21.02.1948

Nicht genug verdient

Es war gerade 1 Uhr, als am letzten Montag ein kleines vertrocknetes Männchen von zwei französischen Gendarmen durch eine Seitentür in den großen Festsaal des Rastatter Schlosses geleitet wurde. Vorher hatten baumlange Spahis in weißem Burnus Spalier gestanden, als General König die Freitreppe des französisch - italienischen Barockschlosses hinaufschritt. Im Festsaal sah man ihn im Gespräch mit dem amerikanischen General Taylor, der vom Kriegsgericht in Nürnberg als Gast nach Rastatt herübergekommen war.
Während vor rund 230 Jahren in diesem Schloß aller Glanz aufgeboten worden war, um unter den spanischen Erbfolgekrieg zwischen Oesterreich und Frankreich den Schluß-Strich zu ziehen (das war sozusagen die Einweihung des Schlosses, nachdem Louis XIV. wenige Jahre zuvor die Stadt in Trümmer gelegt hatte), ist es heute in Permanenz der Schauplatz schmuckloser Militärtribunale.
Der Montag, 16. Februar, hob sich aus der forensischen Alltagsroutine heraus: das vertrocknete Männchen war Hermann Röchling, der Eisengewaltige von der Saar, Eigentümer der "Eisen- und Stahlwerke AG" und des "Edelstahlwerkes Röchling AG" in Völklingen, der "Gebrüder Röchling-Werke" in Saarbrücken und Berlin, großer Eisen- und Kohlenhandelsfirmen, Aufsichtsratsvorsitzender fast aller deutschen Industrieorganisationen und vieler Banken und Konzerne, Kali-Aktionär, Wehrwirtschaftsführer und Chef der Reichsvereinigung Eisen unter Göring und Speer - früher einer der reichsten und mächtigsten Männer Europas.
Mager und elend, aber doch ruhig saß der 76jährige in der Angeklagtenbank und diskutierte mit Monsieur Leroy, der aus Paris zu seiner Verteidigung gekommen ist. Der überreichte seinem Mandanten als erstes einen Zeitungsausschnitt mit einer Erklärung General Eisenhowers. Darin wird wiedergegeben, wie Eisenhower die amerikanische Industrie aufforderte, sich auf Kriegsproduktion umzustellen.
Maitre Leroy ist gleichzeitig Chef der Gesamtverteidigung und landete seinen ersten Coup, als Monsieur Pihier, ein Richter vom Pariser Appellationshof in rotem Talar, die Sitzung noch kaum eröffnet hatte: die Zuständigkeit des Gerichts wird angezweifelt, weil zwei Beisitzer Angehörige von Nichtsignatarmächten sind (Belgien und Polen stellten sie). Außerdem gehöre Hermann Röchling vor ein saarländisches Gericht, nachdem die neue Saarverfassung in Kraft getreten sei. Das Gericht erklärt sich für zuständig und belehrt Maitre Leroy, das saarländisch-französische Abkommen sei am Quai d'Orsay noch nicht ratifiziert.
Neben Monsieur Leroy ist auch Marinerichter Kranzbühler, der Nürnberger Verteidiger von Dönitz und Alfried Krupp, nach Rastatt engagiert worden. Denn auch Hermanns Vetter Ernst Röchling und einige seiner Generaldirektoren müssen verteidigt werden. Generaldirektor Maier verpflichtete sich Rechtsanwalt Dr. Drischel, der vor Jahresfrist um ein Haar den Erzberger-Mörder Tillessen herausgepaukt hätte.
Hermann Röchling ist nicht das erstemal als Kriegsverbrecher angeklagt. Seit Dezember 1919 führt er einen zähen Kampf mit den Franzosen, die ihn damals in Abwesenheit durch ein Kriegsgericht in Amiens wegen Raubes und anderer Verbrechen zu zehn Jahren Zuchthaus und einer Geldstrafe von 10 Millionen Francs verurteilten. Er war später Hauptexponent der Saaranschlußbewegung.
Als er 1933 die deutschen Eltern aufforderte, ihre Kinder nicht in die neu eingerichteten französischen Schulen zu schicken, wurde er wegen Aufreizung der Bevölkerung verfolgt, zunächst aber freigesprochen und zuletzt zu einer kleinen Geldstrafe wegen formaler Beleidigung verurteilt. Er schenkte Hitler 30000 RM und gründete die Deutsche Front als Dachorganisation aller Parteien, die für den Saaranschluß waren.
In seinem Buch "Wir halten die Saar" schilderte er die Geschichte des Saarkampfes wie er sie sah. Seine Werke in Völklingen sind die einzigen, die während der interimistischen Saar-Autonomie 1919 - 35 von französischer Beteiligung frei blieben.
Im zweiten Weltkrieg, für den er wacker vorsorgte, war er dann nicht nur als Leiter der Reichsvereinigung Eisen Chef der gesamten deutschen Eisen- und Stahlrüstung, sondern auch Reichstreuhänder der gesamten lothringischen Industrie. In zahllosen Denkschriften hatte er seine Ansichten für den "A-Fall", den kriegerischen Ernstfall, entwickelt, dessen Kommen er als Selbstverständlichkeit voraussetzte.
Nachdem er lange im Zeugenflügel des Nürnberger Militärtribunals gesessen hatte, lieferten ihn die Amerikaner nach Rastatt aus. Die Franzosen beschuldigen ihn der Verantwortung für das Schicksal vieler tausender Zwangsarbeiter und des Raubes an französischen Wirtschaftsgütern. Als Pg. nach dem Anschluß soll er Wirtschaftsspionage getrieben, die elsässischen Autonomisten protegiert, an den Hermann-Göring-Werken (zur Ausbeutung "armer Erze") für Hitlers Rüstungs-Autarkie mitgewirkt und den Führer durch eine Denkschrift zum Einfall in die Balkanländer bestimmt haben. Schon nach dem Polenfeldzug hatte er auch polnische Hütten in Oberschlesien übernommen. In ganz Europa erspähte er jedes Objekt, an dem er seine Reichtümer vermehren konnte, und wenn seine persönliche Beute nicht hoch genug eingesetzt wurde, beschwerte er sich - nach der französischen Anklage - bei Göring.
Sein Vetter Ernst, der als einziger Röchling-Generaldirektor kein Pg. wurde, setzte bei der Vichy-Regierung durch, daß das Defizit der gleichgeschalteten französischen Schwerindustrie unter dem Reichsbeauftragten Hermann Röchling in Höhe von 180 Millionen Francs vom französischen Schatzamt ausgeglichen wurde.
Die ersten Rastatter Verhandlungstage blieben mit der Verlesung umfangreicher Anklageschriften ohne Sensation. Die Anklage gipfelt in der Feststellung, die Triebfeder Röchlings und seiner Direktoren sei nicht die Verirrung eines übersteigerten Patriotismus oder einer bedingungslosen Hitler-Hörigkeit gewesen, sondern der Wille zu wirtschaftlicher Herrschaft über den von Deutschland unterworfenen Kontinent.

DER SPIEGEL 8/1948
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