19.10.1970

VW 411: „ER IST BESSER ALS SEIN RUF“

Der SPIEGEL veröffentlicht die Ergebnisse einer Untersuchungsreihe, in der jeweils 3000 Automobilbesitzer über Vorzüge und Mängel der von ihnen gefahrenen deutschen und ausländischen Modelle befragt werden. Die sechsunddreißigste Umfrage gilt dem VW 411 E (80 PS) und, vergleichend, dem Vorgängermodell VW 411 (68 PS). Die Befragten VW-411-E-Besitzer haben in sechs Monaten durchschnittlich 9991 Kilometer zurückgelegt, die Eigentümer des VW 411 fuhren in 16 Monaten 25 060 Kilometer.
Als Europas größtes Automobilwerk vor zwei Jahren mit dem VW 411 sein bisher größtes Auto auf den Markt brachte, wirkte das bieder anmutende Gefährt fraglos auf nur wenige Käufer zum Verlieben. Bei den Fachkritikern, die sich einen Wolfsburger Mittelklassewagen offenbar ganz anders vorgestellt hatten, fiel der Wagen durch. Mit seiner nasenartig vorspringenden Knautschzone erwarb sich der VW 411 bald Ulknamen wie "der De Gaulle des Automobilbaus" oder einfach "Langneese".
Freunde erwarb er zunächst kaum. Denn der Wagen -- vorwiegend von Automobilisten gekauft, die sich mehr an der Marke als am Modell orientierten -- erwies sich in der Tat als wenig glücklicher Wurf. Bauartbedingte Nachteile und Eigenarten der VW-Konzeption ließen ihn im Grunde nur markentreuen Aufsteigern attraktiv erscheinen.
Zudem hafteten dem VW 411 technische Kinderkrankheiten an, die selbst überzeugte VW-Anhänger verprellten. Für einen Ingenieur beispielsweise war das Auto "eine große Enttäuschung und ein Vertrauensbruch gegenüber dem VW-Fahrer". Ein Versicherungs-Oberinspektor ("alter VW-Kunde") hat seinen VW 411 "nach sechs Monaten mit einem erheblichen Verlust verkauft, weil ich lieber ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende haben wollte".
"Von einem 'Volks'-Wagen kann gar keine Rede mehr sein", merkte ein Arzt an. "Der Wagen ist eine Fehlgeburt", gutachtete ein Werkmeister. Ein Stadtamtmann, der wütend zu Opel überlief: "Einen VW kaufe ich niemals mehr." Einem Rektor hat das Auto gleichfalls "keine Freude bereitet", daher "nie wieder VW".
Finanzielle Einbußen beim Wiederverkauf verdrossen selbstredend auch jene Fahrer, die weniger unter Mängeln ihres Wagens wie etwa Flattern der Lenkung und zu schwacher Beschleunigung litten. Der schlechte Ruf des VW 411 behinderte sogar das Umsteigen seiner Besitzer auf eine andere Marke. Ein Fernmeldeoberinspektor: "VW nahm ihn zu einem Preis in Zahlung, der 1100 Mark höher lag als bei der Konkurrenz." Ein Reisender wurde seinen VW 411 "nach einer Laufzeit von einem Jahr und 50 000 Kilometern nur beim Kauf eines Fahrzeuges aus dem Hause VW los".
Doch viele der Befragten setzten manchen Nachteilen des Wolfsburger Produkts seine erwiesenen Vorzüge entgegen. Forstleute und Landwirte kamen mit dem VW 411 "gut durchs Gelände", Ärzte, Tierärzte, Vertreter und Oft-Fahrer anderer Berufe hoben hervor, der Wagen tauge "ausgezeichnet fürs Fahren bei Schnee". Ein Kreis-Bauamtmann aus dem Frankenwald "muß mit sieben Monaten Winter rechnen, und für diese extremen Verhältnisse ist der VW 411 bestens geeignet". Das "umstrittene Fahrzeug" sei immerhin "weit besser als sein Ruf", befand ein Fernsehtechnikermeister. Zum Fazit "Besser als sein Ruf" kamen auffallend viele der befragten Besitzer.
Mit dem verbesserten und stärkeren Modell VW 411 E haben die Käufer offenbar unter allen Fahrbedingungen günstigere Erfahrungen machen können. Ein Ingenieur, der mit dem Vorgänger-Modell "reingefallen" war, zeigte sich mit dem Modell E "sehr zufrieden". Ein Oberregierungsrat hielt den VW 411 E gar für "das wirtschaftlichste und stabilste Auto auf dem Markt". Ein Kaufmann, der den VW 411 rund 80 000 Kilometer gefahren hatte, kam zu dem Schluß; "Der VW 411 E ist zwei Klassen besser."
Der Wagen sei "ein brauchbares und problemloses Auto" (Berufskraftfahrer), er müsse "zu den zuverlässigsten Gebrauchsgegenständen" gezählt werden (Diplom-Chemiker). "Die Ableistung von 45 000 Kilometern in fünf Monaten ohne nennenswerte Schäden über die wirklich lange Winterzeit 1969/70 spricht ein genaues Urteil", vermeldete ein Taxiunternehmer, der sich zunächst als "Versuchskaninchen" vorgekommen war. Ein Druckerei-Betriebsleiter: "Ich bin mit dem VW 411 E zufrieden, aber nicht in ihn verliebt
-- warum tut man bei VW nicht auch etwas fürs Auge?"
Mit dem Auge freilich war dieser Wagen offenbar weniger als jeder andere gekauft worden. Wie meist bei VW-Befragungen, lag auch den Käufern des VW 411 E unter allen Kaufgründen der VW-Kundendienst (44,7 %) am nächsten. Für sie war fraglos die Gewißheit wichtig, überall in Europa eine VW-Werkstatt, passende Ersatzteile, geschulte Monteure und (in Garantiefällen) kulante Kundendienstberater vorzufinden. Die Wirtschaftlichkeit, wozu VW-Besitzer auch die relativ niedrigen, überschaubaren Reparaturpreise rechnen, erwies sich mit 28,0 % als weiteres VW-typisches Erwerbsmotiv. An dritter Stelle rangierte der unerschütterliche Glaube an Wolfsburgs besonders hohe Qualität der Verarbeitung (25,50 %)*.
21 % der Käufer hatten bereits vorher gute Erfahrungen mit Volkswagen gemacht. Ähnlich entscheidend (18,5 %) fielen vor Vertragsabschluß die von einem VW jeglichen Typs zu erwartende Zuverlässigkeit und seine geringen Wartungsansprüche ins Gewicht.
Unter diesen ersten fünf Kaufgründen bezieht sich nichts speziell auf den Wagentyp VW 411 E. Solche Käuferargumentation ist ein Vertrauensvotum für das Werk und seinen Käfermythos -- das Produkt ist austauschbar. Denn mit nahezu gleichen Argumenten hatten auch die Besitzer eines VW 1500 oder VW 1300 ihre Käufe begründet.
Der Raumkomfort war für 15,5 % erwerbsbestimmend. 13,7 % zeigten sich von dem 80-PS-Motor mit der elektronisch gesteuerten Benzineinspritzung besonders angetan. Den 68-PS-Motor mit Doppelvergaser hatten nur 3,0 % begehrenswert gefunden. 13,3 % kauften den Wagen, weil er (auch in der Normalausführung) gut ausgestattet ist, 12,2 % hielten ihn für
* Die angegebenen Prozentzahlen ergeben eine größere Summe als 100, weil oft mehrere Kaufgründe angeführt werden. Das gilt auch für andere Punkte der Befragung.
preiswert, 11,4 % verlockte sein ausgeklügeltes Heizungssystem. Weitere 11,4 % waren von den Vorzügen der Luftkühlung überzeugt, und noch einmal 11,4 % hielten beim Erwerb den 411 E für "robust", "stabil", "solide", "anspruchslos" und "langlebig".
Nun erst nennen VW-Käufer die Form des Wagens als Kaufgrund (9,6 %), ein Motiv,
das bei Besitzer-Umfragen dieser Reihe häufig an erster Stelle steht. Das allgemeine Leistungsvermögen des großen Einspritz-Volkswagens (8,9 %) scheint besonders Wohnwagenbesitzern zu gefallen. Zu abermals 8,9 % gaben die Käufer an, sie hätten "wieder einen VW, aber mehr VW" haben wollen.
Weitere Kaufgründe: Fahrkomfort und Bequemlichkeit (8,5 %), außergewöhnlich gute Eignung für das Fahren im Winter (8,5 %), großer Kofferraum (8,1 %), günstige Inzahlungnahme eines Altwagens (8,1 %), Straßenlage und Fahreigenschaften (7,7 %).
Als durchschnittlicher Benzinverbrauch des VW 411 E ergab sich: 12,12 Liter Superbenzin für 100 Kilometer. Der VW 411 mit dem 68 PS starken
Vergasermotor verbrauchte 11,94 Liter Normalbenzin. In der Ausführung mit automatischem Getriebe (das für den 411 E zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht
lieferbar war) verbrauchte der Vergaser-Typ 12,65 Liter Normalbenzin.
Je nach Fahrstil der Besitzer und Be- und Auslastung des Wagens ergab sich allerdings eine große Verbrauchs-Spanne:
VW 411 VW 411 E
9,9 Liter und weniger 6,8 % 3,3 %
10,0 bis 10,9 Liter 16,4 % 15,7 %
11,0 bis 11,9 Liter 22,7 % 24,0 %
12,0 bis 12,9 Liter 27,0 % 20,1 %
13,0 bis 13,9 Liter 17,7 % 14,8 %
14,0 Liter und mehr 10,0 % 13,1 %
Beim Vergleich mit Verbrauchsresultaten aus Befragungen über ähnlich große, teure oder starke Wagen erwies sich der große Volkswagen nicht gerade als vorbildlicher Sparer:
Renault R 16 (55 PS) 9,40 Liter
Audi (72 PS) 9,86 Liter
VW 1500 (44 PS) 10,30 Liter
Fiat 124 (60 PS) 10,40 Liter
BMW 1600 -- 2 (85 PS) 10,69 Liter
Opel Olympia (75 PS) 10,90 Liter
VW 1500 (44 PS, Halbautomatik) 11,02 Liter
Opel GT 1900 (90 PS) 11,03 Liter
Fiat 125 (90 PS) 11,25 Liter
BMW 1800 (90 PS) 11,28 Liter
Porsche 912 (90 PS) 11,73 Liter
VW 411 (68 PS) 11,94 Liter
VW 411 E (80 PS) 12,12 Liter
Mercedes 220 Sb (110 PS) 12,52 Liter
VW 411 (68 PS mit Automatik) 12,65 Liter
Opel Commodore (115 PS) 13,13 Liter
Nachteilig wirkt sich die aus dem Benzintank gespeiste Zusatzheizung auf die Höhe des Verbrauchs aus. VW bezeichnet diesen Mehrverbrauch als "sehr gering" und gibt ihn mit "0,2 bis 0,6 Liter pro Stunde" an. 100 Kilometer Fahrstrecke in der winterlichen Großstadt dauern bei dichtem Verkehr etwa drei Stunden. Daraus resultiert schon ein nomineller Mehrverbrauch von 1,8 Liter auf 100 Kilometer Fahrstrecke. Das deckt sich mit den Angaben der Besitzer, die "bei Benutzung der Zusatzheizung ein bis zwei Liter mehr" verbrauchen.
Der Straßenlage des VW 411 E erteilen die Besitzer durchschnittlich gute Noten:
ausgezeichnet 36,1 %
gut 50,8 %
zufriedenstellend 7,7 %
ausreichend 3,4 %
unbefriedigend 2,0 %
Beim Fiat 125 erreichte die Bestnote auch nicht mehr als 33,7 %, und beim Opel Commodore wurden gar nur 20,8 % notiert.
"Spürbar bessere Straßenlage als beim alten 411", urteilten die Befragten (das Modell 411 hatte nur 19,9 % für die Bestnote erhalten). Manche, die beide Modelle kennen, machten detaillierte Angaben: "Der Drehstabstabilisator an der Hinterachse hat etwas gebracht." Geblieben ist (wenn auch nicht mehr ganz so ausgeprägt) die unangenehm empfindliche Art des Autos, auf Windstöße aus der Flanke zu reagieren. Einige Besitzer halten die Reaktion auf Seitenwind für "absolut beherrschbar", andere dünkt sie "gefährlich". Von Praktikern empfohlene Gegenmaßnahmen: Sandsäcke oder Zementplatten im vorderen Kofferraum.
Als hätten sie schon Bekanntschaft mit einem der zahlreichen eher winterscheuen Autos gemacht, hoben viele VW-Besitzer die guten Fahreigenschaften ihrer Wagen bei winterlicher Witterung hervor. Ein Kaufmann über seinen VW 411: "Bei Glätte am Berg war er mit Gürtelreifen anderen mit Winterreifen ausgerüsteten Fabrikaten durchweg überlegen."
Ihre Federung nannten die Volkswagen-Besitzer "sehr schluckfreudig" und "recht komfortabel". In der Beurteilung --
zu hart 4,5 %
gerade richtig 93,4 %
zu weich 2,3 %
-- kann sich der VW 411 E sogar mit dem Mercedes-Benz 220 messen. Auch seine Besitzer benoteten zu 93,2 % für "gerade richtig".
Einschränkungen rühren her von den beim E-Modell ausschließlich montierten Stahlgürtelreifen: Sie seien "etwas hart im Fahren" und verursachten "unangenehme Poltergeräusche auf Kopfsteinpflaster".
Zurückhaltender bewerteten die Fahrer des VW 411 E die Beschleunigung ihres Wagens:
ausgezeichnet 28,4 %
gut 50,6 %
zufriedenstellend 11,9 %
ausreichend 4,6 %
unbefriedigend 4,3 %
Sein Spurtvermögen sei "für 80 PS etwas zu gering". Der Wagen "beschleunigt gut bei höheren Drehzahlen", doch sei zu bemängeln, daß er "von unten heraus nicht genug bringt". Der leer über eine Tonne wiegende VW 411 E ist offenbar kein besonders flotter Sprinter. Überdies scheint die Leistung des E-Motors auch unterschiedlich auszufallen: Einige Besitzer berichten, sie könnten die offiziellen Beschleunigungswerte "gar nicht erreichen", andere haben sie nach eigenen Messungen überboten.
Immerhin ist die Beschleunigung des VW 411 E in jedem Falle deutlich besser als beim Vorgänger. Die Bestnote erreichte beim Doppelvergaser-Wagen nur 6,2 %, für "Unbefriedigend" votierten 16,3 % -- eines der miserabelsten Resultate aller Besitzer-Umfragen.
An der ihnen möglichen Geschwindigkeit haben die VW-411-E-Besitzer kaum etwas zu bemängeln:
ausgezeichnet 40,9 %
gut 44,6 %
zufriedenstellend 10,5 %
ausreichend 2,0 %
unbetriedigend 2,0 %
Ein Oberregierungsrat vermerkte befriedigt, daß "die Geschwindigkeitsangaben -- wie immer bei VW -- tiefgestapelt angegeben" seien. Sein Wagen rase "ohne Mucken stundenlang mit angeschlagener Tachonadel (170 km/h)". Ein technischer Angestellter erzielte auf leerer Autobahn gar eine "Dauergeschwindigkeit von 175 km/h". Andere haben "163 km/h auf ebener Strecke gestoppt". Die offiziellen Werkswerte von 155 km/h wurden offenbar von den meisten stets "schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit" erreicht. Angenehm sei im Vergleich zu anderen Fahrzeugen, daß "die Geschwindigkeit an langen Autobahnsteigungen nur geringfügig abfällt".
Lustlose Zensuren erhielt der Wagen dagegen für seine Fußbremse:
ausgezeichnet 25,9 %
gut 52,8 %
zutriedenstellend 13,9 %
austeichend 4,6 %
unbefriedigend 2,8 %
Denn "für soviel Geld hätte man einen Bremskraftverstärker einbauen können". Die Bremse erfordere "hohen Druck". man müsse daher "kräftig zutreten". Andererseits habe der Wagen "selbst bei Vollbremsung aus 150 km/h einwandfreies Verhalten" gezeigt. Die Bremse spreche "sehr weich und rasch" an, die Verzögerung setze "ruckfrei" ein, der Wagen "hält sauber die Spur".
Über Lage und Erreichbarkeit der
Handbremse verloren die Befragten, wie stets bei VW-Umfragen, nur wenig Worte. Die Handbremse des VW 411 "sitzt genau da, wo sie hingehört", und ist "bequem zu erreichen und gut zu bedienen". Allerdings fühlten sich manche VW-Besitzer bei der Bedienung der Handbremse durch "die Vielzahl der Knöpfe und Hebel zwischen den Sitzen Irritiert". Die Noten:
ausgezeichnet 38,3 %
gut 51,5 %
zufriedenstellend 7,0 %
ausreichend 2,8 %
unbefriedigend 0,4 %
An der Sicht nach vorn haben die Besitzer nicht viel auszusetzen, und es bleibt unklar, warum sie sich nicht zu überdurchschnittlich guten Zensuren entschließen konnten
ausgezeichnet 50,4 %
gut 44,9 %
zufriedenstellend 3,8 %
aus reichend 0,9 %
unbefriedigend 0,0 %
Selbst "die lange Schnauze ist für die Sicht nicht störend". Allerdings brauchten etliche Fahrer offenbar "eine verhältnismäßig lange Eingewöhnungszeit" um sich beim Rangieren auf die vorspringende Nase und das Schrägheck des Autos einzustellen.
Das gilt besonders für die Sicht nach hinten:
ausgezeichnet 20,7 %
gut 53,1 %
zufriedenstellend 16,8 %
ausreichend 6,0 %
unbefriedigend 3,4 %
Denn viele Fahrer beklagten die "ausgesprochen schlechte Sicht beim Rückwärts-Einfahren in enge Parklücken". Das Heck biete "keinen Anhaltspunkt für die Wagenlänge". Daher kann mancher Besitzer beim "Rückwärtseinparken nur nach Gefühl" manövrieren. Beim Fahren auf Landstraßen und Autobahnen wird die Rücksicht hingegen in keiner Weise bemängelt.
Die vom Scheibenwischer bestrichene Fläche sorgt im VW 411 auch bei Regen für ein ungetrübtes Blickfeld. So urteilten die Besitzer:
angenehm groß 53,8 %
ausreichend 44,8 %
zu klein 1,4 %
Aber die Befragten bemängelten Qualität und Wirkungsweise der Wischanlage dennoch. Vor allem solle sich die Industrie "endlich über neue und bessere Wischerblätter Gedanken machen". Auch sei der Anpreßdruck der Wischer zu schwach. Der Wagen solle überdies wie andere Mittelklasseautos mit einem Intervallschalter für den Wischer sowie stufenlos regelbarer Wischgeschwindigkeit ausgerüstet werden. Als ungünstig empfanden einige, daß die Funktion der Scheibenwaschanlage abhängig ist vom Luftdruck des Reservereifens.
Ganz schlecht scheint es um Gängigkeit und Schaltbarkeit des Getriebes bestellt. Sie liegt nach Meinung etlicher Befragter "noch unter dem Standard der übrigen Volkswagen". Die Besitzer-Zensuren fielen dürftig aus:
VW 411 VW 411 E
ausgezeichnet 14,0 % 11,4 %
gut 41,5 % 38,6 %
zufriedenstellend 20,3 % 20,5 %
ausreichend 9,8 % 10,8 %
unbefriedigend 14,1 % 18,7 %
Zum Vergleich: Der BMW 1600-2 beispielsweise bekam 49,9 % für die Bestnote.
Verblüffend mutet an, daß sich der VW 411 E schlechter schalten läßt als sein mit vielen Kinderkrankheiten belasteter Vorgänger. Der Grund: Das Triebwerk des E-Modells wurde weicher gelagert, so daß der (beim VW 411 besonders hohe) Geräuschpegel sank. Die weichere, auch Vibrationen mindernde Motorlagerung aber verursachte Schwierigkeiten in der Übertragung der Schaltvorgänge,
Daher wirkt die Schaltung oft etwas hakelig, auch ließen sich der erste und der zweite Gang "bei kaltem Motor schlecht schalten". Die Schaltwege seien zwar angenehm kurz, "aber eckig" der Schalthebel "zu lang". Überdies lägen "die Gänge zu dicht beieinander". Die Folge: "Gefahr von Schaltfehlern" und "schwere Schaltbarkeit, besonders der zweite Gang". Einzelne Besitzer hoben freilich ausdrücklich hervor, das Getriebe sei "leichtgängig und vollkommen narrensicher zu schalten".
Der Wendekreis des VW 411 mißt 11,4 Meter. Nur 15,7 % der Befragten meinen, er sei damit erfreulich klein. 68,5 % bezeichnen ihn als noch ausreichend, 15,8 % halten ihn dagegen für zu groß und "ungünstig beim Einparken". Mit Neid stellen VW-Besitzer fest: "Selbst größere Wagen haben kleinere Drehkreise."
An der Erreichbarkeit und Lage der Bedienungsschalter haben die befragten Besitzer viel zu bemängeln:
sehr günstig 41,4 %
zufriedenstellend 52,6 %
zu weit entfernt 6,0 %
Vor allen Dingen vermißten sie "eine Wischer-Wascher-Bedienung vom Lenkrad aus". Sie sei "besonders bei Nieselregen und beim Überholen" ungemein nützlich. Einige fühlten sich durch das grüne Licht am angeschalteten Heizungsknopf bei Nachtfahrt geblendet. Schalter würden "im Dunkeln dauernd verwechselt", da sie ungünstig lägen und "nur zu ertasten" seien. Einer rügte die uneinheitliche Bedienung der Knöpfe: "Einer ist zum Drehen, der andere zum Ziehen, daher wird ständig an den Knöpfen herumprobiert." Der Lichtzugschalter sei so flach, daß er "mit Handschuhen nicht betätigt werden" könne.
Als vielbeklagtes Ärgernis hat sich die Öffnungsprozedur für die vordere Haube erwiesen. Der Hebel sei ungewöhnlich schwer zu betätigen und außerdem, für den Fahrer schwer erreichbar, rechts im Handschuhfach verborgen. Seine
Bedienung erfordere "kraftvolle Finger-Artistik".
Einhellig loben die VW-Besitzer dagegen die Qualität der Verarbeitung:
VW 411 VW 411 E
ausgezeichnet 39,2 % 48,6 %
gut 40,5 % 35,8 %
zufriedenstellend 11,6 % 9,9 %
ausreichend 4,0 % 5,4 %
unbefriedigend 4,7 % 0,3 %
Auch heute noch, so bekundete ein Diplom-Ingenieur, liegt Wolfsburger Verarbeitungsgüte "über dem Niveau anderer, vergleichbarer Wagentypen". Ein Techniker: "Selbst bis in die kleinsten Winkel und Ecken ausgezeichnet". Ein Taxifahrer: Der VW 411 E sei "nach Mercedes der solideste deutsche Wagen". Nur vereinzelt wendeten VW-Kunden ein, die Lackierung sei "bei VW früher besser" gewesen.
Auch mit der Ausstattung ihres VW 411 sind die Besitzer recht zufrieden:
ausgezeichnet 57,8 %
gut 52,3 %
zufriedenstellend 6,8 %
ausreichend 2,8 %
unbefriedigend 0,6 %
Zum Vergleich: Für die Ausstattung konnte der BMW 1600-2 nur 22,8 %, der Mercedes-Benz 220 gar nur 14,3 % der Befragten zu Bestnoten bewegen. VW-Besitzer meinen, der Wagen sei "nut allem Notwendigen und Wichtigen ausgestattet".
Bisherige Befragungen unter VW-Besitzern erbrachten für die Heizung im günstigsten Fall Bestnoten von 36 Prozent. Das 411-E-Resultat liegt nicht nur weit über dem VW-Durchschnitt, es übertrifft auch viele Besitzer-Urteile für Autos mit konventioneller Kühlwasser-Heizung:
ausgezeichnet 67,0 %
gut 11,3 %
zufriedenstellend 3,4 %
ausreichend 3,1 %
unbefriedigend 6,6 %
Gleichwohl haben die VW-Besitzer an ihren Heizungen eine Menge auszusetzen. Vor allem müsse "der Fußraum besser beheizbar sein, zum Beispiel durch zusätzliche Heizöffnungen". Die Heizung lasse sich zudem nur schwierig regulieren, denn: "Der Thermostat funktioniert nicht zuverlässig."
Auch scheint die Bedienung insgesamt besondere Künste zu erfordern. Um die Heizung "wirklich richtig bedienen zu können", empfiehlt ein Angestellter, sich mit der Apparatur "lange und intensiv zu beschäftigen". Ein Ingenieur spottete: "Man braucht für die gekannte Bedienung der Heizung einen besonderen Führerschein."
Die neben der Standheizung verfügbare Motorheizung liefert nach Meinung mancher Befragter "nur ein laues Lüftchen". Sie sollte "wenigstens so gut wie beim Käfer sein". Die Standheizung wiederum hat sich offenbar nicht selten als recht störanfällig erwiesen.
Andererseits feierten Besitzer die Standheizung mit Schaltuhr als "den besten Einfall, den VW je hatte". In einen vorgewärmten Wagen mit entfrosteter Windschutzscheibe zu steigen, war für viele "ein fast einmaliger Heizkomfort".
Über die Belüftung ihres Wagens -
ausgezeichnet 27,5 %
gut 46,6 %
zufriedenstellend 15,1 %
ausreichend 5,4 %
unbefriedigend 5,1 %
-- wußten die VW-Fahrer nicht viel zu sagen. Sie wirke im Grunde "so gut oder so schlecht wie In allen anderen Wagen auch". Einige vermißten seitliche Ausstellfenster, die es für alle 411-Typen nur gegen Aufpreis gibt.
Mit seinen Wertungsnoten für Fahrkomfort und Bequemlichkeit hat der große VW auf diesem wichtigen Gebiet seine Mittelklasse-Konkurrenten offenbar eingeholt:
ausgezeichnet 40,6 %
gut 51,7 %
zufriedenstellend 4,6 %
ausreichend 2,8 %
unbefriedigend 0,3 %
Beim alten 411 erreichte die Bestnote nur 29,2 %, weil laute Motorgeräusche und Vibrationen den Fahrkomfort nachhaltig beeinträchtigten. Das neue E-Modell hat überdies besser ausgeformte Sitze; auch verzichteten die VW-Polsterer bei ihm auf die viel kritisierte, verstellbare "Lordosenstütze" des Vorgänger-Modells.
So konnte der Wagen seinen Benutzern "auch auf langen Strecken" einen "hervorragenden Fahrkomfort" gewähren. Die vorderen Polster seien "zwar hart, aber so gut geformt, daß sie auch in Kurven festen Sitz bieten". Neben der Sitzform gefällt den VW-Fahrern besonders, daß sich auch die Sitzhöhe verstellen läßt. Auf den Rücksitzen bleibe "selbst langbeinigen Mitfahrern genügend Beinfreiheit".
Mit der Größe des Kofferraums sind die VW-411-Besitzer hingegen überraschend unzufrieden:
ausgezeichnet 9,5 %
gut 41,8 %
zufriedenstellend 27,6 %
ausreichend 13,8 %
unbefriedigend 7,3 %
Seinem Rauminhalt nach ist der VW-Kofferraum erheblich größer als beispielsweise der Kofferraum des Fiat 124, für den immerhin 35,9 % Bestnoten erteilten. Doch mißfällt den VW-Fahrern, daß der abgestufte Bug-Kofferraum "für sperrige Stücke nicht besonders geeignet" ist. Seine Form sei "etwas unglücklich" ausgefallen. Für das Fassungsvermögen des Tanks (50 Liter) gaben die Fahrer unterdurchschnittliche Noten:
ausgezeichnet 19,0 %
gut 52,8 %
zufriedenstellend 11,4 %
ausreichend 9,4 %
unbefriedigend 7,4 %
Der Tank ist den meisten zu klein. 60 bis 65 Liter müßte er nach Meinung der Mehrheit fassen, um "mindestens 450 bis 500 Kilometer ohne Tankstopp fahren zu können".
Mit Erfolg haben sich die VW-Ingenieure bemüht, das Motorgeräusch des luftgekühlten Vierzylinder-Triebwerks zu mindern. So urteilten die Befragten:
VW 411 VW 411 E
niemals störend 10,0 % 23,4 %
erträglich 41,1 % 57,2 %
zu laut 48,5 % 19,3 %
Dennoch haben die wassergekühlten Konkurrenten auf dem Geräuschsektor deutliche Vorteile: 70,3 % der Fahrer eines BMW 1600-2 und 70,5 % der Eigentümer eines Peugeot 204 empfanden das Motorgeräusch als nicht störend.
Andere Störgeräusche meldeten 48,8 % der befragten 411-E-Fahrer -- beim 411 waren es immerhin 54,4 %. Nur 24,5 % gaben allgemeine, meist nicht lokalisierbare und oft auch nicht zu beseitigende Störgeräusche an. 16,8 % empfanden das Heizungs- und Lüftungsgebläse als zu laut. Das Klappern von Türen und Türfenstern störte 7,2 %. Noch einmal 7,2 % beklagten sich über Windgeräusche bei schneller Fahrt und geschlossenen Fenstern. 4,8 % fühlten sich durch Poltern der Gürtelreifen auf schlechter Straße und 2,9 % durch "Scheppern und Zirpen" aus dem unbesetzten Beifahrersitz in ihrem Komfort beeinträchtigt.
Ihren Kundendienst bewerten die VW-Besitzer, wie üblich, hervorragend:
ausgezeichnet 30,3 %
gut 46,0 %
zufriedenstellend 13,1 %
ausreichend 4,3 %
unbefriedigend 6,3 %
Der VW-Service, seine weite Verbreitung und straffe Organisation war für 44,7 % der VW-411-E-Besitzer der wichtigste Kaufgrund gewesen. Manche sahen ihre Erwartungen freilich etwas enttäuscht. So verdroß es VW-Besitzer, daß der Betrieb in den großen Werkstätten "viel zu bürokratisch" abgewickelt werde. Oft waren lange Anmeldefristen und auch Wartezeiten offensichtlich unvermeidbar. Vereinzelt beobachteten VW-Eigentümer, daß die Einspritz-Elektronik den Werkstätten Schwierigkeiten bereitet hat. Auch waren anfangs bestimmte Ersatzteile für das E-Modell nicht sofort greifbar.
Zu loben wußten die Besitzer das dichte VW-Kundendienstnetz, den guten Ausbildungsstand der Mechaniker, die Versorgung und Bevorratung mit Ersatzteilen sowie die angemessenen und überschaubaren Reparaturpreise. Besonders hoben die Befragten das VW-Diagnose-System hervor. Es macht allerdings nach den Kunden-Erfahrungen gut geschultes Personal keineswegs überflüssig, sondern eher noch notwendiger als bisher.
Unzufriedenheit der Besitzer mit dem technisch unausgereift auf den Markt gebrachten VW 411 bestimmt die ungewöhnlich hohe Quote (22,4 %) derjenigen, die den Wagen nicht wieder kaufen möchten. Aber auch die 10,0 % dieser Rubrik für den VW 411 E bedeuten immer noch eine überdurchschnittlich ungünstige Aussage. Sie zeigt indirekt, daß es der VW 411 E trotz mancher Vorzüge und trotz intensiver Detailentwicklung nicht leicht haben wird, sich in der Mittelklasse Im gewohnten VW-Stil durchzusetzen.
Die befragten Besitzer würden sich einen Wagen des gleichen Fabrikates VW 411 VW 411 E
wieder kaufen 45,1 % 60,0 %
vielleicht wieder kaufen 32,5 % 30,0 %
nicht wieder kaufen 22,4 % 10,0 %

DER SPIEGEL 43/1970
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