24.01.1948

Money-Maker

Schon auf der Rolltreppe des U-Bahnhofes Old Gate begrüßen sich die Londoner Patentanwälte durch Hutrandtippen, wenn sie morgens gegen 9 Uhr auf Erkundung in das "Patent Office" gehen.
Der kurze Weg zum Gebäude der britischen Patentkammer führt durch ein schwer zerbombtes Stück London. Auch im Verwaltungsgebäude selbst müssen die Patentforscher über Balken und Zementberge klettern, um in die Abteilung zu kommen, in der deutsche Patente zur öffentlichen Einsicht ausliegen.
Jede Woche trifft für die "Deutsche Abteilung" neues Material des FIAT-Stabes aus Deutschland ein. FIAT (Field Intelligence Agency, Technical) hatte die Aufgabe, die britisch-amerikanische Zone nach neuen Entwicklungen und Verfahren zu durchstöbern und sie den alliierten Nationen als Wiedergutmachung zur Verfügung zu stellen.
Die Unterlagen in der Londoner Verwaltung sind nach Branchen geordnet. Für die Besucher sind die dicken Aktenstöße und Zeichnungen eine wahre Fundgrube. Besonders für die Techniker. So gibt es eine neuartige 100-Watt-Hochfrequenzbirne für den Rundfunk, die nur halb so groß ist wie ein Daumen. Einen Sehapparat mit infraroten Strahlen, durch die es nachts möglich ist, bis auf 200 Meter alles wie bei Tageslicht zu erkennen, ohne selbst gesehen zu werden.
Aus der I. G.-Farben liegen die Geheimformeln von über 500000 Farbmischungen vor. Darunter viele, die bisher niemand in der Welt kannte. Die Besucher finden überhaupt manches, wonach in ausländischen Laboratorien jahrelang gesucht wurde. Die deutsche Abteilung in London ist immer gut besucht. Die Akten setzen keinen Staub an.
In den Vereinigten Staaten reißen sich die Firmen um das wöchentliche "Bulletin über neugesichtete deutsche Erfindungen". Für ein paar Dollar kann jeder Abschriften der Dokumente erhalten. Im Monat werden rund 20000 Bestellungen eingereicht. Schon ein Tag Vorsprung vor der Konkurrenz bedeutet oft ein Vermögen. Die deutschen Patente sind in den Händen der Amerikaner gesuchte "money-maker".
Das größte Aufsehen erregte in den USA Veröffentlichungen über die deutschen Raketengeschosse. 138 Arten von Raketen erbeuteten die Alliierten bei Kriegsschluß. Nach amerikanischen Berichten waren in Deutschland Pläne für eine Langstreckenrakete entwickelt, die in 40 Minuten von Deutschland nach New York geschossen werden sollte.
Deutsche Erfindungen und Produktionsmethoden, die seit der Besetzung ausgeknobelt wurden, werden von ihren Urhebern wohlweislich geheimgehalten. Vorläufig können deutsche Erfindungen nur bei französischen und amerikanischen Patentämtern angemeldet werden.
Die Franzosen schießen sogar die nötigen Beträge dazu vor. Dafür reservieren sie sich allerdings gewisse Verfügungsberechtigungen nach Abschluß eines Friedensvertrages. Das USA-Patentamt verlangt für die Einschreibung eine Gebühr von 10 Dollar. Und eine 10-Dollar-Note ist unter deutschen Erfindern genau so rar wie eine gute Erfindung selbst.
Das Reichspatentamt Berlin wird seit Monaten "aufgeräumt und wieder eingerichtet". Es untersteht einer Vierer-Kommission. Ende April 1945 warteten 180000 Anträge auf ihre Erledigung. Sie warten immer noch.
Im Kontrollrat hatten sich die Alliierten geeinigt, das Reichspatentamt im Frühjahr 1948 wieder zu eröffnen und ein neues Patentgesetz auszuarbeiten. Aber das war vor der Londoner Konferenz. Jetzt ist es wieder still um die Patent-Einigkeit.
In der Bizone tagte die "Arbeitsgemeinschaft für gewerblichen Rechtsschutz und Urheberschaft", um das Problem wenigstens in der Doppelzone zu lösen. Die gewerblichen Rechtsschutzpatrone arbeiten an einem Entwurf für ein bizonales Patentamt mit dem Sitz in Köln. Es soll jedoch nur so lange existieren, bis das Berliner Hauptamt wieder eröffnet wird.
Die Amerikaner und Engländer stehen diesen bizonalen Plänen nicht unfreundlich gegenüber. Sie sind gespannt, was den Deutschen seit Kriegsende alles eingefallen ist. Aber ohne böse Nebenabsicht.

DER SPIEGEL 4/1948
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