07.12.1970

KIRCHE / KARDINÄLEZur Seite

Papst Paul VI., 73, traut keinem mehr über 80.
Ab 1. Januar 1971 verlieren sämtliche Kardinäle, die 80 Jahre oder älter sind, ihr wichtigstes Privileg: Sie dürfen nicht mehr an der Wahl des Papstes teilnehmen. Und mit 75 Jahren haben Kurienkardinäle, wie der Papst drei Tage vor dem Abflug nach Asien überdies anordnete, "spontan ihren Rücktritt anzubieten".
Das Dekret, betitelt "Die wachsende Bürde des Alters", hat am Heiligen Stuhl "wie eine Bombe eingeschlagen" (Katholische Nachrichten-Agentur). Die Reform gilt der ältesten Gemeinschaft alter Männer, die es derzeit gibt. Seit neun Jahrhunderten existiert das Kollegium der Kardinäle, die der jeweilige Papst nach Gutdünken kreiert und die deshalb dessen "Kreaturen" oder, feierlich, dessen "Söhne" genannt werden. Derzeitiges Durchschnittsalter: 69 Jahre.
Mit Jahresbeginn verlieren 25 der 127 Kardinäle, darunter Kölns Joseph Frings, Sitz und Stimme bei der Papstwahl und behalten nur noch ihre Würden, vornehmlich den Titel, die Anrede "Eminenz" und den Purpur. 16 der 43 Kurienkardinäle sind 75 Jahre oder älter, Soweit sie noch nicht pensioniert sind, müssen sie um die Versetzung in den Ruhestand nachsuchen, über die Kirchenmonarch Paul VI. dann souverän entscheidet.
Einigen Purpur-Greisen geht das Papstdekret zu weit. Öffentlich beklagten sich sogar so konservative Kardinäle wie Alfredo Ottaviani, 80, langjähriger Chef des berüchtigten Heiligen Offiziums (heute: "Kongregation für die Glaubenslehre"), und Eugène Tisserant, 86, als Dekan ranghöchstes Mitglied des Kardinalskollegiums.
Ottaviani erklärte in einem Zeitungsinterview, er und seinesgleichen würden "zur Seite geschoben", und zieh den Papst der "Mißachtung einer vielhundertjährigen Tradition". Der französische Kurienkardinal Tisserant lieferte sich mit der Kurie sogar einen öffentlichen Disput mit Rede und Widerrede:
Im französischen Fernsehen erklärte die bärtige Eminenz auf die Frage, ob der Papst krank sei: "Das sieht man doch." Und über einen etwaigen Rücktritt Pauls VI. mit 75 oder 80 spekulierte Tisserant, bevor er zusammen mit dem Papst nach Asien startete: "Der Gesundheitszustand des Papstes ist so, daß der Fall ohne weiteres eintreten könnte, daß er eine derartige Entscheidung nicht treffen muß."
Vatikansprecher Alessandrini und Papst-Leibarzt Fontana erklärten den Papst daraufhin für gesund. Papst-Begleiter Tisserant blieb zunächst fest und warnte vor flüchtigen Eindrücken unterwegs in Asien: "Wenn er auf Reisen ist, sieht er immer besser aus als in Rom." Doch von Bord der Papstmaschine verbreitete Radio Vatikan, Tisserant habe seine Erklärung nunmehr "größtenteils dementiert".
Freilich: Die Verjüngung des Kardinalskollegiums, die rüstigen Vatikan-Würdenträgern zu weit geht, genügt vielen progressiven Priestern längst nicht mehr. Sie stellen eine Forderung, die der Papst und fast alle Kardinäle für revolutionär halten: daß künftige Päpste nicht mehr durch ein paar Dutzend Kardinäle, sondern von den 4000 Bischöfen gewählt werden sollen.
Theologisch ist dieses Verlangen gerechtfertigt, denn Kardinäle wählen erst seit dem elften Jahrhundert den Papst. Die Bischöfe aber sind nach katholischer Lehre von jeher Nachfolger der Apostel und sollen gemeinsam mit dem Papst die Kirche leiten. Außerdem ist jahrhundertelang der römische Bischof (der zugleich Papst ist) vom Kirchenvolk und von den Nachbarbischöfen gewählt worden.
Von den Kardinälen hat sich bislang nur der Belgier Léon Joseph Suenens eindeutig für die Papstwahl durch die Bischöfe statt durch die Kardinäle ausgesprochen. Paul VI. hat diesen Streit jetzt neu belebt.
Da seit sieben Jahrhunderten die Kardinäle stets nur einen aus ihren Reihen zum Papst gewählt haben, hat er durch sein neues Dekret erreicht, daß niemand mit 80 noch Papst werden kann. Aber vermutlich wider Willen hat Paul VI. die Diskussion darüber entfacht, ob er selber denn wohl mit 80 noch Papst bleiben werde.
Sogar dem progressiven Suenens war dieses Thema noch auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu delikat. Nur auf Bischöfe und Kardinäle, nicht auf den Papst war sein Wort gemünzt: "Das fortgeschrittene Alter Ist nun einmal seiner Natur nach so, daß der Alternde von einem bestimmten Moment an seine eigene Unfähigkeit nicht mehr merkt, weil sie ins Unbewußte absinkt."
Nun aber sagte sogar der konservative Ottaviani, der Papst müsse damit rechnen, daß "alles, was er im späten Alter unternimmt, ebenso in Frage gestellt wird" wie jetzt die Arbeit alter Kardinäle.
Zwingen kann den Papst zum Rücktritt niemand; Entschlösse er sich dazu, so folgte er dem Beispiel Coelestins V., der im Jahre 1294 sein Amt aufgab. Nicht ganz so freiwillig verzichteten auch vor und nach Coelestin mehrere Päpste auf den Stuhl Petri: so im Jahre 1045 Benedikt IX., dessen Vater dem Fünfzehnjährigen das Papstamt gekauft hatte und der es 13 Jahre später weiterveräußerte, und im Jahr 1415 Gregor XII., zu dessen Amtszeit weitere Päpste gegen ihn und gegeneinander konkurrierten.
Ob Paul VI. selber an Rücktritt denkt, ist ungewiß. Sein italienischer Landsmann, der Turiner Kardinal Pellegrino, schließt ihn nicht mehr aus, und etliche Zeitungen nannten schon den französischen Kardinalstaatssekretär Jean-Marie Villot und den italienischen Ostexperten des Vatikans, Erzbischof Agostino Casaroli, als angeblich aussichtsreiche Nachfolgekandidaten (obwohl Casaroli noch nicht einmal Kardinal ist).
Der Papst, auch Heiliger Vater genannt, hat zwar seinem französischen Vertrauten Jean Guitton erklärt, ein Vater könne nicht zurücktreten. Aber er hat andererseits das Grab Coelestins V. schon vor einiger Zeit demonstrativ besucht. Und überdies hat er jüngst zu verstehen gegeben, daß er sich nicht nur von der Welt verlassen fühlt, sondern auch des göttlichen Beistandes nicht mehr sicher ist.
Öffentliche Frage Pauls VI.: "O Christus, bist du mit Uns in dieser korrupten und verwirrten Welt?"

DER SPIEGEL 50/1970
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