30.11.1970

KIRCHE / KOMMUNISMUSNach links

Das Messer war 30 Zentimeter lang, der Mann von riesiger Gestalt. Er stürzte, italienische Worte sprudelnd, dem Heiligen Vater entgegen. Nur der Mut des päpstlichen Privatsekretärs, das Monsignore Pasquale Macchi, rettete Paul VI. vor dem Märtyrertod in Manila.
Der Anschlag des bolivianischen Malers Benjamin Mendoza y Aznor verlieh der ohnehin von sensationellen Umständen gekennzeichneten Papst-Reise einen zusätzlich dramatischen Akzent. Die Reise-Route des Heiligen Vaters erstreckt sich von Teheran über die Philippinen, Australien, Indonesien bis vor das Tor Chinas, bis nach Hongkong. Wenngleich Paul VI. alle Gerüchte über ein Treffen mit Mao Tse-tung dementieren ließ, gleicht sein Reiseweg einer Erkundungs-Expedition in das asiatische Wirkungsfeld der maoistischen Revolution.
Einen "Menschenfischer und Missionar" gleich Petrus und Paulus hatte sich der Papst selbst genannt, als er am Donnerstagmorgen von Rom abflog. Er hinterließ dort eine verbitterte Kurie und eine hoffnungsfrohe Priesterschar, zumal in dem als besonders progressiv geltenden vatikanischen "Sekretariat für die Nichtglaubenden", dessen Leiter der Ostkontaktfreudige Wiener Kardinall König ist.
Den Zorn und die Enttäuschung der Kurie hatte Paul durch einen Erlaß verursacht, wonach von 1971 an Kardinäle über 60 nicht mehr an der PapstwahL teilnehmen dürfen. Der schönste Greis unter den Purpurträgern, der 86jährige französische Kurienkardinal Tisserant, genierte sich daraufhin nicht, im italienischen Fernsehen hämisch zu behaupten, Paul -- 73 Jahre alt -- habe sich nach der letzten Generalaudienz stützen lassen. Er sei krank, während er -- Tisserant -- noch imstande sei, "viele Dinge zu tun".
Hoffnung und Zuversicht hingegen hatte Paul geweckt, indem er 24 Stunden vor seinem Abflug nach Asien ein fünf Monate lang geheimgehaltenes Dokument im "Osservatore Romane" veröffentlichen ließ, das auf verschlüsselte Weise eine wichtige Wende in der Einstellung "der Kirche zum Kommunismus und Maoismus anzudeuten scheint.
In einer Lehranweisung "über das Studium des Atheismus und den Dialog mit den Nichtglaubenden", herausgegeben von Kardinal Königs Sekretariat, verpflichtet die katholische Kirche alle ihre Priester-Kandidaten zum Studium des marxistischen und neomarxistischen Schrifttums, einschließlich der Werke Maos. Die Note begründet das Überraschende Gebot ausdrücklich mit dem Hinweis auf die Möglichkeit einer christlich-kommunistischen Allianz. Man müsse, so die Note, die Werke des Kommunismus genau kennen, "um die Opportunität eines Bündnisses richtig einschätzen zu können".
Römische Links-Kleriker sehen in der Atheismus-Note des König-Sekretariats nur die Konsequenz der "Dialog" -Politik, die Papst Johannes XXIII. im April 1963 mit der Enzyklika "Friede auf Erden" eingeleitet hatte. Darin hatte der charismatische Neuerer-Papst die Gläubigen aufgefordert, "die Meinung der anderen Seite mit echtem Wohlwollen" zu prüfen.
Freilich galt es in Rom lange als zweifelhaft, ob der zerbrechlich wirkende Paul stark genug sei, die Dialog-Politik seines Vorgängers gegen orthodoxe Kardinäle durchzusetzen. In der Tat erwies sich Paul 1968 durch die Enzyklika "Humanae vitae", in der er den Gebrauch der Antibaby-Pille untersagte, eher als konservativer denn als progressiver Papst, So hat denn auch Pauls wachsendes Interesse für Kommunismus und Maoismus viele Christen, die Pauls Pillen-Enzyklika bejubelten, konsterniert und verunsichert.
Die Erklärung für den Zwiespalt des konservativen, aber kirchenpolitisch nach links tendierenden Papstes könnte in einem Report zu finden sein, den der amerikanische Missionsbischof James Walsh nach langjähriger Gefangenschaft aus Rotchina mitbrachte. Was Walsh darin über "den hohen Stand der chinesischen Moral" ("Die Welt") berichtet hat, soll den Papst, der von Europas moralischem Zerfall erschüttert ist, sehr beeindruckt und ihn zur Fortsetzung der Dialog-Politik ermutigt haben.
So hieß es denn auch, daß Paul vor dem Antritt seiner Reise mit der Absicht umging, am Freitag dieser Woche von Hongkong aus eine Botschaft an die Chinesen zu sprechen. Was immer daraus wird, Italiens sachkundige Presse sah letzte Woche in der König-Note das Zeichen "einer weiteren Öffnung nach links".

DER SPIEGEL 49/1970
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