14.12.1970

KNIEFALL ANGEMESSEN ODER ÜBERTRIEBEN?

Fast jede Zeitung in der Bundesrepublik brachte das Bild des knienden Kanzlers. Aber fast keine Zeitung schrieb dazu einen Kommentar.
Es gibt keine veröffentlichte Meinung darüber, ob Willy Brandts Ehrung der Toten im ehemaligen Warschauer Getto angemessen oder übertrieben war. Aber es gibt nur wenige Bundesbürger, die nicht irgendwo, irgendwann und irgendwem ihre Ansicht hierüber gesagt haben. Der Kniefall des deutschen Regierungschefs war, so scheint es, das heimliche Thema der Woche.
Die Volksmeinung, die nicht laut wurde, ließ der SPIEGEL vom Allensbacher Institut für Demoskopie mit einer Blitzumfrage erforschen. Telegraphisch hatten 125 Interviewer in 103 Orten die Fragen erhalten und die Antworten geschickt.
Befragt wurden 500 Bundesbürger, repräsentativ für 46 Millionen über 16 Jahre. Wie sonst bei umfangreichen Umfragen schwärmte die Interviewer-Hundertschaft aus, um zwei Fragen zu stellen.
Für das Urteil über Brandts Totenehrung in Warschau ist die Haltung gegenüber Polen und seiner Westgrenze nur ein Kriterium von mehreren. Bis ins Religiöse hinein wurden Emotionen geweckt, als das Brandt-Bild aus dem ehemaligen Getto die Schatten der Vergangenheit heraufbeschwor.
Nicht allen geht es darum, wie tief deutsche Schuld noch immer beugen muß oder wie erhaben über fremdes Leid die Landsleute Himmlers und Heydrichs sein dürfen. Viele erinnern den wie ein Katholik knienden evangelischen Kanzler an religiöse Riten, die seit Jahrhunderten Protestanten von Katholiken scheiden.
Deutsche Schuld und katholischer Brauch, polnische Grenze und jüdisches Leid: Jede dieser Fragen polarisiert die Ansichten unter den Deutschen. Zwar ist, wie viele Umfragen erhärten, die Mehrheit zumeist bemüht, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Doch unmeßbar sind die Emotionen, die jedes dieser Themen und nun, multipliziert, das Bild Brandts vor dem Getto-Denkmal wecken.
Sicher ist, daß der kniende Kanzler für seine Landsleute das Bild des Jahres bot. Die Allensbacher Interviewer fragten: "Haben Sie im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung gelesen, daß Bundeskanzler Brandt in Warschau vor dem Denkmal für die ermordeten Juden im Getto niedergekniet ist?" 84 Prozent der Befragten bejahten diese Frage -- weit mehr, als zum Beispiel 1967 die Trauerfeier für Konrad Adenauer sahen (70 Prozent). Von den Männern ist nur jeder zehnte nicht informiert, von den Frauen jede fünfte. Wie sehr das Warschauer Photo die Gefühle der Deutschen bewegt hat, zeigt die relativ kleine Zahl derer, die zwar den knienden Brandt gesehen, aber die Frage nicht beantwortet haben: "Wie empfanden Sie das Verhalten von Willy Brandt -- als angemessen oder als übertrieben?" Von den Befragten, die das Photo gesehen haben, wollten oder konnten darauf nur elf Prozent nicht antworten.
Hauptergebnis der SPIEGEL-Umfrage: Für angemessen halten das Verhalten Brandts am Getto-Ehrenmal 41 Prozent der Befragten, als übertrieben bezeichnen es 48 Prozent.
Werden die Befragten nach ihrer Konfession aufgeteilt, so ergeben sich -vermutlich als Folge des Lebens fern der Kirche, das heutzutage die meisten führen -- keine allzu großen Unterschiede zwischen katholischen und evangelischen Bundesbürgern. Für angemessen halten 39 Prozent der Katholiken und 43 Prozent der Protestanten das Verhalten Brandts, für übertrieben jeweils knapp die Hälfte der einen wie der anderen (48 und 49 Prozent). Unter den Katholiken ist lediglich die Zahl derer größer, die sich nicht äußern wollten.
Obwohl das Thema gefühlsbetont ist, weichen die Ansichten der Frauen kaum von denen der Männer ab. Erheblich aber differieren die Meinungen je nach Alter. Zwar stimmen die Ansichten der Deutschen unter 30 und über 60 fast auf ein Prozent genau überein, und jeweils die Mehrheit der Jungen wie der Alten hält das Niederknien für angemessen (46 und 47 Prozent).
Aber die Mittelgruppe der 30- bis 59jährigen Bundesbürger denkt anders. Hier ergab sich bei der Auswertung der SPIEGEL-Umfrage die einzige absolute Mehrheit: 54 Prozent bezeichneten das Verhalten Brandts als übertrieben.
Weisheit des Alters, so scheint es, kann ebenso wie Unbefangenheit der Jugend das Verständnis wecken für eine Geste, die so ungewöhnlich ist wie das Geschehen, dem sie galt.

DER SPIEGEL 51/1970
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