21.12.1970

GESELLSCHAFT / BENIMM-BÜCHERSogar auch links

Angenommen, der feine Herr, "korrekt zu jeder Gelegenheit", will auch einmal "Kontakt mit einem Links-Rebellen aufnehmen" -- was trägt er da? "Ein Ausweg", so empfiehlt das such "Gentleman heute", "ist heute die Lederjacke mit Pullover, auch für die Teilnahme an Demonstrationen zu empfehlen."
Allerdings: "Keinesfalls wird sich der Herr jemals soweit anbiedern, sich als Gammler, Hippie oder Molotow-Cocktail-Werfer zu verkleiden."
Zwar ist es auch für aufstrebende Nachwuchskräfte in der Wirtschaft heute "wünschenswert ... einmal gegen den Strom (zu) schwimmen"; schließlich sind auch schon "in der industriellen Landschaft gepflegte Haarschöpfe aufgetaucht, die ein klein wenig länger waren als bisher".
Allerdings: "nicht länger als knapp zum Kragenrand", so erläutert das Buch "Etikette der Führungskräfte" und mahnt ganz allgemein: "In seinem persönlichen Lebensumkreis kann der junge Spitzenkandidat auf Großzügigkeit eingestellt sein: vielleicht schätzt er psychedelische Kunst ... aber er sollte sich keiner Illusion hingeben, daß die Geschäftswelt sozialen Rebellen gegenüber nicht das geringste Verständnis aufbringt."
Immerhin, "wir leben in einer Zeit schwerwiegender Veränderungen in ... unseren menschlichen Beziehungen" -- das Vorwort zur "Etikette der Führungskräfte" konstatiert es, und mehrere neue Benimm-Bücher" die gleichzeitig In diesem Herbst erschienen, sind von Spuren jener "Veränderungen" gezeichnet:
* "Man diskutiert wieder", versichern die Autoren Geo T. Mary und Martin Pfeideler in "Gentleman heute" (Horst Erdmann Verlag, Tübingen; 368 Seiten; 22 Mark).
* "Werden Sie bei einer Diskussion beschimpft (etwa: Sie Reaktionär, Sie Faschist, Sie Marxist, Sie verklemmter Sexmuffei), so brechen Sie diese ab!", rät die Autorin Nina Alexander in ihrem "Knigge 70" (Verlag Herder, Freiburg; 232 Seiten; 16,80 Mark),
* "Protest sollte Pflichtfach in der Schule sein", fordert der vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer-Verband gegründete "Fachausschuß für Umgangsformen" in seinem Werk "Umgangsformen heute" (Falken-Verlag Erich Sicker, Wiesbaden; 308 Seiten; 24 Mark). > "Selbst die Kirche hat mehr Sinn für die revolutionären Neigungen unserer Jugend als Wirtschaft und Industrie" -- dies die Warnung der Amerikanerin Milla Alihan in ihrem "Leitfaden" für den Manager-Nachwuchs, "Etikette der Führungskräfte" (Axel Juncker Verlag, München; 248 Selten; 22 Mark). Frau Alihan weiß zu berichten, daß "farbige Hemden, die in den Kreisen des Establishments bislang verpönt waren, neuerdings ein unentbehrlicher Bestandteil der Berufskleidung von Führungskräften" der US-Geschäftswelt sind -- vor allem wegen des Fernsehens: "Auf große, weiße Flächen reagiert die Kamera mit Bildschwund, Reflexen und Verzerrungen." Und auch beim Schlips lockert sich die alte Etikette: "Die erzkonservative Krawatte hält ihre Stellung zwar noch weitgehend, doch sollen handgemalte abstrakte Dessins und Halstücher ... schon das Interesse milde gestimmter Oberherren hervorgerufen haben."
Im übrigen jedoch bleibt es einstweilen dabei: "Als Student durfte sich der junge Mann über gesellschaftliche Normen weidlich mokiert haben. Jetzt hilft alles nichts: sein Berufsimage muß auf die Wunschvorstellungen seiner Firma getrimmt werden."
Scheinbar kühner klingt da, was die Werbung für den "Umgangsformen" -- Band sagt: "Die Demokratisierung unserer Gesellschaft, der Abbau überflüssiger Autorität ... haben zum Umdenken gezwungen."
So sieht man denn im Kapitel "Trinksitten heute" einen Gastgeber demonstrativ im Kurzärmel-Pulli Wein ausschenken. Text zum Bild: "Die schönen Gaben des Tisches zu genießen, ist keine Frage besonderer Kleidung." Auch ist "gegen die Anrede "Genossin" im Grunde genommen nichts einzuwenden, wenn z. B. ein alter Sozialdemokrat oder Kommunist eine alte Sozialdemokratin oder Kommunistin trifft".
Für das Berufsleben empfehlen die "zum Umdenken gezwungenen" Umgangsformalisten: "partnerschaftliches Denken und Takt", "Treue zur Firma", in der Öffentlichkeit nichts Schlechtes vom eigenen Betrieb reden ("Nicht umsonst heißt es im Volksmund: "Es ist ein arger Vogel, der sein Nest beschmutzt"").
"Umgangsformen heute" ist ein vorwiegend auf jüngere Angestellte, auf Lehrlinge und junge Arbeiter abzielender Knigge. Der "Knigge 70" exemplifiziert seine Benimm-Regeln anhand der Geschichte eines jungen Paares: er Dr. med., sie Übersetzerin. Beide Bücher bieten auch das solide Standard-Repertoire des guten alten Tons ("Vorstellen oder bekanntmachen?") sowie die eine und andere wirkliche Novität: "Zur Zeit der aktuellen Abendsendungen -- "Tagesschau" und "Heute" -, mit denen sich Millionen von Menschen über die Ereignisse des Tages informieren, sollte niemand außer in Fällen von Not ... durch einen Telefonanruf stören."
Die "Etikette der Führungskräfte" erteilt schon auf höherer Ebene Rat, etwa wie man sich im "Firmenflugzeug" benimmt: "Wenn der Generaldirektor den Steward oder die Stewardeß mit Vornamen anredet, so gilt dieses Vorrecht zunächst nur für ihn allein."
Für die ganz feine Art indes ist "Gentleman heute" da. Dieser Edelknigge, der dem "Irrtum" begegnen will, "daß der Herr ins Museum gehört", offeriert nun wahrhaft erlesene Ratschläge, ob in Sachen Politik ("Der Herr drängt sich nie nach einem Ministerposten") oder Dessous: "Schon marschiert auch das Unterwäsche-Bewußtsein, geschürt durch die pausenlose Attacke ganzseitiger Farb-Annoncen", doch "Weiß bleibt im Vordergrund".
"Gentleman heute" begrüßt die "Revolution" in der Herren-Kosmetik, warnt aber: "Vorsicht, Vorsicht um Himmels willen bei Nagellacken!" Erlaubt hingegen: "Für die intime, lustige Party kann eine Halskette durchaus angebracht sein."
"Dem Herrn gemäß" ist das Sammeln, beispielsweise von Autographen, Münzen oder historischen Waffen. Nur "zulässig, aber in aller Stille": Briefmarken, Zinnsoldaten. "Unmöglich": Streichholzschachteln" Bierdeckel.
Für den Herrn "unmögliche" Sportarten sind: Fußball, Radfahren, Gewichtheben" Leichtathletik. "Gesellschaftsfähig" hingegen: Tennis, Golf, jeglicher Reitsport, Segeln, Jagd. Doch niemals darf der Herr "solche Fortschritte in der Ausübung machen, daß er unversehens zur Turnierklasse zählt. Es sei denn beim Golf, unter Umständen auch beim Segeln".
Der Chauffeur, weiß der Herren-Knigge, "trägt nicht nur zum Ansehen des Herrn bei, sondern wird mehr und mehr zu purer Notwendigkeit". Das Thema Reisen bereitet einige Sorge: Zwar "sind die Bahamas heute für einen europäischen Gentleman durchaus in Ordnung"; doch "werden sie es auch nächstes Jahr noch sein?"
"Gentleman heute" informiert den Herrn schließlich aber nicht nur über fashionable Reiseziele oder Pfeifentypen, nicht nur über Oswalt Kolle ("Besuch seiner Filme ist dem Herrn nicht zu empfehlen") oder Bestseller: "Es empfiehlt sich, sich einige Titel zur Verwendung im Gespräch einzuprägen. Man entnimmt sie den regelmäßig in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Listen."
Das Werk ist so von heute, daß es eben auch zu jenen neuesten beunruhigenden "Veränderungen in unseren menschlichen Beziehungen" Rat weiß, die alle neuen Knigges nicht ruhen lassen.
"Man diskutiert wieder", schreiben die Autoren Mary/Pfeideler und erläutern: "Der Herr darf heute sogar auch "links" sein, das gibt ihm einen interessanten, leicht intellektuellen Anstrich." Doch, so warnen sie, "wiederum nicht allzu links. Auch nicht das jugoslawische Modell".
Kommunismus, selbstredend, kommt nicht in Frage: Er ist "ein Rückschritt in Richtung auf die Lebensformen der prähistorischen Menschheit". Wohl aber, rät "Gentleman heute", sollte sich der feine Herr "stets zu der Notwendigkeit von Reformen bekennen. Unbesehen, auf welchem Gebiet auch immer".
"Das Ende der Etikette" sei gekommen, hat der "Fachausschuß für Umgangsformen" proklamiert. Ein anderer, erfahrener Ratgeber weiß es aber vielleicht doch noch besser: "Das Ende der Etikette", so wirbt der Südwest-Verlag für das berühmte Benimm-Buch der Frau Pappritz, von dem jetzt die "11. verbesserte Auflage" erschienen ist, dieses Ende "findet nicht statt".

DER SPIEGEL 52/1970
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