07.09.1970

KRIMINALITÄT / KONSTANZJeder von euch

Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands, mit schlag- und schießfreudigen Ordnern versehen, distanzierte sich eilig: "Dieses Mal", versicherte der Konstanzer NPD-Führer Walter Eyermann, 45, in einer geschwind einberufenen Pressekonferenz, hätten Partei-Gegner "am falschen Platz versucht, der NPD einen Mord anzulasten".
Entlastung suchen die Nationalen vom Bodensee seit dem vorletzten Sonnabend, als auf dem Konstanzer Blätzle-Platz der angetrunkene Druckerei-Arbeiter Hans Obser, 38, den Tankwart-Lehrling Martin Katschker, 17, erschoß. Tatwaffe: ein Bolzenschußgerät, mit dem Obser sonst Kaninchen tötete.
Doch während die NPD in der Lehrlingserschießung lediglich die "Handlung eines Einzelgängers ohne jeden politischen Hintergrund" (Eyermann) sehen will, glauben Konstanzer Linke, ein Motiv zu kennen: Von der NPD angefachter "abgrundtiefer Haß gegen Gammler" habe, so der örtliche DGB-Chef und SPD-Stadtrat Erwin Reisacher, 46, den Bolzenschuß bewirkt.
In der Tat stoßen sich schon seit langem Konstanzer Bürger, traditionsbewußte und schwerblütige Schwaben, an der Andersartigkeit langhaariger junger Leute, die, zumeist auf Autostopp-Durchreise in den Süden, am Bodensee Station machen und die Plätze der jahrhundertealten Bürger- und Beamtenstadt bevölkern. In dem Fremdenverkehrsort lösten immer wieder schimpfende Einheimische und Touristen Rempeleien mit den ungebetenen Gästen aus -- mit der Folge, daß Hippies dort "fast ohne ihr Zutun in den letzten Monaten in ein immer schieferes Licht" gerieten ("Stuttgarter Zeitung").
Als sich am 19. Juli ein paar hundert Jugendliche zu einem Beat-Abend versammelten und auf dem Fußboden des gerade renovierten Stadthauses "Konzil" Zigarettenkippen hinterließen, stieg die Anti-Stimmung. Tags darauf, im "Bürgerausschuß" der Stadt, forderte NPD-Mann Eyermann den CDU-Oberbürgermeister Dr. Bruno Helmle, 59, auf, Konstanz endlich von "diesen Figuren" zu säubern; er sei bereit, mit vierzig Bürgern dafür zu sorgen, daß "die Gammler wegkommen".
Wie Christdemokrat Helmle auf den Bürgerwehr-Vorschlag der NPD reagierte, ist unterdessen umstritten. Eyermann erinnert sich: "Spontan hat der OB zum Ausdruck gebracht, daß er einverstanden wäre, wenn ich das täte." Helmies Pressesprecher Berthold Schlegel will von Heimle gehört haben: "Wenn Bürger von sich aus für Ordnung sorgen wollen, soll es mir recht sein, aber nur im Rahmen der bestehenden Gesetze." Ein Lokaljournalist freilich überlieferte damals als Heu-nie-Äußerung wörtlich: "Wenn Sie das machen, Herr Eyermann, bin ich einverstanden" -- eine Formulierung, die der OB nun dementiert.
Das Ja des Bürgermeisters zum NPD-Vorschlag, wie es In der Zeitung stand, müsse, so teilte Reisacher per Rundschreiben den Gewerkschaftsmitgliedern mit, "als Aufforderung zur Bildung einer Bürgerwehr mit Lynchjustiz verstanden werden". Die "neue Sturm-Abteilung (SA)", warnte der Ratsherr, werde "Gewalt anwenden".
Doch die gewerkschaftliche Mahnung stieß in Konstanz auf Spott, Ablehnung und Unverständnis. Der "Schwarzwälder Bote" schrieb, der DGB-Chef habe "in dramatischer Weise" ein "Schreckgespenst" an die Wand gemalt. Anonyme Bürger deckten den Sozialdemokraten "mit einer Flut von telephonischen und schriftlichen Beschimpfungen" (Reisacher) ein. Ein Namenloser schrieb, er habe um Beistand gegen die Gammler gebetet: "Herrgott, befreie uns von die-
* Nach der Tat; mit lädierter Nase.
ser Pestbeule, wenn Du es nicht kannst, schicke uns Hitler!"
Zehn Tage nach der DGB-Erklärung griff NPD-Eyermann mit einem Flugblatt in die Gammler-Diskussion ein: Er nannte den DGB eine "Gammler-Schutztruppe", bekräftigte seinen Kampfeswillen gegen "das arbeitsscheue und asoziale Gesindel" und empfahl den Konstanzer Bürgern, sich diese "Typen" doch einmal anzuschauen. "Das hat", erinnert sich Eyermann-Kontrahent Reisacher, "die Stimmung heiß gemacht."
Die Hitze hielt, genährt durch ein Open-air-Festival mit rund 7000 Pop-Anhängern, drei Wochen lang an -- bis Hans Obser "im Rausch der Hetze" (so der Konstanzer Asta) am Hippie-Treffpunkt Blätzle-Platz auftauchte und den Lehrling Katschker -- der weder langes Haar noch Bart oder Gammlerkluft trug -- und zwei Katschker-Freunde aufforderte, zu verschwinden. Er komme, hörten Jugendliche den Arbeiter sagen, "von der Bürgerwehr" und werde unter den Gammlern aufräumen. Als Obser geschossen hatte, zerschlugen ihm aufgebrachte Katschker-Freunde das Nasenbein.
"Viele haben es gewünscht, und einer schritt zur Tat", kommentiert Reisacher den Schuß. Der Asta der Universität Konstanz verteilte Flugblätter: "Der Täter konnte sich als ausführender Arm all der Bürger fühlen, die über die Ausmerzung der Gammler lediglich reden." Und die Studentenvertretung der Ingenieurschule warf den Konstanzern vor: "Diesen Mord hat jeder von euch begangen."
NPD-Führer Eyermann sieht das alles ganz anders. Zwei Tage nach der Tat spielte er vor Konstanzer Journalisten auf den 16jährigen Roland Jäger an, einen polizeibekannten Rocker, der neben Martin Katschker gesessen hatte, und tadelte den Schützen Obser: "Wenn er besser gezielt hätte, hätte er den Richtigen erwischt."

DER SPIEGEL 37/1970
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