03.04.1948

TANZKein Ballett aus Paris

Oesterliche Sonne schien auf die eleganten Menschengruppen vor dem neuhergerichteten Theater am Berliner Kurfürstendamm. Uniformen in allen Kakhitönungen, die neuesten Frühjahrshüte, mancher Rock auf Waden-Halbmast. Gesprächsfetzen in allen Weltsprachen flirrten durcheinander. Ein großer Nachmittag für "tout Berlin": das Pariser Ballet des Arts" gastierte.
Als drinnen vor den 700 kirschroten Sesselchen des Theaters sich der gesteppte Seidenvorhang teilte, fiel das gelbe Licht des Scheinwerferkegels auf ein starres, holzschnitthaftes Altmännergesicht. Es gehörte Jean Weidt, dem Leiter dieser sonst sehr jugendlichen Truppe, die sich in Kopenhagen 1947 drei höchste Auszeichnungen geholt hat.
Jean Weidt, der aus Hamburg stammt, ist eine ruhelose internationale Erscheinung geworden, leidenschaftlich bemüht, sich mit den nach seiner Auffassung in Routine erstarrten Formen des klassischen Balletts auseinanderzusetzen. Ein schwerer, beinahe aussichtsloser Kampf, denn auf der ganzen Welt ist das Pendel in den letzten 15 Jahren mit aller Entschiedenheit zurückgeschwungen. In Paris, London und New York erlebt man eine ungeahnte Blüte des Balletts im engeren Sinne. Auch die Berliner Staatsoper genießt durch Tatjana Gsovskys Kunst einen zauberischen Abglanz davon.
Mit unbeweglicher Miene saß die große Berliner Ballettmeisterin auf ihrem Sessel in der achten Reihe. Bei der ersten Wiederholung inszenierten ihre enthusiastischen Schüler so etwas wie eine Protestdemonstration gegen die formlos schwerfälligen Symboltänze der Franzosen.
Eine seltsame Umkehrung der Fronten: Vor 20 Jahren wäre das auf der Bühne gezeigte typisch deutsch und die Tanzbühne der Berliner Staatsoper vielleicht typisch französisch gewesen.
An Stelle von Spitzentanz, Pirouetten und Battements lieferten die jungen Franzosen und Französinnen schwerblütige Bedeutung. In der "Ode nach dem Sturm" zeigen sie symbolhaft, wie die Wiederaufbaubestrebungen des einzelnen, seien sie auch noch so schwungvoll angesetzt, von grauen Alltagssorgen erstickt werden. Nur die geballte Kraft des Kollektivs mit grimmiger Miene und geschwelltem Bizeps schafft es. Da klingt durch Chopins Begleitmusik hindurch ein Motiv an, das den ursprünglichen Namen der kleinen Spielgemeinschaft in Erinnerung bringt: "Rote Tänzer".
Eine andere allegorienreiche Suite schildert das Verbrechen eines Kleinbürgers als geträumte Rückblendung in der Gefängniszelle. Jean Weidt, mit einem dünnen Kinnbärtchen in einem bräunlichen Beamtenfrack, rückt vor seiner hartherzigen Familie aus, gerät in ein zweifelhaftes Lokal und erwürgt eine Tänzerin, in die er sich verliebt hat.
Unterdessen ruht sein träumendes Ebenbild auf der harten Zellenpritsche im Hintergrund. Als die Wärter ihn im Morgengrauen holen, ist er tot.
In der Pause raunten sich die Berliner zu: Das haben wir schon gehabt. Trotz der leichten Enttäuschung blieb die mondäne Beschwingtheit der Veranstaltung der "Division Education Publique et Affaires Culturelles" gewahrt.

DER SPIEGEL 14/1948
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