"Es ist allerhöchste Zeit", schrieben Eltern im ostfriesischen Aurich in einem Streikaufruf. Dann ließen sie ihre Kinder am Donnerstag und Freitag vergangener Woche ausschlafen, statt sie ins Gymnasium zu schicken.
Der Proteststreik sollte die Öffentlichkeit auf den Lehrermangel am Auricher Gymnasium aufmerksam machen, durch den mittlerweile rund 213 Prozent aller Unterrichtsstunden ausfallen. Von den 63 amtierenden Lehrkräften besetzen nur 38 eine Planstelle. Die übrigen sind Pensionäre, Realschullehrer, Volksschullehrer und pädagogisch nicht ausgebildete Hilfswillige wie Diplom-Mathematiker und -Naturwissenschaftler.
Dazu die Streik-Eltern aus Aurich: "Aus dem Bildungsnotstand ist mittlerweile ein Bildungschaos geworden. Die Situation an den deutschen höheren Schulen verschlechtert sich von Tag zu Tag."
Diese Klage aus Ostfriesland ist bundesweit gültig. Überall hat sich in den vergangenen neun Jahren der Lehrermangel an den Oberschulen verdoppelt: 1961 fehlten hei einer Gesamtzahl von 852 575 Gymnasiasten 11 492 Lehrer; in diesem Jahr werden bei 1 332 700 Gymnasiasten schon 23 800 Lehrer dringend gebraucht -- wenn für jeweils 24 Schüler ein Lehrer dasein soll, wie es die Ständige Konferenz der Kultusminister empfahl.
An Grund-, Haupt- und Mittelschulen ist der Bedarf an Lehrern nicht minder hoch: 5 987 700 Grund- und Hauptschüler werden gegenwärtig von nur 180 100 Lehrern unterrichtet -- das sind rund 21 000 zuwenig. 871 000 Realschüler haben nur 31 300 Lehrer -- rund 5300 zuwenig.
Derzeit fehlen insgesamt 50 000 Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen der Bundesrepublik.
Der Ausfall von Unterrichtsstunden wäre noch wesentlich spürbarer, wenn die Kultusministerien der Länder nicht inzwischen immer mehr teilzeitbeschäftigte Aushilfskräfte angeheuert hätten. So werden die 26 424 baden-württembergischen Volksschullehrer von 1639 pensionierten Kollegen oder verheirateten Kolleginnen entlastet. Die 3263 hessischen Realschullehrer werden von 393 Teilzeit-Pädagogen unterstützt. Die 16 956 nordrhein-westfälischen Gymnasiallehrer unterrichten zusammen mit 3327 kurzgeschulten einheimischen und ausländischen Helfern. Zur Zeit erteilen 171 amerikanische, englische und belgische Lehrer an nordrhein-westfälischen Oberschulen Fremdsprachenunterricht -- 190 Prozent mehr als in der Zeit zwischen 1966 und 1969.
Andere Notlösungen, wie Kürzungen der Referendarzeit von zwei auf anderthalb Jahre und Anerkennung von Diplom-Prüfungen als erste Staatsprüfung, wurden ebenfalls eilends eingeführt. Aber auch dadurch konnte der Lehrermangel im volkreichsten Bundesland allenfalls etwas gemildert werden: 160 000 Unterrichtsstunden können pro Woche im neuen Schuljahr nicht ordnungsgemäß abgehalten werden. Allein an Gymnasien fehlen rund 22 000 Lehrer. Die Folge: Mehr als zwei Drittel der rund 17 000 Oberschullehrer an Rhein und Ruhr machen Überstunden.
Und die relativ hohe Zahl von insgesamt 8210 Aushilfskräften täuscht oft über den Effekt ihrer Mühe. Denn viele sind für diesen Einsatz fachdidaktisch nicht ausgebildet. So ermittelten jetzt die Altphilologen in Nordrhein-Westfalen, daß im vergangenen Jahr Latein- und Griechischlehrer 5100 Mathematik- und Physik-Wochenstunden gegeben haben. Fast ein Drittel des Mathematikunterrichts an höheren Schulen wurde von Aushilfskräften erteilt. Der Erfolg dieser Notlösung ist jedoch mehr für die Statistik als für den Wissensstand der Schüler von Belang: In Nordrhein-Westfalen fielen dadurch nur 3,6 Prozent der Mathematik-Stunden aus; was ungelernt blieb, steht nirgends verzeichnet, nicht einmal in den Zeugnisnoten.
Noch trüber sieht es bei den naturwissenschaftlichen Fächern aus: Jeweils 14 Prozent aller Physik- und Chemie-Stunden mußten ausfallen.
Aber auch Leibeserziehung, Religion und musische Fächer stehen in Nordrhein-Westfalen wie in allen übrigen Bundesländern oft nur noch auf den Stundenplänen.
Leitender Ministerialrat Dr. Werner Spies, Bildungsplaner im Düsseldorfer Kultusministerium, weiß aus dem Dilemma nur einen Ausweg: "Wenn die Gesellschaft mehr Lehrer und niedrigere Klassenfrequenzen haben will, dann muß sie sich auch finanziell darauf einstellen, zum Beispiel durch höhere Steuern."
So simpel auch die Spies-Lösung erscheinen mag -- niemand hat bisher einen praktikableren Vorschlag unterbreiten können. Tatsächlich hält nicht zuletzt die geringe Verdienstaussicht manchen Abiturienten davon ab, Lehrer zu werden. Ein akademisch ausgebildeter Mathematiker oder Naturwissenschaftler muß sich, wenn er Lehrer werden will, in der Referendarzeit mit monatlich 470 Mark begnügen. In der freien Wirtschaft verdient er zur gleichen Zeit etwa einen Tausender mehr.
Auch in Niedersachsen hat Kultusminister Peter von Oertzen "keine Hoffnung auf eine rasche und durchschlagende Beseitigung des Lehrermangels". Dort erhöhte sich seit 1964 die Zahl der Schüler um 60 Prozent, die Zahl der vollausgebildeten Lehrer aber nur um 20 Prozent. Gleichzeitig stieg allerdings die Zahl der nicht voll ausgebildeten Hilfslehrer um 90 Prozent.
Gleichwohl klaffen im Welfenland noch überall Lehr-Lücken. So müssen im Mädchengymnasium von Leer 73 Prozent des Physik- und 53 Prozent des Mathematikunterrichts ausfallen.
In Baden-Württemberg, wo sich Abiturienten wegen des landesüblichen Zentralabiturs beschweren, das sie angeblich gegenüber Studienanfängern aus anderen Ländern benachteiligt, befinden sich die Schüler keineswegs in einer Ausnahme-Situation. Kultus-Regierungsdirektor Konrad Kurt Pöndl: "Wenn ich jetzt irgendwoher tausend Lehrer kriegen würde, könnte ich die alle unterbringen." Viele Schulleiter sind gezwungen, "eine zweite Klasse nur dann zu bilden, wenn die erste Klasse 45 Schüler übersteigt".
Je ländlicher die Gegend, desto überfüllter die Klassen. Pöndl: "In Heidelberg brauche ich keinen einzigen Lehrer und in Freiburg auch nicht, aber Tauberbischofsheim ist jetzt ein Notstandsgebiet."
Dr. Hanna-Renate Launen, Ministerialdirigentin im rheinland-pfälzischen Kultusministerium, bestätigt solche Landflucht der Lehrer: "Da wollen die Leute nicht hin." Sie freut sich über 14 Studienreferendare, die sie "von anderen Ländern geklaut" hat, und über 23 ehemalige Lehrerinnen, die künftig wieder halbtags arbeiten wollen: "Wir haben wie die Irren geworben ... aber Kleinvieh macht auch Mist."
Vielerorts scheuen die Eltern nicht mehr vor teurer Selbsthilfe zurück. So gab der Elternbeirat des naturwissenschaftlichen Gymnasiums in Nordenham 1600 Mark für Suchanzeigen ("Hilfe, wir suchen Lehrer") aus, weil er befürchtete, daß Physik und Mathematik in der Mittelstufe bald überhaupt nicht mehr gelehrt werden würden. Auf die Anzeige meldete sich der italienische Diplom-Physiker Lucio Conti" 36, aus Kreuzungen in der Schweiz. Er soll 24 Wochenstunden Mathematik und Physik erteilen.
In Hannover suchten und fanden Eltern, deren Kinder die Geschwister-Scholl-Schule besuchen, in Hans J. Wiechmann, 30, einen Ersatz-Chemie-Lehrer, der in den 13 Klassen, in denen keine Chemie-Stunden gegeben wurden, unterrichtet. Da das Kultusministerium für Aushilfslehrer nur 10,40 Mark pro Stunde zahlte, schossen die Eltern acht Mark pro Stunde zu.
In Frankfurt demonstrierten Eltern in einer "Aktion kleine Klasse" gegen überfüllte Unterrichtsräume. Prompt zweigte die Frankfurter Stadtverwaltung eine Million Mark aus dem Haushalt für Hilfslehrergehälter und Zeitungsanzeigen ab. Text: "Wir suchen für unsere Schulen: Ehemalige Lehrerinnen und Lehrer; Musiker; Sozialpädagogen; Sportlerinnen und Sportler; Frauen und Männer, die Handarbeits- oder Werkunterricht geben können; Studenten der Erziehungswissenschaften."
Erfolg: Für 357 leere Lehrerstellen bewarben sich 1636 Lehrwillige. Der älteste, ein ehemaliger Lehrer, war 88; der jüngste, ein angehender Abiturient, war 17. Er versicherte, er werde mit Erstklasslern "gut fertig".
DER SPIEGEL 37/1970
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