12.12.2005

„Hitler loswerden“

Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl über die Nazi-Zeit, sein Leben in der DDR sowie seine Rollen in der Bundesrepublik und in Hollywood
SPIEGEL: Herr Mueller-Stahl, Sie werden jetzt 75 Jahre alt - und suchen nun im Alter nach Ihrem Vater, wie Ihr neues Buch "Venice" verrät.
Mueller-Stahl: Zunächst war es pure Fiktion. Aber aus dem Sog dieser Figur ist wohl eine Geschichte geworden, die Parallelen zum eigenen Vater aufweist.
SPIEGEL: Sein Schicksal blieb ungeklärt?
Mueller-Stahl: Am Ende des Krieges erwartete meine Familie seine Rückkehr in dem Ort Goorstorf bei Rostock. Aber er kam nicht. 25 Jahre später erfuhren wir, dass er am 1. Mai 1945 in Schönberg in einem Lazarett gestorben ist. Als ich dann dort hingefahren war, stellte ich fest, dass in seiner Akte keine Todesursache verzeichnet war, keine Krankheit, gar nichts. Das brachte mich auf den Gedanken, den haben sie aufgeknüpft oder erschossen. Der ist nicht einfach im Krankenbett gestorben.
SPIEGEL: Ist das nicht reichlich spekulativ?
Mueller-Stahl: Man weiß doch, wie das ging am Ende des Krieges. Wer nach Hause wollte, galt als Deserteur. Ich kann das nicht belegen, aber ich kann es mir nicht anders vorstellen. Übrigens: Am selben Tag, an dem mein Vater starb, wäre auch ich beinahe erschossen worden.
SPIEGEL: Wie das?
Mueller-Stahl: Ich hatte gerade eine Pistole verbuddelt, die ich gefunden hatte. Da kam ein Russe, stellte mich an die Scheunenwand, hob sein Gewehr und brüllte: "Hitlerjunge, Hitlerjunge!" In diesem Moment tauchte ein polnischer Kriegsgefangener auf, ich weiß nicht, woher, stellte sich vor das Gewehr des Russen und schrie: "Abhauen, abhauen!" Ich lief um mein Leben und frage mich heute, ob an meiner Stelle mein Vater erschossen wurde.
SPIEGEL: Sie haben in mehr als zwanzig Filmen mitgewirkt, in denen Hitler und die
Nazi-Zeit eine Rolle spielten. Ist das Zufall oder Absicht?
Mueller-Stahl: Es ist beides. Aber vor allem: Es waren die besten Stoffe. Die Vergangenheit ist die Zeit, zu der wir Distanz haben, die wir gut verarbeitet haben, vor allem in der DDR. Als ich dann 1989 nach Amerika ging, dachte ich: "Nun reicht es." Und was kam? "Music Box", der gleiche Stoff. Auch danach kam diese Zeit immer wieder hoch.
SPIEGEL: Zu dem Film "Gespräch mit dem Biest" haben Sie selbst das Drehbuch geschrieben und Hitler gespielt. Auf die Frage, warum Sie das gemacht haben, antworteten Sie: "Es war der verzweifelte Versuch, diesen Kerl loszuwerden." Ist Ihnen das gelungen?
Mueller-Stahl: Natürlich nicht. Dieses Drehbuch war der Versuch, Hitler im Nachhinein zu bestrafen. Und ich dachte, das Beste wäre, ihn als ein Nichts darzustellen. Das fiktive Gespräch zwischen einem jüdischen Historiker und dem zu diesem Zeitpunkt 103 Jahre alten Hitler habe ich auf die Rückseite des Drehbuchs zu "Music Box" geschrieben. Es war eigentlich ein Essay, ein intellektuelles Spiel, aber ein Produzent wollte unbedingt einen Film daraus machen.
SPIEGEL: Warum haben Sie selbst die Hitler-Rolle übernommen?
Mueller-Stahl: Ich wollte, dass Martin Benrath Hitler spielt, aber der lehnte ab. Bei den Dreharbeiten merkte ich dann, dass ich ihn nicht so spielen kann, wie ich ihn geschrieben habe. Er wurde jeden Tag komischer und absurder. Da wurde mir klar, warum Mel Brooks, Chaplin oder Brecht eine komische Figur aus ihm gemacht haben. Sie brauchten die Distanz. Man kann Hitler nicht eins zu eins übernehmen.
SPIEGEL: Bruno Ganz hat ihn im Film "Der Untergang" eher zu einer tragischen Figur gemacht.
Mueller-Stahl: Bruno Ganz war sehr gut. Ich hatte allerdings das Problem, dass ich in seinem Gesicht immer den freundlichen Gaukler aus der Theaterkantine erkannte. Hitler hatte zwar Charme, aber darunter steckte diese dominante, rechthaberische Figur, eine Missgeburt menschlichen Charakters.
SPIEGEL: Nicht zuletzt wegen Ihrer vielen Filme über die Zeit des Nationalsozialismus waren Sie einer der bekanntesten Schauspieler der DDR, mit vielen Auszeichnungen bedacht. Waren Sie damals mit dem SED-Regime einverstanden, oder hatten Sie bereits Vorbehalte?
Mueller-Stahl: Ja und Nein. Am 17. Juni 1953 bin ich mit den Demonstranten mitmarschiert. 1956, während des Ungarn-Aufstands, habe ich die DDR gehasst. Aber man konnte nicht weg, und dann wurde es auch wieder besser. Der nächste Einschnitt war der Bau der Mauer 1961.
SPIEGEL: Sie wohnten zu dieser Zeit im Westen. Warum sind Sie nicht dort geblieben?
Mueller-Stahl: Ich brachte es nicht übers Herz, den Film "Königskinder" zu verlassen, den ich im Osten gerade drehte. Danach
fühlte ich mich dann wieder ganz wohl in Ost-Berlin, es gab auch viele hübsche Mädchen. Ein paar Jahre später, 1968, passierte allerdings wieder etwas Schlimmes, der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Der endgültige Bruch begann Anfang der siebziger Jahre, als ich in der TV-Serie "Das unsichtbare Visier" einen Stasi-Agenten spielte. 1975 habe ich diese Rolle aufgegeben, weil sie immer politischer wurde. Danach war nichts mehr zu kitten.
SPIEGEL: Nachdem Sie 1976 eine Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatten, bekamen Sie praktisch Berufsverbot. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?
Mueller-Stahl: Es war eine Zeit, in der ich nicht mehr genau wusste, was ich mit dem Leben anfangen sollte. Ich habe dann zu schreiben angefangen, als Therapie. Daraus wurde der Roman "Verordneter Sonntag", der meine eigene Lage spiegelte.
SPIEGEL: Wären Sie in der DDR geblieben, wenn Sie weiter als Schauspieler hätten arbeiten können?
Mueller-Stahl: Nein, das war so klar wie dicke Tinte. Der Bruch war schon vor der Biermann-Ausbürgerung. Ich habe allerdings gezögert, weil ich erst mein Buch zu Ende schreiben wollte. Die danach erfolgte Ausreise in die Bundesrepublik ist mir ehrlich gesagt nicht leicht gefallen.
SPIEGEL: Bei der Einsicht in Ihre Stasi-Akte haben Sie erfahren, dass Sie bespitzelt worden waren. Haben Sie die Betreffenden zur Rede gestellt?
Mueller-Stahl: Ich finde, es liegt an denen, mich aufzusuchen. Ich weiß, wie Systeme Köpfe deformieren können. Der Freund, der mich bespitzelt hat, befand sich sicher in einer Zwickmühle. Er konnte nicht entscheiden, mit wem er mehr befreundet ist, mit dem Staat oder mit mir. Mich hat vor allem das Spiegelbild bedrückt, das ich in den Akten von mir selbst sah.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik wurde Ihnen die Rolle des Dr. Brinkmann in der TV-Serie "Schwarzwaldklinik" angeboten. Warum haben Sie abgelehnt?
Mueller-Stahl: Ich habe nicht gleich abgesagt, sondern bin mit dem Autor das Drehbuch durchgegangen. Dabei merkte ich, dass mir meine Rolle immer mehr missfiel. Und auch meine Frau, die Ärztin ist, fand: "Das ist ja tief wie eine Pfütze." Hätte ich die Rolle übernommen, wäre ich heute sicher weg vom Fenster.
SPIEGEL: Sie bekamen dann in Rainer Werner Fassbinders Film "Lola" eine große Rolle. Wie wurden Sie von Fassbinders Truppe aufgenommen?
Mueller-Stahl: Ganz toll. Wunderbar. Fassbinder zog sich immer einen Glencheck-Anzug an, wenn er mit mir drehte. Manche hatten Angst vor ihm, ich nicht. Er war ein Sadist, wo er es sein konnte. Doch wir haben uns gut verstanden. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass er Väter und Söhne lieber mochte als Brüder. Ich war für ihn Vater. Er mochte mich.
SPIEGEL: Lag das vielleicht auch daran, dass er Ihre Kreativität bewunderte? Denn Sie sind nicht nur Schauspieler, sondern auch ausgebildeter Konzertgeiger.
Mueller-Stahl: Das glaube ich nicht. Er behauptete zwar, er habe sieben Filme von mir gesehen und mein Buch "Verordneter Sonntag" gelesen, aber ich glaube nicht, dass er viel von mir wusste.
SPIEGEL: In Ihren amerikanischen Filmen haben Sie oft Emigranten gespielt. Ist das ein Schicksal, das auch auf Sie zutrifft?
Mueller-Stahl: Ich war ein freiwilliger Emigrant. Als ich nach Amerika ging, hatte ich Angst nur vor meiner Sprachlosigkeit, denn ich sprach ja kaum Englisch. Die Amerikaner waren extrem offen zu mir. Sie haben mir sogar einen amerikanischen Pass gegeben. Ich bin also beides, Deutscher und Amerikaner.
SPIEGEL: Sie sind von dem legendären Agenten Paul Kohner nach Amerika vermittelt worden. Sehen Sie sich in einer Reihe mit den Künstlern, die in den vierziger Jahren in die USA emigrierten?
Mueller-Stahl: Ich glaube, ich hätte damals auch dazugehört. Hin und wieder bin ich bei Ronald Schönberg, dem Sohn von Arnold, eingeladen. Als ich neulich mal wieder in seinem Haus war, machte ich einen Schnitt und sah Thomas Mann, Adorno, und Brecht dort sitzen. Ich sah den Streit, den Thomas Mann mit Schönberg über Zwölftonmusik hatte, hörte die bösen Geschichten über Bertolt Brecht. Es ist alles so wie früher, jetzt sitzen da nur andere Menschen.
SPIEGEL: Sie haben in Ihren Filmen Europäer unterschiedlicher Herkunft verkörpert. Einen Franzosen in "Fünf Patronenhülsen", einen Ungarn in "Music Box", einen Deutschen in "Night on Earth". Macht es einen Unterschied, ob man einen Deutschen spielt oder einen Ausländer?
Mueller-Stahl: Wenn man ehrlich sein will, muss man bewegungsmäßig der Sprache folgen. Denn jede Sprache hat besondere Bewegungen (imitiert einen Franzosen, einen Italiener, einen Russen und einen Deutschen). Ich habe gerade in New Orleans einen Film abgedreht, in dem ich einen russischen Maler gespielt habe. Da musste ich auf meinen Akzent noch einen russischen drauflegen. Sie glauben gar nicht, was das für einen Spaß gemacht hat.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "Venice" steht der Satz: "Die Kraft des Zufalls ist gewaltig." Hat der Zufall in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt?
Mueller-Stahl: Oh ja. Zunächst denkt man, man hat alles selbst in der Hand, erst später merkt man, dass das Leben einen im gleichen Maße dirigiert. Man sollte dies mit zunehmendem Alter erkennen. Die Menschen, die im Krieg ihr Leben lassen mussten, sind einem schrecklichen Zufall begegnet. Ich muss dankbar sein, dass ich 75 werden durfte, mit diesen Kurven in meinem Leben.
SPIEGEL: Welche Rollen würden Sie gern noch spielen?
Mueller-Stahl: Zum Beispiel Tragikomiker, die ich selbst geschrieben habe, oder Humanisten wie Albert Schweitzer, Sigmund Freud und Albert Einstein.
SPIEGEL: Nietzsche hat einmal gesagt, ein Schauspieler, der nachahme, sei nur ein besserer Affe. Wie weit muss ein Schauspieler reale Persönlichkeiten wie Hitler oder Thomas Mann imitieren, um sie glaubwürdig darzustellen?
Mueller-Stahl: Leute, die in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent sind, kann man frei gestalten, Zeitgenossen nicht. Ich habe mir die Tonbänder von Manns Reden angehört. Unerträglich, wie der sprach. Hätte ich seinen Tonfall imitiert, wäre ich ein Affe gewesen, wie Nietzsche sagte, und die Serie wäre ein Flop geworden.
SPIEGEL: Herr Mueller-Stahl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Armin Mueller-Stahl
ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die international bekannt sind. Der ehemalige Defa-Star, der 1980 in den Westen übersiedelte, spielte in zahlreichen Hollywood-Produktionen die Hauptrolle. In Deutschland war er zuletzt als Thomas Mann in Heinrich Breloers TV-Film zu sehen. In seinem neuen Buch "Venice", das im Aufbau-Verlag erschienen ist, beschreibt der vielseitig begabte Künstler einen Obdachlosen, der auf der Suche nach dem Schicksal seines Vaters ist. Am kommenden Sonntag findet anlässlich des 75. Geburtstags von Mueller-Stahl im Leipziger Gewandhaus eine große Gala statt.
Das Gespräch führten die Redakteure Lars-Olav Beier und Stephan Burgdorff.
Von Lars-Olav Beier und Stephan Burgdorff

DER SPIEGEL 50/2005
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