14.12.1970

EIN STÜCK HEIMKEHR

So wird das alles nicht in den Geschichtsbüchern stehen, in die es aber doch gehört: dieses wilde, füßescharrende Geschubse der Photographen plötzlich; die Sekunde der Atemlosigkeit; das Erschrecken. Wo ist er? Was ist denn passiert? Ist er gestürzt? Ohnmächtig geworden?
Willy Brandt kniet. Er hat mit zeremoniellem Griff die beiden Enden der Kranzschleife zurechtgezogen, obwohl sie kerzengerade waren. Er hat einen Schritt zurück getan auf dem nassen Granit. Er hat einen Augenblick verharrt in der protokollarischen Pose des kranzniederlegenden Staatsmanns. Und ist auf die Knie gefallen, ungestützt, die Hände übereinander, den Kopf geneigt.
Da, wo er kniet, war Hölle. Hier war das Warschauer Getto. Hier hat die Geschichte einen Tobsuchtsanfall gehabt -- unsere Geschichte. Sie steht schon in den Büchern, hat auch Ihre Bilder: das halbverhungerte Judenkind, das vor dem SS-Mann die Hände hebt; die Leichenberge auf kaputten Handkarren; die SS mit Flammenwerfern. Eine halbe Million ist hier umgekommen, getilgt worden, wie Wanzen.
Jetzt ist hier ein weiter, rechteckiger Platz, gesäumt von modernen Mietskasernen. In der Mitte das Mal zum Gedenken des Getto-Aufstandes 1943: Helden in Bronze, eingefaßt in Steinquader, zwischen denen Ritzen klaffen, woraus in schmutzigen Bächen das Regenwasser trieft. Es sind Krähen in der Luft. Der Dezember ist kahl und kalt. Aus zwei bronzenen Kandelabern fauchen Gasflammen, und der Wind macht Fetzen daraus.
Aber nun ist man beinah dankbar für diesen Wind, der so eisig ist, daß die Augen davon naß werden.
Willy Brandt kniet wohl eine halbe Minute. Viele, die ihn in Warschau begleiten, sehen es gar nicht. Günter Graß und Siegfried Lenz zum Beispiel, die beiden Schriftsteller aus dem ehedem deutschen Osten, haben nach der vorangegangenen Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten den Anschluß an die Fahrt der deutschen Delegation zum Getto-Mahnmal verpaßt. Als man ihnen später erzählt, was dort vorgefallen ist, glauben sie es im ersten Augenblick nicht.
Niemand ist darauf gefaßt gewesen, niemand hat vorher davon gewußt. Selbst Brandts engste Vertraute trifft der Anblick des Knienden wie ein Schock. Egon Bahr, Freund und Staatssekretär des Kanzlers, der zusammen mit Krupps Polen-Vorkämpfer Berthold Beitz im Hintergrund geblieben Ist, wendet sich mit einer unwillkürlichen Geste der Überwältigung ab und murmelt: "Mein Gott, was dieser Mann alles tun muß Carlo Schmid sagt später bloß: "Ich habe gebetet."
Der Ruck, mit dem Willy Brandt aufsteht, wirft ihn fast wieder um. Auch jetzt nimmt er die Hände nicht als Stütze, kommt nicht in Etappen auf die Füße, ein Bein nach dem anderen, sondern eben mit diesem Ruck, der so heftig ist, als wären da Fesseln zu zerreißen. Die Anstrengung läßt der Maske, in die Brandt sein Gesicht bei solchen Anlässen zwingt, keine Chance. Die Miene, die darunter sekundenlang sichtbar wird, wirkt nach dieser Maske wie eine bewußte Provokation. Es ist die Miene eines Bekenners.
Ein Bekenntnis also, womöglich ein genau überlegtes? Ein Schuldbekenntnis? Eine Bitte um Vergebung? Und in wessen Namen?
Halten wir uns, fürs erste, an die Fakten, die offenkundig sind und die niemand bestreiten wird.
Willy Brandt ist, erstens, nicht das Urbild eines religiösen Menschen. Er hat das Knien, von Haus aus, gar nicht im Repertoire. Als er in einer deutschen Zeitung die Formulierung findet, er, der "aus einer protestantischen Welt stammende Kanzler" sei vor einem jüdischen Mahnmal niedergekniet "wie ein guter polnischer Katholik", wird er beinah böse. Das, sagt er, "trifft doch nicht den Kern". An Devotion, gar in einem konfessionellen Sinn, hat er gewiß nicht gedacht.
Zweitens ist Willy Brandt, jenseits allen Zweifels, einer der Deutschen, die auch nicht den geringsten Anlaß haben, sich mitverantwortlich zu fühlen für die Austilgung des Warschauer Gettos, für Hitlers Überfall auf Polen -- und für alles, was dazu geführt hat. Er hat das Regime, das solche Verbrechen programmierte und schließlich beging, nicht gestützt, nicht einmal hingenommen. Er hat es bekämpft. Und er kann sagen, er sei damals nicht dabeigewesen.
Wenn dieser nicht religiöse, für das Verbrechen nicht mitverantwortliche, damals nicht dabeigewesene Mann nun dennoch auf eigenes Betreiben seinen Weg durchs ehemalige Warschauer Getto nimmt und dort niederkniet -- dann kniet er da also nicht um seinetwillen. Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien -- weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.
Aber hat er es denn so gemeint? Hat er sich selber so gesehen in diesem Augenblick -- als Stellvertreter eben derer, die ihn seit langem, und nun von neuem, des Verrats bezichtigen? Hat er das alles überhaupt geplant? Ist dieser Kniefall nicht vielmehr eine spontane Gebärde der Übermannung, die allem Kalkül spottet?
Erst tief in der Nacht, die dem historischen 7. Dezember folgt, wird es möglich, Willy Brandt solche Fragen zu stellen. Erst jetzt fühlt er sich frei genug, von Motivationen zu sprechen, auch von Emotionen. Er sitzt noch, auf ein Glas oder zwei, unter Freunden im roten Salon seines Staatsquartiers Schloß Wilanów, der "prächtigsten barocken Magnatenresidenz in Polen" (so "Merian") -- erbaut für König Johann III. Sobieski, zerstört von der SS, restauriert von der Volksrepublik Polen.
Aber auch jetzt noch macht die Antwort Mühe. Eine lange Pause entsteht. Willy Brandt hält den Kopf gesenkt, wie er es immer tut, wenn er sich gedrängt sieht, von Gefühlen zu sprechen -- oder besser: Rationalisierungen anzubieten für Gefühle, deren Äußerung er nicht hat unterdrücken können.
"Heute morgen", sagt er, obwohl Mitternacht lange vorüber ist, "heute morgen habe ich das gewußt: daß das nicht einfach so geht wie bei anderen Kranzniederlegungen, nur so den Kopf neigen. Dies ist doch eine andere Qualität."
Aber darüber gesprochen hat er mit niemand. Und er hat sich die Gebärde der Demut auch nicht selber vorgestellt, geschweige denn hat er sie arrangiert. Er wäre sonst wohl auf einer Stufe niedergekniet, nicht einfach auf dem flachen, nassen Stein; hätte sich nicht in Gefahr gebracht zu stürzen; hätte überhaupt ein bißchen mehr an die Optik gedacht, an die Filmkameras zumal, die Vorgänge wie diesen so leicht In eine falsche Perspektive rücken.
Gedacht hat er im Augenblick, da er niederkniete, "natürlich überhaupt nicht". Aber, und dieses Aber kommt schnell, "von einem bin ich jetzt, nachher, doch fest überzeugt: daß ich einer ganzen Menge Menschen bei uns damit geholfen habe".
Einer ganzen Menge? Gewiß: allen denen nämlich, die das Nazi-Regime nicht bekämpft, sondern mindestens toleriert, vielleicht sogar gestützt haben, die damit aber bestimmt nicht dies gemeint, nicht dies gewollt haben: daß es Mitmenschen geben soll, die zu Ungeziefer erklärt, die wie Ungeziefer getilgt werden. Allen denen hat er durch seinen Kniefall helfen wollen, damit fertig zu werden, daß sie damals den mörderischen Zusammenhang zwischen Regime und Verbrechen nicht gesehen haben oder nicht haben sehen wollen.
Die Frage beschäftigt Willy Brandt nicht erst, seit er Bundeskanzler ist, und sie beschäftigt ihn ganz persönlich: Warum es wohl nicht gelungen ist, über die Emigration hinweg eine Brücke zu finden zu denen, die sich bei der Heraufkunft des Nationalismus idealistisch engagiert haben -- so wie er selber, nur eben auf der anderen, auf der linken, auf der linkssozialistischen Seite. Warum es wohl nicht zu ändern gewesen ist, daß er sogar diesen Deutschen, die doch, als sie sich engagierten, gewiß keine Verbrechen im Sinn hatten, bei seiner Wiederkehr wie ein fremder Okkupant erschienen ist.
Sieht man es so, dann ist der Kniefall Im ehemaligen Warschauer Getto auch für Willy Brandt persönlich eine Art Vergangenheitsbewältigung; ein neuer Versuch zumindest, die Brücke zu schlagen, die er so lange nicht gefunden hat; ein Stück Heimkehr.
Repräsentanz jedenfalls -- verstanden als Stellvertretung -- ist auch in Warschau Brandts Problem geblieben. Und es ist nicht in allem glücklich gelöst worden, selbst wenn man einmal von jenen Daheimgebliebenen absieht, die das Unterschreiben des deutschpolnischen Vertrages als Ausverkauf und als Verrat plakatieren. An des Kanzlers Idee, das deutsche Volk beim Akt der Vertragsunterzeichnung sozusagen in Gestalt einiger Musterexemplare zugegen sein zu lassen, läßt sich beides demonstrieren: das Problem und die mißlungene Lösung.
Viel mehr als die Idee hat Brandt gar nicht gehabt, jedenfalls nicht genug Zeit und Gesundheit, sich um ihre Ausführung zu kümmern. Und wo er es doch gekonnt hätte, stieß er auf (vorhersehbare) Unüberwindlichkeiten -- nicht bloß bei der christdemokratischen Opposition oder bei den christlichen Kirchen. Brandt hat zum Beispiel lange überlegt, welchen deutschen Juden er nach Polen mitnehmen solle. Er hat dies getan, gerade weil er weiß (auch wenn er es nur schweigend beklagt), daß es in der Volksrepublik Polen Antisemitismus gibt; gerade weil es ihn grämen muß, daß Walter Scheel in Auschwitz, aus Rücksicht auf die Polen, nicht deutlich der Juden gedenken mochte.
Wäre auch Brandt nach Auschwitz gefahren, dann hätte er eine deutsche Journalistin mitgenommen, die das Lager überlebt hat. Doch die Überlegung, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, mitzunehmen, hat er schließlich doch der Diplomatie geopfert.
Und der Bielefelder Staatsrechtler Professor Jochen Frowein findet sich, zu Warschau angelangt, im offiziellen Programm des polnischen Außenministeriums unter der Rubrik "Geistesleben", als Dritter im Bunde der Dichter Graß und Lenz wieder und erbittet beim Protokoll sogleich eine Richtigstellung: Er sei zwar Gutachter von Außenminister Scheels Verhandlungskommission gewesen, könne sich darum aber noch lange nicht als Repräsentant der deutschen Professoren bei der Vertragsunterzeichnung verstehen.
Siegfried Lenz, Autor der "Deutschstunde", hat vor der Abreise beschimpfende Briefe bekommen, "bis zur physischen Bedrohung". Ein Königsberger, Jahrgang 1929, dankbarer Leser der Lenzschen Romane, schreibt etwas von "verantwortungsloser Schau einer gewissenlosen Regierung ... Ich bitte Sie, begehen Sie als Ostpreuße nicht diesen Verrat an unserer Heimat und unserem Volk."
Ist Willy Brandt auch für diesen Königsberger auf die Knie gefallen? "Für viele meiner Landsleute, deren Familien im Osten gelebt haben", sagt er am Abend der Unterzeichnung in einer Tischrede, die er nachmittags in ein paar Minuten selber hingeschrieben hat, "ist dies ein besonders problemgeladener Tag. Manche empfinden es so, als ob jetzt der Verlust eintritt, den sie vor 25 Jahren erlitten haben." Auch sie will er hier vertreten.
Józef Cyrankiewicz, Häftling der Konzentrationslager Auschwitz und Mauthausen, 1947 zum erstenmal Ministerpräsident der Volksrepublik Polen, hat diese Stellvertretung akzeptiert. "Nur er", sagt er am nämlichen Abend über Brandt und die Geste im Getto, "nur er hat das machen können." Die Polen, da ist er sicher, haben Brandt verstanden. Und wie, glaubt er, wird diese Geste auf die Deutschen wirken? "Gut", sagt Cyrankiewicz schnell, beinah heftig. "Sie werden auch verstehen. Und wenn es noch nicht so viele sind -- In ein paar Jahren werden es mehr sein."
Später tauscht Cyrankiewicz mit Brandt die Feuerzeuge und wünscht ihm, daß er so lange Regierungschef bleiben möge, wie er, Cyrankiewicz, es nun schon sei. Jemand am Tisch sagt, daß sich dann in Deutschland vieles ändern würde. Aber Willy Brandt macht ein Gesicht, als glaube er nicht daran.
Auf dem Heimflug nach Bonn stöbert Günter Graß nach einem Buch, das ihm der stellvertretende Außenminister Winiewicz zum Abschied geschenkt hat, mit einer deutschen Widmung: "Den alten Danzigern."
Aus dem Cockpit meldet der Kapitän dem "sehr verehrten Herrn Bundeskanzler", daß wir soeben die "polnische Westgrenze" überfliegen, in 9000 Metern Höhe.
Willy Brandt hat nicht hingehört. Er ist mit den Gedanken wieder im alten Warschauer Getto, beim Sinn dessen, "was ich da gemacht habe". Und "wenn der Mann an der Spitze", sagt er, "überhaupt etwas machen kann, dann doch nur den Versuch, möglichst vielen zu helfen".
Aber es gibt Reisende auf diesem Flug von Warschau nach Bonn, die wissen, daß die Morddrohungen gegen den Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Tagen um hundert Prozent zugenommen haben.

DER SPIEGEL 51/1970
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