17.01.1948

Der Mann mit dem Hühnerfutter

Der amerikanische Sprecher in Berlin, der den Frankfurter Wirtschaftsdirektor Dr. Semler nach seiner Erlanger Rede einen "verdammten Erzlügner" nannte, behauptete gleichzeitig, man sei amerikanischerseits nicht in der Lage, etwas zu Semlers Amtsenthebung zu tun. Dieser US-Sprecher ließ außer acht, daß die Frankfurter Direktoren binnen kurzem pro forma zurücktreten müssen, um dann vom neuen Vorsitzenden des neuen Exekutivrats neu ernannt zu werden. Daß diese Bestätigung auf angloamerikanische Wünsche abgestimmt wird, gilt als sicher. Daß Dr. Semler unter den bestätigten Direktoren ist nicht.
Johannes Semler selbst ist nun durchaus bereit, seinen Posten als Direktor der Frankfurter Wirtschaftsverwaltung einem vorsichtigeren und politisch klügeren Nachfolger zu überlassen. Korrekt wie immer entschuldigte sich der blonde Hüne nach der Frankfurter Konferenz bei General Clay wegen "einer in der Hitze herausgerutschten Bemerkung" ("Mr. Clay" wolle sich wohl auf Kosten der Bizone einen guten Abgang verschaffen). Im übrigen schwieg er. Einige seiner CDU-Parteifreunde finden, das hätte er schon früher tun sollen. "Ich bin nun einmal kein Politiker", antwortet Semler. Seine Stimmung ist galgenhumorig.
Mit einem Schlag ist der Wahlmünchener populär geworden. Das ist ihm gar nicht recht. "Ich finde es furchtbar, wenn man überall in den Zeitungen sein Bild sieht", sagt er.
"Ich sehe mich nun gezwungen, den Beweis dafür anzutreten, daß ich kein Lügner bin. Für mich wird das keine Panne werden", meint er, eine Zigarette anbietend. "Eine von den vierzehntausend oder so", die nach dem "Rhein-Echo" in seinem Amt verbraucht würden, scherzt er. "Der große Teppich hier stammt allerdings noch von meinem sozialdemokratischen Vorgänger Agartz, wie auch das ganze Mobilar." Ein leicht konventionelles Lächeln spielt um den Mundwinkel des CDU-Mannes.
"In einer öffentlichen Rede hätte ich das alles natürlich anders ausgedrückt", bekennt er. "Ich war in Erlangen der festen Meinung, nur vor Parteifreunden zu reden. Im übrigen muß man in Bayern schon drastisch sprechen, damit die Leute merken, daß man es ernst meint".
Beinahe wäre er am 4. Januar nicht einmal in den Erlanger Tagungssaal der CSU-Landesversamlung gekommen. Wie immer, fand der Wirtschaftsdirektor seine Einlaßkarte nicht wieder. Der Torhüter wollte den mit unauffälliger Eleganz gekleideten Mann wieder wegschicken.
So kam er mit reichlicher Verspätung und hörte nicht, daß Josef Müller die Vertreter der Presse begrüßte, die wegen der "historisch wichtigen Fragen vor Beginn der Frankfurter Konferenz" geladen worden waren.
"Zu meinem Pech wurde ich dann auch noch als erster aufgefordert, ein Referat zu halten", erzählt der Direktor. "Ich war nicht im geringsten vorbereitet und sprach frei von der Leber weg, was mich bewegte".
Der höfliche Hamburger aus München war unangenehm erkältet und seine Stimme kratzte. "Ich werde mich so gut verständlich machen, wie ich kann", entschuldigte er sich. Seine Worte kamen überraschend klar und deutlich.
Sie waren impulsiv und ohne Höflichkeit. Es war nicht die Rede eines Mannes, der sich Lorbeeren holen wollte. Aber sie stimmte nicht ganz.
Der Wirtschaftsdirektor erklärte von hoher Warte aus die gesamtdeutsche Wirtschaftslage, packte dann aber ganz unerwartet ein heißes Eisen an. Die amerikanische Militärregierung beabsichtige, sich durch ständige Hinweise auf die mangelhafte deutsche Ablieferung von der Verantwortung für die deutsche Ernährungs-Katastrophe auf Kosten des deutschen Normalverbrauchers zu entlasten. Drei Jahre nach dem Krieg steuere man nun überhaupt erst in den Hunger hinein.
"Jalta ist ein Viermächte-Abkommen gewesen", fuhr er fort, "und damals hat man gewußt, daß der deutsche Osten Lieferant der deutschen Ernährung gewesen ist."
Was sei zum Beispiel im kritischen Frühjahr 1947 von amerikanischer Seite getan worden? "Die Importe, die wir damals hätten bekommen können, durften wir nicht kaufen. Man hat den Mais geschickt und das Hühnerfutter. Geschenkt wird es nicht. Wir haben es zu zahlen in Dollar aus deutscher Arbeit und deutschen Exporten, und sollen uns noch dafür bedanken. Es wird Zeit, daß deutsche Politiker darauf verzichten, sich zu bedanken." Die CDU-Männer riefen laut "Bravo".*)
Der CSU-Doktor machte ihnen weiterhin Freude. "Wir dürfen keine Währungsreform machen, wenn wir nicht gleichzeitig die Möglichkeit haben, Rohstoff im Ausland aus unserem Dollarguthaben einzukaufen. So schlecht hätte es nicht werden müssen mit unserer Wirtschaft, wenn wir die Einfuhr und die Ausfuhr hätten selbst bestimmen können." Und eine Währungsreform dürfe vor allen Dingen nicht als Befehl der Alliierten dekretiert werden.
Der blonde Norddeutsche am Rednerpult bat um Verzeihung, wenn er etwas zu heftig geworden sein sollte. Wenn man jedoch dahin käme, daß die Ernährungseinfuhren über kurzfristige Kredite mit Verzinsung finanziert werden sollten, dann komme eines Tages der Moment, wo verantwortliche deutsche Politiker sagen müßten: Meine Herren Alliierten, nun führen Sie bitte freundlichst die Sache selber weiter. Es geht nicht. "In diesem Punkt müssen wir hart bleiben", rief der Doktor, und gedachte dann der großzügigen, privaten Hilfe aus Amerika, was die Reporter gar nicht erst notierten.
"Das klingt, als wollte ich hier eine chauvinistische Rede halten", erläuterte Semler. "Sie kennen mich, das liegt mir fern. Wir sind ein geschlossener Kreis von Parteifreunden. Ich soll Ihnen Rechenschaft geben. Und da muß auch einmal offen gesprochen werden. Wir haben an der Ruhr in Kohle und Eisen die Folgen zu tragen für die Experimente der englischen Labour-Regierung". Die Parteiführer waren begeistert über die männliche Offenheit ihres Referenten.
Ohne eine grundsätzliche Wendung der Ernährungslage seien überhaupt alle deutschen Vorarbeiten sinnlos. "Im März brauchen wir noch keine bessere Ernährung zu haben. Das kann kein Mensch schaffen. Aber was die Leute wissen möchten, ist, ob die politische Führung auf deutscher Seite es ernst meint mit
einer Wendung im Ernährungsproblem und es nicht mehr zuläßt, daß wir auf den Hungerrationen sitzen." In den nächsten Wochen müsse den Alliierten klar gesagt werden, wie groß die Gefahr sei. "Und wenn sie es nicht ändern, stellen wir uns, meine Herren, selbst an die Spitze der Streiks - nicht da draußen, aber wir selbst werden in Streik treten."
Der Mann, der in jungen Jahren den Beruf der Wirtschaftsprüfer in Deutschland mit erfand und der gern darauf hinweist, daß sein wirtschaftlicher Vorteil gewiß nicht in Frankfurt liege, gab ein praktisches Beispiel. "Als ich mein Amt antrat, haben wir die Tonne Kohle für 10 Dollar verkauft und 5 Dollar pro Tonne verschenkt. Seit September zahlen uns alle Abnehmer 15 Dollar. Das ist der ordentliche europäische Preis. Genau so werden wir es auch mit anderen Stellen halten. Wir werden den Engländern abgewöhnen müssen, drei Jahre nach Kriegsschluß weiterhin die deutsche Wirtschaft auszuplündern."
Mit einem vollgekritzelten Notizblock stürmten die Reporter davon. "Die Presseberichte sind völlig aus dem Zusammenhang gerissen und entstellen den Sinn", sagte Dr. Semler zu Clay und Robertson. Er will ihnen die Rede ungekürzt vorlegen. "Gott, ich wäre sowieso gern unten in meinem schönen München bei meiner Familie", meint er, "und wenn sie mich für sechs Monate einsperren, kann ich mir wenigstens endlich das Rauchen abgewöhnen."
Die ersten Früchte seiner neuen Popularität konnte er schon einheimsen. Seine Frau hatte über Weihnachten zu viel Gas verbraucht. Anfang der zweiten Januarwoche kam der Gasmann mit der Zange und wollte absperren. Frau Doktor versuchte, den Münchner umzustimmen. "Wieso Minister?" schnauzte der. "Mein Mann ist Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in Frankfurt." Der Biedere strahlte. "Was, der Mann mit dem Hühnerfutter?!" Semlers Gasanschluß wurde nicht gesperrt.
Es ist nicht der erste Angriff, dem er standhält. Von SPD-Zeitungen war eine Attacke gegen den Agartz-Nachfolger in die westdeutsche Presse lanciert worden. Er versuche, die Kontrolle über die großen amerikanischen Einfuhren seiner eigenen Warentreuhandgesellschaft zuzuschieben, wurde ihm vorgeworfen. Erwin Schöttle als SPD-Mann mußte in den sauren Apfel beißen und im Namen des Hauptausschusses alle Vorwürfe als unberechtigt zurückweisen. Semler hatte die Verhandlungen über die Amerika-Importe einem Untergebenen übertragen, "um Gerechtigkeit walten zu lassen."
Tatsache ist, daß Dr. Semler auch heute noch im Aufsichtsrat der Treuhand sitzt und fünf Prozent ihrer Aktien in seinem Stahlfach hat. Die Hauptaufgabe dieser Gesellschaft war Kreditsicherung und Ueberwachung der ausländischen Lieferungen während der Großanleihejahre nach dem letzten Weltkrieg.
Als man den jungen Juristen von einer Amerika-Reise zurückrief, um den großen Frankfurter Farag-Skandal zu klären, war er erst 30 Jahre alt. Er bereinigte den Fall, bei dem mehrere hundert Millionen auf dem Spiel standen. "Das war mein Unglück", seufzt der 49jährige. Er wurde ein Liquidationsspezialist von Format. Es geht in Frankfurt der Scherz, daß er wegen der Meriten auf diesem Feld in seinem heutigen Amt sitze.
Nach einem sowjetischen Abstecher und etlichen Reibereien mit den Nazis ging er für zwei Jahre nach Paris, wo er durch seinen Vater, der mit Belgiern und Franzosen am Kongo operiert hatte, gut eingeführt war. "In Paris bekam ich aber plötzlich die starke Wut", erzählt er und gesteht, daß die ihn öfter "zur unrichtigen Zeit" überfalle. "Ich fragte mich, warum ich eigentlich nicht in Deutschland wäre, ärgerte mich über die Emigranten und darüber, daß es in Paris kein Wasser wie an der Elbe gab, und reiste zurück." Ein Angebot, in Brasilien eine Fabrik zu übernehmen, schlug er aus. Dafür hatte er in Paris an der Neuordnung des französischen Aktienrechts mitgearbeitet - neben Rauchen seine große Schwäche.
Semler spricht mit leichtem Hamburger Akzent. München hat noch gar nicht abgefärbt, obwohl er dort schon seit 1939 wohnt. Er ist bekannt als Lebemann. Während des Dritten Reiches war er einige Zeit mit der Filmschauspielerin und Kabarettistin Ursula Herking verheiratet. Im Krieg war er Vermögensverwalter des Herzogs von Braunschweig. Nach dem Krieg wollte er sich an der "Gesellschaft zur Förderung Internationaler Beziehungen", einem Luxus-Kurort mit wenig Marken und hohen Preisen, finanziell beteiligen, zog sich dann jedoch zurück. Durch Joseph Müller wurde er in die Verfassungsgebende Landesversammlung Bayerns und ins Wirtschaftsdirektorat berufen. "Und nun werde ich wohl hoffentlich bald wieder in meinem lieben München sein."
Ueber Semlers Erlanger Rede geht in ernsthaften politischen Kreisen Münchens folgende Version: Semler habe seine Rede auf Wunsch Dr. Müllers gehalten, nachdem Müller dem russischen Polit-Obersten Tulpanow versprochen habe, er werde "eine Enthüllung des Schwindels der amerikanischen Hilfeleistungen und der englischen Katastrophenpolitik" durch eine prominente Persönlichkeit der Bizone veranlassen. Tulpanow soll dafür versprochen haben, in der Behandlung der Ostzonen-CDU gewisse Konzessionen zu machen.
Doch dies ist ein Gerücht.
*) Die "Neue Zeitung" klärt Dr. Semler darüber auf, daß für die Nahrungsmittel, die in die Bi-Zone geschickt wurden, bislang kein Cent bezahlt worden ist. Und der bayrische Gewerkschaftler Reuter (SPD) verlangt Semlers Absetzung. "Das amerikanische Volk soll wissen, daß die Deutschen Semler zur Rechenschaft ziehen werden." Nur Monarchen und Hitler hätten so gesprochen. Ein Drittel des Bi-Zonen-Getreides sei aus Amerika geliefert worden.

DER SPIEGEL 3/1948
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