12.12.2005

AUDIOPHILIESeidige Mitten, strähniger Klang

Das Streben nach höchstem Hörgenuss verführt zu bizarren Investitionen: Hi-Fi-Freaks schwören auf Lufttuning, Klangschalen und unverfälschten Strom.
Karlheinz Warnke, Ingenieur von Beruf und dick wie ein Bär, sieht nicht aus, als sei er empfänglich für Geister. Und doch legt er seine CDs, bevor er sie anhört, in einen Entmagnetisierkasten. Warnke weiß selbst, wie widersinnig das ist. Die Plastikscheiben seien ja gar nicht magnetisch, sagt er. "Aber es wirkt."
Dieser Satz fällt verdächtig oft, wenn es um Musik aus hinreichend teuren Hi-Fi-Anlagen geht: Ein blühender Markt für Zaubertechnik aller Art ist entstanden, die angeblich den Klang erfrischt oder irgendwie luftiger macht. Dummes Zeug, finden die meisten Musikfreunde. Und manch einer fügt hinzu: Aber es wirkt.
Es gibt Klangfanatiker, die schwören auf den gehörfreundlichen "C37"-Lack des Tiroler Geigenbauers Dieter Ennemoser; sie bepinseln damit Schaltplatinen, CD-Schubladen oder gar Stromstrippen. Andere betten ihre Lautsprecherkabel auf eine Reihe von Podesten aus Porzellan (290 Euro im Achter-Set), damit die Leitungen nur ja den schnöden Fußboden nicht berühren. Dort lauern, wie der wahre Freak weiß, gefährliche Resonanzen.
Wer es besonders gut meint mit seiner Anlage, kauft ihr auch noch einen Lautstärkedrehknopf aus handgeschmirgeltem Buchenholz. Die Schweizer Firma Audio Consulting verlangt für ein Exemplar der Marke Silver Rock - mehrfach mit C37-Lack veredelt - 190 Euro. Die zugehörige Regelelektronik steckt in einem Holzkästchen, das noch einmal 6300 Euro kostet.
Der Beweis, das wundertätige Zubehör bewirke technisch überhaupt nichts, kann einen Gläubigen nicht verdrießen: Er hört es doch. Und die Fachzeitschriften hören noch viel mehr, allen voran das Magazin "Stereo". Im aktuellen Heft feiert es die Klangschälchen des Vietnamesen Franck Tchang, die in Kupfer (Stückpreis 200 Euro), Gold (900 Euro) oder Platin (1650 Euro) erhältlich sind. Wer die Pretiosen im Raum verteile, erlebe mehr "Körper" in den Singstimmen. Zwei Kupferschälchen in Wadenhöhe, und schon sollten auch die tiefen Lagen "knackiger" ertönen.
Das Magazin, ehedem eine stocknüchterne Autorität in Sachen Klangtechnik, verkauft heute sogar selbst schon Zaubertücher zum Abwischen von CDs ("ein unverzichtbares Utensil in unseren Hörtests") für 35 Euro.
Was ist nur los mit den Klangtüftlern? Ausgerechnet diese technikverliebten Männer, traditionell nicht viel geistersinniger als ein Lötkolben, lassen sich nun für Kabelmystik und sirrende Schälchen erweichen?
Der Verfall begann bereits in den Achtzigern mit einem Filzstift, dem grünen Edding 800. Wer damit den Rand einer CD bemale, so hieß es, verbessere deutlich den Klang. "Der Auslöser für diesen Unsinn war nachweislich ein Aprilscherz", sagt Thomas Sporer vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau. "In Wahrheit klingt eine CD, solange man sie nur pfleglich behandelt, immer gleich."
Das ist es eben, was der Audiophile nicht hinnehmen kann: Die Maschine lässt ihm nichts mehr zu verbessern übrig. So wurde aus dem Aprilscherz rasch ein weltumspannender Großversuch. Überall malten Feierabendforscher mit grünen Stiften herum, und bald spaltete sich eine Fraktion ab, die mit Schwarz weit größere Erfolge feierte. Es gab sogar eine Theorie: Der Farbauftrag schlucke, so hieß es, das verirrte Streulicht vom Laserstrahl, der die
CD abtastet. Andernfalls würden die Reflexionen endlos durch die Scheibe geistern und die Leseoptik verwirren. Die Musik werde davon matt und fahl.
Der jüngste Streich in diesem Kampf ist ein Gerät des schwäbischen Erfinders Reiner Gläss. Sein "CD Sound Improver" (460 Euro) schneidet ringsum die Kante der Scheibe schräg an - eine Maßnahme, die das spukhafte Streulicht zuverlässig exorziere. "Es war kaum zu glauben, um wie viel entspannter, detailreicher und straffer die Musik hinterher erklang", schrieb Matthias Böde, der "Stereo"-Chefredakteur.
Ein anderer Großer im Reich des Irrealen ist Ingo Hansen aus Hamburg-Lurup, den das Konkurrenzblatt "Audio" einen "Klangmagier" nennt. Hansens kleine Firma Phonosophie baut Verstärker und CD-Spieler zu exquisiten Preisen, verschmäht aber auch das Geschäft mit magischem Zubehör nicht. Das Angebot reicht von klangfreundlichen Steckdosenleisten bis zu einer Tinktur im Sprühfläschchen, Marke CD-Flux, zum Erfrischen müder Scheiben. 80 Euro seien nicht zu viel verlangt, meint Hansen, "wenn man mal bedenkt, was ein Parfum kostet".
Der Schlager des Sortiments aber kommt aus Österreich: eine Dose namens "Raum-Animator", die eine verbesserte Schallübertragung mittels "Luft-Tuning" verheißt. "Die Luftmoleküle", sagt Hansen, "werden so angeordnet, dass sie besser zueinander liegen."
Nicht immer ist es derart offensichtlich, wo der Hokuspokus beginnt. Experten sagen: im Zweifelsfall ziemlich früh. Schon der Nutzwert der vielgerühmten Nobelkabel gilt als fraglich. "Eine ordentliche Billigstrippe aus dem Baumarkt genügt", sagt Fraunhofer-Forscher Sporer. Blindversuche ergeben immer wieder, dass sich Kabel im Klang nicht merkbar unterscheiden.
Die Audiophilen lassen sich davon nicht beirren. Sie nennen die Fachleute "Holzohren" und verachten den Blindtest als lebensfremd. Es gehe um das Erlebnis, nicht ums kalte Experiment.
Freilich kommt der Tag, da sind alle Gerätschaften angeschafft, alle Kabel verlegt, und als Beschäftigung bliebe nur mehr das Musikhören. Den rettenden Ausweg weist die Fachpresse. Dort gilt inzwischen die Energieversorgung als bislang unterschätztes Problem. Der Strom aus der Steckdose, so heißt es nun, sei potentiell verschmutzt mit tückischen Störfrequenzen. Abhilfe sollen teure Reinigungsfilter schaffen.
Die Hygienebewegung hat auch schon die Sicherungskästen erfasst. Der letzte Schrei sind Schmelzsicherungen mit Drähten aus Gold oder Silber. Die Zeitschrift "Stereo" attestiert ihnen "seidigere Mitten" sowie - ein Gipfel akustischer Verkostungslyrik - eine "geringere Strähnigkeit des Klangbildes".
So kämpft der Audiophile unentwegt gegen ein ganzes Pandämonium von Naturgeistern in der Elektronik: koboldhafte Wirbelströme, unheimliche Magnetfelder, jenseitige Störwellen. Es sind Inbilder der Angst vor der Unreinheit, vor dem winzigen Fehler, der sich in die teure Installation hineinschleicht und den ganzen Aufwand blamiert.
Im Internet schlagen unter der Adresse www.hifi-forum.de die Weltanschauungen aufeinander. Die "Goldohren", so spöttelte mal ein Kritiker, würden wohl erst Frieden finden, wenn sie ein eigenes Kleinkraftwerk im Keller haben.
Und siehe da, so was gibt es schon: Die Kölner Firma Finalaudio bietet einen wuchtigen 8000-Watt-Generator für Audiophile, der garantiert unverfälschten Strom erzeugt. MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 50/2005
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