14.12.1970

FERNSEHEN / VORPROGRAMMGute Partner

In den rattenverseuchten Slums rufen Neger zum Aufstand gegen das weiße Amerika: "Tötet die Schweine, wo ihr sie trefft" -- das deutsche Fernsehen hat dieses Bild oft genug gezeigt.
Doch was die ARD an einem Tag verbreitet, ist am anderen schon nicht mehr wahr. Nunmehr belehrt das Fernsehen, daß die Schwarzen in Wirklichkeit viel schöner wohnen: in Luxuriösen Appartements gepflegter Mittelstandsviertel, von gütigen weißen Mitbürgern geachtet und als fromme Patrioten wohlgelitten. Diahann Carroll, die aparte Heldin der Hollywood-Serie "Julia", demonstriert es in 26 Fortsetzungen für Zuschauer in Hessen und Norddeutschland.
Das ideologisch verklarte Zerrbild servieren Westdeutschlands Funkhäuser ihren TV-Abonnenten zum Abendessen. Denn zu dieser Stunde, zwischen 18 und 20 Uhr, ist das als "kritisch, progressiv und weltoffen" gerühmte deutsche Fernsehen in der Regel rückständig, provinziell und reaktionär. Es betreibt Volksverdummung, es vertuscht Rassen- und Klassenkonflikte und verbreitet das Trugbild von einer Welt, in der sich alles, alles Leid zum Guten wendet -- und das in jeweils 24 Minuten: in den Kurzfilmserien, die ARD und ZDF vor dem Hauptprogramm zwischen den Reklame-Spots senden.
Zwar hat das "Westdeutsche Werbefernsehen", eine kommerzielle WDR-Tochtergesellschaft" neuerdings sozialkritische Miniaturen wie "Hafen am Rhein" und "Immer die alte Leier" hergestellt (SPIEGEL 41/1970), aber die "Zeit der Lech-mich-am-Arsch-Programme (Bavaria-Produzent Hartmut Grund) ist durchaus nicht vorbei. Noch immer zeigen ARD und ZDF die "Famille Feuerstein" und die "Bezaubernde Jeannie", den "Freund Ben" und "Percy Stuart" in Serie.
Die ARD bestellt für ihr "vorabendliches Unterhaltungsprogramm" jährlich 330 dieser verlogenen Sendungen bei in- und ausländischen Filmgesellschaften. Eine Auswahlkommission der sieben Regional-Programme vergibt die Aufträge und entscheidet, welche Episode -- Stückpreis bis zu 150 000 Mark -- ausgestrahlt wird.
Empfehlenswert erscheinen den Vorprogramm-Redakteuren immer noch Heimatfilme, wie sie schon das Kino-Publikum der fünfziger Jahre gerührt haben. Ordnung, Sauberkeit und Autorität -- ehedem die Moral des "Heideschulmeisters Uwe Karsten" -- dürfen "Landarzt Dr. Brock" und "Förster Horn" wieder verherrlichen.
Mit solchen Forsthaus-Idyllen und Scholle-Dramen geht auch die ZDF-Konkurrenz auf Kundenfang, um. wie Intendant Karl Holzamer sagt, "die Menschen zum Guten zu verführen". Zwar sind die Mainzer laut Staatsvertrag gehalten, "einen objektiven Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit, zu vermitteln", aber im "Rahmenprogramm" sehen sie die Realität mit Vorliebe so, wie sie nicht ist: als Blut-und-Boden-Fabel ("Junger Herr auf altem Hof'), als abstruse TV-Posse à la "Debbie groll in Fahrt" und als staatserhaltenden Polizei-Thriller ("Kein Fall für FRI). Kleinbürger-Träume vom Monarchen-Glanz erfüllen die Mainzer mit dem Hofschranzen-Report "Kurier der Kaiserin.
Weil "Ehe und Familie als Institution nicht in Frage gestellt, herabgewürdigt oder verhöhnt werden" dürfen (ZDF-Programm-Richtlinien), idealisieren die Unterhaltungsredaktionen die heilige Gemeinschaft in heuchlerischen Familien-Bildern. Serien wie "Meine Schwiegersöhne und ich" oder "Meine Tochter, unser Fräulein Doktor" preisen die konservative Sexualmoral und predigen Unterwerfung unter die Autorität des Vaters.
"Freud", so notierte einst der Philosoph Adorno über diese Medien-Pädagogik, "hat gelehrt, daß die Verdrängung der Triebregungen nie ganz und nie für die Dauer gelingt ... Die Sisyphosarbeit der individuellen Triebökonomie scheint heute von den Institutionen der Kulturindustrie in eigene Regie genommen. Dazu tragt das Fernsehen ... das Sein bei." Der Berliner TV-Analytiker Friedrich Knilli urteilt noch schärfer: "Die meisten deutschen TV-Serien garantieren die alte deutsche autoritäre Spießerordnung, aus der der Faschismus kroch und kriecht."
Für die Redakteurin Helga Mauersberger, beim NDR für die Vorprogramm-Filme zuständig, sind solche Kritiken freilich nur "Geschmacksfragen", die "elitäres Denken" beweisen. Das Heile-Welt-Panoptikum, so meint sie, "ist für die Menschen in Posemuckel vielleicht ganz richtig",
Das ist zynisch, aber logisch: Denn die Trivial-Filme dienen vor allein kommerziellen Zwecken. Sie sollen einerseits ein Massen-Publikum zur Werbezeit an den Bildschirm locken, das (nach Umfrageergebnissen) vorwiegend aus "Leuten in einfachsten Verhältnissen und Jugendlichen" besteht; andererseits sollen sie die annoncierende Industrie bei Laune halten.
Erst kürzlich hatte sich das Unternehmer-Kollegium "Markenverband" bei den Länder-Ministerpräsidenten über das Werbe-Limit beschwert. Die 20 Minuten werktäglich, die alle Bundesländer dem Fernsehen für Werbezwecke zugestanden haben, "beeinträchtigen die optimale Entfaltung der Wirtschaft" (so der Verband). Minimal-Forderung der Manager: 30 Minuten Reklame, die "möglichst In kleineren Blöcken zwischen 17 und 24 Uhr" zu placieren sei.
Doch auch mit der gegenwärtigen Regelung sind die Inserenten noch gut bedient. Allein im Bereich des WDR sitzen zum Vesper-Programm mindestens drei Millionen Konsumenten vor dem Gerät. Das ZDF, das mit seinen Frühsendungen ein Drittel der Bundesbürger erreicht, verbucht oft Sehbeteiligungen von über 50 Prozent. "Wir bemühen uns", sagt Rolf Richter, zuständig für die Werbefilme Im Frankfurter Fernsehen, "den Kollegen von der Werbung gute Partner zu sein.
Die Partnerschaft hat der ARD und dem ZDF im letzten Jahr 490 Millionen Mark eingebracht. 1971 kommen noch ein paar Millionen dazu. Denn dann kostet beim ZDF ein Minuten-Spot nach 19 Uhr 41 000 und beim WDR rund 24 000 Mark.

DER SPIEGEL 51/1970
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