14.12.1970

PROZESSE / WASSERVERSCHMUTZUNGGift in den Rhein

Die Besatzung des Stromaufsichtsboots "Bussard" meldete der Wasserschutzpolizei: "Vom Tankmotorschiff "Hasenbüttel" fließt eine übelriechende gelbliche Flüssigkeit in den Rhein." Die Wasserschutzpolizei stoppte das Binnenschiff bei Grieth am Niederrhein, die Kollegen von der Kriminalpolizei verfolgten die schmutzige Spur -- und fanden eine saubere Gesellschaft.
Die "Hasenbüttel" ist eines von 70 Schiffen der Binnen-Tank-Reederei "Hamburger Lloyd". Alleininhaber: Dr. rer. pol. Jürgen Bernhold, 36, einst Hamburger Meister im Fausthall, Deutscher Junioren- und Studentenmeister in leichtathletischen Mehrkämpfen und fünffacher Weltmeister im lateinamerikanischen Amateurtanz.
Am Montag vergangener Woche wurde der Startänzer auf ungewohntem Parkett abgewertet: Die Erste Große Strafkammer des Landgerichts im niederrheinischen Kleve verurteilte Bernhold -- in Deutschlands erstem bedeutenden Wasserverschmutzungs-Prozeß -- nach dem Wasserhaushaltsgesetz zu acht Monaten Freiheitsstrafe mit Bewährung, 5000 Mark Geldstrafe und einer Buße von 80 000 Mark.
Außer Chef Bernhold wurden elf "Lloyd"-Angestellte abgestraft: Prokurist Werner Kortmann (sieben Monate Freiheitsentzug mit Bewährung und 15 000 Mark Buße), Schiffsinspektor Gustav Stölting (8000 Mark) und Schiffsingenieur Arthur Heil (3000 Mark Geldstrafe). Acht von zehn mitangeklagten Schiffsführern müssen Geldstrafen zwischen 500 und 5000 Mark bezahlen.
Unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Joseph Scholten hielt die Kammer nach zehn Verhandlungstagen für erwiesen, daß der smarte Reeder und seine Bediensteten von August 1965 bis März 1968 fahrlässig und vorsätzlich "mindestens 8653 Tonnen" Raffinerie-Schmutzwasser in den Rhein abgelassen haben. Ziel für die Abfälle hatte die offene Nordsee sein sollen. "Bernholds Ziel" war, wie Richter Scholten sagte, der "Profit".
Der Privat-Profit des Hanseaten von der Elbe kommt bundesdeutsche Steuerzahler teuer zu stehen. Denn der einst wunderschöne deutsche Rhein ist längst Europas größter Abwässerkanal (SPIEGEL 38/1970), dessen Reinhaltung jährlich Millionen verschlingt. Der Fluß zwischen Boden- und Nordsee ist aber immer noch das Trinkwasser-Reservoir für mehr als 18 Millionen Menschen.
Weichen Schaden allein die Bernhold-Brühe, das "Dreckzeug" (Scholten) anrichtete, erläuterten vier Sachverständige vor Gericht. So analysierte Gewässerschutzfachmann Dr. Heinrich Lüssern wie seine Fachkollegen eine "ätzende Natronlauge" und "eine ganze Reihe" giftiger Substanzen. Sie hätten "nicht nur eine momentane Schädigung, sondern dauernde Folgen" für Pflanzen und Tiere hervorgerufen -- und im letzten Jahr womöglich zum großen Fischsterben beigetragen (SPIEGEL 27 /1969).
Diese Schmutz-Arbeit hatten Reedereibosse den Schiffsführern mit Zulagen honoriert -- eine Mark pro Tonne. Schiffsführer Lothar Becker beispielsweise tankte mit seiner "Mellingsbüttel" rund tausend Tonnen Abwasser. Von Schiffsinspektor Stölting erhielt er Auftrag, den Absud "unterwegs zu verlieren". Als er Bedenken geäußert habe, so Becker in der Klever Verhandlung, habe der Inspektor ihn "eine alte Jungfrau" gescholten und mit Kündigung gedroht. Becker pumpte, allerdings nur hundert Tonnen -- weil es "so jämmerlich gestunken hat".
Der Kapitän der "Süderbüttel", Bernhard Kleen, verklappte rund 500 Tonnen Lauge im Rhein, und Schiffsführer Manfred Seibert "verlor" von der "Eimsbüttel" seine Ladung ebenfalls noch vor der holländischen Grenze.
Als die Polizei den unsauberen Praktiken durch den "Hasenbüttel"-Stopp bei Grieth am 22. März 1968 auf die Spur kam, versuchte die Reederei sogleich, das Ruder herumzuwerfen. Einen Tag nach der Aufbringung legten Inspektor Stölting und Schiffsingenieur Heil dem "Hasenbüttel"-Schiffer Hans Peter Newiger nahe, alles auf die eigene Kappe zu nehmen und nicht etwa auszuplaudern, daß er "auf Anweisung der Reederei gehandelt" habe. Stölting beschwichtigte zugleich die Ehefrau des Rheinschiffers, wie Newiger vor Gericht aussagte: "Wenn etwas passiert, übernehmen wir alles."
Newiger machte dennoch nicht mit -- und wurde prompt gefeuert. Seine Akten übernahm die Staatsanwaltschaft: Durchschriften seiner Lohnabrechnungen über 5000 Mark "Sonderzahlungen" der Bernhold-Reeder -- Prämien für das Abpumpen des Schmutzwassers in den Rhein.
Beim Hamburger Lloyd freilich sind die Originale dieser Lohnlisten ebenso verschwunden wie die Tagesberichte der Schiffer mit Pumpvermerken. Dafür fanden sich Belege, nach denen offenbar nachträglich die Sonderzahlungen auf andere Positionen verteilt worden waren.
Reeder Bernhold will von dieser Buchführung sowenig gewußt haben wie von allen schmutzigen Geschäften seiner Firma. Denn er sei 1962 nach dem Tod seines Vaters als Doktorand über den "Einfluß konjunktureller Schwankungen auf die Unternehmungsformen der Binnenschiffahrt" und "blasser Theoretiker" ins Reedereigeschäft eingestiegen.
Der Tanzmeister pflegte, wie er vor Gericht bekannte, lediglich "Kontakte zu Leuten, die Geld" und möglichst "Universitätsbildung" hatten, um Kunden zu werben. Er machte die "Akquisition". Technik und Transport überließ er Karl Bolle, seinem damals gleichberechtigten Partner. Bolle aber ist seit vier Jahren, nach Aufdeckung eines Versicherungsschwindels, spurlos verschwunden.
Bolle war es, der 1965 den Abwasserbeseitigungsvertrag mit der Ölraffinerie Caltex aushandelte, mit dem die Reederei ihr trübes Geschäft machte. Und auf den abwesenden Bolle schob Bernhold in der Klever Verhandlung nun auch alle Schuld.
Für die Staatsanwälte Dr. Günther Bahr und Dr. Johannes-Paul Söller war die Geschichte vom "bösen Bolle" (Richter Scholten) nur ein Vorwand. Nach ihrer Überzeugung haben Bernhold und Prokurist Kortmann aus "gemeinsamem wirtschaftlichem Interesse" die Rheinverschmutzung " letztlich veranlaßt". Bernhold-Verteidiger Dr. Gerhard Rohmann hingegen sprach von einer "Bagatelle" und plädierte auf Freispruch.
Die Richter aber urteilten, "daß jede Verunreinigung, auch die kleinste, den Tatbestand erfüllt". Der Vorsitzende: "Wenn der Rhein ... zur Kloake wird, dann sind die Lebensmöglichkeiten von Abertausenden betroffen. Und außerdem habe das Gericht beim Strafmaß nicht nur das Profitstreben des Reeders beachten müssen. Durch die Pumporder aus Hamburg seien auch "soziale Abhängigkeiten mißbraucht worden".
Reeder Bernhold war "entsetzt". Der "guterzogene und höfliche Mann" (Staatsanwalt Söller) hat Revision eingelegt.

DER SPIEGEL 51/1970
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