03.01.1948

Hein, da gibt's was zu holen

Der D 269 Basel - Dortmund war wieder einmal gesteckt voll. Es stürmte und regnete zwei Tage vor dem Heiligen Abend, und doch standen die Leute, die von der amerikanischen in die britische Zone reisen wollten, sogar auf den Trittbrettern. Mit 34 Minuten Verspätung war der D von Lorch, dem letzten Haltepunkt vor der Zonengrenze, zur Nonstop-Fahrt durch den französisch besetzten Nordzipfel ausgelaufen. Im 60-Kilometer-Tempo passiert er den Bahnhof Neuwied.
Der Herr im Schlapphut, der in Wiesbaden sechs Koffer in den Gepäckwagen gestellt und dabei Frau und Kind verloren hat, klettert über Koffer und Knie durch den Gang des vierten Wagens nach vorn. Auf der hinteren Plattform des zweiten Wagens erzählt ein Mann die Geschichte vom tollen Bomberg, der immer in seinem bahnhofslosen Heimatörtchen die Notbremse zog, damit er aussteigen konnte. Als das der Eisenbahn eines Tages zu bunt wurde, baute sie an der bewußten Stelle einen Bahnhof und taufte ihn auf den Namen des Tollen.
Ein paar Meter weiter, vor dem zweitletzten Abteil des Wagens, steht eine Korbflasche mit Most. Der ist durch das Ruckeln der Achsen gegoren, und das ganze Ding fliegt in die Luft. Claire Meisenburg, die schöne schwarze Dolmetscherin, die immer die feierlichen Reden der hessischen Minister übersetzen muß, schreit, weil ihr der Mantel bespritzt wird. "Da kann Ihnen noch Schlimmeres passieren", sagt der junge Student ihr gegenüber.
Während noch die Schöne mit dem Jungen rechtet, was heute wohl Schlimmeres passieren kann, als daß jemand der Mantel verdirbt, tut es einen furchtbaren Schlag. Scheiben, Splitter, Säcke, Koffer und Körper fliegen durcheinander. Dreimal hat die Schöne Zeit zu denken: "Hoffentlich geht es schnell", dann hört sie nach dem Satanslärm nur noch Stöhnen und Schreien und weiß, sie lebt. Der Herr mit den sechs Koffern, seine Frau und sein Kind sind tot. Und über das Höllenchaos hinweg hört man den Ruf eines jugendlichen Tramps: "Hein, da gibt's was zu holen."
Vorn auf der Lok hatte Johann Reinert vom Eisenbahnbetriebsamt Köln gestanden. Achtzehn Schnellzug-Jahre hat der Achtundfünfzigjährige auf dem Buckel. Seine Kollegen sagen, er sei ein netter Kerl.
"Dies verdammte Signal vor der Wied-Brücke", hatte er geflucht, als der D-Zug aus dem Neuwieder Bahnkörper auf die freie Strecke hinausdampfte. "Man kann es so schlecht erkennen; eine weiße Tafel müßte dahinter sein." Das Vorsignal stand vorschriftsmäßig beleuchtet auf stop. Es steht immer auf stop und soll die Lokführer auf die kommende Wied-Brücke, eine Nachkriegs-Notkonstruktion mit eingleisiger Strecke, aufmerksam machen. 700 Meter dahinter stand das Hauptsignal, dem der Sturm die Lampe ausgeblasen hatte. Reinert hatte es gesucht, aber nicht gesehen. Trotzdem hatte er nicht gestoppt.
"Gott, wir sind ja schon auf der Brücke", sagte er zu seinem Heizer. Zweihundert Meter weiter krachte es dann. Gerade an der Stelle, wo sich in einer Gleisschlinge die Schienen wieder zu zwei Gleisen teilen.
Es hätte alles noch gut gehen können, denn der von Norden kommende D 48 Köln - München, der freie Fahrt hatte und mit mäßigem Tempo die Lok des D 269 in der Gleisschlinge streifte, hätte eigentlich schon viel weiter sein müssen, über das eingleisige Brückenstück hinweg auf dem jenseitigen Doppelgleis.
Aber da saß Berthold Feuchtinger aus München und überlegte, daß er vielleicht schon in 24 Stunden zu Haus sei und sich vor Weihnachten noch einmal tüchtig ausschlafen könne. Es war dunkel im Zug und ein furchtbarer Gestank. Berthold Feuchtinger stand auf, tastete nach der Entlüftungsklappe und erwischte die Notbremse. Mit Knirschen, Fauchen und Zischen stand der Zug. Feuchtinger rief den Bahnbeamten zu, er sei der Uebeltäter; aber ehe die 30 Mark Strafe kassiert würden, solle die Bahn einmal Licht in den Abteilen machen. Drei Minuten später fuhr der D 48 wieder. Gleich darauf hatte er sich mit einem fürchterlichen Krach in den D 269 hineingefressen, und Berthold Feuchtinger wühlte sich aus einem wilden Chaos durch ein zerbrochenes Fenster ins Freie.
Draußen schrien die Verletzten. Kinder weinten. Männer versuchten, ihre zwischen Wagentüren eingeklemmten Frauen zu befreien. Aus den heilgebliebenen Wagen quollen die Passagiere und bargen ihr Gepäck.
Es war 18.32 Uhr, als die beiden Züge bei Fahr-Irlich, unmittelbar vor Neuwied, schräg ineinanderrasselten. Die Maschinen rissen sich gegenseitig Vorderteile, Zylinder und zentimeterdicke Stahlteile herunter. Erst der zweite Wagen von Reinerts Zug wurde voll erfaßt. Der nachfolgende Wagen schob sich darunter und riß den Passagieren Wunden in Schenkel und Becken. Lok, Packwagen und ein Teil des Personenwagens dahinter stürzten den vier Meter hohen Damm hinunter auf die Reichsstraße 41.
Dieser Personenwagen war den Kriegsbeschädigten reserviert. "Ich merkte, wie der Zug langsamer wurde", erzählte ein Amputierter, "als ob der Wagen über Schwellen fuhr. Ich kriegte einen Drall nach links und die Augen voll Dreck. Nachher lag ich mit dem Kopf nach unten unter Gepäckstücken. Zwei Frauen traten mir auf dem Kopf herum, weil sie meinten, ich wollte nicht aufstehen. Aber ich konnte nicht." Ein Chirurg hat ihm inzwischen sein fast abgerissenes Ohr tadellos zurechtgeflickt.
Auf den Nebengleisen lagen halb verschüttet die Reisenden aus den beiden ersten Personenwagen von Reinerts Zug, 18 Männer und 13 Frauen tot. Ein Mann klebte an der Lok des D 48. Von den 120 Verletzten ist jeder Zehnte im Krankenhaus von Neuwied gestorben. Ueber den Südwestfunk wurden Blutspender herbeigerufen, sonst wären es noch mehr gewesen.
Ein junger Mann aus Essen, der mit seiner Braut zur Hochzeit seines Bruders wollte, fand das Mädel nicht wieder. Vier Tage später suchte es der Schwiegervater zwischen den unbekannten Toten heraus. Bei zwei weiblichen Leichen weiß man heute noch nicht, welchen Namen man in ihren Grabstein meißeln lassen soll.
Die Lok des D 48 hatte nach dem Aufprall Notheulsignale gegeben. Drei Minuten später waren die Eisenbahner der Umgebung durch die bahneigenen Leitungen verständigt. Fünf Minuten brauchten die ersten Ortseinwohner aus Fahr-Irlich. Nach weiteren fünf Minuten machte der Fahr-Irlicher Arzt Dr. Baum zusammen mit zwei unverletzten Kollegen aus den Zügen die erste von fünf Amputationen. Nach abermals zehn Minuten war er damit fertig. Frau Baum, auch Aerztin, brachte mit dem Fahrrad Verbandstoff und Medikamente. Ein Verbandstoffwerk in Fahr-Irlich sorgte für Nachschub. Drei Stunden nach dem Unfall waren alle Verletzten geborgen.
Die französische Militärregierung gewährte Scheinwerfer, aktive Hilfe, Sonderrationen und Medikamente. Der Landesregierung blieb nichts, als an der Unfallstelle einzutreffen, Kontingente freizugeben, den Hinterbliebenen ihr tiefempfundenes Bedauern und den Franzosen Dank für ritterliche Hilfe auszusprechen. Und der Bahn, die Strecke in 24 Stunden wieder freizumachen.

Lord Pakenham zählt
zu den meistbeschäftigten britischen Politikern, ist aber trotzdem ein liebevoller Familienvater. Jetzt feierte er die Taufe seines achten Kindes, des sieben Wochen alten Kevin John Toussaint. Sein parlamentarischer Sekretär Jack Jones stand Pate. Thomas (14 Jahre), Judith (7), Rachel (5), Catherine (21 Monate), Michael (4 Jahre), Antonia (15) und Patrick (10) freuen sich des jüngsten Brüderchens.

DER SPIEGEL 1/1948
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