17.01.1948

RUNDFUNKBlech an die Wand gedrückt

Der NWDR-Tanzmusik-Krieg ist aus. Der Hörer und die Violinen haben die Schlacht der Töne gewonnen. Das entfesselte Saxophon ist in Ketten gelegt.
Auf der Strecke blieben: Die Kapelle Otto Gerdes, Friedrich Meyer, der Arrangeur der Kapelle Kurt Wege, und Dorle Rath, die Refrainsängerin. Der "Stein des Anstoßes", Kurt Wege, hat sich auf einen zweimonatigen "Erholungsurlaub" begeben.
Nach Aussage des NWDR hat er einen Nervenzusammenbruch erlitten. Nach eigener Aussage schwebt ihm, der früher erster Soloklarinettist bei Peter Kreuder war, auch selbst komponiert, vor, eine eigene Kapelle mit kleiner Spezialbesetzung zu gründen und dem Vorbild Meister Kreuders zu folgen.
Der letzte Mittwoch-Tanzabend mit dem Radio-Tanzorchester jedenfalls war entwildert. Die Leitung hatte gleichsam symbolisch die erste Violine Alfred Hauses.
Dieser Tanzmusik-Krieg wurde mit spitzer Feder und viel Tinte geführt. Man schreckte vor Verbalinjurien keineswegs zurück. Zwei Jahre Straßenbahn-Praxis haben den Wortschatz ungemein erweitert.
Es begann mit dem leichten Geplänkel einiger Hörerzuschriften. Bei einer Umfrage des NDWR lehnte ein Viertel der Gefragten die Tanzmusik ab. Das war die Kriegserklärung. In der Rundfunkzeitschrift "Hör zu" kamen beide Parteien zu Wort. Es gab Waschkörbe voller Zuschriften.
Der Grund des NWDR-Krieges war der: Herr X. wollte keine "Negermusik", kein "Quaken und Jaulen, nerventötendes Plärren und widerliches Grunzen", er wollte keine "Negermusik", wenn er nach des Tages Lasten den Knopf seines Radiogerätes bediente, um den Mittwoch-Tanzabend zu hören. Er wollte auch nicht die "perversen" Gesänge von Damen, deren gesangliche Refrain-Note er mit der "verabscheuungswürdigen Grimasse eines ordinären Brunstgeschreies" verglich.
Die angegriffenen Meister des Jazz hauten auf die Pauke. Das Hörerpublikum habe ja keine Ahnung, was gehobene und künstlerische Tanz-Musik sei. Man bemühe sich, endlich den Anschluß an die Internationale des Jazz zu finden, und Herr X. wolle "Großmütterchen" und die "Rote Laterne".
Am meisten getroffen fühlten sich die Arrangeure. Man hatte ihnen vorgeworfen, daß sie mit ihren Bearbeitungen jede vernünftige Melodie in Grund und Boden ver-arrangierten. Was wären diese Komponisten schon ohne uns, sagten die Arrangeure. Wir machen ihre musikalischen Träume ja erst genießbar. Ganz zu schweigen von den musikalischen Einfällen der "Pfeifkomponisten", deren Genie nur dazu ausreicht, eine Melodie vorzupfeifen.
Friedrich Meyer, der Arrangeur Kurt Weges, schleuderte den Hörern seine Meinung ins Gesicht: Wer Melodien hören will, schalte den Kinderfunk ein. Wenn es euch nicht gefällt, wie wir spielen, dann stellt euer Radio ab!
"Herrn Meyers Vorgehen ist ohne Wissen und Einwilligung des NWDR erfolgt", erklärte Herr Spitz, der Leiter der Abteilung Tanzmusik. Herr Meyer ist nun seinerseits abgestellt, ebenso Otto Gerdes und Dorle Rath.
Herr Spitz hat jetzt selbst einige "Arrangements" getroffen. Er läßt die Streicher dominieren und drückt das Blech etwas an die Wand. Man soll jetzt wieder Melodien zu hören bekommen. Und im übrigen sollen deutsche Schlager bevorzugt werden.
"Wir wollen gefällige Tanzmusik spielen. Wir haben selbst eingesehen, daß es so nicht weiter ging", sagt man beim NWDR. Auch den Damen des Refrains ist ans Herz gelegt worden, einfach und unkompliziert zu singen.
Die Freunde der "heißen" Tanzmusik allerdings erklären: Was jetzt aus dem Mikrophon herauskommt, ist süße Bonbon-Musik!

DER SPIEGEL 3/1948
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Blech an die Wand gedrückt

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