10.01.1948

TheaterTheater am laufenden Band

Berlin hatte eine rasante Theaterzeit. Premieren fielen doppelt und drelfach auf dasselbe Datum. Nicht weniger als drei neue Häuser taten das, was man so feierlich "die Pforten auftun" nennt.
3,2 Millionen Berliner haben jetzt 4188 Theaterplätze mehr. Sie können nun in rund gerechnet 30 Theater gehen. Darunter sind allein drei Opernhäuser und sechs Operettenbühnen. Neu hinzugekommen ist die "Komische Oper" des Regisseurs Walter Felsensteins, mit russischer Lizenz. Sie ist ins Haus des alten Metropoltheaters in der Behrenstraße gezogen. Das Metropol-Theater selbst ist in der Schönhauser Allee geblieben und bot nach 400 "Nächten in Schanghai" eine neueinstudierte "Lustige Witwe" unter Theo Mackebens musikalischer Leitung.
Felsenstein hat sein Haus, das zu seiner alten weiß-goldenen Pracht wiedererstanden ist, mit der "Fledermaus" eröffnet. Er will in ihm aber nicht die Operette, sondern die leichte Oper von Mozart bis Prokoffief und Orff pflegen.
Unter dem strengen Stab Berthold Lehmanns geriet Strauß etwas akademisch, trotz der rastlos bewegten Drehbühne. Die ließ den Tenor sein Ständchen vor Eisensteins Haus im Straßenverkehr singen. Bei Schluß des ersten Aktes marschiert er zwischen zwei Polizisten hinaus und wird in eine leibhaftige "Grüne Minna" verladen.
Auf der Einladung zur Premiere stand: Gesellschaftskleidung. Man sah viel Uniformen mit breiten Schulterstücken. Auf der Bühne trug man die Mode des Jahres 1905. Fürst Orlowskys sektperlende Aufforderung zum Lebensgenuß konnte eine gespenstische Wirkung nicht verfehlen.
Auch auf dem Kurfürstendamm ging es sehr elegant her: Der junge Achim von Biel eröffnete sein zweites Kammerspielhaus, mit britischer Lizenz. Tout Berlin von Lil Dagover bis Fritz Kortner zeigte sich unter den Kristall-Lüstern und schlenderte über die üppigen Teppiche des Foyers.
Das "Theater am Kurfürstendamm" ist seit Reinhardts Tagen fast immer mit der "Komödie" nebenan in einer Hand vereinigt gewesen. Der Erfolg des einen Hauses hat es erlaubt, jetzt auch das zweite wiederherzustellen, das einen ähnlichen Spielplan haben wird: Gesellschaftskomödien, moderne Operetten ohne Chor und hin und wieder ein anspruchsvolleres Stück.
Was die Eröffnungsvorstellung, den "Sommernachtstraum", angeht, so zeigte sich, daß es doch wohl leichter ist, Zement, Farbe, Scheinwerfer und Baugenehmigung aus dem Boden zu stampfen, als ein Ensemble, das Shakespeare spielen kann. Ein süßlich-mondäner Ton, etwas von der Lustigkeit eines großstädtischen Nachtlokals, zog sich durch Elfen- wie durch Rüpelszenen.
Mit einer Operette von Friedrich Schröder begab sich die "Lichtburg" am Bahnhof Gesundbrunnen aus geruhsamem Kinodasein in ein gefahrvolles Theaterleben, mit französischer Lizenz. Die Operette heißt "Chanel No. 5" und hätte gut etwas mehr westliche Eleganz vertragen können.
Die Handlung um den Flakon mit dem modernen Parfüm (jeder Besucher bekam mit seinem Programm eine blasse Duftprobe geliefert) war nur ein dünnes rotes Fädchen, an dem recht massive Kalauer und Anzüglichkeiten baumelten. Das große Haus fordert revuemäßige Wirkungen und die Umgebung starken Tobak. Der Hauch des französischen Lizenzgebers war schnell verflogen.
Eine weitere Premiere: In den Kammerspielen Goethes "Stella" mit einer souveränen Käthe Dorsch als Cäcilie, ein wohlgelungenes Genre-Bildchen des aus Amerika zurückgekehrten Filmregisseurs Ludwig Berger. Er wählte diejenige der beiden Goetheschen Schlußfassungen, in der der Held des Schauspiels versucht, sich mit beiden Frauen einzurichten.
Dann: "Androklus und der Löwe", die raffinierte Satire Shaws auf die frühen Christen und ihre Verfolger, von Boleslaw Barlog in seinem Steglitzer Schloßpark-Theater als eine bunte Folge schwankhafter "gags" aufgefaßt. Den Erfolg des Abends holten sich mit naturalistischer Komik die Darsteller des Löwen und der schauspielernde Meisterringer Hanns Schwarz als der Schmied Ferrovius, der mit Muskelkraft Anhänger für die christliche Lehre wirbt.
In der winzigen "Tribüne" ließ Viktor de Kowa von dem jungen Regisseur Thomas Engel, dem Sohn Erichs, Noel Cowards Komödie "Weekend", die im London und Berlin der zwanziger Jahre volle Häuser machte, appetitlich aufwärmen. Die besondere Sensation war Fita Benkhoffs Rückkehr auf die Berliner Bühne, in einer kokett-mütterlichen Rolle.
Im Theatersaal des Hauses der Sowjet-Kultur lebte sich Ernst Legal, der Intendant der Staatsoper, als Schauspieler und Regisseur aus, in einem Singspiel aus dem russischen Biedermeier "Kabale und Bühne".
Der gemütliche Alte mit der mächtig vorgewirkten Stirn kann das Schauspielern nicht lassen. Er unterbricht seine Tätigkeit als Operndirektor gern durch Auftritte an Berliner Sprechbühnen.
Die Posse mit Musik, "Vaudeville" steht auf dem Zettel, von dem alten Schmierenschauspieler, der seiner Tochter durch rastlose Intrigen eine große Rolle am Stadttheater verschafft, ist reichlich 100 Jahre alt und hat ein altes französisches Vorbild. Inzwischen hat es manche Umarbeitungen und von der Hand des Berliner Regisseurs sicher auch einige Retuschen erfahren.
Die Couplet-Texte klingen allerdings, als hätte sie ein mittelmäßiges Uebersetzungsbüro erst vom Französischen ins Russische und dann vom Russischen ins Deutsche transponiert. Aber es reimte sich immer.
Die Musik dazu komponierte Joe Edwards, der bisher die Bunten Abende für amerikanische Besatzungsangehörige im Titania-Palast betreute. Der Sprung vom Swing zur russischen Idylle war offenbar nicht leicht.
Alles war bunt und lustig, etwas krampfhaft lustig. Neben Legals Komödianten, der sich wirklich austoben durfte, geriet Paul Henckels die Spitzweg-Figur eines malenden, komponierenden und dichtenden Grafen nur mittelmäßig. Im Schlußbild entschwebt er an einem Haken hinauf zum Schnürboden, und der reiche Verführer fällt in die Versenkung.

DER SPIEGEL 2/1948
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