28.02.1948

WISSENSCHAFTEs wird wärmer auf der Welt

Der Gouverneur von Kalifornien hat 28 Bezirke seines Staates für Notstandsgebiete erklärt. Das ist eine Folge der durchgreifenden Austrocknung bestimmter Gebiete Nordamerikas.
Die "Fourty-niners", die europäischen Auswanderer der Revolution von 1848, zogen einst trockenen Fußes durch den großen Steppensee jenseits der Rocky Mountains. Er lag ihnen im Wege, als sie auf ihrem Treck durch die Vereinigten Staaten den "goldenen Westen" suchten.
Lange hat man ihre Berichte von der Durchquerung des Sees für eine Mär gehalten, da man hier später immer nur eine weite Wasserfläche fand. Bis dann der See in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts wieder gänzlich austrocknete und am Fußboden die Wagenspuren der "Fourty-niners" zutage traten.
Minutiöse Messungen und Vergleiche der Jahresringe der viele Jahrhunderte alten Mammutbäume in Oregon und Kalifornien ergaben, daß die jetzige Trockenperiode dort die wahrscheinlich extremste der letzten 500 Jahre ist.
Nun haben die ganz ungewöhnlichen Witterungsverhältnisse des vergangenen Jahres in Mitteleuropa, wo auf einen strengen, dabei relativ schneearmen Winter ein abnorm langer, heußer, dürrer Sommer folgte, die Befürchtung wachgerufen, daß es auch mit dem Klima der Alten Welt nicht beim alten bliebe. Die Frage taucht auf: Greifen die Verhältnisse von jenseits des Ozeans auf unseren Kontinent über, ist eine "Amerikanisierung" unseres Klimas im Gange?
Die Wissenschaft sagt dazu: Fest steht, daß wir uns mitten in einer großen Klimaschwenkung befinden. Und daß diese in vielen Erdgegenden die größte ist, seitdem es metereologische Meßreihen gibt (Zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts bis Mitte vorigen Jahrunderts).
Forschungen haben ergeben, daß sich die atmosphärische Zirkulation gegenüber dem Ausgang des 19. Jahrunderts praktisch auf der ganzen Erde beträchtlich verstärkt hat. Damit ist auf dem größten Teil der Erde eine Erwärmung verbunden. Nicht nur eine Erhöhung der Lufttemperaturen, sondern auch eine Erhöhung der Wasseroberflächen-Temperatur in den Ozeanen.
Am auffälligsten ist die Erwärmung im nördlichen Polargebiet. So lag die Wintertemperatur auf Spitzbergen im Jahrzehnt 1930/39 um 7 Grad über dem bis 1926 festgestellten Mittelwert. Die Vereisung ging gleichzeitig derart zurück, daß in diesem Jahrzehnt die Schiffahrtsaison bei Spitzbergen durchschnittlich 174 Tage im Jahr dauerte, gegenüber 96 Tagen im Jahrzehnt 1910/19.
Die "Nordostpassage" (der Seeweg nördlich Sibirien) ist wie die "Nordwestpassage" um Kanada herum, früher fast undurchführbar, erheblich leichter geworden. Die nordwestliche Durchfahrt erzwang Amundsen als erster zu Anfang dieses Jahrhunderts in drei Jahren. Im Herbst vorigen Jahres wurde sie von dem Kanadier Larsen in weniger als drei Monaten bewältigt. Und Larsen fand nichts von dem undurchdringlichen Packeis, mit dem Amundsen und andere vor ihm zu kämpfen hatten.
Die polare Klimaverbesserung und das Auftreten wärmeren Wassers in den nördlichen Meeren verursachte bereits tiefgreifende Aenderungen in der pflanzlichen und tierischen Lebewelt. So tritt der Dorsch, der seit etwa 1850 aus den Gewässern westlich Grönland und später auch bei Spitzbergen völlig verschwunden war, seit etwa 1925 dort wieder in großen Mengen auf.
Die Gletscher in Grönland, Spitzbergen und Nowaja Semlja ebenso wie in den europäischen Gebirgen weichen seit längerem erheblich zurück. Das völlige Abschmelzen allen Gletschereises würde katastrophale Folgen haben: der Meeresspiegel würde sich um etwa 55 Meter heben.
Doch ist man hiervon noch weit entfernt: man glaubt, ein Ansteigen um fünf bis sechs Zentimeter in den letzten Jahrzehnten festgestellt zu haben.
In Mitteleuropa hat die Klimaschwenkung seit etwa 1920 ein anderes Gesicht bekommen. Gleichzeitig mit der Erwärmung hat sich die meteorologische Unruhe vergrößert. D. h. die Neigung zu extremer Witterungsgestaltung, z. B. zu sehr milden und sehr strengen Wintern, hat zugenommen. So waren in Frankfurt/Main der Dezember 1934, der Januar 1921 und der Februar 1926 die drei mildesten, der Januar 1940 und der Februar 1929 die beiden kältesten Wintermonate seit über 100 Jahren.
Wie das vorige Jahr im großen, so demonstrierte der Februar gerade jetzt wieder im kleinen, daß die Atmosphäre zur Zeit zu allem fähig ist: nach vielen Wochen der Milde eine für den Spätwinter außerordentliche Kältewelle. Selbst im Süden und Westen Frankreichs brachte sie Kälte bis 15 Grad und trug Frost und Schnee bis an die Küsten Spaniens.
Die Störche im Elsaß und die Stare in Holstein, die, um Wochen zu früh, schon vor Monatsmitte zurückgekehrt waren, sollen nach ornithologischen Berichten ziemlich dumm dreingeschaut haben.
Im ganzen bleibt, sieht man von diesen kürzeren Pendelungen ab, ein Wärmerwerden und Trockenwerden in Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten zu konstatieren. Die Sommerwärme nimmt zu, die Verdunstung wächst, der Grundwasserspiegel sinkt. Dazu die Häufung strenger Winter seit 1940 mit scharfen, austrocknenden Ostwinden.
Was die letzte Ursache dieser Klimaschwenkung ist, weiß die Wissenschaft noch nicht, es können mehrere sein. Auch kosmische Ursachen, die der Wissenschaft noch verschleiert sind, können im Spiel sein, Aenderungen der Sonnenstrahlung und ihrer Zusammensetzung z. B. Es scheint in diesem Zusammenhang doch mehr als ein Zufall, daß das extreme Witterungsjahr 1947 zugleich das größte Sonnenfleckenjahr seit mehr als 200 Jahren war.
Ueber die Dauer der jetzigen Zirkulations- und Klimaschwenkung, auch über ihr künftiges Außmaß kann die Wissenschaft nichts von einiger Sicherheit aussagen. Es sind Perioden von etwa 80 bzw. 110 Jahren festgestellt worden. Jedenfalls dürfte sich die "meteorologische Unruhe", die erst etwa drei Jahrzehnte andauert, auch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts noch fortsetzen.

Vergängliche Hüte, ewige Kunst
Die Mode von heute hatte den liebenswürdigen Einfall, sich eines liebenswürdigen Einfalls der Mode von gestern zu erinnern: Sie präsentierte in Paris den Canotier, den steifen, flachen Strohhut, der schon vor Jahrzehnten einmal en vogue war. Sinngemäß wurden die neuen Modelle vor alten Meistern photographiert. Oben (v. l. n. r.): Canotier mit aufgerolltem Rand vor Renoirs "Grenoullière", schwarzer Canotier mit chartreusefarbenem Band vor Sisleys "Kanal von Loing", ein (ausnahmsweise) Turban vor Toulouse-Lautrecs "Jane Avril". Unten: Canotier mit Kaktus aus Samt vor einem Renoir (l.) und ein anderer mit etwas Dessert vor Toulouse-Lautrecs "Le lit".

DER SPIEGEL 9/1948
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WISSENSCHAFT:
Es wird wärmer auf der Welt

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