Nazipartei; Lisbeth, seine Frau, Gesines Mutter, hat sich 1938 das Leben genommen -- wir wissen dies vorerst nur aus wenigen andeutenden, vorausgreifenden Sätzen, mehr darüber noch nicht.
Wir wissen auch noch nicht, wie sich Gesines Beziehung zu "D. E.", ihrem Landsmann im Dienste der US-Rüstung, entwickeln wird. Und: Bleibt Gesine, ganz das sperrige Kind ihres Vaters und immer noch ganz des Autors so sehr redlich-spröder Schwarm -- bleibt Gesine, die "in Deutschland nicht noch einmal leben möchte", am Ende wirklich in New York, im New York der "New York Times" und ihrer aus Vietnam registrierten "Nachrichtentoten", im New York des alltäglichen Verbrechens und der nur durch "Dreck", durch allgemeine und gleiche Luftverschmutzung hergestellten "Gerechtigkeit", in jenem New York aber auch, das manchmal für Gesine, obwohl das "eine Täuschung" ist, "sich anfühlt wie Heimat"?
Vorläufiges also über diesen Roman, ein paar Eindrücke von seinem ersten Drittel. Mit Sicherheit jedoch schon: Das fängt gut an. Mit Vorsicht: Das könnte uns besser gefallen als Früheres von Johnson.
Es habe ihn "interessiert zu erfahren", so hat Johnson gesagt, was aus "dieser Person" Gesine, dem Mädchen aus den "Mutmaßungen über Jakob" geworden sei nach Jakobs Tod. Das ist eine Erzählerhaltung, die, was immer sie sonst noch bedeutet, gewiß auch Erzählerbehagen ausdrückt.
Fortphantasierender Umgang mit dem Personal des eigenen früheren Werkes, Weiterweben am schon einmal erfundenen Lebensstoff -- wie Johnson die Neuigkeiten aus dem Leben von Gesine Cresspahl vorträgt, wie er Jakob und Jerichow zitiert (und sogar die Babendererdes seines ersten, ungedruckten Romans), wie er auch Karsch, den "Achim" -Biographen, wiederauftreten läßt, das hat, so unbehaglich die Vorgeschichten auch sind, als Erzählvorgang, als Begegnung mit Vertrautem durchaus auch für den Leser etwas Behagliches. Sollte das unzulässig sein?
Dabei ist es dem Autor mit seinem neuen Buch so ernst wie je. Johnson beharrt auf seinem alten Thema, jenem, das tiefer sitzt als die Thematik der deutschen Teilung: Wie ist richtig zu leben und wahrhaftig zu sprechen in dieser Welt allseitig haftbar machender Systemzwänge' ihrer ideologischen Täuschungen und propagandistischen Sprachregelungen?
Zu erfahren und zu erzählen, was aus seiner Gesine geworden ist, hat dem Schriftsteller sein zweijähriger Aufenthalt in New York erleichtert: Gesine ist mit ihrer, mit Jakobs Tochter Marte von Düsseldorf dorthin verzogen und arbeitet in einer Bank; die monströse Stadt hat -- zu seinem Besten -- den deutschen Erzähler mit frischem Anschauungsmaterial versorgt, mit neuen Milieus und Physiognomien, neuem Beschreibungsstoff.
Herauszufinden, welches Leben, welches Verhalten richtig ist angesichts des Vietnam-Kriegs, jenseits der "ostdeutschen Militärbasis" und der "westdeutschen Militärbasis', angesichts sowjetischer Schriftsteller-Verfolgung und amerikanischer Rassen-Diskriminierung; herauszufinden, wie man in dieser Welt ein Kind erzieht. mit welchen Worten ihm Wahrheit zu vermitteln ist -- das bleibt für Johnsons Gesine die entscheidende Existenzerschwerung; darin steckt für Johnson die nach wie vor sein Schreiben konstituierende Schwierigkeit.
In Gedanken rechtet Gesine mit ihrem Vater, der 1933 wider besseres politisches Wissen in Hitlers Deutschland, "zum Krieg", zurückkam. Doch durch Cresspahls Mundart, Johnson ist nach Fritz Reuter ihr Meister, antwortet sie sich selbst: "Wo sittst denn du, Gesine? Kannstu din Kriech nich seihn? Worüm geihst du nich wech, dat du kein Schult krichst?" Und ein andermal fragt sie, sich verteidigend "Wo ist die moralische Schweiz, in die wir emigrieren könnten?"
Gesines Alltag in New York, ihre Erinnerungen an Deutschland, Ost und West, ihre Reminiszenzen und Recherchen, ihre Mutmaßungen und Meditationen über die Geschichte von Vater und Mutter, die Geschichte von einem "Ereignis namens Umschwung', wie es sich 1933, im Jahr ihrer Geburt, in der mecklenburgischen Kleinstadt darstellte, dies teilweise dem zehnjährigen, amerikanisierenden Kind Marie erzählt, und dazu die in Zitaten aus der täglich gelesenen, skeptisch geliebten "New York Times" reflektierte Zeitgeschichte sind die zumeist assoziativ und echohaft kombinierten Teilstücke, die vielfach -- und jedenfalls der erste Band erlaubt zu sagen: variationsreich -- verschränkten Bauteile dieses Romans.
Das mag sich komplizierter anhören, als es ist. Zwar gibt es auch hier wieder Passagen jener introvertierten Johnsonschen Erzählweise, die den Leser die erzählte Situation nur mühsam orten, die jeweils redenden Personen nur mit Anstrengung identifizieren läßt. Aber im allgemeinen fließt Johnsons Erzählen doch leichter als früher, er kommandiert sein Talent mit mehr Souveränität.
Vorläufige Eindrücke vom ersten Drittel der "Jahrestage": Nicht nachgelassen hat Johnsons eigensinnige, auch manchmal kauzig-umstandskrämerische Benennungssorgfalt; er sagt "Bildfunk" statt Fernsehen. Vermieden ist die lähmende Übergenauigkeit bei der Beschreibung von Sachen und Techniken. Geblieben, aber gebändigt sind eine gewisse Preziosität des Schlicht-Gediegenen, dieser Habitus handgearbeiteter Solidität, die gravitätischen Gesten seines Satzbaus: "Papenbrock mochte nicht sich anfreunden mit einem Mann, der trug keinen Hut." Nazis, so scheint es, und das erscheint ein wenig bedenklich, sind bei Johnson vorwiegend unsolide, arbeitsscheue Elemente, Leute mit zwei linken Händen, schlechte Handwerker sozusagen.
Entfaltet haben sich Ironie, auch Selbstironie, und Humor dieses Autors, der nun auch die mittlerweile schon berüchtigte Binnenproblematik seines Metiers, die Fragwürdigkeit der Fiktion, eher heiter-spielerisch behandelt: "Wer erzählt hier eigentlich, Gesine?", so läßt er seine Erzählung fragen und deren Heldin antworten: "Wir beide. Das hörst du doch, Johnson."
Er tritt auch selber auf in dieser so privaten wie politischen Chronik aus einem New Yorker Jahr, die auch Uwe Johnsons eigenes Tagebuch ist: Er spricht vor New Yorker Juden über die Wahl Kiesingers zum Bundeskanzler und hat dabei, Gesine sagt es dem "Genossen Schriftsteller", wenig Glück. Er läßt Gesine -- kopfschüttelnd, möchte man meinen -- in der "New York Times" von "Frau Enzensbergers" Plan eines Pudding-Attentats auf den US-Vizepräsidenten Humphrey lesen, und er läßt seine Figurantin in London dem "Herrn Anseim Kristlein" Martin Walsers begegnen -- unverhoffte Späße.
Er erzählt fabulöse Geschichten wie die von Karschs Entführung durch die Mafia oder von den New Yorker "Telefonverwechslern". Er erzählt sie mit Behagen, wie er mit Behagen Landschaften und Witterungen zeichnet und Menschen, ihre Gesichter und ihre Kleidung, manchmal richtige Charakterköpfe; er zeichnet sie mit individualisierender Präzision und mit Poesie (manchmal mit etwas zuviel davon·. "Der Atlantik im Süden häkelte zierliche Fransen an das Land") -ein altmodischer Autor?
Er beschreibt ein Mädchen, "für die das Wort schön übriggeblieben war". Er beobachtet in einem Restaurant "die von Ehe mundtoten Paare". Mit einer Erfahrung von Gesines Mutter in England formuliert er ein Stück deutscher politischer Psychologie der dreißiger Jahre: "Als sie dem Kapitalismus zum ersten Mal begegnete, hielt sie ihn für etwas Ausländisches" -- ein hervorragender Autor!
Den stärksten Eindruck in diesem Buch haben mir jene mecklenburgischen Partien gemacht, in denen Johnson den Aufstieg der Nazis, den Untergang der Republik und das heraufdämmernde Ende deutscher Honoratioren-Bürgerlichkeit am Beispiel Jerichows und seiner Einwohner nachzeichnet: Da sind Politik und Gesellschaftsanalyse rückstandslos in Erzählung individueller Lebensläufe aufgegangen, Geschichtsschreibung in Biographie.
Zum Schönsten der "Jahrestage" zähle ich, vorläufig, den erzählten Dialog zwischen Gesine und ihrer Tochter Marie: Die Darstellung eines Eltern-Kind-Verhältnisses, diese Geschichte einer wechselseitigen Erziehung, ist in der auf so viel Spätpubertäres fixierten zeitgenössischen Literatur eine willkommene Rarität.
Fortsetzung folgt: voraussichtlich, hoffentlich 1971.

DER SPIEGEL 41/1970
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