14.12.1970

UNTERNEHMEN / HAUNI-WERKEDer Größte

Rotbefrackte Stewards wieselten um die Tische, an denen Dreher und Schlosser ihren Sherry nahmen. In den Salons saßen Schleifer und Werkzeugmacher in ihren allerbesten Kleidern.
Der Chef hatte eingeladen: zum ersten deutschen Betriebsausflug mit einem Luxus-Liner. 300 Mitarbeiter der Hamburger Hauni-Werke durchkreuzten drei Tage die Nordsee an Bord des Renommier-Dampfers "TS Hamburg".
Gastgeber war Firmen-Chef Kurt A. Körber, 61, Welt-Monopolist für Filterzigaretten-Maschinen aus Hamburg-Bergedorf. Für 300 000 Mark hatte er das sonst nur Südsee-Reisenden vorbehaltene Vergnügungsschiff gechartert.
Multimillionär Körber, von Hamburgs Senat geschätzter Kunst-Mäzen und Initiator des Bergedorfer Gesprächskreises mit Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, hatte im September vergangenen Jahres "aus Verantwortung für Mitarbeiter und Gesellschaft eine Reihe von Verfügungen getroffen": Sein Firmen-Vermögen vermachte er testamentarisch einer gemeinnützigen Hauni-Stiftung, seine Belegschaft beteiligte er mit 20 Prozent am jährlichen Unternehmensgewinn.
"Und als ein kleines Extra", so der 1,69 Meter große Industrielle, "habe ich für die 300 betriebsältesten Mitarbeiter diese Kreuzfahrt arrangiert." 1800 Hauni-Werker blieben allerdings an Land, "denn die Ehepartner mußte ich natürlich mit einladen, und mehr als 600 Plätze gab"s nicht" (Körber).
Die Hauni-Werke -- Umsatz im vergangenen Jahr: 120 Millionen Mark -- beherrschen 90 Prozent des Weltmarktes für Filterzigaretten-Maschinen. Sowjets und Amerikaner, Rotchinesen, Lappen und Polynesier beziehen ihre täglichen Zigaretten-Rationen aus den Hamburger Maschinen. Rund 200 Patente sichern das Monopol im blauen Dunst. An dem Unternehmen, einer Kommanditgesellschaft, hält Körber noch einen Anteil von 57,4 Prozent. 25 Prozent übertrug er im vergangenen Herbst einer Körber GmbH, deren Gesellschafter-Kapital bereits zu fünf Elfteln der Hauni-Stiftung überschrieben wurde.
Der kinderlose Filter-Boß überredete seine Frau, auf die Erbschaft zu verzichten und gewann auch die beiden Kommanditisten Johanna Schwerin und Anneliese Beermann dafür, sich bei seinem Tode abfinden zu lassen. Denn über die Körber GmbH soll die Hauni-Stiftung später Allein-Eigentümerin der Hauni-Werke werden.
Am privaten Genuß der Monopolrente, die seit 16 Jahren die Bilanzen seines Unternehmens polstert, fand Körber keinen rechten Geschmack. Seine ursprüngliche Absicht, bereits vor seinem Tode das gesamte Firmen-Vermögen einer Stiftung zu übertragen, hat er zwar aufgegeben, aber -- so der Erfinder, der stets auch gut zu posieren weiß -- "entscheidend ist doch nicht das Eigentum an den Produktionsmitteln, sondern die Verfügungsgewalt".
Körber hat deshalb eine Haussatzung ausarbeiten lassen, nach der ein 17köpfiges Wahlgremium nicht nur nach seinem Tode den neuen Firmenchef wählen soll, sondern bereits jetzt das Recht hat, "mich selbst zum Rücktritt von der Firmenleitung aufzufordern. -- Finden sich dafür mehr als 75 Prozent der Stimmen, so trete ich zurück".
Der Hamburger Unternehmer Ist zwar gegen Kollektiv-Beschlüsse der Geschäftsleitung ("Die Unternehmerinitiative ist das Element, das die Horizonte offenhält; eine aristokratische Funktion kann man nicht demokratisieren"). Mit einer sogenannten Stufenselektion hat er jedoch seinen Hauni-Arbeitern ein personalpolitisches Mitspracherecht eingeräumt, das der Belegschaft das Gefühl vermittelt, an den Entscheidungsprozessen teilzuhaben: Vorgesetzte brauchen bei der Ernennung oder Einstellung die Zustimmung der jeweils betroffenen Mitarbeiter. "Das ist eine Demokratisierung der Personalpolitik", meint der Multimillionär, aber: "Gegen die Form einer schematischen Gleichstellung von Kapital und Arbeit habe ich ernsthafte Bedenken."
Der stets fröhliche Industrielle hält sein Beteiligungs-Modell für erfolgreich: "Wir sind das Unternehmen mit der geringsten Personal-Fluktuation" -- obgleich Hauni-Werker kein 13. Monatsgehalt bekommen und zu Weihnachten lediglich einhundert Mark sowie weitere zwanzig Mark für jedes Betriebsjahr ausgezahlt erhalten. Die Löhne und Gehälter haben Durchschnitts-Niveau, sie lagen früher sogar -- so weiß ein leitender Mitarbeiter -- "für uns 30 bis 40 Prozent unter den vergleichbaren Jobs im Raume Hamburg".
Die 20prozentige Gewinnbeteiligung wird vom Nettogewinn abgezweigt. Im vergangenen Jahr zahlte das Unternehmen eine Million Mark, die je nach Betriebszugehörigkeit (Höchstbetrag 1705 Mark) verteilt wurden. In diesem Jahr erwartet Körber "etwa drei Millionen Mark Gewinn" für seine Mitarbeiter. Von dieser Summe werden noch rund 500 000 Mark in eine Lebensversicherung eingezahlt. die der Chef im vergangenen Jahr mit einer für alle gleichen Jahresprämie von 250 Mark abgeschlossen hat.
Gemessen an diesen Löhnen und Gewinnzulagen waren Körbers Ausgaben für das Hamburger Bildungswesen und für das hanseatische Kunstschaffen erheblich aufwendiger: Zehn Millionen Mark stiftete er für eine Hochschule für Produktions- und Verfahrenstechnik, für die der Hamburger Senat daraufhin weitere 60 Millionen Mark aufbrachte. Aus seinen Zuwendungen wuchsen eine Ingenieurschule für Tabak-Technik und ein Lehr- und Forschungsinstitut für technische Führungskräfte.
Seine mäzenatischen Neigungen kamen dem Thalia-Theater zugute, der Kunsthalle und der Hamburger Staatsoper, deren Chef, Rolf Liebermann, kostspielige Inszenierungen mit Garantien aus der Hauni-Kasse absicherte.
"Ich bin der Meinung", verteidigt Körber seine betriebsexterne Umverteilung, "daß ein Teil dessen, was in ertragsstarken Unternehmen erwirtschaftet wird, der Allgemeinheit zukommen soll. Es ist doch nun auch Zufall, daß meine Angestellten bei mir arbeiten und nicht irgendwo sonst, Die Filterzigaretten-Raucher tragen schließlich auch zu unserem Gewinn bei."
Körbers Werktätige hatten nicht immer Verständnis für das Gönnertum ihres Chefs. "Am Anfang", so der Maschinen-Fabrikant, "haben sie gesagt: Guck mal, der Alte verschenkt unser Geld." Nun aber, glaubt Körber, "sind sie furchtbar stolz auf die Schulen, die wir gebaut haben."
In der Tat beeindruckt das Renommee, das sich der einfallsreiche Fabrikant in der Öffentlichkeit zu verschaffen verstand, immer wieder seine Mitarbeiter. Auch die Kreuzfahrt zur Küste Südnorwegens nahm die Hauni-Werker für ihren Chef ein. "Ein Jahr lang", so Eberhard Reuther, Organisator der Schiffsreise, "wurde über nichts anderes mehr geredet. Ein Teilnehmer an der Reling: "Else, dat givt dat nich wedder, dat givt dat nich wedder."
Für die trinkgeldverwöhnten Stewards hatte Körber 8000 Mark im voraus bezahlt. Im Schiffsrestaurant -- bei mexikanischer Ente und Serriger Vogelsang Riesling 1966 bewunderten die Hauni-Leute das von ihrem Chef gemalte Porträt des Hamburger Bürgermeisters Herbert Weichmann; und als am letzten Abend der Nikolaus erschien, erreichte die Begeisterung der Teilnehmer Sportpalast-Höhen.
Bei einem Quiz wurde die Frage gestellt, wer der Größte sei -- Verteidigungsminister Helmut Schmidt, Hamburgs Bürgermeister Herbert Weichmann oder Hauni-Chef Kurt Körber. Auf 250 von 300 eingereichten Antwortkarten wurde der Name Kurt Körber angekreuzt.

DER SPIEGEL 51/1970
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