06.03.1948

Soviel Treuherzigkeit

Morgen gehe ich zum Führer und zu meinen alten Kampfgefährten. Der Führer wird uns dann alle wie in den ersten Tagen unseres Kampfes an die Hand nehmen und wird uns seinen Weg führen, den Weg zum Sieg". So antwortete um den 28. April 1945 Gertrud Scholtz-Klink dem ausländischen Rundfunk, der sie in Leipzig aufgehängt wissen wollte.
Mit wackelndem Stahlhelm auf den traditionsgemäß zum Dutt geflochtenen Zöpfen war sie im Tarnanzug, mit angeschnallter Pistole, zwei Tage vorher bei der "Bunkerfamilie Zoologischer Garten" neben dem Berliner Funkhaus angekommen, wo in den letzten beiden Kriegsjahren das großdeutsche Rundfunkprogramm gesprochen wurde. An der Seite August Heißmeyers, ihres dritten Mannes, hatte sie eine "Kampfgruppe" von BDM-Mädchen, Napola-Schülern und einer handvoll Waffen-SS-Leute von Spandau durch die russischen Linien nach Witzleben geführt. Mit einer Kanne warmen Wassers zum Füßewaschen zog sich das Paar auf zwei Tage in das Zimmer des Rundfunkdirektors Voß zurück, der vor der Tür auf einer Bank kampierte.
Zum Führer kam Gertrud dann doch nicht mehr und nahm auch nicht an der Führer-Leichenfeier teil, die Funkhauskommandant Schwich am 1. Mai angesetzt hatte. Nachdem das Ehepaar auf dem Wege zum Führer am Savigny-Platz im russischen Feuer umgekehrt war, zog Heißmeyer einen Tarnanzug über die goldbetreßte Generalsuniform der Waffen-SS. Beim Ueberstreifen der Hose wurde ein graues Zivilbein sichtbar.
Auf Umwegen marschiert das Ehepaar Heißmeyer mit kleinem Gefolge nach Spandau, springt über die Todesbrücke, an der Tausende im Ari-Feuer liegen bleiben, verliert sich in den Wäldern von Berlin und wird in Potsdam zum letzten Mal gesehen: Sie klein und schmächtig im grünen Tarnanzug, unter Stahlhelm und Netz noch immer den Gretchenzopf. Er in grauem Zivil, bereits stärker bebartet. Daß sie der besseren Tarnung wegen den Zopf abschneiden müsse, wollte damals beim Funkhaus-Aufbruch Gertrud Scholtz-Klink noch nicht wahrhaben.
Der Bürgermeister von Leitzkau hilft später einem Flüchtlingspaar aus dem Oststrom mit Ersatz-Papieren. Der untersetzte, stoppelbärtige Mann heißt Heinrich Stuckebrock. Maria, seine Gattin, eine kleine, schmächtige Frau mit ziemlich scharfen Gesichtszügen, hat einen Knoten im Nacken.
Das Flüchtlingspaar Stuckebrock landet schließlich in Bebenhausen, einem 300-Seelen-Dörfchen, das sich bei Tübingen um ein ehemaliges Zisterzienser-Kloster und später königlich-württembergisches Jagdschloß gruppiert.
Dort wohnten die Flüchtlinge Stuckebrock im Haus Nr. 24, der alten Klostermühle, abseits des Dorfes in zwei dunklen Räumen, zusammen mit einem jungen Mädchen und einem niedlichen Jungen. Die beiden Zimmer hatte eine alte Hofdame der Königin zu Württemberg freigemacht und mit Schloßmöbeln ausgestattet, als Stuckebrocks durch ein Handschreiben der zigarrenrauchenden Fürstin zu Wied, einer Tochter des alten württembergischen Königs, empfohlen wurden. Zwar war die alte Fürstin goldene Parteigenossin (aus dem Internierungslager wurde sie jüngst entlassen) und ein hohes Tier im Roten Kreuz gewesen, aber schließlich war sie ja die Tochter der Königin.
Der stoppelbärtige Flüchtling Stuckebrock verwindet es leicht, daß er in Ostpreußen nicht mehr Fahrlehrer sein kann und arbeitet hilfsbereit und frohgemut im Walde. Abends hilft er Frau Maria, mit der er in glücklicher Eintracht lebt, Lampenschirme kleben. Das bringt nicht viel ein, aber vor Weihnachten gingen die Geschäfte mit strohgeflochtenen gelben Davidsternchen ganz gut.
Heinrich Stuckebrock und seine Frau lassen sich auch entnazifizieren. In der Partei waren sie nicht, aber daß sie 1932 die NSDAP gewählt haben, geben sie zu. Vor soviel Treuherzigkeit kapituliert der Bebenhauser Säuberungskommissar.
Am 29. Februar, kurz nach Mitternacht, ist großer Lärm im kleinen Bebenhausen. Autos halten, fremde Stimmen werden laut, und die Bebenhauser Bauern holen den Knüppel aus der Ecke, um sich gegen einen Ueberfall polnischer Räuber zu wehren. Dann sind es aber doch keine Polen, sondern Amerikaner und Franzosen. Die verhaften den ehemaligen SS-Obergruppenführer August Heißmeyer und seine Frau Gertrud Scholtz-Klink, geb. Treusch, die sich seit zweieinhalb Jahren unter dem Namen Stuckebrock in Bebenhausen versteckt gehalten haben.*)
Von Goldpaspolen, Gretchenfrisur und Herrenmenschentum war nicht viel übriggeblieben, aber mit dem Namen Stuckebrock legte der räuberbärtige Heißmeyer auch den verschämten Neubürger wieder ab. Er brach in ein posthumes Bekenntnis zu Adolf Hitler aus und ließ die umherstehenden Deutschen unverhohlen spüren, daß er sie als Verräter verachtet. Noch gesprächiger war Frau Gertrud, die noch einmal die Geschichte vom Verrat um den Führer auftischte. Sie ist stolz darauf, für ihren Führer die Pistole getragen und einen Schuß ins Gesäß empfangen zu haben ("Landser haben mich unterwegs
verbunden"). Aber gerade so stolz ist sie darauf, daß sie den Einsatz von Frauen-Bataillonen in der letzten Kriegsphase verhindert hat. "Ich habe keinen Schuß abgegeben," sagt er, "und ich glaube Du auch nicht?" Die obligate SS-Giftampulle trägt er in der Westentasche.
Von den zehn Kindern, denen Heißmeyers nach einem Bekenntnis in der "VB"-Vermählungsanzeige 1940 eine gemeinsame Heimat geben wollten, hatten sie keines mehr bei sich. Vier Kinder Scholtz aus Gertruds allererster und sechs aus des Generals geschiedener Ehe sind bei Tanten oder bei der Oma. Hartmut, das einzige gemeinsame Kind, wird bald von einer Tante aus Düsseldorf bei den Bebenhauser Nachbarn abgeholt werden, und es wird seine Eltern wohl nicht wiedersehen, ehe es 13 ist. Einstweilen buddelt Hartmut im Hof der Klostermühle herum und erzählt, wenn man ihn fragt, daß er Hartmut Stuckebrock heißt und drei Jahre alt ist.
Als Heißmeyer 1940 heiratete, war er Inspekteur der national-politischen Lehranstalten, der Nachwuchsschulen der Hitler-Partei. Der heute 50jährige Bauernjunge aus Gellersen bei Hameln, war nach juristischen Studien und drei Jahren als Arbeiter, Techniker und Angestellter 1925 in Hitlers Partei eingetreten. 1931 hatte er einen Fahrlehrer-Job in Göttingen aufgegeben, um sich ganz der Partei zu widmen. Die Tatsache, daß man ihn später zu nichts anderem gebrauchen konnte, qualifizierte ihn zum Bildungsinspekteur des Nachwuchses.
Als der Oberst Stauffenberg versucht hatte, Hitler umzubringen, wurde in Berlin das Amt Heißmeyer gegründet, das in alle Verzweigungen der Konspiration eindringen sollte. Noch ehe August Heißmeyer damit fertig war, mußte er Stellungswechsel zum Rundfunkbunker machen.
Frau Gertrud ist fünf Jahre jünger als der SS-Gatte. Die Badenserin Gertrud Treusch heiratete den Rechtsanwalt Klink und lebte mit ihm und vier Kindern in Berlin-Zehlendorf.
Als Klink starb, heiratete Sie 1936 den Badenser RAD-Arzt Dr. Scholtz und zog mit ihm in ein bescheidenes Siedlungshaus an der Thiel-Allee in Dahlem. Das gemeinsame Kind starb, und schon 1937 ließ sich Dr. Scholtz wieder scheiden. Es paßte ihm nicht, daß Gertrud, die 27er Parteigenossin, als Führerin der NS-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks, als Leiterin des Frauenamtes der DAF und des Frauen-Arbeitsdienstes, als Führerin des Reichs-Frauenbundes vom Deutschen Roten Kreuz und der Reichsfachschaft Deutscher Schwestern, als Mitglied des Sachverständigen-Beirats für Bevölkerungs- und Rassenpolitik, des Ehren-Führerrings des Reichsbundes Deutscher Familien und der Akademie für Deutsches Recht mehr unterwegs war als zu Hause.
Auch nach der Scheidung blieb Gertrud als Mensch und als Nationalsozialistin dem Parteigenossen Dr. Scholtz verbunden. Als Frau aber wandte sie sich dem Reichsleiter Hilgenfeld von der NSV zu. Das Dahlemer Haus versorgte die alte Frau Treusch, eine höfliche und bescheidene Dame, während Gertrud in einem Drei-Zimmer - Appartement der gemeinsamen Residenz von Frauenschaft und NSV am Berliner Maybach-Ufer der 2000köpfigen Belegschaft des NSV-Hauptamtes etwas vorlebenswandelte.
Höchstens zwei bis drei Stunden täglich leitete sie die Geschicke ihrer Zehn-biszwölf-Millionen-Gefolgschaft. Zuweilen hatte sie Besprechungen en deux mit höheren SS-Führern, die es notwendig erscheinen ließen, daß eine Sekretärin die Tür von außen bewachte.
Dann wieder aalte sie sich im sonnigen Garten, während Parteigenosse Hilgenfeld ihr aus Büchern vorlas. Sie besuchten auch wohl zusammen RAD-Lager und andere gemeinsam betreute Institutionen und hätten geheiratet, wenn nicht der Führer mit einem Machtspruch dazwischen gefunkt hätte. 1940 heirateten beide mit einem Tag Unterschied einen anderen Partner. Die gemeinsame Residenz am Maybach-Ufer blieb ihnen.
Ueberall, wo Frau Gertrud wohnte, gab es Hitler-Bilder die Fülle. Wenn sie von ihm sprach, legte sich ein hysterisches Flackern über ihre sonst kalt musternden Augen. Jeder Parteigenossin, die zu ihr kam, wurde vorher durch das Personal eingeschärft: "Wenn Sie etwas bei der Scholtz-Klink erreichen wollen, sprechen Sie immer nur vom Führer, dann bekommen Sie alles."
Bei diesen Pgn-Besuchen tarnte Gertrud ihre wachsende Aroganz und ihre Parvenu-Noblesse mit aufdringlicher Leutseligkeit. Im Grunde ihrer Seele aber war sie einfach gewesen, ehe ihre Schlichtheit betont wurde. Mit den Nachbarn hatte sie wenig Kontakt und erwiderte die Größe nicht. Diese Nachbarn beobachteten gern die gewichtigen Parteigenossen, die ihre Anliegen bei der Reichsfrauenführerin selbst in ihre Privatgemächer trugen.
Nach der Heißmeyer-Ehe entzog sie sich den Dahlemer Nachbarn nach Steglitz und widmete sich ihren Privatleidenschaften: den Trachten und ihrer Feindschaft mit Magda Goebbels.
Zur traditionellen Gretchen-Krone trug sie in der Oeffentlichkeit seit jeher mit Vorliebe Trachtenkleider*). Sie besaß auch einen riesigen Glasschrank mit Trachtenpuppen, die die Gauführerinnen der Reichsführerin wieder und wieder als Popularitätsbeweis der Parteigenossinnen schicken mußten.
Alte Feindseligkeiten mit Frau Goebbels wurden mit der Zeit so weit getrieben, daß sie nicht einmal mit Magda in einen Bunker gehen wollte, und wer weiß, was noch geworden wäre, wenn Gertrud nicht auf dem Wege zum Führerbunker, in dem auch Magda saß, am Savigny-Platz hätte umkehren müssen.
*) Heißmeyer hatte nach der Flucht aus Berlin den Mädchennamen seiner Mutter angenommen.
*) Bei der Schlacht um Berlin legte allerdings ein Volltreffer im Keller des Hauses am Maybach-Ufer ein Sondermagazin mit einer Sammlung wertvoller Pelze und delikatester Pariser Unterwäsche frei, die mit der NSV nicht in Zusammenhang gebracht wurden.

DER SPIEGEL 10/1948
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