21.02.1948

Zwischen Mut und Ueber-Mut

Wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg machte ein junger Wiener, Robert Kronfeld, von sich reden, als er mit der österreichischen Meisterin im Turmspringen, Grete Alder, eine Kanutour auf dem reißenden Tajo unternahm.
1927 genügte das Wasser Kronfelds Kühnheit nicht mehr. In der Rhön holte sich der 25jährige das Segelflieger-Zertifikat. Jetzt stürzte er beim Einfliegen eines neuen schwanzlosen Versuchs-Segelflugzeuges in Surrey, England, in den Tod.
Schon in den Jahren 1928 bis 1932 erregten seine Distanz- und Höhenflüge Aufsehen. Er war der erste, der es wagte, die starken Aufwinde vor einer Gewitterwand für seine Flüge nutzbar zu machen. 1928 gewann er den Ullsteinpreis für den ersten Segelflieger, der eine 100-km-Strecke bewältigte.
Den Triumph, den er selbst am höchsten einschätzte, erflog Kronfeld am 20. Juli 1931. Für einen Segelflug über den Kanal in beiden Richtungen hatte die Londoner "Daily Mail" einen Preis ausgesetzt. Kronfeld gewann die 1000 Pfund.
1934 wich er rassischen Verfolgungen in Deutschland über Wien nach England aus. Er hatte sich geweigert, dem Segelflug eine militärische Note zu geben. In England nahm man den Pionier des Kontinents begeistert auf. Dort hatte der Segelflug bis dahin nur langsam Fortschritte gemacht. Kronfeld gab den von ihm konstruierten Segelflugzeugen und dem englischen Luftsport neuen Auftrieb.
1935 flog er eine Maschine, die nur mit einem 5-PS-Motorrad-Hilfsmotor ausgestattet war, von London nach Paris. Die ganze Reise kostete damals 5 Shilling.
1939 wurde er englischer Staatsbürger, bei Kriegsausbruch stellte er sich dem englischen Luftfahrtministerium zur Verfügung. Die Weiterentwicklung der Lastensegler brachte ihm das Airforce-Cross und die Ernennung zum Squadron Leader.
Mit vielen von ihm konstruierten und eingeflogenen Modellen hatte er manchen Unfall, kam aber immer ohne ernste Verletzungen davon. 1932 brach seine "Austria" während eines Fluges in Stücke. Der Pilot rettete sich damals mit dem Fallschirm.
Ueber Surrey stieg er nicht rechtzeitig aus. Ein Halifax-Bomber hatte Kronfeld mit einem Beobachter in einem schwanzlosen Segelflugzeug hochgeschleppt. In 5000 Meter Höhe klinkte er aus. Nach kurzem Gleitflug ging der Apparat in einen Sturzflug über und in rasendem Tempo erdwärts. Kronfeld fing ihn auf. Aber gleich darauf fiel er in einen zweiten Korkenzieher. Höhen- und Seitensteuer brachen weg. "Ich kann mit der Maschine nichts anfangen", hatte er seinem Beobachter McGowan durchs Telefon zugerufen.
Tiefer und tiefer fiel der steuerlose Apparat, Kronfeld konnte ihn nicht mehr fangen. Der Beobachter stieg 300 Meter über dem Boden mit dem Fallschirm aus. Der Pilot unterflog die Grenze zwischen Mut und Uebermut, ohne auszusteigen. Zu oft hatte der Erfolg seinen Todesfall gerechtfertigt. Er kannte keinen Zweifel an seinem Glück und seiner Geschicklichkeit.
Vier Minuten hatte der Sturz gedauert, da legte sich die Maschine auf den Rücken und fiel wie ein Stein zu Boden. Mit angeschnalltem Fallschirm fand man den toten Kronfeld in den Trümmern des Flugzeugs.

DER SPIEGEL 8/1948
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