28.02.1948

Der Vorhang fiel

Das Trauerspiel in Prag ist vorüber. Der Vorhang ist gefallen. Der eiserne. Die Welt sah ein meisterlich angelegtes Drama. Die tragischen Konflikte, die retardierenden Momente, alles war da, und das Publikum war ergriffen und erschüttert.
Es hatte damit begonnen, daß die zwölf antikommunistischen Minister des seit 19 Monaten bestehenden Sechs-Parteien-Kabinetts des Kommunisten Gottwald zurückgetreten waren. Sie hatten die Alarmglocken läuten hören, als Gottwalds kommunistischer Innenminister Vaclav Nosek die Schlüsselstellungen der tschechischen Polizei mit seinen Leuten besetzen ließ.
Das war der Beginn der Krise. Tags darauf sprach die sowjetische Presse von einer "westlichen Verschwörung". Hauptverschwörer war nach Meinung der Tass der amerikanische Botschafter in Prag, Lawrence Steinhardt, der nach längerem Krankheitsurlaub in den USA plötzlich auf seinen Posten zurückgekehrt war.
Steinhardt, bei den Russen durch seine Botschaftertätigkeit in Moskau in den Jahren 1939 bis 1941 wohl bekannt und nicht sonderlich beliebt, hatte vor seiner Abreise aus den Staaten angeblich erklärt, die auf Mai angesetzten tschechischen Parlamentswahlen würden "ohne kommunistische Gewalttätigkeiten" vor sich gehen. Die Prager Linkspresse definierte diese Worte als ein "deutliches Signal an die Reaktion".
Einen Tag, nachdem die amerikanische Douglas Skymaster mit dem USA-Botschafter auf dem Prager Flugplatz aufgesetzt hatte, landete an der gleichen Stelle ein von Moskau kommendes russisches Sonderflugzeug. Ihm entstieg Valerian A. Sorin, einer der stellvertretenden Außenminister der Sowjetunion. Es hieß, er wolle in Prag über russische Weizenlieferungen an die CSR verhandeln.
Im britischen Foreign Office wurde eine andere Lesart ausgegeben: Sorin soll bei der Bildung eines neuen tschechoslowakischen Kabinetts mit ausgesprochen kommunistischer Orientierung mitwirken, hieß es da. Sorin selbst, der bis zum Herbst 1947 sowjetischer Botschafter in Prag war und als Sachverständiger des sowjetischen Außenministeriums für tschechoslowakische Fragen gilt, schwieg sich lächelnd aus. Pressevertretern erklärte er: "Ich schätze mich glücklich, wieder in Prag zu sein". Und dann: "Ich freue mich vor allem, viele alte Freunde wiederzusehen".
Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. Sorins alte Freunde bewiesen, daß aus den Lehrlingen revolutionärer Taktiken wahre Meister geworden waren. Sie spielten virtuos auf der Klaviatur volksdemokratischer Klangeffekte. Fünf Tage lang entfesselten sie eine Symphonie mit pausenlosen Paukenschlägen.
Die vom kommunistischen Innenminister abhängige Polizei hatte dabei einen wichtigen Solopart inne. Haussuchungen und Verhaftungen am laufenden Band förderten "reaktionäre Staatsstreichpläne" der Oppositionsparteien zutage. Neben Geheimpolizisten, die erstmalig ein rotes Band im Knopfloch als Erkennungszeichen trugen, tauchten auch neugebildete Arbeitermilizen mit roten Armbinden auf, "um den souveränen Willen des Volkes zu sichern".
Den kommunistisch beeinflußten Gewerkschaften war bei dem Kesseltreiben eine wichtige Rolle zugefallen. Setzer und Drucker verhinderten das Erscheinen rechtsgerichteter Oppositionszeitungen. Mehrere Male wurde unmißverständlich mit dem Damoklesschwert des Generalstreiks gewinkt.
Ueberall übernahmen kommunistisch geführte Aktionsausschüsse die wirtschaftliche und politische Exekutive. Ueber die Dächer der schönen Stadt Prag drang der Lärm der von Gottwald mobilisierten tragischen Chöre kommunistischer Massendemonstrationen bis auf den Hradschin, wo Staatspräsident Dr. Eduard Benesch in ununterbrochenen Verhandlungen die Ueberreste der letzten osteuropäischen Demokratie zu retten suchte.
Täglich brachte die Post Tausende von Telegrammen und Briefen in das Büro des 64jährigen, kränkelnden Präsidenten. Tschechoslowaken aller Schichten bombardierten ihr Staatsoberhaupt, das für sie die letzte Säule der Hoffnung war, mit Wünschen und Forderungen zur Beilegung der Kabinettskrise.
18 Stunden am Tag saß Dr. Benesch an seinem Schreibtisch. Viermal in drei Tagen bemühte sich Gottwald auf die Burg, um eine Annahme der kommunistischen Forderungen zu erzwingen. Drei Tage lang weigerte sich Benesch.
"Das ist eine historische Geste", schrieb die "Washington Post". "Aber es wird wohl eine Geste bleiben." Die amerikanische Zeitung behielt recht. Am Mittwoch kapitulierte Benesch vor dem pausenlosen Trommelfeuer von links Nur eine Nuance hatten ihm die Kommunisten noch gelassen: das demokratische Dekorum blieb gewahrt.
"Die gleiche Rolle, wie sie Hindenburg gegenüber Hitler spielte, mußte Benesch jetzt gegenüber Gottwald spielen", kommentierte die "New York Herald Tribune". Sie fügte hinzu: "Trotz des unerhörten Drucks war der Augenblick gekommen, wo Kompromisse und Zugeständnisse nicht mehr recht und ehrenhaft waren".
Benesch erkannte die Demission der zwölf Minister und die neue Regierung Gottwalds an. Dieser hatte alle entscheidenden Posten mit Parteigenossen oder prokommunistischen Sozialdemokraten besetzt. In den Oppositionsparteien fand er vier Minister, die ihm halfen, den Anschein der nationalen Front aufrechtzuerhalten. Sie wurden postwendend aus ihren Parteien ausgeschlossen.
Von einem Lastwagen aus gab Ministerpräsident Gottwald auf dem Wenzelplatz 60000 Demonstranten seinen Sieg bekannt. "Es war nicht leicht für Präsident Benesch", sagte der kommunistische Premier vieldeutig, während der Schnee in dichten Flocken auf seine Pelzmütze rieselte. "Es dauerte einige Zeit, bis er die Angelegenheit verdaut hatte und sich im Sinne des Volkes entschied."
Gottwald hatte seine weitgesteckten Ziele erreicht, die Ziele, für die er ein Leben lang konsequent und kompromißlos gekämpft hatte. Der 51jährige mittelgroße Politiker, aus dessen energischem Gesicht scharf blickende Augen hervorstechen, wird von seinen Anhängern oft mit Stalin verglichen. Wie der sowjetische Staatschef hat auch er ein ruhiges, unbeirrtes Wesen. Seine Art zu reden ist bedächtig und klar.
Schon seit frühester Jugend war Klement Gottwald mit den Lebensverhältnissen und Nöten des Arbeiters vertraut. Er wuchs als Bauernsohn im Mährischen auf. Mit zwölf Jahren kam er bei einem Wiener Tischler in die Lehre, wo er hart arbeiten mußte.
Im ersten Weltkrieg wurde Gottwald in ein österreichisches Artillerieregiment eingezogen, von wo man ihn jedoch wegen "politischer Unzuverlässigkeit" zu einem Scheinwerferkommando in Wien und später an die Ostfront versetzte. Er benutzte die Gelegenheit, ins russische Lager zu desertieren.
Aus flüchtiger Bekanntschaft mit dem Leninismus erwuchsen in ihm Verständnis und überzeugungstiefer Glaube an die kommunistische Lehre. Nach der Rückkehr in seine tschechische Heimat wirkte Gottwald, der sich in eifrigem Selbststudium umfangreiche Kenntnisse erworben hatte, bei der Gründung der tschechoslowakischen KP mit. Er gab in Preßburg kommunistische Zeitungen heraus und arbeitete sich an die Spitze des roten Kaders empor.
Haftbefehle der deutschen Polizei trieben ihn 1938 in die Sowjetunion. Sieben Jahre arbeitete der vom kommunistischen Aktivismus besessene Tscheche an der Befreiung der Republik. Er sprach im Moskauer Rundfunk und übersetzte eine Anzahl russischer Bücher in die tschechische Sprache. Als die Stunde Prags geschlagen hatte, erschien er als stellvertretender Ministerpräsident im ersten Nachkriegskabinett. Nach den Maiwahlen 1946 wurde er Premier.
Der Teilrücktritt seines Kabinetts kam Gottwald nicht ungelegen. Seine Sprache gegen die "Reaktion" war schon immer scharf und unmißverständlich. Der Mann, der sich bei seinen Planungen mit den kleinsten Details zu befassen pflegt, gab auch in der jüngsten Krise das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand. Es kümmerte ihn nicht, daß die noch offen gebliebene Tür des eisernen Vorhangs, wie die Tschechoslowakei verschiedentlich genannt wurde, endgültig zufiel. Er selbst hat diese Tür nie benutzt. Sein Weg führte immer nur nach Moskau.

DER SPIEGEL 9/1948
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