06.03.1948

Brandgeruch

Der erste Satz der Prager Paukenschlag-Symphonie war noch nicht verklungen, als im Kreml schon ein neues Gleichschaltungs-Lied angestimmt wurde. Diesmal stand Finnland auf dem Programm. Nur die Tempi waren verschieden: Prags Furioso wurde in Helsinki zu einem der nordischen Kühle mehr angemessenen Moderato variiert. Aber der Schlußakkord wird der gleiche sein wie in Prag: endgültige Eingliederung in die Sowjetsphäre. Der Ausbau des russischen Vorfeldes geht dem Ende zu. "Der Angriff auf die westeuropäischen Bastionen der Demokratie wird nun nicht mehr lange auf sich warten lassen", prophezeite der Pariser "Monde".
Die Finnen waren von der Entwicklung nicht überrascht. Als im Dezember 1947 in den Gemeindewahlen ein deutlicher Rechtsruck spürbar geworden war, war es einsichtigen Leuten in Helsinki klar, daß ihr Schutzpatron im Osten bald von sich hören lassen würde Sie täuschten sich nicht. Sowjetrußlands Ministerpräsident Josef Stalin schrieb jetzt dem finnischen Präsidenten Juho Kusti Paasikivi einen Brief, in dem er den Vorschlag eines sowjetisch-finnischen Paktes für "Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand" machte. Gegen einen künftigen deutschen Angriff.
Es war ein sehr höflicher, ein sehr freundlicher Brief. Aber Stalins Hinweis, daß Finnland als einziger von Sowjetrußlands Nachbarn noch keinen Freundschaftspakt mit dem Kreml geschlossen habe, ließ die Finnen sofort die Dissonanz in den sonst so harmonischen Brieftönen heraushören. Zwar fuhren fast alle finnischen Politiker zu ihrem üblichen Wochenendurlaub aufs Land, und in Helsinki schien es, als ob die dort gerade stattfindenden Eisschnellauf-Weltmeisterschaften mehr Interesse fänden als die neueste politische Entwicklung, aber die geradezu unnatürliche Ruhe erschien ausländischen Beobachtern mehr als der Ausfluß einer lähmenden Beklemmung. Und die Londoner "Daily Mail" resignierte: "Nun kann auch Finnland abgeschrieben werden".
Unruhig ging es im Hause des 77jährigen Staatspräsidenten zu. Rußlands Generals-Gesandter Sawonenkow, die Führer der finnischen Parteien und Parlamentarier aller politischen Schattierungen erschienen nacheinander bei Paasikivi. Nur mit parlamentarischer Rückendeckung will der frühere Volkswirtschaftler, Ex-Bankier und Philosoph in die Verhandlungen mit dem östlichen Nachbarn eintreten.
Ganz Finnland blickt heute mit banger Hoffnung auf seinen besonnenen Staatschef der, mit beiden Beinen seiner klotzigen Gestalt auf dem Boden der Wirklichkeit stehend, einmal gesagt hat: "Als Realist gibt es für mich nur eine Politik - die des Möglichen und Erreichbaren". Schon vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten, als der er vor zwei Jahren die Nachfolge Mannerheims antrat, hat er deshalb die Notwendigkeit betont, "das Antlitz des finnischen Volkes nach Osten zu wenden".
Der grobschlächtige Kaufmannssohn aus Tampere ist erst im reifen Mannesalter in die Politik gekommen. Zwar hat er vor seiner ersten großen diplomatischen Mission längere Zeit dem Reichstag angehört und im Finanzwesen Helsinkis eine bedeutende Rolle gespielt, aber er trat dabei kaum über den Rahmen seines wirtschaftlichen Arbeitsfeldes hinaus. Erst seit er unter Svinhufvud 1917 durch Errichtung der weißen Gegenregierung Finnlands Selbständigkeit begründen half, ist sein Name in kritischen Augenblicken immer wieder hervorgetreten.
In seinem Beruf als Bankfachmann hatte sich Paasikivi eine hervorragende Kenntnis der russischen Sprache angeeignet. Diese in Finnland keineswegs häufige Fähigkeit rückte ihn 1920 bei den finnischsowjetischen Friedensverhandlungen in Dorpat in den Vordergrund. Vor und nach dem Winterkrieg 1939-40 war er als Unterhändler in Moskau, wo er anschließend sein Land ein Jahr als Gesandter vertrat. Bei den verschiedenen Fühlungnahmen, die der finnischen Kapitulation 1944 vorausgingen, fuhr Paasikivi mehrere Male zu Besprechungen mit russischen Beauftragten nach Stockholm.
Es heißt, daß er auch von früher her persönliche Beziehungen zu Stalin habe. Als Lenin und Stalin bei Kerenskis Verhaftung 1917 nach Finnland flohen, habe Stalin bei Paasikivi Unterschlupf gefunden. Daher soll es auch rühren, daß Stalin den von Haus und Partei aus fortschrittlich konservativen und keineswegs russophilen Finnen noch heute mit seinem persönlichen Wohlwollen beehrt.
So kommt es, daß auch Finnlands Kommunisten nichts gegen den Staatschef einzuwenden haben. Für alle Fälle beugen sie aber trotzdem schon in volksdemokratischem Sinne vor. Sie starteten die ersten Arbeiter-Massenversammlungen, in denen, wie in solchen Fällen üblich, spontan eine Bindung an Sowjetrußland gefordert wurde. "Stalin hat dem ehemaligen Feindstaat verziehen und wünscht ehrliche Freundschaft mit Finnland", erläuterte Finnlands kommunistischer Innenminister Yrjö Kaarle Leino dabei den Stalin-Brief.
Der 51jährige einstige Landwirtschaftsinspektor ist als Innenminister gleichzeitig Chef der finnischen Staatspolizei, die im Volksmund bezeichnenderweise "Leinostapo" genannt wird. Leinos Macht beruht zum großen Teil auf dem "Schutzgesetz", das ihm erlaubt, "unerwünschte Personen" ohne zeitraubende Formalitäten zu verhaften und Telegramm- und Telefondienst zu kontrollieren.
In Leinos Biographie fehlen die üblichen Daten eines Mitglieds der kommunistischen Untergrundbewegung. Man weiß überhaupt wenig von diesem schweigsamen Mann, dem weder eine glänzende Dialektik noch die Gabe der Begeisterung zu eigen ist. Als kühler Organisator zieht er es vor, seine Arbeiten unbeobachtet vorzubereiten und auszuführen. Die kommunistische Parteizeitung "Vapaa Sana" hatte deshalb sicher recht, als sie vom Genossen Leino schrieb, er sei etwas ganz anderes als das, was sich bürgerliche Kreise normalerweise unter einem Kommunisten vorstellen.
Was Yrjö Leino an publizistischen und oratorischen Fähigkeiten abgeht, macht seine Frau Hertta, geborene Kuusinen, in hohem Maße wett. Hertta, eine temperamentvolle Rednerin, führt die kommunistische "Demokratische Volkspartei" Finnlands und gilt als Hauptagentin der Sowjetunion im Hohen Norden. Als Tochter Otto Kuusinens, des ehemaligen Chefs der finnischen roten Regierung von 1918 und späteren Komintern-Mitglieds, hat sie eine gute kommunistische Schule genossen.
Im Januar dieses Jahres besuchte Hertta Kuusinen-Leino den von ihr glühend verehrten Stalin in Moskau und machte dann eine Rundreise nach Stockholm, Göteborg und Oslo. Die Frucht dieser Reise war ein skandinavisches Zweigbüro der Kominform, dessen Leitung die fanatische Kommunistin selbst übernahm. Skandinavische Zeitungen bezeichnen sie seitdem gern als die Anna Pauker des Hohen Nordens.
Bei der Februar-Konferenz der nordischen Außenminister in Oslo tauchte Hertta ebenfalls auf. Nicht wegen der Außenminister, wie sie eilfertig versicherte, sondern um Parteifreunde zu besuchen. Da sie geradewegs von Moskau kam, glaubte man ihr nicht so recht. "Es geht so ein Brandgeruch von ihr aus", schrieb die Stockholmer Zeitung "Dagens Nyheter".
Der Brandgeruch hat sich verstärkt. Nicht nur Finnland, auch Dänemark, Norwegen und Schweden schnuppern besorgt in den Ostwind. Aber während sich die Mehrzahl der skandinavischen Blätter noch dem Bemühen hingibt, Rußland nicht zu sehr zu mißfallen, stößt die "Göteborger Schiffahrts- und Handelszeitung" bereits den verzweifelten Angstschrei aus: "Nur ein Krieg der Westmächte gegen Rußland kann uns noch retten".

DER SPIEGEL 10/1948
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