14.12.1970

ZEITGESCHICHTE / SPIONAGEDeckname Ivar

Kaum einer kannte sein Vorleben, fast niemand durchschaute, was er verbarg. Er wollte ein Schriftsteller ohne Vergangenheit sein -- er, der die Vergangenheit fremder Kulturen untersuchte: Dr. Ivar Lissner, Journalist, Völkerkundler und einst Chef von Axel Springers inzwischen eingegangener Illustrierten "Kristall".
Viele seiner Leser glaubten, Lissner habe die Leiden und Versuchungen braundeutscher Zeitgeschichte unbeschädigt überstanden. Für sie war er ein normaler Schriftsteller, durch seine zahlreichen Bücher ("So habt ihr gelebt") als einer der meistgelesenen Sachbuch-Autoren Nachkriegsdeutschlands ausgewiesen.
Wie freilich der Schriftsteller Lissner gelebt hatte, wollte er niemandem anvertrauen. Als er 1967 in der Schweiz starb, gerieten die Nachruf-Schreiber in arge Verlegenheit: Keine Zeile verriet, was er vor 1945 getrieben hatte.
Erst jetzt können Lissner-Fans erfahren, daß der Autor zugleich ein erfolgreicher Spion gewesen ist. In seiner nachgelassenen Autobiographie "Vergessen aber nicht vergeben"* enthüllt Lissner daß er als Spitzenagent der großdeutschen Abwehr unter dem Decknamen "Ivar" einen Spionagering in der Sowjet-Union unterhielt und der deutschen Militärführung im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Geheimnisse der sowjetischen Wehrmacht enträtselte.
Außerdem erweist sich Lissner als die Schlüsselfigur eines der seltsamsten Heckenschützenkriege in der Geschichte der Spionage. Hitler-Deutschlands Polizisten und Diplomaten schossen aus Konkurrenzneid den Agenten ab, der in die geheime Welt des sowjetischen Gegners eingedrungen war:
Nach der Verhaftung des sowjetischen Meisterspions Richard Sorge im Herbst 1941 deckte Lissner auf, wie sehr die deutsche Botschaft in Tokio dem Sowjetagenten geholfen hatte. Die bloßgestellten Deutschen denunzierten daraufhin Lissner bei den Japanern als Komplicen Sorges und trieben ihn in die Todeszellen der japanischen Geheimpolizei, denen er erst nach jahrelangen Folterungen entrann.
Doch auch diese Lebensbeichte hat Lissner nicht niedergeschrieben, ohne seine Abenteuer nachträglich zu verschönern. Denn: Der ehemalige Abwehr-Mann will nicht ein gewöhnlicher Spion, gewesen sein, er möchte sich als Widerstandskämpfer verstanden wissen,
Schon 1938/39, so behauptet Lissner habe er beschlossen, "der Widerstandsbewegung beizutreten". Als
* Ivan Lissner: Vergessen aber nicht vergeben. Verlag Ullstein. Frankfurt-Berlin-Wien: 342 Seilen: 25 Mark.
überzeugter Hitler-Gegner habe er sich dem antinationalsozialistischen Abwehr-Chef Wilhelm Canaris und dem Canaris-Vertrauten Hans Oster angeschlossen, die mit einem Militärputsch die NS-Diktatur beseitigen wollten.
"Aus verschiedenen Unterhaltungen erfuhr ich", so Lissner "daß ich zu einer Art persönlichem Geheimdienst von Canaris oder vielmehr von Oster gehörte. Meine Aufgabe war es, Oster und Canaris vertrauliche Informationen zuzuspielen, damit die Generäle losschlagen konnten, wenn sie zum Handeln bereit waren."
Ein solcher Auftrag erschien dem Autor Lissner später als ganz natürlich, denn er sah sich in der Rolle eines Mannes, der von Anfang an vor Hitler gewarnt hatte. Von der "frevelhaften Orgie" faschistischer Zwangsherrschaft angewidert, habe er sich gegen die Nazis und die "Millionen, die von dem blenderischen Theater um den neuen Götzen (Hitler) verführt waren", gestemmt.
Diese Story läßt sich freilich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, daß der "neue Götze" in den ersten Jahren seines Regimes auch den Schriftsteller Lissner zu seinen Gefolgsleuten zählen durfte. Der Unternehmer-Sohn aus Riga" 1909 geboren, nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Eltern vor den Bolschewisten nach Deutschland geflohen, marschierte im "Taumel der Hysterie" (Lissner) freudig mit.
Er trat am 1. April 1933 in die NS-Partei (Mitgliedsnummer: 1 790 809) ein, er besuchte die 55-Junkerschule, gehörte zwei Jahre lang der Berliner SS-Standarte VI und einem Godesberger SS-Sturm an, uni schließlich auch als Autor und Mitglied der Reichsschrifttumskammer seine Treue zum Regime zu bekunden.
In seinem ersten Buch "Blick nach draußen" (1935) verteidigte er das Dritte Reich gegen "die Haßsaat der Kriegs- und Boykotthetzer" und machte folgerichtig Karriere in der Parteipresse. Er leitartikelte im "Angriff", dem Organ von Joseph Goebbels, er arbeitete später für das Zentralblatt der Partei, den "Völkischen Beobachter" ("VB").
Die beiden Parteiblätter schickten den Parteigenossen in den Fernen Osten, wohin es den Japan-Enthusiasten Lissner drängte. Im Sommer 1938 fuhr er als Sonderkorrespondent von "VB" und "Angriff" los, in Tokio schlug er sein Quartier auf.
Der Autobiograph Lissner will freilich seinen Abgang nach Ostasien anders gedeutet sehen. Er gibt an, erst ein Jahr später als "VB"-Korrespondent nach Japan gegangen zu sein, und dies nur auf Weisung der Abwehr. Tatsächlich traf ihn der Journalist Werner Crome schon 1938 als "VB "-Korrespondenten in Tokio.
Zudem rühmte er sich später selber, im Juli 1938 als Kriegskorrespondent in der japanisch besetzten Mandschurei den Ausbruch der Grenzkämpfe zwischen japanischen und sowjetischen Truppen erlebt zu haben, in denen es um den Besitz eines Berges, des Tschangkufeng, ging. Der russischkundige "VB"-Mann gewann das Vertrauen japanischer Offiziere, die in ihm einen Freund ihres antisowjetischen Expansionsprogramms sahen.
Die Tage vom Tschangkufeng begründeten den Ruf Lissners als Kenner japanischer Militärkreise. Er schrieb einen Bericht über die Grenzkämpfe, der dem deutschen Botschafter in Tokio, Generalmajor Eugen Ott, so imponierte, daß er ihn als eigenes Produkt an das Auswärtige Amt in Berlin telegraphierte.
Von Stund an galt Lissner in der Botschaft als Persona grata. Er beriet Ott und wurde als Propaganda-Beauftragter auf die Gehaltsliste der Botschaft gesetzt. Der Autobiograph Lissner will sich allerdings schon damals von NS-Eiferern im Stabe Otts verfolgt gefühlt haben -- in Wahrheit gab es keinen Anlaß, dem Sonderkorrespondenten des "VB" zu mißtrauen.
Manchem fiel freilich die Hektik auf, mit der er sich vorantrieb. Er bekundete immer wieder seine Loyalität zum Regime. Der überlaute Eifer hatte einen triftigen Grund: Ivar Lissner war, was man im Dritten Reich einen Halbjuden nannte.
Der jüngste Sohn des baltendeutschen Börsenmaklers Robert Hirschfeld, der nach der Flucht aus Riga 1918 in Ostpreußen den Namen Lissner angenommen hatte, vergaß keinen Augenblick, daß er an einem Abgrund jonglierte. Lissners Freund Werner Crome bezeugt: "Er war brennend ehrgeizig und wollte kein Paria, kein Outcast sein. Er überkompensierte diesen Komplex durch besonderen Einsatz innerhalb der NSDAP."
Eben dieser Eifer aber wurde ihm zum Verhängnis. Ein neidischer Schulfreund las eines Tages einen Lissner-Artikel im "Angriff"; den Nazi dünkte es ungeheuerlich, daß ein Jude in einem NS-Blatt schreibe, und er alarmierte die Partei. Daraufhin schaltete sich die Gestapo ein, die nach monatelangen Ermittlungen feststellte, daß Vater Lissner seinen sogenannten Ariernachweis frisiert hatte. Robert Lissner wurde wegen "Verdachts eines Falscheides" verhaftet.
Für seinen Sohn aber brach eine Zeit der Demütigungen an: Anfang September 1939 leitete die Partei ein Ausschlußverfahren gegen ihn ein, Mitte des Monats schloß ihn die Reichsschrifttumskammer aus, kurz darauf entzogen ihm die Redaktionen von "Angriff" und "VB" die Arbeitserlaubnis.
Über die Natur von Lissners Schwierigkeiten erfährt der Leser der Autobiographie jedoch ebensowenig wie über seine Rolle in der Botschaft. Lissner begnügt sich mit der -- unzutreffenden -- Angabe, man habe ihn in der Botschaft wegen seiner Kritik am Regime gemieden. Dabei wird auch seinem Gönner Ott die Funktion eines Bösewichts zugewiesen: Ott habe ihn praktisch gezwungen, Tokio zu verlassen.
In Wirklichkeit hatte Ott Ende Dezember vom Auswärtigen Amt die Order erhalten, den Propaganda-Attaché Lissner von der Gehaltsliste zu streichen. Doch Ott wollte seinen Ratgeber nicht verlieren. Er schlug daher am 4. Januar 1940 in einem Telegramm vor, Lissner inoffiziell weiterhin zu beschäftigen. Das AA war einverstanden. Mitte Januar 1940 schickte Ott seinen bedrängten Ratgeber zunächst einmal auf eine Studienfahrt in die Mandschurei.
Auf dieser Reise muß Lissner die Idee gekommen sein, in den Dienst der Abwehr zu treten. In der Mandschurei hatte er den deutschen Kaufmann Emil Fütterer kennengelernt, der für die Abwehr arbeitete. Von ihm hörte Lissner, die Abwehr suche V(ertrauens)-Männer, die über militärische Vorgänge in Ostasien berichten könnten.
Lissner bot sich als V-Mann an. Er wußte, daß der mächtige Geheimdienst der Wehrmacht über genügend Einfluß verfügte, dem geschaßten "VB"-Mann zu sichern, worum es ihm in erster Linie ging: eine neue berufliche Existenz und die Befreiung seines Vaters aus der Gestapo-Haft. Ohne Gegenleistung würde ihm freilich die Abwehr nicht helfen. Er mußte etwas bieten -- und er konnte in der Tat etwas offerieren, was kein anderer Deutscher in Ostasien besaß: Verbindungen zur Roten Armee.
Ein Zufall hatte Lissner mit antistalinistischen Offizierskreisen der Sowjetarmee verbunden. Nach den Kämpfen um den Tschangkufeng-Berg war er von seinen Freunden in der japanischen Armee als Dolmetscher herangezogen worden, um bei den Vernehmungen des NKWD-Generals Genrich Samoilowitsch Ljuschkow mitzuwirken. Ljuschkow hatte den Sicherheitsapparat der sowjetischen Fernost-Region geleitet und war im Juni 1938 zu den Japanern übergelaufen, weil er sich von den stalinistischen Säuberungsexzessen bedroht fühlte.
Bei seiner Vernehmung im Tokioter Kriegsministerium enthüllte er, in der Sowjetarmee gebe es oppositionelle Gruppen. Er nannte Details, Verbindungen, Namen. Lissner merkte sich manche Einzelheit, er schrieb sich einige Namen der von Ljuschkow genannten Antistalinisten auf.
Auf späteren Reisen in der Mandschurei verfolgte Lissner die von Ljuschkow gewiesenen Spuren. Über eine Gruppe russischer Emigranten in Charbin, deren Vertrauensmänner nachts über die sowjetische Grenze gingen, nahm er Kontakt zu oppositionellen Offizieren der Roten Armee auf.
So konnte Lissner dem Abwehr-Mann Fütterer im Sommer 1940 versprechen, er werde konkrete Nachrichten über die Sowjet-Union, vor allem über die russische Luftrüstung be-
* Lissner-Blatt aus der Kartei der Reichsschrifttumskammer.
schaffen. Die Abwehr-Zentrale griff zu. Als Lissner im September nach Tokio zurückkehrte, warteten in der Botschaft bereits die ersten Abwehr-Orders auf V-Mann Ivar: Mit Geld und Papieren der Abwehr ausgerüstet, sollte er sich in Charbin eine Wohnung mieten und mit der Observation der Sowjetarmee beginnen.
Der Memoirenschreiber gibt allerdings eine andere Version von seinem Eintritt in die Abwehr. Er habe sich noch vor Kriegsausbruch nach einem Vortrag vor Abwehroffizieren dem Canaris-Apparat als bewußter Widerstandskämpfer angeschlossen; in der Rolle eines politischen Sonderagenten sei er nur dem Abwehr-Chef Canaris und dem Leiter der Abwehr-Abteilung Z, Oberst Oster, unterstellt gewesen.
Die Darstellung bleibt jedoch so vage, daß sie schwerlich zutreffen kann. Auf Seite 201 der Autobiographie wird der Vortrag in die Zeit der Danzig-Krise, also Frühjahr 1939, verlegt, im Schlußkapitel dagegen das Jahr 1938 genannt; einmal soll der Vortrag in der Bendlerstraße, ein andermal in der Großadmiral-von-Köster-Straße stattgefunden haben. Die Abwehr aber hatte ihren Sitz am Tirpitzufer.
Lissner behauptet, enger Mitarbeiter Osters und V-Mann der Abteilung Z gewesen zu sein -- er hat nie zur Oster-Abteilung gehört. Er will über Sonderkuriere des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) mit Oster korrespondiert haben -- jedem V-Mann im Ausland aber war der unmittelbare Verkehr mit der Zentrale verboten. Er erklärt, in seinen Berichten harte Kritik am NS-Regime geübt zu haben -- in den erhaltenen Lissner-Berichten steht nicht eine kritische Zeile über Hitler-.Deutschland.
Nicht einmal der in der Autobiographie genannte Kronzeuge, ein ehemaliger Abwehroffizier mit dem Decknamen "Zimmermann", kann Lissners Version bestätigen. Zimmermann soll -- sein wahrer Name wird verschwiegen -- "einer der wenigen "tiberlebenden der Abteilung Oster" sein und mithin den engen Kontakt Lissner -- Oster bezeugen können.
In Wirklichkeit weiß der ehemalige Verleger Oscar Bechtle, der sich als Abwehr-Major "Zimmermann" nannte, nichts über eine Widerstandsarbeit Lissners. Der Major hat Osters Abteilung nie angehört, dennoch kennt er V-Mann Ivars Tätigkeit wie kein anderer Überlebender des Dritten Reiches: V-Mann-Führer Bechtle war es gewesen, der im Ostreferat der Gruppe "Luft" des Geheimen Meldedienstes (Abwehr-Abteilung I) den Agenten Lissner gesteuert hatte.
Daß Lissner der Abwehr I Luft/Ost zugeteilt worden war, verriet, was sich die Herren am Berliner Tirpitzufer von ihrem Fernost-Agenten erhofften: Material über Stärke, Zusammensetzung und Ausrüstung der sowjetischen Luftwaffe.
V-Mann Ivar beeilte sich, seine neuen Auftraggeber zufriedenzustellen. In kurzer Zeit schuf er ein Informanten-Netz, das bis in das östliche und südliche Sibirien reichte. Lissner wagte ein riskantes Spiel: Er horchte seine Freunde im japanischen Militär aus, er tauschte in Charbins sowjetischem Konsulat Nachrichten über die Nippon-Armee gegen Informationen aus der Roten Armee aus, er hängte sich an den faschistischen Donkosaken-Ataman Rodschajewski in Charbin an, der über viele Gesinnungsfreunde in Sibirien verfügte.
Wo immer neue sowjetische Truppen auftauchten, Industriewerke entstanden, Unruhen ausbrachen -- Lissner kannte die Details. Fast stets erwiesen sich seine Lagebeurteilungen als richtig: Er kündigte die Verlagerung der sowjetischen Rüstungsindustrie nach dem Fernen Osten an, er prophezeite, Japan werde nicht -- wie Hitler hoffte -- die Sowjet-Union angreifen.
Er berichtete über "intensive Truppenverschiebungen aus dem Fernen Osten mit Front nach Westen" (so im Bericht 236), er lieferte Listen über "Kommandanten der Garde-Einheiten der Roten Armee", er fertigte Stimmungsbilder an: "Überläufer im Fernen Osten melden sehr unzureichende Nahrungsversorgung bei ihren Truppen. Moral im Hinterland apathisch. An Europafront Atmosphäre steigende Moral, da kein Ausweg." (Telegramm vom 14. Mai 1942.)
Er konnte Rußlands Truppen und Kommandeure genau aufschlüsseln, so am 21. Mai 1942 die 11. Sowjetarmee: "Kommandant: Generalleutnant Biritschew. Bestand: Schützendivision 145, Oberst Tretjak, Schützendivision 11, Generalmajor Russijanow, Schützendivision 84, Oberst Mironow, Schützendivision 134, Oberst Achmenow."
Später genügte es ihm nicht mehr, Rote-Armee-Einheiten zu lokalisieren. Gemeinsam mit seinen russischen Freunden rüstete er Terror-Gruppen aus, die im westlichen Sibirien Sabotageakte ausführten und die Bevölkerung gegen das Stalin-Regime aufputschten. Lissner ging noch einen Schritt weiter: Er begann, auch die japanische Armee systematisch auszuforschen. "Militärische Stoßrichtung Japans jetzt Indochina/Thailand mit Endziel Angriff Singapore", ließ er nach Berlin kabeln.
Die Abwehr-Zentrale war begeistert. "Der V-Mann Ivar", urteilte Admiral Canaris am 31. Mai 1943, "ist die einzige Quelle des Amtes Ausland/Abwehr, die über den Raum des asiatischen Rußlands in größerem Umfange Meldungen liefert. Die eingegangenen Meldungen bieten die einzige Aufklärungsunterlage, um die Reserven, Neuaufstellungen, insbesondere der SU-Luftwaffe, im sibirischen Raum zu erfassen."
Bald konnte Lissner seine Forderungen stellen. Er verlangte von seinen Auftraggebern, zu denen neben Bechtle der Major Busch und der Hauptmann Brede gehörten, man möge ihn rehabilitieren und seinem Vater die Freiheit zurückgeben.
Schon Ende 1940 hatten Busch und Brede bei der Gestapo durchgesetzt, daß Robert Lissner entlassen wurde und Deutschland mit seiner Frau verlassen durfte. Kurz darauf mußte die Reichsschrifttumskammer Ivar Lissner wieder aufnehmen.
Der V-Mann konnte sich auch das Parteiabzeichen erneut anheften -- die Abwehr hatte das Parteiverfahren gegen ihn gestoppt.
Busch und Brede bemühten sogar Hitler, um ihren Agenten von allem ideologischen Makel zu befreien. Am 20. August 1941 diktierte OKW-Chef Keitel: Der Führer hat entschieden, daß der Schriftsteller Dr. Ivar Lissner deutschblütigen Personen gleichgestellt wird." Einem solchen Ehrenarier konnte natürlich nicht länger ein Orden vorenthalten werden. V-Mann-Führer Busch telegraphierte an Lissner: "Glückwunsch zum wohlverdienten Kriegsverdienstkreuz 11. Klasse mit Schwertern."
Der Autobiograph zieht es jedoch vor, seinen Lesern diese Rehabilitierung zu verschweigen; eine Erwähnung der NS-Ehrungen könnte das Image des Widerstandskämpfers allzu sehr lädieren. Er teilt nur die Rettung seiner Eltern mit -- an dieser Stelle brechen die Memoiren ab.
Was folgt, sind fragmentarische Aufzeichnungen aus dem Nachlaß Lissners, die seine Witwe, die Schauspielerin Ruth Niehaus, in einem Schlußkapitel des Buches vortragen läßt. Die Darstellung soll Lissners Lebensgeschichte weiterführen, doch das vorgelegte Material ist so lückenhaft, daß man eher verwirrt als informiert wird.
Der Leser erfährt denn auch nichts über die Köpenickiade, mit der Lissner selber seinen Sturz einleitete. Die Rehabilitierung verlockte ihn, immer waghalsiger zu agieren, Er versprach russischen Emigranten einen eigenen Staat und plante, von Westsibirien aus mit russischen Freiwilligentruppen den vordringenden deutschen Verbänden entgegenzumarschieren.
Lissners Phantasieprojekte entsprangen freilich nicht nur seiner Renommiersucht; sie sollten auch dazu dienen, die Achillesferse des V-Manns Ivar zu verschleiern. Denn: Lissner fehlte die einfachste Voraussetzung eines Agenten -- die Tarnung.
Er besaß in Charbin keine offizielle Position, er hatte seine journalistische Funktion verloren. Lissner mußte zu der Version greifen, er sei Schriftsteller und wolle ein Buch über die Mandschurei schreiben. Das aber war eine dürftige Tarnung gegenüber der mißtrauischen japanischen Spionageabwehr, die jeden Schritt eines Fremden in dem mandschurischen Besatzungsgebiet verfolgte.
Lissner verlangte von der Abwehr-Zentrale, ihm eine sichere Stellung zu verschaffen; er wollte entweder zum Militärattaché in der mandschurischen Hauptstadt Hsinking ernannt oder wieder zum "VB"-Korrespondenten erklärt werden. Seine Berliner Vorgesetzten aber konnten das nicht durchsetzen. Da kam Lissner eine fatale Idee: Er stattete sich mit eigener Macht aus.
Die Behörden und Deutschen in Charbin erfuhren daraufhin, Lissner sei ein hoher SS-Führer, den Adolf Hitler persönlich mit außerordentlichen Befugnissen ausgestattet habe. Lissner gab sich auch als Chef der Gestapo für den Fernen Osten aus, der mit der Führung aller dort lebenden Reichsdeutschen beauftragt sei.
Seine russischen Freunde glaubten an den mächtigen Einfluß, den er sich selber zuschrieb. Ukrainer in Charbin ließen sich von ihm gerne Ministerposten und deutsche Pässe versprechen. Nur einige Deutsche, die Lissner nicht mochten, wurden mißtrauisch.
Einer von ihnen, ein Parteigenosse namens Adalbert E. Schulze, meldete sich Ende Februar 1942 bei dem Polizeiverbindungsführer der deutschen Botschaft in Tokio, dem 55-Standartenführer Josef Meisinger. Ihm erzählte Schulze, in Charbin wundere man sich darüber, wie es der Halbjude Lissner geschafft habe, zum Gestapo-Chef des Fernen Ostens aufzusteigen.
Gestapo-Mann Meisinger glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Wütend drohte er, "diesem arroganten Juden" das Handwerk zu legen. Er ernannte Schulze zum Gestapo-Vertreter in Charbin und gab ihm die Order, Lissner zu beschatten.
Schulze gewann in Charbin einen russischen Emigranten, mit dem zusammen er Lissner beobachtete. Dabei registrierten die beiden Verfolger eine für sie beklemmende Tatsache: Lissner besuchte in regelmäßigen Zeitabständen das sowjetische Konsulat. Von nun an stand für Schulze fest, daß Lissner ein sowjetischer Agent sei. Doch noch ehe er Meisinger informieren konnte, erzählte er dem Lissner-Partner Rodschajewski von seiner vermeintlichen Entdeckung.
Kurz darauf wußte Lissner, daß er von Meisinger beschattet wurde. Er mußte dem Gestapo-Mann schleunigst zuvorkommen, wollte er nicht zulassen, daß Meisinger sein Spiel durchkreuzte. Wie aber konnte man Meisinger ausschalten? Lissner kannte nur eine schwache Stelle seines Gegenspielers: den Fall Sorge.
Am 18. Oktober 1941 hatte die japanische Geheimpolizei den Kreml-Agenten Richard Sorge und seine Mitarbeiter verhaftet. Sorge hatte als Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" das besondere Vertrauen Meisingers und des Botschafters Ott genossen.
Die Verhaftung ihres Freundes Sorge aber brachte Ott und Meisinger in Verlegenheit. Wie sollten sie ihren Berliner Vorgesetzten erklären, daß ein Altkommunist und Komintern-Agent in den Besitz der sensibelsten Staatsgeheimnisse des Großdeutschen Reiches gelangt war? Sie beschlossen, es überhaupt nicht zu erklären.
Die beiden verbreiteten die Mär, der Parteigenosse Sorge sei einer deutschfeindlichen Intrige der japanischen Polizei erlegen. Woche um Woche verschleierten Ott und Meisinger die Wahrheit. Selbst als ihnen das schriftliche Geständnis des Sowjetspions vorlag, flunkerten sie weiter. Ott am 9. Januar 1942 an das AA: "Polizeiverbindungsführer bezweifelt, daß der Verfasser (des Geständnisses) den Nachrichtendienst der Komintern kennt."
Eben dieses Täuschungsmanöver aber wollte nun Lissner entlarven, um Meisinger tödlich zu treffen. Am 23. März 1942 schickte er ein Telegramm an Major Busch, in dem er andeutete, die Botschaft in Tokio sei der eigentliche Informant Sorges gewesen:
Sorge, der über künftigen Kurs Achsenpolitik aus bestwissender deutscher Quelle ständig und vertraulich informiert wurde, hat seit Jahren für Sowjetrußland und speziell Rote Armee gearbeitet. Schwerster Schaden japanischer Interessen sowie vor allem Deutschlands.
Lissners Telegramm schockierte das Auswärtige Amt. Wütend forderte Außenminister Joachim von Ribbentrop, der Botschafter Ott solle sich sofort zu den Vorwürfen Lissners äußern. Prompt schoß Ott am 26. März zurück: "Agenten-Meldung Lissner darstellt Sammlung zum Stillstand gekommener völlig unsinniger Gerüchte, die auch hier zeitweise umliefen."
Bald dämmerte jedoch den AA-Räten, daß Lissners Bericht durchaus zutraf. Sie betrieben die Ablösung Otts, beschlossen jedoch gleichzeitig, das lädierte Prestige des Auswärtigen Amtes mit allen Mitteln zu verteidigen und den lästigen Mitwisser Lissner zur Strecke zu bringen. Lissner mußte als Agent und Informant unglaubwürdig gemacht, seine Arbeit so behindert werden, daß die Abwehr-Zentrale an ihrem besten V-Mann irre wurde.
Das Auswärtige Amt verzögerte die Weitergabe der (von der Gesandtschaft in Hsinking übermittelten) Agentenberichte Lissners, während Meisinger und sein Helfer Schulze in Charbin das Gerücht ausstreuten, V-Mann Ivar sei in Wahrheit ein sowjetischer Spion, der seine exilrussischen Mitarbeiter an Moskau verrate. Lissner sah sich bald in Charbin von Gegnern umstellt, zu. denen sogar der auf die Erfolge seines Freundes neidische Abwehr-Werber Fütterer gehörte.
Lissner alarmierte seine Vorgesetzten Busch, Brede und Bechtle. Sie warfen dem Auswärtigen Amt in Protestbriefen vor, Lissners Berichte tagelang dem Geheimen Meldedienst vorzuenthalten und seine Arbeit zu gefährden. Canaris selber kam Lissner zu Hilfe. In einem Schreiben an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) verbat er sich jede weitere Belästigung seines V-Mannes durch den Gestapo-Spitzel Schulze.
Das RSHA mochte sich nicht mit der Abwehr anlegen und erteilte seinem Mann in Tokio die Order, "Lissner in seiner Arbeit nicht zu stören". Als Schulze daraufhin ein Parteiverfahren gegen sich beantragte, intervenierte abermals die Abwehr. Meisinger erfuhr am 17. Oktober vom RSHA: "Antrag Schulzes wird nicht stattgegeben werden, da aus Gründen der Reichsverteidigung nicht angebracht."
Meisinger schien schon ausmanövriert, da warf er seine, letzten Reserven an die Front. Er hatte gehört, auch die Japaner mißtrauten Lissner. Der Gestapo-Mann machte sie jetzt gegen den deutschen Agenten mobil.
Meisinger schürte das Mißtrauen gegen Lissner, wo immer er konnte. Er spielte der japanischen Militärpolizei die alten Schulze-Berichte zu, in denen zu lesen war, Lissner arbeite für die Sowjetrussen und betreibe Wirtschaftsspionage gegen Japan. Meisinger fuhr selber nach Charbin, um die Japaner zu informieren.
Den Japanern erschien Meisingers Material plausibel. Lissner selber hatte den Verdacht der Japaner auf sich gelenkt -- durch einen halsbrecherischen Trick, mit dem er sich seiner deutschen Gegner hatte entledigen wollen: Um die Intrigen seines Rivalen Fütterer zu unterbinden, hatte Lissner ihn und einen japanischen Offizier als britische Spione bei der Polizei in Charbin denunziert.
Als die Militärpolizei die Haltlosigkeit der Vorwürfe erkannte, richtete sich ihr Verdacht automatisch gegen den Denunzianten. Schon am 3. Dezember 1942 erfuhr der deutsche Gesandte Dr. Wagner in Hsinking, die japanische Militärpolizei habe Befehl erhalten, Lissner unter strengste Beobachtung zu stellen, da er dringend verdächtig sei, ein sowjetischer Spion zu sein.
Wagner hielt heimlich zu Lissner und warnte ihn. Auch die Abwehr-Zentrale riet Lissner, sich sofort den Japanern zu offenbaren. Doch Lissner befürchtete, ein solcher Schritt werde seine ganze Arbeit gefährden, weil die Japaner niemals fremde Geheimdienstarbeit in ihrem Herrschaftsgebiet dulden würden.
Da schoß Josef Meisinger einen Giftpfeil ab, der Lissner vollends zu Fall bringen mußte. Am 25. Mai 1943 meldete er nach Berlin, Lissner gebe sich als "Angehöriger des Stabs des Führers" aus und berufe sich auf "direkte Verbindung zum Führer". Die Lissner-Gegner im AA erkannten ihre Chance: Sie lancierten den Meisinger-Bericht auf Hitlers Berghof, wo ihn Botschafter Hewel, der Vertreter des Auswärtigen Amts, vorlegte.
Der Diktator brauste auf: Er kenne keinen Lissner, "solche Leute" solle man "am besten gleich erschießen". Meisinger hatte freie Bahn, die japanische Spionageabwehr konnte losschlagen. Fünf Tage nach Hitlers Kommentar, am 4. Juni 1943, wurden Lissner sein Freund Crome und dessen Sekretärin von japanischen Polizisten verhaftet.
Die japanische Staatsanwaltschaft entdeckte freilich rasch, daß sich die Vorwürfe gegen Lissner auf allzu schwache Indizien stützten. Außer Lissners Besuchen im sowjetischen Konsulat von Charbin lag gegen den Häftling nichts vor. Nur in einem Punkt konnten die Japaner konkrete Beweise vorlegen: Lissner hatte offenkundig Nachrichten über militärische und politische Vorgänge im japanischen Herrschaftsbereich gesammelt. Doch in wessen Auftrag? Die Japaner behaupteten, im Auftrag der Sowjets, Lissner beteuerte, im Auftrag der Abwehr.
Ein klares Wort der deutschen Botschaft hätte der Haft Lissners ein sofortiges Ende bereiten können. Doch die Botschaft schwieg. Meisinger gab vor, an die Schuld Lissners zu glauben, während der neue Botschafter Heinrich Stahmer, als Ehemann einer "Nichtarierin" auf das besondere Wohlwollen Ribbentrops angewiesen, an der These festhielt, Lissner sei ein Komplice Sorges gewesen. Mochte auch die Abwehr ihren V-Mann verteidigen und selbst das RSHA Meisinger vorwerfen, er habe eigenmächtig gehandelt -- Ribbentrops Männer sabotierten jeden Rettungsversuch.
Je beharrlicher aber die Deutschen schwiegen, desto brutaler schlugen die japanischen Vernehmer auf den Häftling ein, um ihn doch noch zu einem Geständnis zu zwingen. Tag um Tag wurde Lissner gefoltert, bewußtlos geschlagen, wieder hochgerissen und erneut malträtiert.
Nur in Schlagworten konnte später Lissner auf einem Notizzettel festhalten, was er in der Haft erlebt hatte. Lissner: "Wasser. A... an Füßen -- Kopf herunter -- Wasser -- Kopf hinein. Beine: Stock zwischen Ober- und Unterschenkel. In Sack eingenäht,.. halb erstickt. Würgen. Bambus. Jeden Abend nach dem Essen fürchterlich mit riesigen Stöcken (geschlagen) -- Rücken ein Blutfeld. Jetzt würgt er mich ..."
Er sah keinen Ausweg mehr und versuchte, sich zu töten. Der Selbstmordversuch aber stoppte jäh die japanische Foltermaschine. Anfang 1945 mußten die Japaner zugeben, daß sie den Falschen gegriffen hatten. Lissner und Crome wurden aus der Haft entlassen.
Im Sommer 1947 fuhr Lissner nach Europa zurück, entschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Er schlug endgültig die Karriere eines Schriftstellers ein und wollte nie wieder an die Abenteuer des V-Manns Ivar erinnert werden. Nur in seinen privaten Aufzeichnungen, die er niemandem anvertraute, hing er den alten Tagträumen nach, die ihm vorgaukelten, das Leben eines heroischen Widerstandskämpfers geführt zu haben.
Dort blieb er pathetisch bis zu seinem Ende. Lissner: "Ich hatte den Kampf gegen drei Diktaturen aufgenommen und mich gegen die schlimmste von ihnen verschworen, ich hatte meine Heimat verloren und war seitdem auf der Suche nach einem ruhigen Platz auf der Erde."

DER SPIEGEL 51/1970
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ZEITGESCHICHTE / SPIONAGE:
Deckname Ivar

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