02.11.1970

Menschen im Experiment

Das Märkische Viertel im West-Berliner Bezirk Reinickendorf ist Deutschlands derzeit größtes Wohnbauprojekt. Innerhalb van zehn Jahren, van 1963 bis 1972, entstehen auf einem ehemaligen Laubengelande annähernd 17 000 Wahnungen für etwa 60 000 Menschen -- ein Stadtteil, größer als Tübingen, fast so groß wie Worms. Baukasten: 1,5 Milliarden Mark. Der West-Berliner Senat wertet das Vorhaben als „überlegtes Experiment“ mit „spürbar fannalem Anspruch“, als „ersten Versuch, langgehegten Leitbildern eine andere Vorstellung entgegenzusetzen“, als „Berlins anregendsten Beitrag zum Städtebau der Gegen. wart“. Dach Menschen, die dort leben, sprechen anders. Dr. Dietrich Mackrodt, Arzt im Märkischen Viertel, nennt die gesamte Planung der Stadtrandsiedlung „menschenverachtend“; Architekten hätten sich odem Rausch am Reißbrett hingegeben“ und „mit Bleistift und Lineal eine Menschenmasse untergebracht“. „An die Menschen aber“, sagt Johannes Hoene, Pfarrer im Märkischen Viertel, „haben sie nicht gedacht; sie wollten nur etwas vorweisen, zu ihrem eigenen Ruhm und Stolz.“ Zusammen mit Photograph Klaus Mehner haben sich SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger und SPIEGEL-Mitarbeiter Hermann Funke vier Wochen lang im Märkischen Viertel einquartiert, der eine zur Bestandsaufnahme, der andere zu kritischer Beurteilung.
Das Märkische Viertel, eingegrenzt von der Mauer, von Bahndämmen und Entwässerungsgräben, ist annähernd vier Millionen Quadratmeter groß. Doch auf knapp zehn Quadratmetern sammeln sich -- mittwochs von fünf bis sieben und sonnabends von elf bis eins -- die Sorgen seiner Bewohner.
In einem Raum im ersten Stock eines Hochhauses am Senftenberger Ring, ausgelegt mit PVC, ausgestattet mit einem Tisch, drei Stühlen und einem Regal voller Leitz-Ordner, hält Hans Happatz Sprechstunde.
Herr Happatz, von einigen "Onkel Happatz", von anderen "Happatzchen" genannt, ist Mittelsmann zwischen dem Bezirksamt Berlin-Reiniekendorf und der "Gesellschaft für Sozialen Wohnungsbau" (Gesobau). Er beobachtet und betreut die sozial schwierigen Fälle im Viertel. Die Leute warten vor seinem Dienstzimmer, als gingen sie zum Arzt.
"Ich bringe heute den September, 287 Mark und 80 Pfennig. Am Fünfzehnten bringe ich die nächsten 500 Mark". Der nächste, bitte.
"Mein Mann hat dicke Knie und letzte Zeit weniger verdient. Bei drei Kindern kriegen wir nur 34,50 Wohngeld, aber die Miete ist 385 Mark. Wenn wir bloß "ne kleinere Wohnung hätten!" Der nächste, bitte.
"Von uns konnte immer nur einer arbeiten, weil wir den Jungen nicht unterbringen konnten. Aber jetzt arbeiten wir wieder beide, und da machen wir den Mietrückstand vom Lohn meiner Frau." Der nächste.
"Ich habe 16 Kindergärten abgeklappert -- alle überbelegt. Nu" habe ich den Kleinen im evangelischen Kindergarten untergebracht, aber da ist er nur, bis er sechs ist. Was dann?"
Mehr als 35 000 Menschen wohnen jetzt schon im Märkischen Viertel, mehr als 10 000 davon sind Kinder unter 15 Jahren. Der Anteil an Kindern ist doppelt so hoch wie im übrigen West-Berlin.
Die Wohnungen im Märkischen Viertel, zwischen einem und dreizweihalben Zimmern groß, kosten zwischen 142 und 485 Mark. "Aber 40 Prozent der Bewohner", so Happatz, "haben gerade 900 Mark im Monat."
Die meisten von ihnen wurden aus anderen Stadtgebieten West-Berlins ins Märkische Viertel "umgesetzt". Denn weite Teile der klassischen Berliner Arbeiter-Bezirke wie etwa Wedding, Kreuzberg und Neukölln sollen abgerissen, sollen "saniert" werden. Dieser Plan besteht seit 1950.
Damals entdeckten die Stadtplaner im Norden der Rumpfstadt West-Berlin ein 385 Hektar großes Gelände, das vorwiegend mit Notunterkünften und Wohnlauben bebaut war. "Eintracht Wittenau", "Glückauf", "Fliederbusch", so hatten die Laubenpieper ihre Kolonien genannt -- aber es waren Slums, ohne Kanalisation, nur mit Pumpe und Sickergrube. "Die Leute", sagt Planer Werner Düttmann, "pumpten ihren eigenen Urin in den Kochtopp."
Ohnehin sanierungsbedürftig" schien das Gebiet zwischen der Müllkippe von Lübars und der Irrenanstalt Wittenau hervorragend geeignet, einen Stadtteil von Grund auf neu zu planen, unbehindert durch überkommene Versorgungs- oder Verkehrssysteme.
Den städtebaulichen Gesamtentwurf fertigte ein Team von drei West-Berliner Architekten: Werner Düttmann, Hans Müller und Georg Heinrichs. Sie entschieden: "Das Gelände locker zu bebauen, ist nicht zu vertreten."
Aus Wohnwänden und Schlaf türmen, so das ausdrückliche Ziel der Planer, sollte ein gebautes Gebirge errichtet werden, dessen gigantische Flügel aus Betonbaukörpern einen verbliebenen Rest von durchgrünten Einfamilienhaus-Gebieten wie mit Riesenarmen umschließen (siehe Graphik Seite 220).
Bei diesen Überlegungen konnten sich die Planer auf die damals aktuelle Städtebau-Ideologie berufen, dem Ausufern der Städte in Monotonie sei durch "Verdichtung der Stadtstruktur" entgegenzuwirken.
Heinrichs: "Wir wollten weder Wolfsburg -- mit fünfstöckigen Zeilen, die oben wie mit der Kreissäge abgeschnitten sind -- noch das Hansa-Viertel, mit Punkthäusern im Grünen. Wir wollten Fronten, Fassaden, Strukturen."
Als "Gebirgszüge in der Landschaft" wünschte sich "MV" -Planer Müller den neuen Stadtteil, das Team wollte "keine Betonwelt, die sich endlos hinmetert", sondern eine Stadt, "deren Physiognomie unverwechselbar" sei.
An der Ausführung dieses städtebaulichen Konzepts arbeiteten nahezu 40 meist jüngere in- und ausländische Architekten mit -- als Entwerfer der einzelnen Wohnhochhaus-Komplexe oder des Zentrums mit Läden, Schulen und Freizeitanlagen.
Auch jetzt noch sind Planer und Bauherr, die Gesobau, davon überzeugt, "das Beste, was es gibt" (Düttmann) gebaut zu haben, eine "für andere vorbildliche Stadtlandschaft" (Müller). Planer Heinrichs: "Vergleichbares gibt es nirgends auf der Welt."
"Qualität und Großzügigkeit der Grundrisse", sagt die Gesobau, "zeugen davon, daß wir Wohnungen nicht für gestern oder heute, sondern auch für morgen geschaffen haben." Und Architekt Düttmann bezeichnet als das Besondere, das Aufsehenerregende an seinem Werk, dem Märkischen Viertel: "die Brutalität, mit der wir da Lyrik gemacht haben".
"Volkmar fickt Dackma!", "Alle sind doof, auch die Eltern von dir", und an der Mauer des Gemeindehauses: "Blöde Scheiße!" -- das ist nun die brutale Lyrik, die Kinder in krummen Kreidestrichen an die Betonwände des Neubauviertels gekrakelt haben.
In ganzen Bauabschnitten, ob im 16 Stockwerke hohen Schlafturm von Professor Ludwig Leo, in der 750 Meter langen Wohnwand von René Gagès oder in den Massenquartieren von Müller und Heinrichs, sind gläserne Haustüren zersplittert, Klingelbretter zerkratzt, Hausbriefkästen zerbrochen, die Wände der Fahrstuhlkabinen beschmiert, die Bedienungsknöpfe angekokelt, Schalter und Kabel aus der Wand gerissen.
Aber nicht nur Kinder sind die Urheber. Neben eingekratzte Hakenkreuze, Sowjetsterne und Sexualsymbole klebten Erwachsene die Losung, hundertfach: "Macht kaputt, was euch kaputt macht."
Eine Geschäftsfrau sagt: "Also, man schämt sich, den Besuch in den Hausflur zu lassen. Und man schämt sich überhaupt zu sagen: "Ich wohne im Märkischen Viertel. Wir wohnen im ersten Stock, aber wir nehmen immer den Fahrstuhl, die Treppe kann man nicht benutzen: ein Kackhaufen neben dem anderen. Die Mütter sitzen oben, rauchen oder saufen, spielen Prinzessin oder haben Irgend so einen Besuch und blöken über die Sprechanlage zu den Kindern runter: "Mach unten!""
Ein Betriebsschlosser sagt: "Die Kinder stören mich nicht so, auch wenn sie gegen die Türen treten, im Treppenhaus grölen, in den Keller pinkeln. Mich stören die Erwachsenen, die dazugehören. Da hält so ein Kerl seine Frau nachts um drei aus dem Fenster und blökt sie an: "Du Nutte!'"
Der Betriebsschlosser wüßte schon, wie er sich Ruhe verschaffen könnte: "Mit einer Schlägertruppe könnte man denen den Arsch versohlen und die Fresse polieren. Aber die sind ja auch nicht blöd: Dann würden die sich hinschmeißen und brüllen, und man könnte zeitlebens Rente zahlen."
Der Betriebsschlosser faßt zusammen: "Die Wohnung gefällt mir gut. Aber als ich hier einzog, wußte ich ja nicht, was mich erwartet."
Ein "städtebauliches Experiment" nennen die Planer, nennt der Berliner Senat das Märkische Viertel, diese wie eine Gebirgsauffaltung zusammengeschobenen, popbunt gestrichenen Gratwände, Zinnen und Zacken aus Beton.
Die Geschäftsfrau und der Schlosser, Kinder und Alte, Hilfsarbeiter und Beamte -- das sind die Menschen in diesem Experiment.
Und wenn sie nun von den Häusern sprechen, in die sie eingewiesen wurden, sagen sie (zu dem langgestreckten Gagès-Bau und zu dessen 18geschossigem Mitteltrakt): "Langer Jammer" und "Großer Hunger".
"Unser Ziel war: eine Person ein Wohnraum", sagen die Direktoren der Gesobau. Ein Autoabstellplatz pro Familie, zwei Kirchen, ein Einkaufszentrum, Platanen im Abstand von sechs mal sechs Metern -- der Typus, der sich in diesen Raster, diese total geplante Stadt eingefügt hätte, wäre der mittelständische Mann mit Frau und zwei, allenfalls drei Kindern, alle gesund und wohlversorgt.
"Die Fehlbelegung ist ein ganz entscheidendes Problem", sagen jetzt die Gesobau-Direktoren. Ihre neue Stadt wäre vielleicht gelungen und in der Welt nicht ohne Stolz vorzuweisen -- wenn es nur nicht diese Menschen gäbe, die nun darin wohnen wollen, sollen und müssen.
Mitte der 60er Jahre war abzusehen, daß West-Berlin zum "weißen Kreis" erklärt würde. Etwa zur gleichen Zeit plante der West-Berliner Senat, Slum-Wohnungen und Notunterkünfte frei zu machen und die bestehenden Obdachlosenasyle aufzulösen.
Da kam es gerade recht, daß im Märkischen Viertel die ersten Betonburgen bezugsfertig wurden: Aus allen West-Berliner Bezirken, aus den Abrißrevieren in Neukölln und Moabit ebenso wie aus den Obdachlosenasylen in der Wittenauer Straße und am Salzufer, wurden kinderreiche und sozial schwache Familien eingewiesen.
Herbert Grigers, Bezirksbürgermeister von Reinickendorf: "Die Problemfamilien wurden ins Märkische Viertel abgestoßen -- Leute, deren Familieneinkommen trotz Wohngeld, Kindergeld- und Sozialunterstützung eine Wohnung dieses Standards nicht verträgt."
Lieschen Nickel, 42, von ihrem Ehemann getrennt, hatte mit ihren zehn Kindern im Obdachlosenasyl Quitzowstraße in Moabit gehaust, mit Detlef, 19, Wolfgang, 18, Horst, 16, Rolf, 15, Monika, 14, Lothar, 13, Jürgen, 12, Gudrun, 11, Günther, 9, Petra, 7.
Mit der Obdachloseneinstufung I ("sozialisierbar") kam sie ins Märkische Viertel. Um ihr eine "familiengerechte" Wohnung zu verschaffen, wurden Wände durchbrochen und zwei Wohnungen zusammengelegt, zu insgesamt vier ganzen und zwei halben Zimmern und zwei Fluren. Die Miete -- 544,95 Mark -- zahlt das Sozialamt.
Lieschen Nickel steht um halb vier auf und geht gegen Mitternacht zu Bett. Sie schält und kocht täglich 15 Pfund Kartoffeln. Und sie kauft ein: zehn Pfund Brot, drei Pfund Margarine, ein Pfund Schmalz, vier Pfund Mehl, vier Pfund Zucker, drei Pfund Wurst; das reicht fürs Wochenende.
Ihre Jungen spielen gern Fußball, auf den Betonplatten neben der Teppichklopfstange, unter den Fenstern von 440 Mietparteien, die in diesem Gebäudetrakt wohnen. Ihre Töchter laufen mit Kunsthonig-Stullen durchs Treppenhaus und hinterlassen klebrige Fingerabdrücke an Fahrstuhltüren und Klingelknöpfen.
Das stört die anderen, die auch in diesem Hochhaus wohnen: Senatsangestellte und Facharbeiter, kinderlose Ehepaare und Alleinstehende, die den möblierten Hinterzimmern entfliehen wollten. Sie zahlten, da sie ohne Kinder vom Wohnungsamt nichts erhoffen durften, 4000 oder 6000 Mark Mieterdarlehen an die Gesobau, um endlich in den Genuß einer Neubauwohnung zu kommen, zu einer für sie tragbaren Miete.
In den zweieinhalb Zimmern direkt über den elf Köpfen der Familie Nickel wohnen ein Datenverarbeiter und seine Frau, mit Musiktruhe, Aquarium und Wasserschildkröten. Sie haben für den Sprung vom möblierten Zimmer am Wedding in die Komfortwohnung am Senftenberger Ring 5200 Mark Mieterdarlehen aufgebracht, das nun, unverzinst, über 20 Jahre zurückerstattet wird.
Die Frau des Datenverarbeiters sagt: "Das Schönste, was einem hier passieren kann, ist ein verregnetes Wochenende, dann hat man wenigstens unter den Fenstern Ruhe." Und ihr Mann sagt: "Lieber heute als morgen würde ich hier wieder raus."
Nahezu 200 Mieter, die sich "gehobeneren Schichten" zurechnen, sind der "Steinwüste", dem "Zuchthaus aus Beton" mit den "modernen Hinterhöfen", wie sie es selber nannten, schon wieder entflohen. Sie zogen aus, weil ihnen "die Zusammensetzung der Bevölkerung nicht genehm" war, weil ihnen "das Volk nicht paßte" oder sie ihre Kinder "durch die beispiellose Aggressivität der anderen" gefährdet sahen.
Dreimal so hoch wie in klassischen Berliner Arbeiterbezirken ist der Anteil der Problemfamilien im Märkischen Viertel. Jede fünfte Familie wird von der Sozialfürsorge unterstützt.
Die Bedürftigen haben, nach dem Bundessozialhilfegesetz, Anspruch darauf. Und der Staat hat sich auch verpflichtet, Kindergeld und Mietzuschuß zu zahlen. Aber wer Im Märkischen Viertel Wohngeld beantragt, muß bis zu sechs Monate warten, mitunter sogar acht Monate. Die Antragsteiler kommen sich vor wie Almosen-Empfänger.
Die blonde Zigaretten-Arbeiterin und ihre 15jährige Tochter sind in finanzielle Not geraten. Der Ehemann und Stiefvater hat sich vor einem halben Jahr in der Untersuchungshaft das Leben genommen. Nun warten die beiden Hinterbliebenen auf die Rente, "aber det dauert länger, weil et Selbstmord war".
Herr Happatz sagt ihnen: "Sie liegen weit unter dem Satz, Sie haben Anspruch auf Sozialhilfe, waren Sie schon auf dem Sozialamt?"
"Da graul' ick mir vor. Eenmal war ick da, bei so 'nem Jungschen mit 'ner Brille, der hat mir von oben bis unten anjesehen, als ob et sein Jeld wär', als ob er mir wat schenken würde ... Nee, erst mal möcht' ick noch 'ne Weile probieren, ob et so jeht."
Es klingelt, Familienbesuch meldet sich über die Sprechanlage. Die Tochter muß 13 Stockwerke runter, um die Haustür zu öffnen, "Mein Türöffner Ist kaputt, wir müssen jedetmal runter."
"Haben Sie das schon dem Hausmeister gesagt?"
"Nee, mit dem red' ich nich, mit dem hab' ick mir verzankt. Der hat die Kleene mal so angebrüllt, nur weil die den Müll innen Hausflur uff die Treppe jepackt hat."
Aber die Zigaretten-Arbeiterin, deren Tochter den Müll auf den Flur packte, sagt auch: "Also, wissen Se, ein Volk muß hier wohnen! Neulich hat der Hausmeister die Fahrstühle innen abjeseift. Zwee Stunden später waren se schon wieder mit Bleistift beschmiert. Ein Volk muß det hier sein!"
"Asozial" ist das Schimpfwort, mit dem sozial Schwache die sozial Schwächeren im Märkischen Viertel attackieren. Die Hölle, das ist immer der Nachbar.
"Ick will det Wort Penner nich benutzen", sagt einer, "aber ick sag' Ihnen: Hier wohnen 75 Prozent Asoziale." Und sie spionieren einander nach, bis in die Mülleimer: "Kippen Se mal eenen um! Flaschen, Flaschen, nischt wie Flaschen und Zahlungsbefehle."
Daß die Beton-Umwelt, der wirtschaftliche Druck und die spezifische Bevölkerungsstruktur im Märkischen Viertel Aggressionen freisetzen -- Haß auf anonyme Mächte wie auf die lärmenden, rücksichtslosen Nachbarn -, bestätigen alle, die dort beruflich mit den Menschen und ihren Nöten zu tun haben: Ärzte und Seelsorger, Erzieher, der Gerichtsvollzieher und der Vorsteher des Polizei-Reviers 300.
Die ungewöhnlich hohe Scheidungsquote beklagt Dr. Hans-Heinz Damm, Pfarrer der Apostel-Petrus-Gemeinde. "Kaum ein Haus ohne Scheidung. Männer und Frauen hauen ab über Nacht und lassen den andern mit den Kindern sitzen."
Revier-Vorsteher Hinze, der 50 Beamte und einen Funkwagen kommandiert, möchte nicht alle über einen Kamm scheren. Er unterscheidet > "Leute, meist junge Arbeiter-Ehepaare, die bewußt hier einziehen, die Mut und Schneid haben und den Sprung schaffen wollen", und > "Leute, meist Eingewiesene, die mit den Wohnungen nichts anzufangen wissen, die nicht mitkommen und ins Straucheln geraten".
Zu Dr. Mackrodt, Facharzt für Inneres im Zentrum des Viertels, kommen die einen wie die anderen: schreckend viele junge Leute mit funktionellen Erkrankungen", beispielsweise Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Schwindelgefühl und Magenschmerzen, "die bei genauer Durchforschung keinen organischen Hintergrund ergeben". Die meisten Leute im Viertel, sagt Dr. Mackrodt, "sind in etwas hineingeschlittert, mit dem sie nicht fertig werden".
Zwölf Ärzte haben sich bis jetzt im Zentrum des Märkischen Viertels niedergelassen. zwei für innere Medizin, ein praktischer Arzt, eine Gynäkologin, ein Orthopäde, eine Hautärztin, ein Augenarzt, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, zwei Zahnärzte und -- für 10 000 Kinder unter 15 Jahren -- zwei Kinderärzte. Ein eigenes Krankenhaus für die jetzt 35 000, am Ende mehr als 60 000 Einwohner ist nicht geplant.
Viele junge Leute, berichtet Dr. Mackrodt, wollen sich nicht krank schreiben lassen: "Sie brauchen das ganze Geld, denn bei jeder unvorhergesehenen Ausgabe bricht ihr Kartenhaus zusammen." Eine Frau mit akuter Blinddarmentzündung weigerte sich, ins Krankenhaus zu gehen, "weil sie die Kinder versorgen mußte".
Dr. Mackrodt "graut vor dem Winter oder einer neuen Grippe-Epidemie". Dann sieht er "einen Engpaß", eine "Katastrophe" kommen. Und die Kinder? "Die hocken dann im Winter überall auf den Treppen oder hier in den geheizten Fluren im Zentrum."
Da sitzen sie dann, zwischen all dem Kaputten und dem Dreck, den die Kinder, die Bälger, die unzähligen Gören überall im Märkischen Viertel hinterlassen. Und wenn die Mutter nicht zu Hause ist oder sie nicht raufläßt (Frau Nitsche, vier Kinder: "Immer rin und raus, det jibt et bei mir nich"), dann bleibt ihnen nichts übrig, als ihre Notdurft auf den Parkplätzen, an der Mauer des Gemeindehauses, in den Telephonzellen, in den Fahrstuhlkabinen oder auf den Nottreppen der Wohnsilos zu verrichten. Denn im ganzen Viertel gibt es nur eine öffentliche Bedürfnisanstalt.
Weitere einzurichten, wäre Aufgabe der Planungsgruppe SAL ("Städteplanung, Architektur, Landschaftsplanung"), die im Auftrage der Gesobau Außenanlagen zu gestalten hat.
Die SAL entwarf die Sportstätten, die freilich noch nicht gebaut sind: zwei Fußballfelder, eine Mehrkampfanlage, drei Kleinspielfelder, eine Eisbahn, zwei Bolzplätze, fünf Tennisplätze, ein Stadion und eine Schwimmhalle.
Die SAL-Planer ersannen auch die huntgestrichenen Betonpoller, die nun zu Tausenden im Märkischen Viertel verteilt sind, die in den Beton gepflanzten Platanen-Reihen, die erst noch wachsen müssen, und die "Knubel-Häuser", bunte Würfel zum Klettern und Verstecken.
Sie bauten den "Robinson-Spielplatz" in der Südost-Ecke des Viertels, ein terrassenförmig angelegtes Kinder-Getto mit langen Reihen von Holzpflöcken, Steinwällen ringsherum, Betonplatten und Sandkuhlen in der Mitte -- auf dem sich nun kaum Kinder blicken lassen.
Sie bauten Spielplätze mit Rollschuhbahnen, Betonröhren zum Durchkriechen und Rutschen und Wippen -- an denen die Kinder längst die Lust verloren haben. Erst auf Betreiben von Studenten und Eitern entstand der "Abenteuer"-Spielplatz, auf dem die Kinder sägen und nageln, Buden bauen und Feuermachen dürfen.
Doch die meisten spielen vor den Hauseingängen oder in den Buddelkästen, aber auch die liegen (so am Gagès-Bau) wieder direkt unter den Fenstern der Rentner, die im ersten Stock wohnen. Da knallen
dann die Zündplättchenpistolen, auch mittags zwischen eins und drei, und ein Rentner sagt: "Ich werde wahnsinnig! Ich könnte das Gewürm immer mit dem Kopf an die Wand schlagen!"
Die Kinderzimmer im Märkischen Viertel, mit sieben oder 13 Quadratmeter Grundfläche, oft doppelt oder dreifach belegt, sind zu bloßen Schlafstellen degradiert. Spielzeug liegt hier entweder verschlampt oder peinlich aufgeräumt, jedenfalls nicht griffbereit, nicht als Angebot hier können Kinder das Defizit, das ihre soziale Umwelt ihnen auferlegt, nicht ausgleichen. Vorschulerziehung in geeigneten Vorschulkindergärten, von denen nun alle Welt redet, im Märkischen Viertel müßten sie zuallererst eingerichtet werden. Aber vorläufig ist davon nichts zu sehen.
Noch wird in dem halben Dutzend Kindertagesstätten und einer Reihe Notkindergärten, die durch Selbsthilfe der Bürger entstanden sind, verzweifelt gegen die schiere Zahl gekämpft: Mehr als tausend Kinder stehen auf den Wartelisten bei kirchlichen und städtischen Tagesstätten, die nicht mehr sind als Tages-Bewahranstalten.
Trotzdem: "Vor drei Jahren haben wir uns noch gefragt: Ist die Vokabel "Resozialisierung' überhaupt zu vertreten? Aber neuerdings erscheinen die Kinder schon sauberer und besser gekleidet, ihr Vokabular hat sich gebessert." Das sagen die Rektoren der fünf Grundschulen, die gegenwärtig im Märkischen Viertel in Betrieb sind.
Dafür mag es zwei Gründe geben: Das Warmwasser läuft ohne gesonderte Berechnung aus der Leitung, und die Pädagogische Hochschule beliefen nun, nachdem der Stadtteil zum Politikum geworden ist, das Märkische Viertel bevorzugt mit jungen Lehrern; 90 Prozent sind unter 38.
Weil Schachtel-Unterricht eingeführt wurde -- ständige Ausnutzung aller Räume durch einen geschickten Stundenplan -, können vorerst noch alle Grundschulpflichtigen und auch Fünfjährige innerhalb des Viertels unterrichtet werden.
Die Klassen-Frequenz ist mit 35 bis 40 Schülern je Klasse höher als sonst in West-Berlin oder im Bundesgebiet. Zwei weitere Grundschulen sind geplant, zwei Oberschulen und eine Sonderschule in Bau.
Die Einrichtung der Sonderschule ist dringlich, denn befragt nach den besonderen Schulproblemen im Märkischen Viertel, erklären die Schulrektoren vor allem zweierlei:
* Durch den stetigen Zustrom von Kindern können die Klassen sich nicht konsolidieren, sie werden immer wieder "aufgequirlt".
* Alle Klassen haben einen sehr hohen Prozentsatz von Hilfsschülern, die nicht mitkommen, aber trotzdem in den Grundschulklassen mitgeschleppt werden müssen. Entschuldigungszettel, so erzählen die Schulrektoren, sind selten. Die meisten Eltern entschuldigen das Fernbleiben ihrer Kinder telephonisch. "Was da an Gesprächen anläuft -- jede Schule könnte dafür einen eigenen Telephondienst einrichten." In keinem West-Berliner
Wohngebiet wird so viel telephoniert wie im Märkischen Viertel. Frau Nitsche, der Müllfahrer Herrmann, der Betriebsschlosser, alle haben das weiße Telephon. Für viele ist die Telephonleitung die einzige Verbindung zur Stadt
und zu den alten Bekannten in Charlottenburg, Schöneberg oder Moabit.
Wie ein Symbol überspannt die weithin sichtbare, gelb angestrichene Postbrücke mit dem großen schwarzen Posthorn den Wilhelmsruher Damm, die Verkehrsschlagader des Viertels. In der Brücke ist die Telephon-Relaisstation untergebracht.
Daß vor allem die einsamen Alten sich Telephon zulegen, wünschen sich die Seelsorger beider Konfessionen. Denn "es kam schon häufig vor", sagt Pastor Damm, "daß welche wochenlang krank oder tot in ihrer Wohnung gelegen haben". Wenn das Märkische Viertel fertig ist, werden dort jährlich etwa tausend Menschen sterben. Aber ein Friedhof (Damm: "Ein nicht zu unterschätzender Verwurzelungspunkt") wurde nicht vorgesehen.
"Die Freudenboten ziehen durch das Land -- bis ins Märkische Viertel", verheißt de "Märkische Bote", das evangelische Gemeindeblatt. "Sie verkünden. daß das Leben wieder lebenswert ist für jeden, der sich Jesus anvertraut."
Die Pfarrer Hoene und Damm haben begriffen, daß sie in die Häuser hineingehen müssen. Sie treffen auf Menschen, die zwar "ein befriedigtes Wohngefühl" zeigen (MV-Mieterin Kohout: "Müllschlucker, und wenn Se uffdrehn, läuft Warmwasser durch"), aber eine große Scheu gegen die neue" ungewohnte Stadtumwelt" gegen die vielen fremden Menschen.
Der Pastor stellt sich vor, all diese Wohnhochhäuser müßten öffentliche Zwischengeschosse für Kommunikation haben -- mit Kindergärten, Treffpunkten für Alte, mit kleinen Läden und Toiletten.
Aber es gibt -- außer fünf sogenannten Nebenzentren mit je einem Laden, einer Kneipe, vielleicht einer Tankstelle -- nur das Geschäftszentrum am Wilhelmsruher Damm, mit Supermarkets, der Gaststätte und Herberge "Zum eisernen Gustav" (acht Hotelzimmer), mit Blumenläden, Fisch- und Buchhandlung -- mit insgesamt 42 Geschäften.
Die Läden und Lokale, aber auch die Arztpraxen und die Sauna einzurichten, ist das Monopol des Hamburger Kaffeerösters Konsul Werner Limberg. Er hatte sich vor sieben Jahren, als andere noch das Risiko scheuten, dazu bereit gefunden. Nach den geltenden Gesetzen durfte die Gesobau als gemeinnützige Gesellschaft kommerzielle Betriebe nicht errichten.
Gegenüber dem Zentrum ist die Haltestelle der einzigen Buslinde, die das Märkische Viertel mit der West-Berliner City verbindet. Es ist die Linie A 21, und bis zum Bahnhof Zoo brauchen die Märker (wenn sie am Wedding umsteigen) 54 Minuten.
Erst im Mai dieses Jahres, sieben Jahre nach Baubeginn, beschloß der Senat, das Märkische Viertel mit einem modernen Massenverkehrsmittel an den Berliner Stadtkern "anzubinden". Ende der siebziger Jahre soll die U-Bahn-Strecke fertig sein.
"Nicht nur das Krankenhaus und den Friedhof hat man bei der Planung vergessen", sagt Pfarrer Hoene, "alle notwendigen Hilfseinrichtungen sind einfach zu kurz gekommen." Die Menschen, meint sein Kollege Damm, "empfinden sich als Nummern und vermissen Treffpunkte und Läden".
Der Pastor weiß, wie die hohe Scheidungsquote und die "enorm hohe Dunkelziffer von häuslichem Alkoholismus" zu erklären sind.
"Es ist die hohe Nervenbelastung", sagt er. "Beide arbeiten, haben Schwierigkeiten, ihre Kinder unterzubringen, abends sind alle abgespannt, ein Haufen Arbeit liegt rum, die Kinder sind laut roh und verdreckt."
Und dann geht es so zu, wie der Pfarrer es in der Familie eines Arbeiters beobachtet hat: "Vater sorgt für Ruhe, indem er die acht Kinder so lange mit Ohrfeigen abfertigt, bis er fernsehen kann. Mutter steht in der Küche, heult vor sich hin, macht Grießbrei, den keiner ißt und den es dann morgens zum Frühstück kalt gibt. Und eines Tages kommt Vater gar nicht mehr nach Hause, er bleibt gleich in seiner Kneipe am Wedding, und die Frau fängt zu Hause an zu saufen ..."
Auch Pfarrer Damm denkt an den Winter und an die Kinder. "Dann sitzen sie in den geheizten Fluren im Zentrum wie die Hühner auf der Stange und knabbern geklaute Kekse" Der Klau-Schwund in den Selbstbedienungsläden ist im Märkischen Viertel besonders hoch.
"Die Hauptkriminalität erstreckt sich hier auf Diebstahl, besonders durch Kinder In Selbstbedienungsläden und Baubuden", bestätigt Polizeirevier-Vorsteher unze. Kellereinbrüche sind häufig, Automaten werden geknackt und beschädigt, "und ganz erheblich werden Kfz-Teile gestohlen und Pkw beschädigt".
Reviervorsteher Hinze blättert in den 32 Vorgängen vom letzten Wochenende und registriert: "Diebstahl von Kfz-Teilen (Antenne, Rückspiegel), Körperverletzung unter Eheleuten, Diebstahl aus Pkw (Kofferradio), Sachbeschädigung (im Beat-Keller "Shock'), Diebstahl aus Kellerräumen ..."
Immerhin: "Wir hatten noch keinen Mord im Revier, auch die Selbstmordfälle bleiben im Rahmen," Was Verbrechen anlangt, so gibt es "hier weniger Ärger als am Wedding", sagt Hinze, der früher dem Wedding-Revier 53 vorstand.
"Ich kann nicht sagen, daß hier mehr zu tun ist als in anderen Bezirken, einschließlich Dahlem, Grunewald und Westend", findet auch Obergerichtsvollzieher Horst Kraft vom Amtsgericht Wedding, der selbst im Märkischen Viertel wohnt. Aber es scheint, als ob der Gerichtsvollzieher eher abwiegeln will.
Denn Schulden und Mietrückstände, Pfändungen und Räumungsklagen gibt es im Viertel wahrlich genug.
"Zehn bis zwölf Prozent der Bewohner haben Mietrückstände", räumt Kraft ein. Jeden Tag zwischen 17 und 18 Uhr hält er Sprechstunde am Telephon, das hinter Aktenbergen auf seinem Schreibtisch verschwindet. "Die Leute übernehmen sich. Besonders, wenn sie einziehen, ist die Gefahr groß. Die Vertreter marschieren ein und aus, und Leute, die nicht sattelfest sind, lassen sich von den Möbelverkäufern verführen."
Zwischen 120 000 und 330 000 Mietrückstände weisen die Computer der Gesobau für einige Bauabschnitte aus. Die Gesobau stundet, Herr Happatz und das Sozialamt in Reinivkendorf helfen den Säumigen, daran herumzustottern. Aber in einigen Fällen helfen sie nicht mehr.
Die Linken, meint Obergerichtsvollzieher Kraft, hätten die Sache mit den Exmittierungen hochgespielt. Die meisten Räumungstitel, etwa 80 Prozent, würden am Ende nicht vollstreckt.
Immerhin, bis Ende 1969 wurden 75 Familien, die sich den Obdachlosenasylen und Kellerwohnungen gerade entronnen wähnten, aus dem Märkischen Viertel wieder hinauskatapultiert. Und jedes Jahr, so Kraft, werden weitere 20 Familien exmittiert.
"Kinderreiche Familien sind der Gesobau unbequem! Wie löst sie das? Sie stellt einen Verwalter ein, der diese Mieter rauswerfen hilft!" Das steht mit dicken Pinselstrichen auf einer Wandzeitung aus Packpapier, die Bürger des Märkischen Viertels an die Mauer der Station für Säuglingsfürsorge kleben. Die Bürger haben den Rasen betreten. Es ist neun Uhr abends, stürmisch und kalt.
Eine Protestversammlung ist einberufen worden. In strömendem Regen werden eine Filmapparatur und eine Leinwand aufgebaut. Im Film erscheint der Gerichtsvollzieher Kraft, Filmtext: "Der Handlanger des Systems, der für die Gesobau die schmutzige Arbeit macht." Kraft sagt: "Ich bin nur ausführendes Organ." Gezeigt wird ein Dokumentarstück: "Wie die Familie Puhle rausgeschmissen wird".
Die Familie Puhle soll exmittiert werden. Gerhard Puhle, bis vor kurzem Beifahrer in einer Kartoffel-Großhandlung, krank geschrieben und entlassen, hat nicht nur erhebliche Mietschulden, er hat auch, wie er selbst sagt, "eine angeblich große Fresse, und das paßt der Gesobau nicht".
Weil seine Frau herz- und zwei Kinder asthmakrank sind, waren sie auf Anraten des Gesundheitsamtes aus einer Schöneberger Anderthalb-Zim-
* Gegen die geplante Exmittierung der Familie Puhle.
mer-Wohnung mit Hauswartstelle ins Märkische Viertel eingewiesen worden: mit Ellen, 15, Ramona, 13, Peter, 10, Torsten, 5, und Carola, 2.
Puhles erhielten eine 90 Quadratmeter große Wohnung, Miete: 320,65 Mark. Zuletzt, als Kartoffelfahrer, verdiente Puhle 860 Mark. Miete und einen großen Teil des Unterhalts zahlte zumeist das Sozialamt.
Fälle wie der von Puhle sind es, die im Märkischen Viertel Bürgerinitiative entfachen -- mehr als anderswo.
Insgesamt haben sich bislang 26 Initiativgruppen gebildet, Selbsthilfegemeinschaften, die sich um Notkindergärten, Kindertheater und geeignete Spielplätze kümmern. Doch in den meisten Gruppen, vom linken "Arbeitskreis Mieten und Wohnen" über den "Bürgerverein" des Müllfahrers Herrmann bis zur polizeifreundlichen "Ellerngruppe Strobach", werden auch gesellschaftspolitische Ziele verfolgt -- radikaler als anderswo.
"Deutschland" wir kommen" kleistern NPD-Leute an Betonpfeiler und Laternenpfähle. Und "Die Wahrheit", Organ der SEW, des West-Berliner Pendants zur SED, verzeichnet im Märkischen Viertel überdurchschnittlich hohe Abonnentenzahlen.
Am entschiedensten freilich haben sieh im Märkischen Viertel die jungen Linken engagiert. Mit einer Auflage von 3000 Exemplaren erscheint monatlich ihre "Märkische Viertel Zeitung" ("MVZ").
"Nun ist man auf den genialen Einfall gekommen", kommentierte die "MVZ" das Problem der Exmittierung" "man braucht doch nur die Kinderreichen in die Obdachlosenasyle abzuschieben, und alles regelt sich von selbst."
"MVZ"-Leserbrief in Nummer 7/70: "Wenn man nun noch für solche Familien Baracken in der Nähe von Müllkippen baut, würden erstens die "braven Bürger" nicht mehr belästigt, und aus dem Wohlstandsmüll dieser Bürger wäre noch so viel herauszuholen, daß solche Familien auch noch billig ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten Unterzeichnet: "Horst Lange, Arbeiter, sieben Kinder."
Tapetenkleber Lange, roter Stern an der Pelzmütze, ist auch dabei, als sich mehr als hundert MV-Bürger im Regen versammeln, um für die Familie Puhle einzutreten -- oder auch nicht.
"Man hat sich gefälligst an'n Riemen zu reißen", brüllt einer, "wenn man Kinder in die Welt setzt!" Aber die Frau eines Bauarbeiters sagt: "Scheiße. Wir sind jetzt auch ins Schleudern gekommen, weil wir nur noch 60 Prozent Schlechtwettergeld hatten. Und auf dem Sozialamt werden die Leute angemährt ..."
24 Stunden später treffen sich alle wieder, in einer Schule. Die Bürger des Viertels diskutieren ihre Probleme:
"Die Kinderreichen sollen abgeschoben werden, damit Ruhe einkehrt. Die da oben nennen das, sie wollen die Situation entzerren."
"Mein Kind darf nich übern Rasen loofen, aber der Hund vom Verwalter darf in 'n Buddelkasten kacken. Ick schlage vor: Wir schaffen uns alle junge Hunde an statt Kinder."
Einer sagt: "Wie soll ick meine Miete bezahlen, wenn ick nich mehr arbeiten kann, weil ick andauernd zu'n Behörden geschickt werde?"
Ein anderer sagt: "Wir wollten hier ja nich her -- wir wurden vom Wohnungsamt gezwungen."
Es geht immer noch um den Fall Puhle -- der Bürgerprotest blieb nicht erfolglos. Die linken Aktivisten, so das Ergebnis der Protestversammlung" haben die Verbringung der Familie Puhle ins Obdachlosenasyl verhindern können. Den Puhles wurde vom Bezirksamt eine Wohnung außerhalb des Viertels zugewiesen, zu einer tragbaren Miete (129 Mark).
Die Nachbarn im Märkischen Viertel waren nicht alle freundlich zu ihnen auch nicht in der Versammlung, bei der es um ihre Zukunft ging.
"Sollen Puhles Kinder in Brutstätten der Kriminalität, einem Obdachlosenasyl verkommen?" fragt eine Frau.
Ein Mann unterbricht sie: "Warum soll ick mir für Puhle einsetzen? Den seine fuffzehnjährige Tochter hat mir im Fahrstuhl um 'ne Zigarette anjewichst!"
Die Frau fährt fort: "Vielleicht dauert es fünf oder zehn Jahre -- aber das ist es wert, daß wir alle Geduld haben und an der Sozialisierung mitarbeiten und auch mal Lärm und so weiter ertragen, als daß die Kinder im Obdachlosenasyl kriminell werden ..."
Einer, schwankend, erhebt sich und sagt lallend: "Jeht doch zurück in eure Buden nach 'm Kreuzberg."
Da springt ein anderer auf und ruft: "Warum denn? Ick will 'ne Wohnung und keen Loch!"
Das war die Verheißung, mit der Bauherren und Planer im Märkischen Viertel Beton auf Beton getürmt haben. Für jene, die es schaffen, die wohnen bleiben, hat sie sich erfüllt. Und die Puhles?
Der Mann, Arbeiter mit Bürstenkopf und Brille, der sich an diesem Abend in der Dannenwald-Schule zum Anwalt der Bedrängten macht, weiß, was er von einem Wohlfahrtsstaat verlangen kann, der sich sozial nennt:
"Jeder Mensch hat heute Anspruch uff 'ne Wohnung mit Zentralheizung und Warmwasser."
Von Karl-Heinz Krüger

DER SPIEGEL 45/1970
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