09.11.1970

VEREINE / SPRACHPFLEGEGleichgültig, leider

Statt "zutreffender deutscher Ausdrücke" -- so beschwerte sich der Verwaltungsangestellte Ernst Schemitsch in einem Brief an die Duden-Herausgeber -- "verwenden Sie (auf einer Bestellkarte) die Wörter "Prospekt", "interessieren", "Adresse" und "interessiert"",
Schriftlich fragte der Direktor i. R. Werner Heinemann bei der Zeitung "Die Welt" an, warum sie "das im Laufe der Jahrzehnte völlig verweste Wort "Waggon" wieder aus dem Grabe gebuddelt" habe.
"Mit vorzüglicher Hochachtung" wies der Konditormeister i. R. Paul Sczasny den Bonner Wirtschaftsminister Karl Schiller auf einen "Mißbrauch von Fremdwörtern" hin. Und Bauingenieur Franz Hingsamer klagte in einem Schreiben an den bayrischen Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann über die "Verwelschung der deutschen Sprache".
Zu derlei Einsatz für die Muttersprache wurden die "Einzelsprachpfleger" vom "Verein für Sprachpflege" zu Hamburg animiert, der seit seiner Gründung im Jahre 1963 nach Auskunft des Vorsitzenden Heinrich Heeger "sehr gewachsen" ist. So sehr, daß "in den letzten zwei Jahren "70 000 Mahnkleber mit unserem Leitspruch "Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann"" (Heeger), zum Preis von 90 Pfennigen pro Hundert verkauft werden konnten. Aber doch nicht so sehr, daß der Vorsitzende die Mitgliederzahl bekanntgeben mag. Heeger: "Wir sagen nicht alles, Wir Sprachpfleger sind vielleicht etwas eigenartig, wir sind keine Dutzendmenschen."
Sie können es nicht sein, denn, so schrieb Heeger in dem Vereinsblatt "Der Sprachpfleger", das Wort "Dutzend" sei "entbehrlicher Ballast", und dies sei erwiesen "durch das Dasein des Eigenwortes Zwölfter".
Das Vereinsorgan "Sprachpfleger", das unregelmäßig mal im "Frühjahr/Lenz/Frühling" oder etwa Im "Spätling/Herbst/Spätjahr" in einer Auflage von 4000 Stück erscheint, wird nicht nur an die Vereinsmitglieder, sondern "In mehrfach größerer Zahl" (Heeger) an Freunde und Förderer wie auch an Behörden und Bundestagsabgeordnete verschickt.
Seine Spalten füllen außer Heinrich Heeger "Einzelsprachpfleger" durch "Eingesandt". Seit die Bundespost 1965 beschloß, den Tag vor dem Sonntag bundeseinheitlich Samstag zu nennen, echauffieren sie sich -- wie etwa Prof. Dr. phil. D. theol. h. c. Johannes Paul -, es werde "bald dahin kommen, daß der "Sonnabend" nur noch in der Zone überlebt". Oder sie klagen über die "Zeitung als Sprachverderber" wie auch über "viele Lehrer", denen Sprachpflege "gleichgültig, leider!" sei.
Vor allem aber meldet sich die "verantwortliche Blattleitung" in Person des Heinrich Heeger zu Wort. Er moniert beispielsweise, daß "die Angaben zur Geschichte des Wortes Kneipe nicht nur im Duden mangelhaft sind". Auf den Duden verläßt sich der "Sprachpfleger" ohnehin nicht, "denn diesen haben alle guten Sprachgeister längst verlassen".
Zu "den wichtigsten Aufgaben eines jeden Sprachpflegers" -- so Heeger -- "gehört es, verschollene deutsche Wörter wieder zu beleben". Das versucht er mit dem Wort "Fug", dem zahlreiche "Fremdwörter ... seinen Lebensraum wenn schon nicht geraubt, so doch bis auf einen letzten gar kümmerlichen Rückzugsaufenthalt eingeengt" hätten.
In 108 zweizeiligen Reimpaaren sucht er das Wort "Zwehlchen" als Ersatz für die "welsche" Toilette anzupreisen, denn:
"Klosett Ist soviel wie "Kloster" und "Klause",. Wasserklosett erinnert an Brause, W. C. ist englisch, zudem gar kein Wart -- da benutze man lieber den deutschen Abort!"
Heeger ruft den Deutschen zu: "Trennt euch doch von der Toilette, werft ab der fremden Sprache Kette und strebt fortan dem Zwehlchen zu, dann findet mein Gewissen Ruh! So mahnt der Muttersprache Pfleger. Verbindlichst grüßt Ihr Heinrich Heeger."
Nicht nur als Vereinsvorsitzender, sondern auch hauptberuflich kann sich Heinrich Heeger als "der Muttersprache Pfleger" betätigen: Er lehrt an einem Gymnasium in Hamburg-Othmarschen Deutsch und Erdkunde.

DER SPIEGEL 46/1970
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