14.12.1970

GESELLSCHAFT / ERNÄHRUNG

Trip mit Hirse

Kerzen und Räucherstäbchen waren entzündet, ein Gast spielte abwechselnd Maultrommel und Gitarre; Das Abendessen war angerichtet.

Schweigend knieten die Gäste um den runden Teppich auf dem Fußboden einer West-Berliner Kommune-Wohnung nieder. Andachtsvoll blickten sie auf die dampfenden Speisen, die bereitstanden: Hafer und Hirse, gedünstete Schwarzwurzeln und gesalzene Sesamsamen, gerösteter Reis und in Distelöl fritierte Algen. Statt Tischwein gab es den Absud gebrannter Löwenzahnwurzeln.

Nicht nur in West-Berlin, auch in München-Schwabing und Hamburg-Rahlstedt haben junge Langhaarige der Kost ihrer Väter und Mütter -- Schweinshaxen und Ochsenfilet -- entsagt. Nach Love-in, Popmusik und Haschischrausch glauben sie nun einen neuen Weg gefunden zu haben, um der aggressiven Leistungsgesellschaft und dem gedankenlosen Konsumzwang ihre Verachtung auszudrücken: Sie ernähren sich "makrobiotisch", mit unpoliertem Reis und Sojamus, mit Porree und Möhren, Wegerich und Vogelmiere -- geradeso, als säßen sie in Mönchskutten am Himalaja*.

Mehr als 500 003 junge Amerikaner, rund 100 000 überwiegend junge Menschen in Frankreich steuern schon ihre Speisefolge nach der Heilslehre, die aus dem Osten kam. Zeitschriften erscheinen regelmäßig in Tokio und Los Angeles (Anzeige: "Makrobioten suchen Gleichgesinnte"), in Paris werden Makrobiotik-Kochkurse abgehalten, und in New York, London, Brüssel und Amsterdam florieren Gaststätten, deren Gäste Körner statt Steaks kauen

* Makrobiotik von griech. makros groß, bios Leben.

und Wurzelsud statt Cocktails schlürfen.

Aber auch in der Bundesrepublik registrieren nun die Reformhäuser, bislang vornehmlich von Diabetikern und Vegetariern besucht, "einen völlig neuen Kundenkreis" (so der Hamburger Gesundkosthändler Friedrich Bein): schmale, blaßwangige Hippies, die sich, oft barfuß, unter die traditionelle Kräuterkundschaft mischen und fernöstliche Spezialitäten wie "Kasha" und "Yannoh", "Gomasio" und "Tamari" verlangen.

Ausgeheckt und propagiert hat die exotische Protestdiät, die alle modernen ernährungsphysiologischen Erkenntnisse in den Wind schlägt, der japanische Pazifist und Privatgelehrte Nyoiti Sakurazawa alias Georges Ohsawa, der 1966 starb, aber in Hunderten von Schriften und Broschüren sein makrobiotisches Vermächtnis hinterließ.

Jahrzehntelang hatten seine Predigten -- etwa daß alles Unheil dieser Welt von moderner Medizin und gemischter Kost komme, Schulbildung unnötig und Impfung überflüssig sei, Berufsausbildung nur Sklaven schaffe, Ärzte als Ungeheuer und Nobelpreisträger als Kriminelle zu betrachten seien -- kaum Echo gefunden. Nun aber machten sich Hippies seine Diätvorschriften und seine Philosophie zu eigen wie ihre militanten Gesinnungsgenossen die Mao-Fibel.

Jede Krankheit, kündete der Weise aus dem Land der aufgehenden Sonne, könne "in zehn Tagen vollständig geheilt werden", auch die "sogenannten unheilbaren Krankheiten", die "nichts als eine phantastische Einbildung" der westlichen Gesellschaft seien: Gegen Krebs hülfen Ingwer-Umschläge, gegen Syphilis Sesamsalz und Rettichsaft gegen geschwollene Füße.

Freilich: Wer sich beizeiten und konsequent nach makrobiotischem Plan ernähre, brauche all solche überflüssigen Krankheiten nicht zu fürchten. Er muß nur "einfach leben" und Ohsawas Richtlinien befolgen.

Danach sind

* untersagt: Zucker, Kartoffeln, Tomaten, Südfrüchte, Salate, Curry, Pfeffer, Fleisch, Fett, Eier, Milch und Butter;

* empfohlen: Reis, Buchweizen, Hafer, Gerste, Hirse, Mais, Möhren, Kürbis, Löwenzahn, Brunnenkresse, Schwarzwurzeln und Sellerie.

70 bis 90 Prozent Getreide gemischt mit 10 bis 30 Prozent Gemüse, dazu täglich vier Gramm Meersalz und etwas kaltgeschlagenes Pflanzenöl -- nach dieser Richtschnur haben sich Makrobioten zu verköstigen. Und nach Möglichkeit, so Ohsawa, sei jeder Happen mindestens 30- bis 100mal zu kauen.

Auf zwei Urkräften aus der altchinesischen Philosophie, die -- ähnlich wie Plisch und Plum -- auseinanderstreben, doch einander unerläßlich ergänzen, ruht das Denkgebäude makrobiotischer Ernährungslehre: Yin ist weiblich, passiv, weich, kalt, leicht, negativ -- als extrem yin gelten in der Küche beispielsweise Auberginen und grüner Aal. Yang hingegen ist männlich, aktiv, hart, heiß, schwer, positiv -- besonders yangige Lebensmittel sind etwa Huflattich und Rapunzel.

Für jeden Menschen, so Ohsawa, sei unerläßlich, den Gleichgewichtspunkt zwischen diesen beiden Kräften auch in der Ernährung anzustreben.

Einseitig yin-gefährdet aber sind bislang vor allem die Mitteleuropäer: Deshalb seien sie unlustig und tuberkulös, hätten stets rote Nasen und rote Hände, unregelmäßige Zähne und schielende Kinder. Das alles kommt nach Meinung der Makrobioten vom Zucker ("mörderischer als Opium") und vom Genuß tierischer Eiweißstoffe ("führt zu Intoleranz und Lynchjustiz, erzeugt Lügner, Feiglinge und Mörder"). Wenn schon Eiweiß, so Ohsawa, dann allenfalls Sesam und Sonnenblumenkerne, Sojapaste und Kichererbsen.

Wählerisch sind überzeugte Makrobioten mittlerweile sogar bei Drogen. Retortenprodukte wie LSD und "Speed" werden abgelehnt, natürlich Gewachsenes wie Haschisch, Marihuana und Meskalin bevorzugt.

Doch manche Makrobioten glauben gar, nun ganz auf Drogen verzichten zu können. Ein West-Berliner Hirse-Esser: "Wir sind high vom Essen, das ist der Trip, der uns klar, gesund und potent macht. Wir sind nie müde. Und wenn wir mit einer Braut schlafen, fragt sie erwartungsvoll: "Bist du auch Makrobiot?'"

Daß der Trip mit Hirse und Beifuß, Bucheckernöl und Salbei auch gefährlich, mitunter sogar tödlich verlaufen kann, erwies sich unlängst am Schicksal einer Makrobiotin im New Yorker Hippie-Stadtteil Greenwich Village. Die 24jährige Beth Ann Simon war Ohsawas Wegweiser zu gesundem Leben so lange gefolgt, bis sie an Unterernährung starb: Sie hatte, monatelang, nichts außer Körnern gegessen.


DER SPIEGEL 51/1970
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